Berliner Spaziergang

Sarah Wedl-Wilson ist an der Spree angekommen

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Sarah Wedl-Wilson, neue Rektorin der Musikhochschule „Hanns Eisler“.

Sarah Wedl-Wilson im Park von Schloss Charlottenburg  Foto:

Sarah Wedl-Wilson im Park von Schloss Charlottenburg Foto:

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Sich am Schloss Charlottenburg zu verabreden, das klingt so einfach. Das ist es aber nicht, wenn man vergessen hat, einen konkreten Treffpunkt zu vereinbaren. Der Berliner spricht gern despektierlich vom Schlossgarten, dabei handelt es sich um eine ausgewachsene Parkanlage, in der man leicht aneinander vorbeilaufen kann. Irgendwann klingelt das Handy, eine fröhliche, zugleich selbstbewusste Stimme mit österreichischem Akzent ist dran. Sarah Wedl-Wilson schlägt einen Treffpunkt rechter Hand auf der Spreeseite vor.

Seit Anfang Oktober ist die Kulturmanagerin als Rektorin der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ im Amt. Sie durchlebt offenbar gerade den Zauber des ersten Augenblicks. „Ich habe die neuen Studierenden begrüßt und sie auch animiert, Berlin in vollen Zügen zu genießen“, sagt sie. „Aber sie sollen bitte nicht mit E-Scootern durch die Stadt fahren, weil wir sie ohne Verletzung durch das Studium bringen wollen.“

75 Prozent der 500 Studierenden kommen aus aller Welt angereist

Wir gehen zu Fuß an der Spree entlang. Die Rektorin ist eine Macherin, der Schluss liegt nahe, weil sie beim Spaziergang gern zielgerichtet vorneweg laufen möchte. Ihren Studenten hat die gebürtige Britin, die in Cambridge Sprachwissenschaften – Französisch und Deutsch – studiert hat, noch weitere Ratschläge mitgegeben. „Ich habe unseren Studierenden nahegelegt, sich mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen. Das soll als erstes aus Respekt vor dem Land, das sie als Studierende aufnimmt und ihnen die Ausbildung finanziert, geschehen.“ Die Eisler versteht sich als eine führende Musikhochschule, an der viele international erfolgreiche Künstler ihren Nachwuchs ausbilden lassen. 75 Prozent der rund 500 Studierenden kommen aus aller Welt angereist. Von einem überirdischen Niveau spricht die neue Rektorin.

Die Britin spricht ein geschliffenes Deutsch

Darüber hinaus sei das Erlernen der deutschen Sprache wichtig, so Wedl-Wilsons Ansage, weil erst dann der große Reichtum an Dichtung zugänglich werde. „Ich habe ihnen von Goethe und Schiller, Eichendorff und Heine erzählt. Ich finde es wichtig, sich in einer neuen Stadt immer mit der Literatur auseinanderzusetzen. Die Sänger unter ihnen tun das sowieso, weil sie auch literarische Texte singen müssen.“

Die Britin spricht selbst ein beeindruckend geschliffenes Deutsch und gehört als Kulturmanagerin zu jenen, die sich in jeder Lage und wohl jeder Sprache politisch korrekt ausdrücken können. Ein Beispiel. Sie spricht fast durchgehend von Studierenden. Sie findet es flapsig, nur Studenten zu sagen. Das müsse gegendert und die Studentinnen ebenfalls erwähnt werden. Natürlich hat sie recht, auch wenn zu befürchten ist, dass wir künftig korrekterweise von E-Scooter-Fahrern und E-Scooter-Fahrerinnen sprechen müssten. Was Gespräche nicht einfacher macht.

