Berliner Spaziergang

Im Zentrum der Museumsinsel

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Spaziergang mit Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie.

Waren zusammen auf der Museumsinsel unterwegs: Ralph Gleis  und Felix Müller, Kulturchef der Berliner Morgenpost

Waren zusammen auf der Museumsinsel unterwegs: Ralph Gleis und Felix Müller, Kulturchef der Berliner Morgenpost

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Es ist schon ein erstaunlicher Effekt, den der Kolonnadenhof an der Alten Nationalgalerie auf den Besucher hat. Ich bringe noch den Stress der Anfahrt mit dem Rad mit, die Hitze und der Verkehr am Alexanderplatz haben ihren Tribut gefordert. Im Hof vor dem mächtigen Kunsttempel treffe ich nun zuerst unseren Fotografen Reto Klar, der mich so entspannt begrüßt, als würde er hier schon seit zwei Wochen Urlaub machen. Die Autos Unter den Linden sind hier kaum noch zu hören, rechts spiegelt die Spree, unter den Bäumen ist es schattig und kühl. Ralph Gleis, der uns nun schon entgegenkommt und uns freundlich begrüßt, spricht beiläufig von einem „hortus conclusus“ – also von einem eingefriedeten Garten, einem wiederkehrenden Motiv der Bildenden Kunst. Und so ist es auch: Dieser Ort grenzt sich gegen die Zumutungen der Stadt erfolgreich ab. Hier kann man durchatmen.

Ungestörte Minuten mit Caspar David Friedrich

Während die Fotos gemacht werden, lasse ich mir noch einmal durch den Kopf gehen, was ich zur Vorbereitung auf meinen Gesprächspartner gelesen habe. Gleis, geboren 1973 im nordrhein-westfälischen Münster, ist promovierter Kunsthistoriker, sein Studium führte in auch nach Bologna und Köln. Nach beruflichen Stationen am Deutschen Historischen Museum in Berlin und am Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen war er Kurator am Wien Museum, bevor er 2017 als Nachfolger von Philipp Demandt die Leitung der Alten Nationalgalerie übernahm – des Hauses also, vor dem wir jetzt stehen, einem prächtigen, von Friedrich August Stüler ab 1862 geplanten und Johann Heinrich Strack bis 1876 ausgeführten Bau im Stil von Schinkels Klassizismus.

Vom Haus und seinen Schätzen wird noch zu sprechen sein – aber das erste Thema im Jahr 2020 ist natürlich ein anderes. Nach dem Lockdown Mitte März hat die Alte Nationalgalerie bereits im Mai ihre Pforten wieder geöffnet, als eines der ersten der Staatlichen Museen überhaupt. Momentan sind es 400 Besucher, die täglich ihren Weg hierhin finden – verglichen mit den rund 1200 vor der Corona-Pandemie, aber auch gemessen an der festgelegten Obergrenze ist da noch Luft nach oben. „Trotzdem sehe ich das Glas eher halb voll als halb leer“, sagt Ralph Gleis und verweist darauf, dass sich die schlimmsten Befürchtungen im März nicht bewahrheitet haben und Deutschland im internationalen Vergleich bisher noch glimpflich davongekommen ist.

Außerdem sei die Alte Nationalgalerie gerade jetzt ein ganz besonderer Erlebnisraum: „Wir haben in der Alten Nationalgalerie baulich bedingt sehr gute Voraussetzungen gehabt, um wiederzueröffnen, weil es eine relativ klare Abfolge von Sälen gibt, die man auch in einem One-Way-System durchschreiten kann. Man begegnet sich nicht, hat Abstand, es gibt Zeitfenster, die gebucht werden können – und dadurch gibt es keine Schlangenbildung. Gerade die Berlinerinnen und Berliner nutzen die Gelegenheit. Wann ergibt sich schon einmal die Chance, so viele ruhige, ungestörte Minuten mit einem Gemälde von Caspar David Friedrich zu verbringen?“

Wir laufen nun durch die Stülerschen Kolonnaden in Richtung James-Simon-Galerie. Ralph Gleis erinnert daran, dass hier regelmäßig Diskussionsabende stattfinden, die vom Zentrum für kulturelle Bildung der Staatlichen Museen im Haus Bastian veranstaltet werden. Die werden auch gut angenommen, nur halt momentan vor allem von Besuchern aus Berlin. So richtig international wird die Museumsinsel wohl erst wieder werden können, wenn der Kampf gegen das Virus erkennbar bleibende Erfolge zeitigt.

