Berliner Spaziergang

Mit Lara Mandoki durch Schöneberg

Lara Mandoki lebt im Akazienkiez – und kennt ihn perfekt. Aber auch München will die Schauspielerin nicht aufgeben.

Schauspielerin Lara Mandoki

Schauspielerin Lara Mandoki

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Der beste Kaffee, die schönste Bar, das perfekte Falafel-Sandwich nach durchfeierten Nächten, die urigste Kneipe, der verlässlichste Späti – Lara Mandoki kennt sie alle. Wer mit der Schauspielerin durch ihren Kiez rund um die Akazien- und Goltzstraße spaziert, bekommt die Insidertipps gleich mit dazu. Seit sie 2014 als Nicolett Katona in „Meat“ an der Schaubühne spielte, pflegt die 30-Jährige eine On-Off-Beziehung mit Berlin.

Mit ihrem Freund wohnt sie in Schöneberg, aber auch ihre Heimatstadt München möchte Mandoki nicht aufgeben. Dort habe sie ihre Freunde von früher und ihre Wohnung in der Maxvorstadt. Das Beste aus beiden Welten gefalle ihr, sagt sie. München sei etwas entspannter, Berlin ehrlicher. „Beides zu haben ist toll. Das ist ein Riesenluxus.“

Wir haben uns mit Lara Mandoki vor dem „Gasthaus Gottlob“ verabredet. Sie kommt direkt von einem Pressetag für die zweite Folge ihrer ZDF-Krimireihe „Der Erzgebirgskrimi“ (7. März, 20.15 Uhr). Seit Ende 2019 spielt Mandoki die deutsch-ungarische Kommissarin Karina Szabo. Den ganzen Tag habe jemand darauf geachtet, dass ihre Haare richtig liegen, erzählt sie. Jetzt macht ihr der Wind einen Strich durch die Rechnung. Glücklicherweise ist die Schauspielerin nicht eitel. Das Angebot des Fotografen, für das Porträt auf der kalten Mauer vor der Apostel-Paulus-Kirche seine Jacke unterzulegen, schlägt sie dankend aus.

Lara Mandoki liebt ihren Berliner Kiez

Zuerst möchte Lara Mandoki eine Runde über den Wochenmarkt drehen. Im Sommer sitze sie hier oft bis spät in die Nacht mit Freunden, erzählt sie. Ausgestattet mit Bier vom Späti, das habe fast eine dörfliche Atmosphäre. Heute soll es lieber ein Tee sein, später vielleicht noch ein Kaffee, denn den müsse man bei „Double Eye“ an der Akazienstraße unbedingt probieren.

Lara Mandoki liebt ihre Gegend. An jeder zweiten Ecke bleibt sie stehen, um von einem besonderen Lokal zu berichten, als wir uns die Goltzstraße hoch auf den Weg in Richtung Winterfeldtplatz machen. Schöneberg sei so unaufgeregt, ein bisschen hip, aber irgendwie auch schon wieder drüber, das schätze sie. „Ich liebe das Kosmopolitische in Berlin. Und ich liebe es, mir die Menschen anzuschauen. Hier ist es bunter.“

Lara Mandoki: „Ich mag Berlin immer mehr“

Trotzdem, das gibt sie zu, sei die Stadt für sie manchmal auch zu viel. „Ich mag Berlin immer mehr. Ich bin hier aber immer noch hin und wieder gestresst.“ Auch vermisse sie manchmal das mediterrane Lebensgefühl im Süden, das Gefühl, sofort in Italien, Österreich oder Ungarn sein zu können. „Wenn ich in Berlin bin, ist da erst mal nur Deutschland. An diesen Gedanken musste ich mich gewöhnen.“

Aufgewachsen ist Lara Mandoki am Starnberger See, im Südwesten von München. Sehr wohlhabend, ein bisschen wie Zehlendorf sei das, sagt sie. Die Folge dieser beschaulichen Kindheit sei, dass sie wohl lebenslang an jedem anderen Ort die Alpen vermissen werde. Viele der Töchter und Söhne aus besserem Hause seien jetzt auch in der Maxvorstadt wieder ihre Nachbarn. Dort wohnten kaum „normale“ Menschen, sagt Mandoki.

Die soziale Selektion durch die extremen Mieten in der bayerischen Landeshauptstadt finde sie bedauerlich. Aber auch in Berlin beobachte sie, wie ältere Menschen aus ihren Kiezen verdrängt würden, weil sie sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten könnten oder diese durch fehlende Fahrstühle kein selbstständiges Leben mehr ermöglichten.

Tochter von Musiker Leslie Mandoki

Das soziale Bewusstsein, gepaart mit einem Verantwortungsgefühl für Lehren aus der Geschichte und den daraus resultierenden Wunsch, aktiv etwas zu verändern, hat Lara Mandoki von zu Hause mitbekommen. Die TV-Kommissarin ist die Tochter von Leslie Mandoki. Musiker, Musikproduzent und politischer Aktivist. 1975 floh der Ungar als Anhänger der studentischen Opposition vor den Repressalien der damaligen kommunistischen Regierung nach Deutschland.