Die Königsmacherin im internationalen Kulturbetrieb

Zwischendurch bleiben wir stehen und blicken auf die Spree. Der Fluss scheint ihr wichtig zu sein, es klingt so, als sei sie jetzt an der Spree angekommen. „Wenn man von Stadt zu Stadt wechselt, nimmt man auch viel der Geschichte mit sich mit. Bedeutende Städte liegen immer an Flüssen, die eine Lebensader sind.“ Sie zählt für sich auf: Themse, Cam, Rhein, Inn und Salzach, immer wieder Donau, jetzt Spree. Dahinter stehen die Städte, in denen sie bisher gelebt, studiert, gearbeitet hat. Sie war in London, bei der Camerata Salzburg, an der Kölner Philharmonie oder künstlerische Leiterin auf Schloss Elmau. Zuletzt war sie Vizerektorin am Mozarteum Salzburg und dann Interimsleiterin. Seit Ende 2018 ist sie als Headhunterin unterwegs gewesen – eine Königsmacherin im internationalen Kulturbetrieb. Worüber sie nicht weiter redet, sie ist von freundlicher Diskretion.

Die Mutter Klarinettistin, der Vater Tonmeister bei der BBC

Mit Blick auf die Spree merkt sie beiläufig an, dass für sie die Qualität des Trinkwassers, die in Berlin hoch wäre, wichtig sei. „Ich hätte in keine Stadt ziehen können, wo das Trinkwasser nicht schmeckt.“ Wir laufen weiter und kommen auf ihre britische Familie zu sprechen, es handelt sich natürlich um eine Musikerfamilie. Die Mutter eine Klarinettistin, der Vater arbeitete lange Jahre als Tonmeister bei der BBC. „Meine Mutter war als erste Klarinettistin des Nationalen Jugendorchesters von England 1959 nach Berlin gekommen“, erzählt sie. „Das Orchester wurde im Rathaus Schöneberg vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt empfangen.“ Davon habe ihre Mutter viel erzählt. 60 Jahre später dürfe sie hierher kommen, das sei schon etwas Besonderes.

Dabei hat Sarah Wedl-Wilson selbst eine lange Beziehung zu Berlin, die bis in die Zeit des Mauerfalls zurückreicht. Im Jahr 2000 war sie dann an der Seite des Dirigenten René Jacobs Geschäftsführerin der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik geworden. Und damit ein Kooperationspartner für Berlin. „Jacobs leitete an der Staatsoper die Barocktage, also kam ich jedes Jahr mindestens eine Woche im Januar nach Berlin. Es ist immer noch ein Teil der Mannschaft an der Staatsoper, mit denen ich damals so intensiv zusammen gearbeitet hatte.“

Aber zurück zur Musikerfamilie. Ihre drei Jahre jüngere Schwester, erzählt die Kulturmanagerin, ist Sängerin geworden. Auch sie hat ein Faible fürs Wasser, denn sie lebt auf einem Hausboot. „Es ist ihre Liebe zur Flexibilität und ihre Sehnsucht nach außergewöhnlichen Orten. Sie lebt nordöstlich von London auf sehr flachem Land. In Ely gibt es eine wunderbare Kathedrale, dabei ist es eigentlich ein kleines Dorf.“ Die Kathedrale kennt auch in Deutschland jeder, der mal das Cover von Pink Floyds „The Division Bell“ in der Hand hielt. Teile des Albums wurden auf einem Hausboot aufgenommen.

Lieber Altbauwohnung als Hausboot

„Dort sind Hausboote gang und gäbe“, sagt Sarah Wedl-Wilson. Ihrer Schwester mache es viel Spaß, auf einem zu leben. „Sie ist aber auch viel unterwegs. Sie kommt dann immer zurück zu dieser Ursprünglichkeit des Lebens auf dem Wasser.“ Für sie selber, die seit Jahrzehnten von Stadt zu Stadt zieht, liegt der Gedanke aber fern. „Ich bin lieber am Wochenende als Seglerin auf dem Wasser. Und komme in meine warme Altbauwohnung zurück.“ Ihre neue Wohnung hat sie in Charlottenburg unweit vom Schloss gefunden. Nach ihrer Beschreibung war die Wohnungssuche nicht ganz einfach.

