Berliner Spaziergang

Anika Decker – Kämpferin gegen die Klischees

Drehbuchautorin („Keinohrhasen“) und Regisseurin Anika Decker über das Schreiben und Gleichberechtigung.

Anika Decker im Weinbergspark

Anika Decker im Weinbergspark

Foto: Reto Klar

Es ist schwer, Anika Decker zu übersehen. Sie sticht aus den Jogginghosen heraus, die sich hier an diesem Vormittag im Weinbergspark tummeln. Immer wieder ein Windstoß, der ihren seidenen Kimono episch aufpustet. Hohe Schuhe, die Haare zum Dutt frisiert. Sie steht da gerade noch mit ihrem Freund und Rudi, dem kleinen weißen Hund, ganz privat, und unterhält sich mit anderen Hundebesitzern. Kurz darauf, ohne die Familie und gewissermaßen beruflich, merkt man schnell, dass es da keinen allzu großen Unterschied gibt.

Nahaufnahme: geschminkte Augen, erdige Töne, dezent schimmernd; zart geschmiedete Ringe an den Fingern mit manikürten Nägeln. Man schaut sich das gerne an. Wie auch immer – eigentlich sollte sowas ja egal sein. Über einen Mann würde man so wohl auch nicht schreiben. Ihn auch nicht fragen, wie er das denn mit Karriere und dem Rest so hinbekomme. Nach dem Gespräch mit Decker, Verfechterin einer gleichberechtigten Gesellschaft, („Mütter müssen tun, als hätten sie keine Kinder, für Väter spielt es keine Rolle – absurd!“) könnte man meinen, dass sie ungefähr sowas sagen könnte, wenn sie also den Anfang dieses Texts liest.

Cappuccino und Apfelsaftschorle in der Sonne

Aber das stimmt vielleicht nur halb. Auf Instagram postete sie vor dem Treffen noch ein Foto von sich mit Dank an Visagistin und Stylistin, die ihr an diesem Morgen assistiert hatten. Wieso sollte das eine das andere auch überhaupt ausschließen?!

So sieht sie fast etwas aus wie ein Filmstar da im Park. Inmitten der malerischen Kulisse. Wir sind auf der Suche nach Motiven für das Foto. Decker fackelt nicht lange, stellt sich mit den hohen Hacken auf Baumstämme. Eben warnte sie noch, unfotogen zu sein. Der Fotograf scheint mehr als zufrieden, das mit den Fotos geht also schnell. Die stürmischen Böen zwingen uns nun, das Interview im Nola’s fortzuführen. Es gibt Cappuccino und Apfelsaftschorle in der Sonne.

Arbeit mit Til Schweiger und Iris Berben

Anika Decker. Den Namen kennt man. Wem die genaue Zuordnung fehlt, bitte sehr: Drehbuchautorin von „Keinohrhasen“, „Zweiohrküken“, „Rubbeldiekatz“ und „SMS für dich“. Regisseurin und Drehbuchautorin von „Traumfrauen“ und „High Society“. Sie hat mit vielen deutschen Schauspielgrößen zusammengearbeitet. Iris Berben, Jürgen Vogel, Katja Riemann. Ihr Anfang mit Til Schweiger katapultierte sie nach Jahren des „Herumkrepelns“ dahin, wo sie zeitweise nicht mal mehr hingeschielt hatte.

Als sie noch einen Produktionsjob unter der Woche machte und nachts sowie an allen freien Tagen schrieb und schrieb und… am Ende in einem Jahr gerade mal 8000 Euro brutto damit verdiente: „Ich war 80 oder 90 Prozent meines Lebens total pleite.“ All ihre Ideen, das, was da aus ihr rauskam, verkaufte sie damals zu Schleuderpreisen. Dumm. Aber dass ihr geistiges Gut sehr viel mehr wert ist als diese wenigen Scheine, wurde ihr erst viel später bewusst – als der Erfolg kam und damit auch das Selbstbewusstsein.

Ihr Durchbruch kam gänzlich unerwartet

Das muss eben erst wachsen. Gerade wenn man etwas macht, wo man sich fühlt, „als würde man nackt auf dem Tisch liegen“, wie Decker jetzt so schön das Schreiben und die irgendwann folgende Beurteilung von Außen beschreibt. Ganz früher habe sie gedacht, es gebe 20 Berufe, aus denen man sich einen aussuchen kann. „Für Frauen Grundschullehrerin oder Tierärztin, wenn man besonders schlau ist. Vielleicht auch einfach Zahnarztgattin.“ Sie lacht. Jedenfalls wollte sie damals während ihrer Durststrecken aufgeben, manchmal. Aber wie etwas aufgeben, was man so sehr will? Eben – unmöglich. Und dann kam der Durchbruch, unerwartet. Von da an ging es so weiter.

