Berliner Spaziergang

Was Helge Heidemeyer mit der Stasiopfer-Gedenkstätte vorhat

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal treffen wir Helge Heidemeyer, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Helge Heidemeyer in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Helge Heidemeyer in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Foto: Reto Klar

Berlin. Kurz vor zehn Uhr morgens stehen an diesem feuchtwarmen Frühherbsttag schon fünf Schulklassen hinter dem schweren, drei Meter hohen Einfahrtstor in das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Sie warten auf den Beginn ihrer Führungen durch die einst zentrale U-Haftanstalt der Staatssicherheit der DDR. Hohenschönhausen – ein weitgehend authentisch erhaltener Ort der Zeitgeschichte für menschliche Schikanen, Erniedrigungen und Quälereien. Eingesperrt und verhört wurden hier die „Politischen“: Oppositionelle, gescheiterte Flüchtlinge, Menschen mit unerlaubten Westkontakten.

Als mich der Leiter der Gedenkstätte, Helge Heidemeyer, inmitten der Schülerschar begrüßt, äußere ich erst mal meine Überraschung darüber, was hier schon am relativ frühen Vormittag los sei. Heidemeyer, seit September im Amt, kann in diesem düsteren Umfeld die erste gute Botschaft verkünden: „Täglich sind es etwa 1500 Besucher. Drei Viertel von ihnen sind Schulklassen. Für Einzelbesucher bieten wir zu jeder vollen Stunde Führungen an.“

Die Mehrzahl der Schüler kommt aus dem Westen der Republik. Aus dem Osten kommen auch deshalb weniger, weil es dort ähnliche Gedenkstätten wie Hohenschönhausen gibt. Aber es könnten, so ist Zwischentönen zu entnehmen, mehr Schüler aus den neuen Bundesländern kommen.

Die Zeitzeugen sind von zentraler Bedeutung

Von den 110 Referenten, die die Besucher durch die Haftanstalt mit ihren im Originalzustand erhaltenen Zellen, Verhörzimmern, langen, mehrfach durch Eisengitter und Alarmanlagen gesicherten Gängen, auch durch eine Gummizelle führen, ist noch etwa jeder Dritte ein ehemaliger Häftling und damit ein Zeitzeuge. „Früher waren es mehr. Von ihren Erzählungen und persönlichen Erfahrungen lebt Hohenschönhausen ganz stark. Aber viele sind inzwischen altersmäßig ausgeschieden, und angesichts der großen Besucherzahl könnten wir das gar nicht mehr anders als mit neuen Referenten stemmen.“

Und die Reaktion vor allem der jugendlichen Besucher? „Die meisten sind sehr berührt. Referenten berichten, dass selbst wildeste Klassen im Laufe der Führung sehr still würden. Das Authentische beeindruckt eben. Es ist unsere Stärke. Deshalb überlegen wir, wie wir die weniger werdenden Zeitzeugen künftig in unsere Arbeit einbinden.“ Erste Gedanken hat der Nachfolger des gekündigten Hubertus Knabe schon. „Eine neue Form könnten Zeitzeugengespräche sein. Authentische Lebensgeschichten können über die Haftbedingungen hinaus weiterführende Erfahrungen vermitteln.“

Fotograf Reto Klar bittet den 56-Jährigen, der bis zum Sommer dieses Jahres Leiter der Abteilung für Bildung und Forschung in der Berliner Stasi- Unterlagenbehörde war, zum Foto vor eine Zellentür. Diese Bitte an dieser Stelle zu erfüllen, fällt dem Historiker spürbar nicht ganz leicht. Schnell drängt es ihn wieder nach draußen; Authentizität hin, der unausrottbare Geruch des DDR-Universal-Desinfektionsmittels „Wofasept“ her. Ein Gefängnis ist auch wahrlich kein passender Ort für einen Spaziergang.

Für den hat sich Helge Heidemeyer etwas anderes überlegt. Wir wollen das gesamte ehemalige Sperrgebiet umrunden. Zu DDR-Zeiten war das etwa 14 Hektar große Gelände auf allen Stadtplänen ein weißer Fleck, nicht existent. Die Stasi in Hohenschönhausen, das war nicht nur das Gefängnis mit seiner Mauer und den Wachtürmen. Eingemauert, streng bewacht und nur mit Sonderausweis zu betreten war auch das Gebiet zwischen Bahnhofstraße im Norden, Werneuchener Straße im Süden, der Genslerstraße im Osten und Teile der Goecke- und der Große-Leege-Straße im Westen. Dort hatte die Stasi Platz und Raum für große Teile ihrer Infrastruktur geschaffen. Von Waffenmagazinen bis zur Abteilung „Sicherungsbau“. Im weiteren, einst teilweise auch eingemauerten Umfeld wohnten fast ausschließlich Mitarbeiter der Stasi. Die Zahl derer, die in beiden bis Ende 1989 eingemauerten Sperrzonen arbeiteten, wird auf etwa 2500 geschätzt.