Wir haben uns im Park verlaufen. Dabei sind wir nur geradeaus an der Spree entlang gegangen. Aber der Fotograf wartet an der Roten Brücke. Wir gehen ein Stück zurück und biegen nach links ab. Das Foto entsteht vor der malerischen Kulisse des Charlottenburger Schlosses. Mehrmals muss der Fotograf unterbrechen, weil Parkbesucher auf der schmalen Brücke vorbei wollen. Es sind erstaunlich viele lächelnde Besucher in der Morgenstunde unterwegs.

Sarah Wedl-Wilsons Lust auf einen Spaziergang im Park und wahrscheinlich auch ihr Drang, vorneweg laufen zu wollen, findet im Gespräch schnell eine Erklärung. „Ich habe diese Route ausgesucht, weil ich sie mehrfach in der Woche morgens laufe“, sagt sie. „So wie sich Künstler bemühen müssen, gesund zu bleiben, ist es auch für Manager wichtig. Man muss fit sein, um durchsetzungsfähig zu bleiben. Wer sich regelmäßig bewegt, geht auch mit mehr Freude in den Alltag.“

Im Sommer hat sie eine Alpenüberquerung gemacht

In Salzburg hat die sportive Rektorin in den letzten Jahren auf 900 Meter Höhe gelebt. „Also wirklich in den Bergen“, wie sie betont. „Meine Urlaubsleidenschaft ist es, in die Berge zu gehen. Bei komplizierteren Touren gerne auch mit einem Bergführer. Im vergangenen Sommer habe ich eine Alpenüberquerung von Berchtesgaden bis Drei Zinnen gemacht. Das war eine Woche mit vielen Höhenmetern und Übernachtungen auf Berghütten.“ In Erinnerung geblieben ist ihr auch eine Hütte, in der sich 200 Menschen zwei Toiletten teilen mussten.

Aber die Kulturmanagerin gehört zu jenen Menschen, die lieber das Positive betonen. „Für mich sind diese Wanderungen fast spirituelle Erlebnisse, weil man die Kraft der Berge spürt. Man kann wunderbar nachdenken, Dinge im eigenen Leben sortieren, knifflige Probleme und Freundschaften überdenken.“ Ihren SUV hat sie verkauft, bevor sie nach Berlin gekommen ist. Die BVG, glaubt sie, mache „einen tollen Job.“ Inzwischen haben wir die Brücke verlassen und nehmen den Weg in Richtung Schlossanlage.

Was sind die ersten Schritte, um in einer neuen Stadt anzukommen? „Ich suche mir ein Stammrestaurant, quasi eine Art Kantine. Meistens ist es ein Italiener. Ich finde es wahnsinnig schön, nach einem langen Arbeitstag in ein Restaurant zu gehen, auch mal allein, was in Berlin einfacher ist als in anderen Städten. In Berlin sind viele Menschen allein unterwegs. Ich brauche ein Stammlokal, wo der Kellner schon weiß, welches Glas Wein man gerne haben möchte.“

Viele Bekannte bei einem Abend in der Philharmonie

Ihre ersten beiden Gratulanten zum Berliner Rektorenamt waren der Sänger Thomas Quasthoff und der Pianist Wolfram Rieger. „Das sind zwei Professoren der Eisler, die ich gut kenne.“ Wobei sie nicht Thomas, sondern Tommy sagt. Als sie nach Berlin kam, hat sie erst einmal gestaunt, wer von ihren Bekannten und Freunden alles in Berlin lebt. „Ich habe einmal meine Kontakte mit dem Stichwort Berlin sortiert und bekam eine Riesenliste.“ Wenn sie in die Philharmonie gehe, träfe sie sofort viele Bekannte, vor und hinter der Bühne. Die große Stadt habe für sie nichts abweisendes, sondern nehme einen auf. „Die Pluralität und die Offenheit sind in Berlin etwas Besonderes“, sagt sie und fügt hinzu: „Und man kann sich anziehen wie man will.“

Mehrfach erzählt sie an diesem Vormittag, dass zwei ihrer insgesamt fünf Patenkinder in Berlin leben. Die Nähe macht sie glücklich. „Kinder bringen einen sofort runter, denn sie interessieren sich überhaupt nicht für den Alltag einer Rektorin. Es geht mehr darum, was man gemeinsam unternehmen kann, wann man in den Zoo geht und was ich für Geschenke dabeihabe.“ Es sind übrigens die Kinder des Dänen Ole Baekhoj, der als Intendant des Pierre Boulez-Saals unweit der Eisler-Hochschule in Mitte residiert.

