CDU

Frank Henkel und der Weg zur Macht

Der CDU-Spitzenkandidat macht seine Sache besser, als von vielen erwartet. 22 Prozent muss er bei der Abgeordnetenhauswahl aber schon holen.

Der Mann hier auf dem Podium, keine Frage, ist ein ziemlich properes Kind des geteilten Berlin. Man sieht das, man hört das auch ganz gut an diesem Sonnabend, an dem die Stadt des Mauerbaus gedenkt. Na ja, nicht die ganze Stadt, aber immerhin.

Die CDU hat gleich links vor dem Brandenburger Tor eine kleine Bühne aufgebaut. Zunächst werden die Namen der Opfer verlesen, jener Flüchtlinge, die erschossen wurden, die ertranken, den Weg in den Westen nicht schafften und umkamen. Es ist eine kleine, würdevolle Zeremonie inmitten des manchmal nicht besonders würdevollen Berliner Wochenendrummels. Rundfahrtbusse, Bierbikes, Fototouristen, groteske Gestalten in grotesken Uniformen. Nationale Volksarmee reloaded. Es passt nicht wirklich viel zusammen an diesem deutschen Tag an diesem deutschen Platz. Berlin ist sehr bunt. Schweigeminute.

Dann geht Frank Henkel nach vorne, stattlich in seinem blauen Anzug. Er hat durchgehalten in der endlich mal wieder heißen Mittagssonne. Er spricht jetzt gleich sehr laut, was eher zum Rummel ringsum passt als zu einer Schweigeminute. Er steht breitbeinig, bullig am Mikrofon, ab und zu lockert er ein Bein. Henkel versucht, keine Wahlkampfrede zu halten. Aber daraus wird natürlich nichts.

Wer in diesen Tagen die diversen Veranstaltungen der Berliner Parteien betrachtet, der kommt kaum an der Erkenntnis vorbei, dass die Teilung der Stadt, dass die Folgen dieser Teilung noch immer das zentrale politische Thema sind. Nicht immer so demonstrativ wie an diesem Tag. Aber doch ziemlich offensichtlich. Ob man in Friedrichshagen gegen den Fluglärm demonstriert und sich die Müggelsee-Anwohner schlecht behandelt fühlen im Vergleich zu den Wannsee-Anwohnern. Ob der Regierende Bürgermeister in Friedrichsfelde dem Tierpark gleich mal prophylaktisch eine Bestandsgarantie ausstellt, obwohl man ja ziemlich lange diskutieren könnte über zwei Zoos in einer Stadt. Oder ob Frank Henkel mit seinem gelben Wahlkampfdoppeldecker hinter dem Tiergartentunnel gleich mal Richtung Osten abbiegt, um seinen vorwiegend West-Berliner Wählern die frühere „Ständige Vertretung“ zu zeigen, die Plattenbausiedlungen von Marzahn oder die Klinik, „in der ich meinen Blinddarm gelassen habe“. Die Geschichte der Stadt prägt diesen Wahlkampf tiefer als jedes aktuelle Thema.

Insofern muss man sich nicht wundern, wenn Henkel in seiner Gedenkstunden-Rede gegen Sozialismus und Kommunismus lospoltert. Die „felsenfeste“ Haltung der Union in der deutschen Frage zementiert und im gleichen Atemzug leise Zweifel anmeldet, ob das den bei „den anderen“ Parteien auch so eindeutig gewesen sei vor dem Mauerfall. Dass er schließlich die SED-Nachfolger in Grund und Boden donnert, ist dann Ehrensache. Und wenn dabei für einen Moment die Augen schließt an diesem Augustmittag des Jahres 2011, dann könnte man meinen, man sei hier doch wieder im Kalten Krieg.

Schon immer ein Reagan-Fan

Mitten in jener Zeit also, in der Frank Henkel aufwuchs. Erst im Osten bis Anfang der 80er-Jahre, dann, nach der Ausreise der Eltern, ganz im Westen, in Spandau. „Nie wieder Sozialismus! Nie wieder Kommunismus! Nie wieder Diktatur!“, ruft er, und man möchte sich fast ducken. Das wirkt immer noch wie in Stahl gestanzt. Aber es kommt vom Herzen.

Als Ronald Reagan 1988 gleich hier an der Mauer stand und „Mr. Gorbatschow“ aufforderte, das Monstrum endlich einzureißen, erzählt Henkel über Henkel, da habe er, mittlerweile Mitglied der CDU, mit einem Pfund US-Fahnen im Arm am Brandenburger Tor und angefangen zu weinen. „Ich war schon immer ein großer Reagan-Fan“, sagt Henkel. Solche Vorlieben haben einen ganz zwangsläufig geprägt im Westen der 80er-Jahre, als sich ziemlich brutale Szenen abgespielt haben in manchen Teilen der westlichen Stadt, sobald auch nur ein US-Unterstaatssekretär gesichtet wurde. Es waren die Zeiten der Alternativen Liste, in der damals auch Renate Künast ihre ersten politischen Erfahrungen machte. Falls die beiden eines Tages tatsächlich mal zusammen regieren, sollte man ein Buch darüber schreiben.