Gleich zu Beginn unseres Rundgangs gegenüber der Hauptzufahrt zum Gefängnisareal an der Genslerstraße zeigt Heidemeyer auf einen langgestreckten, mehrstöckigen Plattenbau. „Gebaut für den sogenannten Operativ- Technischen- Sektor (OTS). Der war verantwortlich für Entwicklung, Produktion und Instandhaltung von Abhör- und Bespitzelungstechnik aller Art.“ Ein Geheimdienstarsenal von Abhöranlagen und Fotoapparaten über Tarn- und Beobachtungsvorrichtungen bis hin zu Nachschlüsseln für konspirative Hausdurchsuchungen und Geräten für die spurenlose Brieföffnung. Allein für den OTS waren 1085 Geheimdienstler im Einsatz. „Nach mehrjährigem Leerstand sind in dem Haus jetzt Ateliers für Künstler eingerichtet. Das ist doch eine wirklich positive Wende. Aus Kreativität zur Überwachung von Menschen ist Künstlerkreativität geworden“, freut sich der im nordrhein-westfälischen Remscheid geborene Heidemeyer.

Ein Westdeutscher, der sich seit Jahren mit dem einstigen Repressionsapparat der DDR befasst? Zufall oder persönliche Erfahrungen? „Das Thema bewegt mich seit meinem Studium. Und in meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Frage befasst, warum so viele Menschen die DDR verlassen haben und wie sie in der Bundesrepublik aufgenommen wurden. In Westdeutschland war das Interesse an der DDR damals nicht besonders groß. Da dachte ich mir, diese Wissen- und Erfahrungslücke ein bisschen mit abzubauen, wäre eine lohnende Aufgabe.“ Eine ebenso pragmatische wie richtige Einschätzung. Er hat von 2002 bis 2005 als wissenschaftlicher Leiter die Erinnerungsstätte Flüchtlingslager Marienfelde aufgebaut, später leitete er die Abteilung Bildung und Forschung bei der Stasi-Unterlagenbehörde.

Zu dieser Zeit muss zwischendurch noch eine Frage erlaubt sein. In der Behörde lagern ja noch tausende Säcke mit Schnipseln aus Stasi-Dokumenten. Steckt in diesen Säcken noch Brisantes, sind überraschende Enthüllungen noch zu erwarten? „Wir wissen nicht, was noch drin steckt. Das meiste ist wertlos. Aber den einen oder anderen interessanten Fund könnte es schon geben.“

Während wir entlang der einstigen Sperrmauer an der Genslerstraße unseren Weg fortsetzen, kommen wir an einer Stele vorbei. Eine von vielen. Sie markieren nicht nur die ehemalige Sperrzone. Mit Fotos und schriftlichen Informationen klären sie darüber auf, was dort einst vor den Augen der eigenen Bevölkerung verborgen wurde.

„Unsere“ Stele ist durch Graffiti-Sprayer ziemlich verschmiert. „Ein bedauernswerter Zustand. Wir müssen den Bezirk mal wieder bitten, etwas zu tun.“ Die Beziehungen zwischen der Gedenkstätte und dem politisch von der einstigen PDS und heutigen Linkspartei dominierten Bezirk waren über viele Jahre eher gespannt. So hat es lange gedauert, bis sich der Bezirk für die Aufstellung von Hinweisschildern zur Gedenkstätte durchringen konnte. Hat sich das Verhältnis mittlerweile entspannt? „Es hat sich gebessert“, sagt Heidemeyer. Und fügt hinzu: „Auch wir sind ja interessiert an einer guten Zusammenarbeit.“

