Berliner Spaziergang

Gabriele Minz ist die Festivalchefin für Harmonie

Ein Spaziergang durch Charlottenburg mit Gabriele Minz, Leiterin des Orchesterfestivals „Young Euro Classic“.

Gabriele Minz

Gabriele Minz

Foto: Maurizio Gambarini

Ihr Büro an der Meierottostraße ist ein leicht zu findender Treffpunkt, es liegt in einem gediegenen Wilmersdorfer Wohn- und Geschäftsviertel unweit vom Haus der Berliner Festspiele. Hinweistafeln am Treffpunkt zeigen an, wer hier so ansässig ist: eine Investmentfirma, eine Unternehmensberatung, geworben wird für thailändische Heilmassage, darüber prangt das Schild „Young Euro Classic“. Auf einer Tafel ist ein chinesisches Schriftzeichen zu entdecken, daneben steht auf rotem Untergrund „Minz“, darunter erklärend „Internationale Kulturprojekte“. Gabriele Minz erscheint pünktlich auf die Minute, lächelt wunderbar verbindlich und hat für unseren Spaziergang ein klares Ziel vor Augen. Es ist gar nicht einfach, ihr wieder auszureden, das gern von Promis frequentierte Café Restaurant Manzini auf schnellstem Weg erreichen zu wollen.

Sie ist polyglott und das, was man eine Networkerin nennt

Von Berufs wegen ist Gabriele Minz eine zielorientierte Managerin, die vor allem als Macherin des Jugendorchesterfestivals „Young Euro Classic“ bekannt geworden ist. Sie ist polyglott und das, was man eine Networkerin nennt. Als wir die Meierottostraße entlanggehen, muss ich insgeheim feststellen, dass erfolgreiche Frauen gerne vorneweg laufen, erfolgreiche Männer eher gemächlich hinterher schlendern und häufiger stehenbleiben. Diese Beobachtung mag statistisch völlig irrelevant sein, aber Frau Minz läuft vorneweg und meint, das sei bei ihr immer so. Mehrfach versichern wir uns, bei diesem Spaziergang möglichst wenig über das vor 20 Jahren gegründete „Young Euro Classic“ zu reden. Aber das erweist sich als unmöglich. Das Jugendorchester-Festival, das im Juli wieder ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt einlädt, ist schließlich ein gewichtiger Teil ihres Lebens.

Ins frühere West-Berlin war Gabriele Minz gekommen, um zu studieren. Sie erzählt von mehreren Umzügen, den viel zu kleinen Wohnungen, von Ofenheizungen und vor allem der Freiheit, die sie plötzlich empfunden hat. Jenseits ihrer typisch geradlinigen Businessbiografie offenbart sie überraschend viel Privates. Sie erzählt von der Armut ihrer Familie im Westerwald. Sie war das Älteste von vier Kindern und gerade mal zehn Jahre alt, als der Vater verstarb. Die drei Mädchen kamen ins Internat bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi, einer katholischen Ordensgemeinschaft.

Nach dem Abitur wollte sie weit weg vom Klosterinternat

„Da war es so, wie es klingt“, sagt Gabriele Minz. Sie habe in ihrer Kindheit gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen und sich Unterstützung zu erkämpfen. „Ich kam als braves Mädchen ins Internat, weil meine Mutter studierte, und wurde den Mitschülern als jemand vorgestellt, der fleißig ist und gute Noten hat. Wir hatten kein Geld, also musste ich gut sein. Damit war das Urteil über mich gefällt, keiner sprach mit mir. Solche Gruppen von Gleichaltrigen können grausam sein.“

Nach dem Abitur wollte sie so weit wie möglich weg. Berlin war schon immer ein beliebtes Fluchtziel. Was aus der Internatszeit geblieben ist? „Ich liebe Kirchengebäude, weil es kontemplative Orte sind. Ich stelle meine Kerzchen auf“, sagt sie: „Aber ich bin nicht katholisch.“ Wir verständigen uns darauf, dass Glaube und Religion ein schwieriges, sehr privates Thema ist und wir lieber über andere Dinge reden. Inzwischen sind wir am Manzini angekommen und es kommt, wie es kommen muss: Zwei Bekannte stürzen auf Gabriele Minz zu, es beginnt das umständliche Vorstellungsritual und ein fröhlicher Smalltalk mitten auf der Ludwigkirchstraße. Beiläufig entstehen vorm Manzini die Fotos. Gabriele Minz weiß offenbar, dass sie fotogen ist und auf Bildern sympathisch wirkt. Der Fototermin verläuft bemerkenswert unkompliziert.