Mainstream sagen die einen zu ihren Büchern. Die anderen fragen: Was heißt schon Mainstream? Und Decker selbst sagt, tatsächlich habe sie Glück, dass sie schreibt, was Menschen mögen. Genau das sei übrigens das Einzige, woran sie glaubt, dieses Glück. Und das muss was heißen, immerhin war sie auf einer katholischen Schule, ergänzt sie etwas zynisch. Komödien zu schreiben, die Millionen in die Kinos locken, die alle zum Lachen bringen – das ist, ob Glück oder nicht, gar nicht mal so simpel. Für die meisten klingt Mainstream aber genau danach. Plump, anspruchslos, schlicht weniger wertvoll als Art House und sowas. Dabei ist ja lustig nicht gleich lustig. „Humor ist spezifisch“, findet Decker. Wer sie also fragt, ob sie mal „was Ernsteres“ machen wolle, kriegt sofort die Antwort, dass es 200.000 Farben von Humor gebe und darin noch wahnsinnig viel zu ergründen.

„Die Angst zu scheitern ist Normalzustand“

„Die 12-Millionen-Frau“, wie sie 2012 von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genannt wurde (seither kamen weitere vier Millionen Zuschauer dazu), hat wieder ein Buch geschrieben. Diesmal kein Drehbuch, sondern einen Roman. Prosa. Angst zu scheitern nach all den filmischen Supererfolgen? Sie überlegt. Erstens: „Ich gehe meiner Branche fremd und kann mich wie ein Dorftrottel darin bewegen – bewertende Blicke, die wichtig sein könnten, sehe ich gar nicht, weil ich ja niemanden kenne.“ Sie lacht. Zweitens: „Die Angst zu scheitern ist Normalzustand. Aber ich beruhige mich immer damit, dass es relativ egal ist, was ich so tue, weil ich nur ein Staubkörnchen im Wind bin, so what!“

Im Roman „Wir von der anderen Seite“ erzählt Decker von einer Frau, deren Leben von einer Krankheit einmal durchgeschüttelt wurde. Die Protagonistin hatte Nierensteine, unentdeckt. Was folgte: Sepsis, Organversagen, künstliches Koma. Der Beginn des Buches ist ihr Aufwachen. Alles ist anders. Es ist aber kein Buch über Krankheit, eher eins, das eine Umbruchphase beschreibt. Es bewegt sich, so wollte es Decker, zwischen Humor und Traurigkeit. Und tatsächlich steht man beim Lesen ständig zwischen Lach- und Heulkrampf. Wer ein bisschen googelt, erfährt, dass auch Decker Nierensteine hatte. Das war 2010. Wie bei der Figur im Buch wurde damals auch an ihren Grundfesten gerüttelt. „Tragödien rücken die eigene Perspektive nun mal zurecht“, sagt sie.

Ihr neuer Roman ist keine Autobiografie

Ihre Sicht auf die Zeit hat sich jedenfalls seitdem verändert: „Es kann schnell vorbei sein“. Selbstschutz, Nachsicht, Milde. Solche Dinge. Vom Zen-Modus ist sie aber bis heute weit entfernt, kann sich nach wie vor „tierisch über Dinge aufregen“. Wieder ist da ihr Lachen, so angenehm ungekünstelt, sekundenweise fast unkontrolliert.

Was unbedingt festgehalten werden muss: Der Roman ist trotz einiger Parallelen keine Autobiografie. Auch keine, die nur etwas fiktionalisiert wurde. Allenfalls ist ihre eigene Geschichte Impulsgeber. Ihr echter Bruder ist ein anderer im Buch und die Figur Attila, ein unangenehmes Alpha-Männchen, ist einfach einer dieser ekligen Typen der Branche. „Wahrscheinlich ist es eine Autorenkrankheit, durchs Leben zu gehen und irgendwie alles daraus zu benutzen.“ Stets in abgewandelter, völlig durchmischter Form. Am Anfang steht immer man selbst und das eigene Umfeld. Decker erwähnt eine Dokumentation über die legendäre Drehbuchautorin Nora Ephron. „Everything is copy“ – da haben wir’s!

Wenn der Alltag zum Material wird

Decker hat eine fortwährende Sammlung an Textschnipseln und Ideen. Regelmäßig schickt sie sich selbst Notizen, die das Dokument weiter füttern. Dialogfetzen, Figurenbeschreibungen, Gedanken, Alltagssituationen, mal nur einzelne Wörter. Wer viel Output hat, braucht viel Input. Wahrscheinlich ist sie auch deshalb so umtriebig. Im besten Sinne. Hängt mit den verschiedensten Menschen ab, von Palina Rojinski bis Sibylle Berg. Immer wieder werde sie gefragt, wie das zusammen gehe, zum Beispiel sie und Helene Hegemann; zwei Frauen, befreundet, und doch so verschieden?

