Berliner Spaziergang

Nadeshda Brennicke: „Ich kann mich nicht führen lassen“

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Ein Spaziergang mit Schauspielerin Nadeshda Brennicke.

Schauspielerin Nadeshda Brennicke in Prenzlauer Berg

Schauspielerin Nadeshda Brennicke in Prenzlauer Berg

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Erst übertönt das Rollkofferklackern die Wehmut. Nadeshda Brennicke ist auf Durchreise, mit leichtem Gepäck durch ein früheres Leben in der Stadt, die mal ihr großes Abenteuer war. Die Erinnerungen warteten schon an der Schönhauser Allee auf sie: an Jagger, ihren schwarzen Mini-Mischlingshund. Er saß im Hut eines Obdachlosen, wo früher die Punks schon am Vormittag tranken, da wo heute ein Café steht, das es so noch 47 weitere Male in Deutschland gibt.

Brennicke erzählt, wie sehr sich ihr Sohn diesen Hund wünschte, wie Jagger zwölf Jahre in ihrem Leben blieb. Er ist mit ihr aufs Land gezogen, in den Oderbruch. Jagger, Sohn des wilden Willy von der Schönhauser Allee, war ein Stadthund durch und durch, ist immer wieder ausgerissen. Sein Frauchen sagt: „Ich war dort eine Zeit lang sehr glücklich.“ Aber jetzt steht sie nach über knapp 20 Jahren wieder auf dem nassen Kopfsteinpflasterschimmer im Skandinavischen Viertel, ihrem Kiez, trägt einen braunen Mantel, die Ärmel des Wollpullis über die Finger gezogen, ein paar Lachfältchen unter dem Make-up. Und sie kommt aus dem Staunen kaum heraus.

Der Mut, das Glück immer wieder neu zu finden

Da leuchtet ein Discounter, wo sie mit Jagger über Brachen lief. Da türmen sich Neubauklötze über der Ringbahn, sind Fassaden so blank wie in ihrer Heimat München. Und vieles von ihrem Berlin ist gar nicht mehr da: das „Kopenhagener Eck“, zu dem Brennicke die Filme von David Lynch einfallen, die illegalen Clubs an der Münzstraße, der Platz im Mauerpark.

Wer mit Nadeshda Brennicke durch ihren alten Kiez spaziert, muss nicht weit laufen, um mitten in ihrer Lebensgeschichte anzukommen. Darin geht es um eine alleinerziehende Mutter und die Freiheit. Um die Leere in der Großstadt, die Flucht in die Provinz. Und um das Älterwerden in einer jugendbesoffenen Branche. Sie handelt von einer Frau, die immer wieder den Mut hat, das Glück neu zu finden.

Brennicke war 18, als sie Sönke Wortmann in ihrem Abschlussjahr an der Schauspielschule in München entdeckte. 1991 die erste Hauptrolle in der Komödie „Manta – Der Film“. Dann für Christian Petzold in „Pilotinnen“. Sie war Ermittlerin in der Krimi-Serie „Die Straßen von Berlin“. Sie sang und komponierte, spielte im „Tatort“, drehte Kinderfilme, wurde als die „Banklady“ gefeiert, nahm Preise entgegen. An Weihnachten ist sie im ZDF-Kinderfilm „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ zu sehen. Nadeshda Brennicke spielt die böse Königin, die in einer sehr körperlichen Darbietung von ihrer Furcht vor dem Alter, vom Neid auf das schöne Schneewittchen zerfressen wird.

In einer Szene entdeckt die Stiefmutter ein graues Haar, reißt es aus, fährt eine Magd an. Fragt man, wie das war, als die wirkliche Brennicke ein graues Haar entdeckte, dann sagt sie: „Ich würde im Leben nicht darauf kommen, das auszureißen.“ Aber versucht man, ihr mehr über das Älterwerden zu entlocken, dann ist man auch ziemlich schnell fertig. Sie sagt, man solle in zehn Jahren noch einmal nachfragen.