Der Kandidat sitzt inzwischen wieder einigermaßen relaxt im Café Einstein Unter den Linden. Er ist hungrig und freut sich, dass sein Gegenüber auch einen Toast bestellt hat. Er hat die gleiche Wir-wollen-niemals-vergessen-Rede gerade noch einmal gehalten am Checkpoint Charlie, und am Abend muss er auch noch ran. Die Glienicker Brücke ist Pflichtprogramm für einen christdemokratischen Spitzenkandidaten. Wahlpflicht.

Klarer als viele andere Politiker in diesem Land hat Frank Henkel erkannt, dass es heutzutage weit weniger darum geht, skeptische Wähler für die Union zu begeistern. Es geht um die Mobilisierung des eigenen Lagers, bei gleichzeitiger Demobilisierung der gegnerischen Anhänger. Also versucht Frank Henkel vor den eigenen Leuten einigermaßen auf die Pauke zu hauen. Wenn auch andere zugucken, im Fernsehen oder hier im Café Einstein, dann darf man ruhig merken, dass hier natürlich kein kalter Krieger mehr antritt für eine Großstadt-CDU. Sondern der Vorsitzende einer Partei, die sich längst auch der Integration verschrieben hat und einem Schulsystem, das eben nicht mehr den Geist der Feuerzangenbowle atmet.

Wenn dieser kleine Spagat funktioniert, wird die Union auch am Wahltag jenen Aufwärtstrend in Stimmenanteile umsetzen können, den die Christdemokraten seit ein paar Wochen zu spüren glauben. Erstmals nach zehn Jahren. Erstmals nach dieser furchtbar dunklen Zeit, in der sich die Partei nach Kräften selbst zerlegte und blamierte. Es ist auch Henkels Verdienst, dass man jetzt vielleicht rauskommen kann aus diesem Tief.

Generalsekretär ist er gewesen, inzwischen Fraktionschef und Parteivorsitzender. Er hat sich nicht nach ganz vorne gedrängelt. Aber als es dann soweit war, nach dem ganzen peinlichen Partei-Theater des vergangenen Jahrzehnts, da stand er auf einmal doch in der ersten Reihe. Und war ziemlich allein mit sich und seinem Entschluss, sich jetzt aber auch garantiert nicht noch einmal überreden zu lassen für das nächste Spitzenamt. Er hat diesen Entschluss dann aber nicht durchgehalten. Und wieder geheult hinterher, als er doch eingeknickt war. Vor Wut über sich selbst.

Mittlerweile, daran will er natürlich keinerlei Zweifel aufkommen lassen, ist er längst wieder mit sich selbst im Reinen. Sogar mit seiner Rolle als Spitzenkandidat. Das ist ja kein Traumjob, CDU-Kandidat in Berlin. Da schreit man nicht ohne Weiteres „Hurra“, wenn man gefragt wird. Da denkt man schon mal drüber nach.

Er musste es dann machen, wer sonst. Und er hat es schon jetzt besser gemacht, als viele ihm das zugetraut haben. Daran, an diesem kleinen gefühlten Wahlsieg, kann höchstens ein völlig vergeigtes TV-Duell mit Klaus Wowereit noch etwas ändern. Aber das wird ihm nicht passieren, dafür kennt Henkel das Geschäft jetzt lange genug. Und dazu kann er persönlich auch viel zu wenig verlieren. Die Erwartungshaltungen auf beiden Seiten sind entsprechend.

Frank Henkel aber wird seine ganz eigene Bilanz ziehen am 18. September, abends um 18 Uhr. Zwischenbilanz, falls das Ergebnis stimmt. Schlussbilanz, falls nicht. Wer anderes glaubt, wer meint, der Kandidat werde einfach weitermachen, selbst wenn es furchtbar peinlich wird für die Union, der irrt. Jedenfalls hat sich das Frank Henkel ganz fest vorgenommen.

Ausgeschlossen ist eine unsanfte Landung der Christdemokraten am Ende dieses Berliner Wahlkampfs ja nicht. Bei 22 Prozent, das weiß er selbst, ist für ihn auch angesichts der strukturellen Defizite seiner Partei im Ostteil Berlins nicht mehr viel Luft nach oben. Nach unten dagegen, da geht noch was. Die Zeiten sind ziemlich ungemütlich für CDU-Wahlkämpfer, nicht nur in Berlin.