„Ich glaube, dass vieles versunken ist“

Abgesehen von der noch immer nicht ganz überstandenen Krise um den alten Vizedirektor wegen seines offenbar ebenso rüden wie machohaften Führungsstils wurde von der Sache her in der Vergangenheit gute Gedenkstättenarbeit geleistet. Dem stimmt der neue Leiter zu. „Die Besucherzahlen sind kaum noch zu toppen, wenn die Qualität der Führungen gewahrt werden soll. Pro Jahr sind es jetzt etwa eine halbe Million. Auch räumlich stoßen wir an Grenzen. Wir können nicht Gruppe an Gruppe reihen. Sie sollen nicht größer als 24 Besucher sein. Und sie brauchen größere Abstände für die Erklärungen durch die Referenten an den authentischen Tatorten innerhalb der Gebäude.“

Wo will Helge Heidemeyer neue Schwerpunkte setzten? „Ich möchte zweierlei. Einmal noch stärker vom Ort aus denken. Indem wir Bildungs- und Forschungsprogramme entwickeln, dabei auch Geld aus staatlichen Förderprogrammen einwerben. Und wir können die elektronischen Möglichkeiten noch intensiver für unsere Arbeit nutzen. Unser größtes Potenzial aber bleibt die Authentizität unseres Ortes.“

Und die andere Zielsetzung? „Wir müssen stärker in Kontexten denken, Kooperationen eingehen. Etwa mit der Mauergedenkstätte Bernauer Straße und der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße; auch die Rolle der ehemaligen Volkspolizei einbeziehen. Die Stasi war ein wesentlicher Faktor, aber nicht das alleinige Repressionsorgan.“

Da spricht der Historiker und Wissenschaftler mit reicher Erfahrung. Er tut das ganz ruhig, abwägend, aber auch mit einer schon ziemlich genauen Vorstellung von dem, was erreicht werden soll. So versteht er seine neue Aufgabe auch als Auftrag, die Demokratie zu stärken und angesichts der gesellschaftlichen und politischen Spannungen im Land vor dem Umschlagen der Freiheit in staatliche Repression zu mahnen.

„Die Gedenkstätte Hohenschönhausen steht im Ruf, nur den Repressionscharakter zu zeigen. Das ist wahr. Wahr ist auch, dass die Menschen aus der einstigen DDR eine differenziertere Wahrnehmung über ihr früheres Leben haben. Nämlich das Gefühl, dass das normale Leben scheinbar nichts mit dem Unterdrückungsapparat zu tun hatte. Aber in der Realität konnte ein solches Leben sehr schnell umschlagen. Dann fand man sich hier in der Haftanstalt wieder. Hier konnte landen, wer für sein schwer krankes Kind medizinische Hilfe im Westen erreichen oder eben das Land verlassen wollte, um frei zu werden. Auch aus vermeintlichem Rowdytum wurden politische Delikte konstruiert mit der Folge, inhaftiert zu werden.“

Wird das heute alles allzu leicht verdrängt? „Ich glaube eher, dass vieles versunken ist. Wenn man die richtigen Zusammenhänge herstellt, wird der eine oder andere sagen, ja, das stimmt, so war es. Das ist dann ein Beitrag zur Aufklärung des gesamten Systems der DDR. Hohenschönhausen ist ja kein Solitär; weder heute in der Gedenkstättenkultur, noch damals im Unterdrückungssystem. Daraus können und müssen wir lernen. Auch um unsere Demokratie zu schützen.“

Wir haben die Sperrzone in einer knappen Stunde umrundet. Dabei erfahre ich, dass der Chef der Gedenkstätte auch sportlich auf der Höhe ist. Rank und schlank ist er, ein passionierter Radfahrer und Schwimmer. Von seiner Wohnung in Friedenau fährt er täglich ganz umweltbewusst mit S-Bahn und Rad hinaus an den Ostrand der Stadt.

Bevor er an seinen Schreibtisch zurückkehrt, zeigt er mir einen nur noch schwer zu entdeckenden Rest der alten Sperrmauer. Wir stehen an der Freienwalder Straße. Dort, wo heute ein Lidl-Werbeposter hängt, war einst der Hauptzugang in die Sperrzone und damit auch die Zufahrt in das Stasi-Gefängnis. Rechts der Straße, von wildem Gestrüpp fast versteckt, steht das Stück einer Vergangenheit, die mahnt, auch wenn sie überwunden scheint.

Auf dem Weg zu meinem Auto kommt mir eine Schulklasse entgegen. Auffallend still. Als ich ein Mädchen frage, mit welchem Eindruck es die Gedenkstätte verlässt, zögert es ein paar Sekunden. Dann: „Schrecklich. So etwas darf nie wieder geschehen.“ Die Umstehenden nicken stumm.