Decker versteht die Frage nicht. So verschieden seien sie gar nicht. Schreibende Frauen mit ähnlichen Ängsten. Und nun? Außerdem: „Es wäre ja schade, permanent im eigenen Saft zu braten und Menschen, die ‚anders‘ sind, auszuschließen aus seinem Leben.“ Decker trifft da was im Kern, wovon sich einige ruhig was abschneiden könnten. Müsste die Gesamtgesellschaft doch mehr in konstruktiven Austausch gehen, statt sich ständig voneinander abzugrenzen bis hin zum Fremdenhass.

Deckers Ansatz ist sympathisch. Jeden scheint sie erst einmal als Menschen zu sehen. Sie macht keinen Unterschied zwischen Status, Äußerlichkeiten oder angeblichen Niveaus, die ja doch bloß von außen festgelegt werden. Das bedeutet allerdings nicht etwa, sie sei meinungslos. Natürlich kontert sie einem Frauenfeind am weiß gedeckten Tisch. Naiv, das war sie mal, sagt sie. Sie erinnert sich und sieht da die „typische Kreative, die man wunderbar verarschen kann, die mit großen Augen in die Branche kommt und erstmal davon ausgeht, dass alle nett sind“.

Heute denke sie eher erstmal: Niemand hier ist nett! Das meint sie nicht so ernst, wie es sich hier liest. Nur haben einige ihrer Erfahrungen nun einmal gesessen. Alles Lernprozesse. Heute hat sie genug „gute Leute“ um sich herum, wie sie sagt, denen sie ganz ernsthaft vertraut. Ein Nest – ihr Nest. Auch ihre eigene Produktionsfirma, Decker Bros., die sie mit ihrem Bruder, einem Juristen, gegründet hat, sorgt für ein gutes Gefühl. Denn: „Mehr Wissen bedeutet mehr Macht.“ Und Macht sei nicht immer schlecht.

„Tatort“-Drehbücher stammten zu über 90 Prozent von Männern

Man könnte meinen, dass solche Entscheidungen für mehr Einfluss und Autonomie auch aus einer Trotzhaltung gegen das Establishment entstehen. Zumindest aus dem unbedingten Drang danach, sich nichts mehr einfach so gefallen lassen zu wollen. Wichtig und richtig. Als Frau – so wie immer und überall – ist das mit der Souveränität natürlich noch dringender. Seit der MeToo-Debatte sei das Thema Gleichberechtigung zumindest endlich mal auf dem Schirm, sagt Decker. „Von klein auf gelernt, man sei ein Mensch zweiter Klasse, sollte es ab jetzt eigentlich für die nächsten 100 Jahre eine Quote von 100 Prozent geben!“ Die prestigeträchtigen „Tatort“-Drehbücher seien allein zu über 90 Prozent von Männern.

„Gerade die Öffentlich-Rechtlichen haben doch aber einen Bildungsauftrag; der kann nicht nur aus einem Blickwinkel auf die Gesellschaft sein.“ Und auch die Rollen weiblicher Figuren hätten es nicht leicht, von Klischees befreit zu werden, sagt Decker. Also: die toughe Staatsanwältin, die junge Wissenschaftlerin, die erfolgreiche Kommissarin, dafür mit Problemen Zuhause. Und so weiter. Diskriminierend, teilweise pseudo-feministisch.

Viele Diskussionen seien auch sexistisch. Da werde in Besprechungen dann in Fotos gezoomt, um zu schauen, ob da wirklich keine Bauchwölbung unter der Hose von Schauspielerin X durchblitzt. Denn: „der Zuschauer“ würde das nicht sehen wollen, hieße es dann. Jedes Mal. Decker sagt: „Ich würde ja gerne mal ‚den Zuschauer‘ kennenlernen, der nichts kapiert, nichts mag – außer Sexszenen. Der keine dicken Frauen, sondern ausschließlich streichhölzerne Körper sehen will und auch keine spleenigen Protagonistinnen.“

Mainstream, der Einfluss haben will

Auch bei der Besetzung ihres Films „Traumfrauen“ hieß es damals, „der Zuschauer“ wolle keine ausschließlich weiblichen Hauptrollen sehen. Er würde floppen, der Film. Aha. Die Wahrheit: 1,7 Millionen Zuschauer gingen in ihr Regiedebüt. Zum Vergleich: 500.000 sind absolute Spitzenklasse in Deutschland. Solche Zahlen verändern Stück für Stück die Bedingungen, öffnen Türen, so dass solche „anderen“ Filme selbstverständlicher werden. Decker will sich immer weiter gegen all solche klischeehaften Vorstellungen wehren, sich von keiner Seite reinreden lassen. Wenn sie denn nun „diesen“ Mainstream macht, dann einen, der Einfluss haben will.

Eine Stunde und 36 Minuten sind vergangen – kaum bemerkt. Wohl auch, weil es sich so natürlich anfühlt mit dieser selbstironischen, sehr fein beobachtenden und sich dezidiert ausdrückenden Frau. Insgeheim hofft man ein klein wenig, dass auch aus diesem Dialog irgendein Textschnipsel in ihre Sammlung findet.