Das Erbe der deutschen Wiedervereinigung und des Falls des Eisernen Vorhangs, die Verständigung zwischen Ost und West, sind ein Lebensthema von Leslie Mandoki. Auch sie habe es seit Kindertagen begleitet, sagt Lara Mandoki. In der Schule sei sie stolz gewesen, ausgerechnet 1989 geboren worden zu sein.

Zu ihrem letzten Geburtstag habe ihr Vater ihr ein Stück Berliner Mauer geschenkt. Dazu 20 internationale Zeitungen vom Tag ihrer Geburt, die die Stimmung kurz vor dem Mauerfall wiedergeben. „Ich bin der Meinung, dass man als Künstler die Aufgabe hat, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie. „Wir haben Möglichkeiten, die andere nicht haben.“ Sie selbst versuche beispielsweise, an internationalen Sets als Vermittlerin zwischen den Kulturen zu fungieren.

Lara Mandoki will künftig mehr historische Stoffe drehen

Lara Mandoki wuchs zwar in Deutschland auf, pflegt jedoch ein enges Verhältnis zur Heimat ihrer Familie. Sie lebe die Sicht des Westens, verstehe aber auch, was die Menschen im Osten bewegt. Deshalb sei die dankbar, gerade im Erzgebirge ermitteln zu dürfen. Angesichts der Fluchterfahrung ihrer Eltern und Großeltern empfinde sie eine Verantwortung, stellvertretend deren Geschichte zu erzählen. Deshalb wolle sie in Zukunft mehr historische Stoffe drehen. „Ich habe Angst davor, dass meine Kinder in einem gespaltenen Europa aufwachsen“, sagt sie.

Viel mehr, das macht Lara Mandoki deutlich als wir die Pallasstraße überqueren, möchte sie zu ihrem Vater dann aber nicht sagen. Die immerwährenden Fragen von Journalisten ermüden sie, die Annahme, als „Tochter von“ habe sie die Schauspielkarriere geschenkt bekommen, macht sie wütend. „Ich habe für meinen Erfolg genauso hart gearbeitet wie andere“, sagt sie. „Manchmal stand mir mein Name eher im Weg.“ Ihr einziger Vorteil sei, dass sie ihren Vater dank seiner Erfahrung immer um Rat fragen könne. Gerade was das Leben als Person des öffentlichen Interesses angehe.

„Prominenz war für mich immer normal. Es war nie anders“

Die Bekanntheit des Vaters und sein Umgang mit prominenten Musikern wie Phil Collins oder Lionel Richie war für Lara Mandoki seit ihrer Kindheit Alltag. Sein Studio befindet sich in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses. Die Künstler, mit denen Leslie Mandoki zusammenarbeitete, gingen bei ihnen ein und aus. „Normal ist, wie man aufwächst. Insofern war Prominenz für mich immer normal. Es war nie anders“, sagt sie. Wenn sie heute selbst auf der Straße erkannt werde, freue sie sich über die Begegnungen mit Menschen, deren Leben sie mit einer ihrer Rollen berührt habe.

Dass sie Schauspielerin werden wollte, wusste Lara Mandoki schon seit dem Kindergarten, eine Alternative habe es nie gegeben. Weil zu Hause Ungarisch gesprochen wurde und sie Deutsch erst in der Grundschule lernte, habe sie viel in ihrer Fantasiewelt gelebt. Dazu habe sie sich gerne verkleidet. „Schauspielerei war einfach schon immer mein Ding“, sagt sie. „So etwas gibt es eben manchmal, dass sich Berufe früh abzeichnen.“

Während des Gymnasiums spielte sie im Jugendensemble der Münchner Kammerspiele, direkt nach dem Abitur begann sie ein Studium an der Münchner Theaterakademie. Die Erfahrung, auch scheinbar altmodische Techniken wie das Fechten zu lernen, hat sie nachhaltig beeindruckt. „Schauspiel ist ein sehr ganzheitlicher Beruf. Er hat etwas mit Körper, Geist und Stimme zu tun“, sagt sie. „Eigentlich sollte jeder Mensch sein Leben vier Jahre auf Pause stellen dürfen und ein Schauspielstudium machen. Man lernt sich sehr gut selbst kennen.“

Ganz ohne Leiden geht es auch bei Lara Mandoki nicht

Die Tür zur Welt des Films, die bis heute ihre Leidenschaft geblieben ist, öffnete sich für Lara Mandoki während ihrer zwei Semester bei The Acting Corps in Los Angeles. Die Herangehensweise an den Beruf sei in den USA eine vollkommen andere, positivere. Die Amerikaner motivierten durch Erfolge, die Deutschen ließen die Schüler vor allem spüren, was sie noch nicht können. „In Deutschland bekommt man manchmal das Gefühl vermittelt, das mit dem Künstlersein auch Leidensdruck verbunden sein muss.“