Morgenpost Online: Herr Henkel, Wie begründen Sie die Schwäche der CDU in den Großstädten?

Frank Henkel: Richtig ist, dass wir als Union nicht in allen großstädtischen Milieus gleich gut verankert sind. Richtig ist aber auch, dass wir in Bremen zehn Jahre mitregiert haben, bis vor kurzem in Hamburg den Bürgermeister gestellt haben und auch die Berliner Union lange Zeit sehr erfolgreich war.

Morgenpost Online: Also ist das Großstadtproblem eher ein Problem des Bundestrends?

Frank Henkel: Damit kann ich mich jedenfalls eher anfreunden als mit dem Begriff Großstadtproblem.

Stattdessen nennt er das größere Problem für seine Partei: die FDP. Diesen „komplizierten Koalitionspartner“, den man nun wirklich nicht brauche in Berlin. Dazu die alles überlagernde Euro-Debatte, der kaum noch zu unterdrückende Krach bei den Christdemokraten über die sogenannte Transfer-Union. Die Probleme der Bundesregierung, ihre Entscheidungen so zu erklären, dass „Kasupke“ sie auch endlich mal versteht. Die Steuerdebatte. Henkel selbst spricht über diese Themen verständlich und eingängig, auch differenziert. Die Stahlstanze muss er wohl an der Garderobe abgeben habe.

Man ist jetzt fast versucht, die Augen ein zweites Mal zu schließen. Ist das real? Ist das wirklich der Henkel, den in den vergangenen zwei Jahren kaum einer ernst genommen hat. Nicht in Berlin. Erst recht nicht im Bund, in den alten Bundesländern, wo kein Mensch darauf käme, den Namen Frank Henkel zu nennen, wenn es darum geht, über die wenigen Hoffnungsträger zu sprechen, die der Union noch verblieben sind.

Dabei hat der Berliner CDU-Spitzenkandidat was, was anderen, smarteren Kollegen auf den vorderen Plätzen gelegentlich fehlt. Henkel ist ein Typ für sich. Er verfügt über Authentizität, Glaubhaftigkeit, auch, man muss das sagen in diesen Tagen, eine gewisse politische Reife. Ein bisschen aus der Zeit gefallen vielleicht auf den ersten Blick, aber das kann er rasch widerlegen. Wenn er nicht gerade wieder eine Rede halten muss. Man kann also noch ein bisschen weiterfragen.

Morgenpost Online: Was macht die Union im Bund eigentlich falsch?

Frank Henkel: Es gibt Defizite, die Entscheidungen, die man trifft, auch dem Bürger zu erklären.

Morgenpost Online: Ältere Christdemokraten, zum Beispiel Kurt Biedenkopf, nennen die Atomwende der Kanzlerin „unbegreiflich“. Finden Sie das auch?

Frank Henkel: Nein, ich finde sie nicht unbegreiflich. Aber ich kann jeden verstehen, der sie nach dem ganzen Vorlauf, insbesondere nach der Laufzeitverlängerung, nicht nachvollziehen kann. Andererseits hat Fukushima ein Umdenken der Politik zwingend erforderlich gemacht.

Morgenpost Online: In wenigen Sätzen: Wofür steht die Union?

Frank Henkel: Für ein klares Profil der sozialen Marktwirtschaft, für Subsidiarität, für Freiheit und Sicherheit. Und für leistungsfähige Strukturen, die den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft gewährleisten.

Was man hier nicht sieht. Die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen. Kein langes Herumdrucksen. kein „Äh“ und „Äh“. Keine ellenlangen Pausen zwischen den einzelnen Buchstaben. Fast kein Politchinesisch. So ist man das ja inzwischen eigentlich gewohnt von CDU-Politikern, denen man Fragen zum eigenen Laden stellt. Von Altberliner Bräsigkeit, die man Henkel wegen seiner Statur und seinem öffentlichen Duktus gerne unterstellt, keine Spur. Auch keine Lobeshymnen zum Zitieren. Und auch keine Fiesigkeiten „unter drei“, über die man normalerweise nicht sprechen darf. Die gibt es nicht bei Henkel, dann sagt er lieber gar nichts. Vielleicht noch ein „Hohoho“, wenn ihm eine Frage allzu gut gefallen hat und man mit einer jetzt eigentlich fälligen ehrlichen Antwort richtig Feuer machen könnte unterm christdemokratischen Dach. Aber soweit kommt es hier natürlich nicht. Frank Henkel, wieder keine Frage, weiß, wo die Grenzen sind. Auch seine ganz persönlichen. Und das muss kein Nachteil sein.