Als wir vor der James-Simon-Galerie stehen, dem 2018 eröffneten Erschließungsgebäude für die Museumsinsel, frage ich meinen Gesprächspartner, ob er sich von Chipperfields Bau nicht ein bisschen ins Abseits gedrängt sieht – schließlich bietet sie nur direkten Anschluss an die beiden angrenzenden Häuser, das Pergamonmuseum und das Neue Museum. Und haben beide mit dem mächtigen Pergamon-Altar und der Nofretete Zuschauermagnete, die sich die Alte Nationalgalerie wünschen würde? Ralph Gleis lächelt. „Wir sind weiterhin im Zentrum der Museumsinsel, wie zuvor“, sagt er. „Der Kolonnadenhof, der die Alte Nationalgalerie umgibt, wird ja von der James-Simon-Galerie fortgesetzt. Und die Menschen wussten schon immer, dass in der Alten Nationalgalerie, dieser vor allem als Gemäldegalerie wahrgenommenen Kunstsammlung Besonderes entdeckt werden kann – genannt seien nur die größte permanente Ausstellung zu Caspar David Friedrich und natürlich auch unsere französischen Impressionisten.“

Wir wenden uns dem Lustgarten zu und blicken auf die Fassade des rekonstruierten Humboldt Forums. „Wir wandeln hier sozusagen auf Schinkels Spuren“, sagt Gleis, und der enorme Einfluss des preußischen Baumeisters auf die Gestalt der historischen Mitte wird uns tatsächlich noch häufiger begegnen. Aber nicht nur das. „Man sieht die Zusammenhänge, die es damals in diesem historischen Mittelpunkt von Berlin gab“, sagt mein Gesprächspartner. „Hier wurde ganz strategisch ein Machtzentrum aufgebaut, mit Schloss, Kirche und Museen. Der preußische König hat sich an europäischen Großmächten orientiert und wollte seinerseits hier etwas Repräsentatives schaffen.“ Dazu gehörte ein nationaler Kunstschatz. „Und da gab es verschiedene Museumsneugründungen. Die Alte Nationalgalerie ist das Mutterhaus der Nationalgalerie, das Stammhaus, welches als ein Museum für deutsche Kunst im europäischen Kontext gegründet wurde“

In das populäre Geschichtsbild haben sich einige Verzerrungen eingeschlichen, was die Nationalgalerie betrifft. Dazu gehört zum einen, dass hier Kunst vor allem zum Zweck patriotischer Sinnstiftung gesammelt wurde. Ralph Gleis ist daran gelegen, diese Sicht zurechtzurücken: „Die Giebelinschrift an der Alten Nationalgalerie nennt das Jahr der Reichsgründung, 1871. Und widmet das Haus der ,deutschen Kunst’. Aber das ist eher eine politische Ansage gewesen als der tatsächliche Inhalt der Sammlung. Die kam ursprünglich nämlich von einem Privatmann, dem Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, der Wilhelm I. von Preußen eine umfangreiche Gemäldesammlung hinterließ. Und die umfasste Belgier, Franzosen und Engländer, aber natürlich auch deutsche Künstler.“

Die Nationalgalerie war also von Beginn an auch ein Projekt des Bürgertums, sie war von Anfang an europäisch – und sie war vor allem auch immer zeitgenössisch. Ralph Gleis macht darauf aufmerksam, warum die Alte Nationalgalerie überhaupt ihren Namen trägt – nämlich als Ergebnis einer Zuschreibung aus West-Berlin, nachdem dort 1968 Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie eröffnet worden war. In Ost-Berlin wäre man bis zur Wende verständnislos angeschaut worden, hätte man nach der Alten Nationalgalerie gefragt. Dort war das Haus auf der Museumsinsel immer nur die Nationalgalerie – in den Namen der Häuser spiegeln sich noch heute die Brüche der deutsch-deutschen Geschichte. Und es war auch dieses Haus, in dem die spannenden kunsthistorischen Debatten der damaligen Gegenwart geführt wurden. „Einer meiner Vorvorgänger, Hugo von Tschudi, hat letztlich den Impressionismus im Museum durchgesetzt“, sagt Gleis. „Und dies teilweise gegen Kaiser und Kunstakademie. Das finde ich unheimlich inspirierend für die gegenwärtige Arbeit.“

„Der Wunschtraum eines jeden Museumsdirektors“

Wir haben den Boulevard Unter den Linden überquert und stehen jetzt auf dem Schinkelplatz, wo in noch unklarer Zukunft einmal die Bauakademie rekonstruiert werden soll. Doch nun soll erst einmal das Schloss fertig werden, dessen erst vor wenigen Monaten aufgesetztes Kuppelkreuz in der Vormittagssonne glänzt. Der Eintritt in das Humboldt Forum soll größtenteils frei sein – liegt darin eigentlich ein Problem für die Häuser der Museumsinsel, die sich solche Großzügigkeit aus betriebswirtschaftlichen Gründen gar nicht leisten können? Mein Gesprächspartner verneint. „Dass wir Museen kostenfrei für das Publikum zugänglich machen, ist ja eigentlich der Wunschtraum eines jeden Museumsdirektors. Deshalb ist das Humboldt Forum auch für uns ein interessanter Test, wie weit so etwas gehen kann. Es ist eigentlich nur eine Frage des politischen Willens, also der Finanzierung.“ Dass es daran vor allem fehlt, hat ja erst kürzlich das Gutachten des Wissenschaftsrates gerade bei den Staatlichen Museen hervorgehoben.