Rollkofferklackernd zum Haus der Sinne

Aber jetzt rollkofferklackern wir durch die Vergangenheit. Wir laufen von der Brücke über die Bahngleise, die einst zwischen Ost und West lagen, biegen in die Kopenhagener Straße, die früher ganz schon runter war, wie Brennicke sagt, biegen rechts in die Ystader, gehen vorbei an Wohnzimmern, in denen früher Freundinnen wohnten, bleiben dann vor einer besprühten Wand stehen, auf der in Neon „Haus der Sinne“ steht. Ein Hinterhof und ein paar Stockwerke trennen uns hier von Brennickes früherer Wohnung.

Aus irgendeinem Grund weiß sie das Datum noch: Am 16. April Mitte der Neunziger beschloss sie mit dem Mann, wegen dem sie nach Berlin kam, ein Kind zu machen. Sofort. „Wir haben uns das richtig romantisch ausgedacht. In einer alkoholreichen Nacht. Verklärt. Es hat dann auch gleich geklappt.“ Und so war Nadeshda Brennicke mit 22 am Anfang einer langen Schauspielkarriere. Und Mutter, bald alleinerziehend.

Sie zog hier her, in die Ystader Straße, in die oberste Etage über der Tango-Bar „Haus der Sinne“. Sie erzählt, wie ihr die Vermieter sechs Monate die Miete erlassen haben, damit sie die frühere Fabriketage umbaut, wie Wände eingerissen wurden, ein Bad und ein Tonstudio entstanden, wie sie sich ein Loft mit Blick auf die Lichter von Wedding und Prenzlauer Berg ganz nach ihren Wünschen eingerichtet hat. „Das war die schönste Wohnung, die ich je hatte.“

Wir laufen durch den Innenhof, und Nadeshda Brennicke erzählt von Matze, dem riesenhaften Nachbarn, der in seiner Werkstatt im Hof Norton-Motorräder zerlegte – und einmal im Jahr eine Wildsau, deren Reste er über den Zaun Richtung Gleise warf. „Das war eben wilder Osten.“

Hinter dem Schaufenster zum „Haus der Sinne“ wartet die Bühne auf den nächsten Tanz. Nadeshda Brennicke sagt, sie sei oft hier gewesen, liebe den Tango für seine Sinnlichkeit, könne den Paaren stundenlang zusehen. Getanzt hat sie ihn nie. Sie sagt: „Ich kann mit mir alleine toll tanzen. Aber ich kann mich nicht führen lassen.“

Der Sohn ging bald in die Schule an der Ecke. Mehr als der Vater, so erzählt es Brennicke, kümmerte sich dessen Mutter um ihn. Trotzdem spricht Brennicke heute voller Dankbarkeit über den Vater ihres Jungen, er habe ihr ein wundervolles Kind geschenkt. Und im Alleinerziehen habe sie auch eine Freiheit entdeckt. Keine Diskussionen um Erziehung oder Umzüge. Sie hatte das Sagen.

Drehen, Karriere, roter Teppich. Das ging dank Au-pairs, die Brennicke wie Familienmitglieder beschreibt. Sie zogen ein und mit ihnen um, blieben Jahre. Das wilde Berlin brummte weiter, Freunde stürzten sich in Clubnächte. Mit auf den Spielplatz zog es die wenigsten. Blickt man auf Brennickes Filmografie in diesen Jahren, dann könnte man sagen: Sie drehte einen Film nach dem anderen. „Ich habe da ehrlich gesagt gar nicht so groß selektiert. Ich musste ja ein Kind großziehen.“

Wir haben inzwischen eine Straße weiter eine Bar betreten, die es noch nicht gab, als das hier noch ihr Kiez war. Es ist einer dieser Läden mit Second-Hand-Couchen und minimalistischer Deko. Auf Szene-Webseiten wird sie als leicht kurios beschrieben – und ist in Wirklichkeit ziemlich langweilig. Berlin sei heute zu sehr ausverkauft, zu sehr München, sagt Brennicke. In der Zeit, als sie begann, sich fort zu sehnen, hätten auf einmal alle in den Cafés ihre Apple-Logos auf den Laptops abgeklebt.