Ganz ohne Leiden geht es dann aber auch bei Lara Mandoki nicht. Der Beruf biete wenig Sicherheit und Kontinuität. Wenn es einmal gut laufe, warte hinter der nächsten Ecke schon wieder die Angst, es könne bald nicht mehr so sein. Selbst die Rolle in einer ZDF-Krimireihe biete da nur kurzfristige Erholung. Sie könne schließlich nie wissen, wie der Sender plane, wie die Quoten sich entwickeln. Zwei Filme werden in diesem Jahr gedreht, so viel ist sicher. Dennoch gebe es nie eine absolute Sicherheit. „Und damit muss man leben können.“ Hinzu komme die Unstetigkeit. Feste Arbeitszeiten, Wochenenden, Urlaubsplanung – das alles habe sie nicht.

„Es ist oft schwer zu vermitteln, was der Beruf überhaupt ist. Menschen um mich herum haben einen ganz anderen Alltag.“ Trotzdem sei sie froh, dass die meisten ihrer Freude und ihr Freund in anderen Bereichen tätig seien. Zu Hause bleibe die Arbeit auf diese Weise draußen. Trotz allem könne sie sich nicht Schöneres vorstellen. „Filme zu machen ist meine Leidenschaft, so nehme ich die anderen Dinge gerne in Kauf“, sagt Lara Mandoki. „Der Moment, wenn es heißt ‚Und bitte‘, gibt mir alles zurück. Dann ist alles vergessen.“

In jede Rolle gibt sie einen Teil ihrer Persönlichkeit

2012 spielte Lara Mandoki ihre erste Fernsehhauptrolle in dem ZDF-Film „Die Holzbaronin“. Im gleichen Jahr hatte sie ein kurzes Gastspiel in der ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“. Es folgten unter anderem der Thriller „Unterm Radar“, der im WDR lief und mit einem International Emmy ausgezeichnet wurde, und Rollen bei „Rosamunde Pilcher“, „Soko München“ und „Die Bergretter“. Auf der Bühne stand die Schauspielerin zuletzt 2015 in Dieter Wedels „Komödie der Irrungen“ bei den Festspielen in Bad Hersfeld. Die Theaterwelt sei ihr mittlerweile ein wenig fremd geworden, ihr Fokus liege gerade eindeutig beim Film, sagt Mandoki. „Mich reizt das filigrane Spiel vor der Kamera.“ Das Medium sei ihr außerdem privat näher.

Ihre Rollen wählt Lara Mandoki nach größtmöglicher Intensität. In der kanadisch-ungarischen Agenten-Thrillerserie „X Company“ spielte sie eine SS-Frau, in „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ nach dem Roman von Helmut Krausser eine Prostituierte. „Ich gebe in jede Rolle so viel von mir, wie ich kann“, sagt Mandoki. Für die Vorbereitung versuche sie jedes Mal, sich in die Lebensrealität der Person so gut wie möglich hineinzudenken. Jeden ihrer Sätze mit einem Gedanken zu untermauern. Um große Emotionen zu spielen, brauche sie dabei manchmal die Hilfe ihrer Muttersprache als Rückversicherung.

Lara Mandoki lässt die Rollen sehr nah an sich heran

Deutsch sei für sie eine eher rationale Sprache. „Wenn ich keinen Zugang zu einem Thema habe, übersetze ich es mir auf Ungarisch.“ Oder sie nehme sich eine deutsche Textpassage auf, um nachzuhören, ob das Gefühl stimme. Zusätzlich arbeite sie nach Lee Strasbergs Method-Acting-Technik, um ihre Figuren ganz und gar zu durchdringen. Die Folge sei, dass sie die Rollen sehr nah an sich heranlasse und nach Drehschluss lange mit sich herumtrage.

"Wir arbeiten mit unserer Seele. Das ist nicht ohne“, sagt sie. Am letzten Drehtag fühle sie sich deshalb häufig, als müsse sie sich von ihrer besten Freundin verabschieden. „Und das ist dann sehr schmerzhaft. Der letzte Drehtag ist für mich immer hart. Ich heule dann Rotz und Wasser, weil ich jemanden verliere, mit dem ich viel Zeit verbracht habe.“

„Ich würde niemandem raten, den Beruf zu wählen, der noch Alternativpläne hat“, sagt Lara Mandoki und lacht, als wir uns über die Gleditschstraße auf den Rückweg machen. Glücklicherweise verspreche 2020 ein arbeitsintensives Jahr zu werden. Und die mangelnde Sicherheit bringe schließlich auch viel Flexibilität und Offenheit mit sich. Den geplanten Kaffee hat sie bei allem begeisterten Erzählen ganz vergessen.