Wie der Brexit aus der Britin eine Österreicherin machte

Es ist unmöglich, mit einer Britin nicht über den Brexit zu reden. „Ich habe gerade die Prüfung für die österreichische Staatsbürgerschaft gemacht“, sagt Sarah Wedl-Wilson. „Ich kann jetzt viele Fragen zur Demokratie beantworten und zum Kaiser Franz Joseph. Oder auch zu den Flüssen im Land. Es war für mich total ungewohnt, sich auf eine solche Prüfung vorzubereiten.“

Den Brexit empfindet sie als eine Katastrophe für ihr Land, und sie sei tieftraurig darüber. Nach der Brexit-Entscheidung habe sie einige Zeit gebraucht, um festzustellen, dass sie sich in erster Linie als Europäerin fühle und in zweiter Linie als Britin. „Deshalb fiel mir die Entscheidung, die britische Staatsbürgerschaft abzulegen, um Europäerin zu bleiben, am Ende nicht schwer. Ich habe gemerkt, was es für mich bedeuten würde, nicht mehr Europäerin zu sein.“

Boris Johnson bezeichnet sie als völlig unberechenbar. Und er bewege sich außerhalb des Gesetzes. „Es ist schwer einschätzbar, was alles passieren kann. Viele Briten stellen sich schon die Frage: Was heißt eigentlich Demokratie?“

Inzwischen sind wir einmal ums Schloss herumgelaufen und suchen einen Ort für einen Kaffee. Wir stehen aber nur vor verschlossenen Türen. Zu dieser frühen Stunde hat auf beiden Seiten des Spandauer Damms alles noch geschlossen. Vorm Museum Berggruen finden wir eine Parkbank. „Die Schloßstraße ist toll, weil die Leute hier langflanieren können“, sagt Sarah Wedl-Wilson. „Die breiten Straßen mit den vielen Bäumen sind etwas Besonderes an Berlin. Ich finde das herrlich.“ Wir sitzen noch einige Minuten in den Sonnenstrahlen und reden. Der Abschied ist herzlich.

Zur Person

Ausbildung Sarah Wedl-Wilson wurde 1969 in Watford – nordwestlich von London – in eine Musikerfamilie hineingeboren. Sie begann mit dem Geigenspiel und fungierte als Konzertmeisterin in Jugend- und Laienorchestern. In Cambridge studierte sich Sprachwissenschaften (Französisch und Deutsch).

Stationen Ihre Karriere als Kulturmanagerin startete sie 1991 in London, von wo aus sie zur Camerata Salzburg wechselte. 1996 übernahm sie das Betriebsbüro der Kölner Philharmonie, ab 1997 war sie Künstlerische Leiterin in Schloss Elmau. 2000 wurde sie Geschäftsführerin der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. 2014 wechselte sie vom Kulturmanagement in die Musikerausbildung. Sie wurde zur Vizerektorin für Außenbeziehungen an die Universität Mozarteum Salzburg berufen und 2017 Interimsrektorin. Seit 1. Oktober 2019 ist sie Rektorin der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler.

Familie Sie lebt in Charlottenburg, ist vom österreichischen Unternehmer Leopold Wedl geschieden.

Spaziergang Am Schloss geht es rechter Hand an der Spree entlang. Für den Fototermin laufen wir zur Roten Brücke. Von dort aus nehmen wir den Weg zurück zum Schloss, gehen zwischen den Orangerien hindurch über den Spandauer Damm. Der Spaziergang endet an einer Parkbank.