Und dann da etwas, das ihre Filmografie nicht erahnen lässt: Leere. Denn der Beruf einer Schauspielerin, er besteht zu einem großen Teil aus dem Warten auf die nächste Rolle. „Wenn du dann wartest, dann kannst du dich zwischendrin ganz schön nutzlos fühlen“, sagt sie. Sie suchte Erdung. „Sonst wäre ich irre geworden.“

Auch das habe das Alter gebracht: eine andere Sicht auf das Filmgeschäft. Das erinnert sie manchmal an Hunde, die gegen einen Baum pinkeln. „Pinkelt der erste dagegen, kommen all die anderen. Und auf einmal ist der Baum plötzlich besser als alle anderen, obwohl sich nichts verändert hat.“ 27 Jahre Schauspielerin: Das sind für Brennicke auch Kollegen, die aufgestiegen und gefallen sind. Partys, auf denen einem keiner in die Augen sieht, weil er nach einer wichtigeren Person Ausschau hält. Sie spiele noch heute wahnsinnig gern. Aber: „Für mich ist das jetzt mehr Handwerk. Ich bin eine Dienstleisterin.“ Und Brennicke wurde klar: Sie musste sich noch etwas anderes als das Schauspielen in ihrem Leben aufbauen.

Das fand sie vor gut zwölf Jahren auf einem Hof in Wriezen im Oderbruch. Und begann ein Leben, das kaum gegensätzlicher zu dem zuvor sein konnte. Mit neun Pferden, vier Katzen, zwei Hunden. Mit Rasenmähen, Stallausmisten, Hofsanieren. Brennicke nennt den Hof ihre Trutzburg, weit ab von der Filmwelt. „Ich erschaffe gern etwas, das ich mit meinen Händen wachsen sehen kann, das ist eine ehrliche Arbeit.“

Aber wie so vieles in ihrem Leben war auch Brennickes Traum vom Landleben romantischer, als er noch nicht wahr war. Bei den Menschen im Oderbruch, das erzählt sie heute, ist Nadeshda Brennicke an ihre Grenzen geraten. Stinkig sei die Gegend, sagt sie. Und meint die Mentalität. Sie hätte gedacht, die Menschen freuen sich, wenn sie fröhlich und aufgeschlossen auf sie zugehe. Haben sie nicht. „Ich bin schon selbst negativ genug. Da kann ich es nicht ertragen, wenn mein Umfeld auch noch so düster ist.“

Ihr Sohn ist inzwischen 22 Jahre alt, er wohnt nicht mehr zu Hause. Und Nadeshda Brennicke, allein mit Pferden und muffeligen Bauersnachbarn? Sie hat die Pferde behalten, den Hof verkauft und wieder ein Stück Freiheit gewonnen. Sie zog zurück in die Stadt, kleiner als Berlin, näher an der Natur. „Es war die richtige Entscheidung. Ich wäre da sonst vereinsamt“, sagt sie.

Faszination für Charaktere mit leichtem Wahnsinn

Auch beruflich hat für Nadeshda Brennicke eine Zeit der Umbrüche begonnen. Sie sei jetzt wohl in dem Alter, in dem man die Böse in Kinderfilmen spiele, sagt sie. Das Wort „böse“ scheint dabei nicht das Problem zu sein. Früher habe sie die Frage umgetrieben, warum sie so oft die Antagonistin mimen sollte. Inzwischen hege sie eine Faszination für Charaktere, die einen leichten Wahnsinn in sich tragen, ergründe ihre Figuren mit der Frage, woher die Verletztheit, der Schmerz komme.