Aber wir wollen uns jetzt dem eigentlichen Ziel unseres Spaziergangs zuwenden – der 1824-1831 von Karl Friedrich Schinkel erbauten Friedrichswerderschen Kirche, die für die Alte Nationalgalerie der Ausstellungsraum für Skulpturen ist. Sie ist derzeit nicht öffentlich zugänglich, alles wird für die Neueröffnung im Herbst vorbereitet. Aber wie sehr sie den Berlinerinnen und Berlinern fehlt, wurde schon im Januar deutlich, als sie für zwei Tage geöffnet war – und 13.500 Gäste kamen. Hier soll es auch den freien Eintritt für alle geben. Wir stehen vor dem Eingang des mächtigen neogotischen Ziegelbaus, an den die Neubauten links und rechts so nah herangerückt sind. Die Probleme, die sich dadurch für die Kirche ergeben haben, konnten mittlerweile behoben werden – aber wie sieht es mit den Lichtverhältnissen im Innern aus? Ralph Gleis drückt auf die Klingel am Eingang, und nach vielleicht 30 Sekunden öffnet uns ein freundlicher Museumsmitarbeiter.

Wir betreten den Innenraum und sehen links und rechts Restauratoren, die mit Druckluftgeräten und Pinseln an Skulpturen arbeiten – manche in kleinen Zeltaufbauten, damit sich der Staub nicht in der ganzen Kirche verteilt. Wir sprechen unwillkürlich leiser – teils, um niemanden bei der Arbeit zu stören, teils aber auch wegen der andächtigen Atmosphäre des Ortes. „Als ich 2017 hier angefangen habe, da war die Kirche innen noch komplett mit Gerüsten gesichert. Man hatte mir damals schon angedeutet, dass wir die Kirche wahrscheinlich nie wieder als Museum würden nutzen können. Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag im September, als ich mich auf dem Gerüst direkt unter dem Gewölbe des Mittelschiffs vom einfallenden Seitenlicht überzeugen konnte. Und ich dachte: Nein, wir müssen diesen Ort für die Kunst erhalten, gerade in der neuen Mitte Berlins.“ Die Alte Nationalgalerie hofft, ihre Dependance noch im letzten Quartal 2020 oder im ersten Quartal 2021 eröffnen zu können – und damit wieder ein wesentliches Standbein ihrer Sammlung präsentieren zu können. Dass zu ihren Beständen fast ebenso viele historische Skulpturen gehören, nämlich mehr als 2000, droht sonst in Vergessenheit zu geraten.

Auf unserem Rückweg zur Museumsinsel kommen wir noch einmal auf das Museum als Ort zeitgenössischer Debatten zu sprechen. Dass die Alte Nationalgalerie hier mitzureden hat, war in den vergangenen Jahren vielfach feststellbar – etwa in der Ausstellung „Wanderlust“ im Jahr 2018, die nicht nur anheimelnde Landschaftspanoramen präsentierte, sondern auch zum Nachdenken über das grundsätzliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur einlud. Oder in der im März dieses Jahres zu Ende gegangenen Schau „Kampf um Sichtbarkeit“, die die Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919 in den Blick nahm und mit deren Anschlüsse zu gegenwärtigen Debatten rund um die Geschlechtergerechtigkeit auf der Hand lagen. Neue Perspektiven, Vielfalt, Erkenntnis von Komplexität: Darum wird es auch bei „Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus“ gehen, der nächsten großen Ausstellung, die ab dem 18. September in der Alten Nationalgalerie zu sehen sein wird. Wir sind wieder an den Stülerschen Kolonnaden angekommen und verabschieden uns mit Vorfreude darauf.

Zur Person:

Ausbildung: Ralph Gleis wurde 1973 im nordrhein-westfälischen Münster geboren. Er studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Soziologie in Münster, Bologna und Köln und promovierte 2008 im Fach Kunstgeschichte mit einer Arbeit über den den Modernediskus im 19. Jahrhundert am Beispiel des österreichischen Malers Anton Romako (1832-1889).

Werdegang: Nach Stationen am Deutschen Historischen Museum in Berlin, am Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen, am Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn war Gleis von 2009-2017 Kurator am Wien Museum. Seit Mai 2017 ist er der Leiter der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel.

Alte Nationalgalerie: Das Museum zeigt die Kunst des 19. Jahrhunderts und ist das Stammhaus der Nationalgalerie Berlin. Zu ihren erfolgreichsten Ausstellungen der letzten Jahre zählen unter anderem 2018 „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“ (161.000 Besucher) und 2019 „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919“ (133.000) sowie „Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen des Impressionismus“ (145.000 Besucher).

Der Spaziergang führte vom Museum zur Friedrichswerderschen Kirche und zurück.