Beim Bremer „Tatort: Zurück ins Licht“ etwa: Dort spielte sie eine bipolare Pharmareferentin, die alles unternimmt, ihre Welt aus Schein und Lügen aufrechtzuerhalten. Eine andere Rolle am Rande der Gesellschaft: Nadeshda Brennicke als Busenwunder Silikon Walli im „Polizeiruf 110“. Figuren, die am Rande der Gesellschaft stehen, gebe sie als Schauspielerin gern so viel Liebenswertes wie möglich.

In ihrer aktuellen Rolle ist Brennicke aber nicht nur böse. Sie wird alt – und fordert dafür den Tod von Schneewittchen. Kinderfilme haben für sie einen besonderen Zauber: Man könne den Charakteren etwas Comic-haftes geben. Und Brennicke, die gern die Physis ihrer Rollen studiert, hat für die böse Stiefmutter die Bewegungen einer Schlange imitiert. Und wie sie in der Bar in ihrem alten Berliner Kiez beginnt, ihren Oberkörper im Gespräch leicht zu winden, den Kopf auf dem Hals zu balancieren – wird klar: Es funktioniert.

Auf die neuen Rollen, die jetzt, mit 46 Jahren auf sie zukommen, freue sie sich. „Ich möchte unbedingt noch ganz viele spannende Rollen als Oma spielen.“ Und es sei doch toll, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen auch mit 46 noch eine gesellschaftliche Rolle spielen. Aber dass sie sich nicht einfach mit dem Älterwerden abfinden will, auch das macht sie deutlich. Dass wir auch die Möglichkeit haben, unseren Körper erhalten zu können, wenn wir das wollen, das sei toll. „Wie viel und was wir davon machen, das sollte jedem selber überlassen sein“, sagt Brennicke.

Die Suche nach dem Glück, nach neuen Freiheiten. Sie hat für Nadeshda Brennicke gerade wieder begonnen. Sie lerne jetzt zu surfen, entdeckt das Reisen wieder. Zu Weihnachten hat sie einen festen Programmpunkt. Mit ihrem Sohn Schneewittchen im ZDF gucken. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag steigen Mutter und Sohn in den Flieger nach Lateinamerika.

Der Spaziergang

Herkunft: Nadeshda Brennicke kam 1973 in Freiburg zur Welt und wuchs in München auf. Nach der 10. Klasse ließ sie das Gymnasium und ihr Elternhaus hinter sich – und lernte zweieinhalb Jahre an der Zinner Schauspielschule. Sie ist alleinerziehende Mutter eines inzwischen 22-jährigen Sohnes

Beruf: Im Alter von 18 Jahren wurde sie von Sönke Wortmann entdeckt und spielte die Tina in „Manta – Der Film“. Danach zog sie sich für einige Zeit aus dem Filmgeschäft zurück und sang im Duo „Charade“. Später produzierte sie einige Filmsongs. Es folgte eine Rolle an der Seite von Christoph Walz, 1994 die Hauptrolle in Christian Petzolds Debütfilm „Pilotinnen“. Zu ihren wichtigsten Rollen zählt Brennicke die Anne in „Das Phantom“ (2000), für den sie 2001 den Adolf-Grimme-Preis erhielt. Für „Silikon Wally“ (2002) und „Hotte im Paradies“ (2003) war sie für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. 2010 entdeckte Brennicke die Lebensgeschichte der Gisela Werler, die als erste Frau Deutschlands Mitte der 60er-Jahre Banken überfiel. Sie konnte den NDR für einen Film über sie gewinnen und spielte 2012 die Hauptrolle der „Banklady“. Heiligabend (15.05 Uhr) ist sie im ZDF-Film „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ zu sehen.

Der Spaziergang führte durch ihren alten Kiez in Prenzlauer Berg.