Gabriele Minz ist durch ihre vielen Asienreisen stärker geprägt als gedacht

Das Problem taucht auf, als wir fröstelnd an der Ecke Uhlandstraße stehen, das Manzini im Rücken. Es ist windig und wir haben keinen Plan. Im Gedanken laufen wir geradeaus weiter und umrunden den Ludwigkirchplatz. Wir reden über einige Geschäfte und Restaurants, ob es sich dort angenehm anfühlt, und darüber, wer in der Gegend alles wohnt. In der kalten Realität biegen wir kurzerhand links ab in die Uhlandstraße. Unser kleiner virtueller Spaziergang lässt mich vermuten, dass Gabriele Minz durch ihre vielen Asienreisen stärker geprägt ist als gedacht. Schließlich spaziert man verschieden auf den Kontinenten. Japanische Miniatur-Gärten sind anders konzipiert als europäische Schlosspark-Areale. In Asien wird die Natur und Umgebung mehr in der Fantasie erkundet als zu Fuß. Und wer sich öfter in chaotischen asiatischen Städten aufhält, weiß, dass man Fantasie, ungewöhnliche Fixpunkte und reichlich Kommunikation braucht, um sein Ziel zu erreichen.

Gabriele Minz erzählt lächelnd, sie hätte schon als kleines Mädchen eine Affinität zum asiatischen Raum gehabt. „Ich hatte Pausbacken und schräge Augen, weswegen mich die Kinder immer gehänselt haben. Ich sagte einfach: Meine Verwandten kommen aus Japan. Japan und China war für mich in dem Alter dasselbe. Jedenfalls hörte das Mobbing schnell auf. Ich habe eine sehr fantasievolle, aber auch eine sehr nüchterne Seite. Ich kann man mich auch durch Vorgänge durchquälen.“

Womit wir wieder im beruflichen Werdegang angekommen sind. Studiert hat Gabriele Minz Volkswirtschaft und Psychologie, anschließend den Doktortitel erworben. „Ich empfinde es als eine ideale Kombination. Und ich erlebe mich auch durchaus selbst so. Ich kann gut mit Zahlen umgehen, wir sind ja ständig mit Budgets und komplexen Zahlenwerken beschäftigt.“ Gerade in der Kultur habe man immer sehr enge Budgets, sagt sie. „Aber die Projekte leben von den Menschen, die miteinander interagieren müssen. Eine wichtige Maxime in unserem Büro ist es, sich auf den Stuhl des anderen zu setzen. Warum um Himmels Willen soll jemand mit uns kooperieren?“

Wir gehen ins „Zenit“, ein Zentrum für Spiritualität

Inzwischen sind wir an der Pariser Straße angekommen und biegen kommentarlos links ab. Gabriele Minz zeigt mal auf diese, mal auf jene Eingangstür und denkt laut darüber nach, ob man hineingehen möchte. „Es ist einem Haus anzusehen, ob man willkommen geheißen wird oder einem der Zugang verwehrt wird.“ Solche Dinge beschäftigen sie.

Plötzlich stehen wir vor einem unscheinbaren Café, das alles andere als glamourös wie das Manzini sein will und sich als Buchhandlung versteht. Wir gehen hinein ins „Zenit“, ein Zentrum für Spiritualität, und bestellen Kaffee. Nebenbei studieren wir die Auslagen an Büchern, Kristallen oder Räucherwerk. Meine Suche nach einer speziellen Sorte japanischer Räucherstäbchen ist erfolglos. Gabriele Minz empfiehlt einen japanischen Laden im Bikini-Haus am Zoo. Wir sind uns einig darüber, solche Läden sehr zu mögen.

Die Dr. Gabriele Minz GmbH kann, so steht es in Geschäftsunterlagen, auf besondere Kompetenz in Europa, China, Zentralasien, Südamerika und dem Kaukasus verweisen. Es sind mühsam gesammelte Erfahrungen. „Als wir anfingen, mit unseren ausländischen Partnern zusammen zu arbeiten“, erinnert sich Gabriele Minz, „haben wir uns natürlich intensiv darauf vorbereitet. Es gab einen großen E-Mail-Verkehr, alles war genau geplant. Dann kamen wir nach China, wurden freudig begrüßt, aber es war nichts vorbereitet worden. Das war der erste große Kulturschock. Wir mussten uns eingestehen, dass wir preußischer sind, als wir es uns jemals eingestanden hätten.“

Irgendwann siegte die Einsicht, dass beide Seiten das Projekt wollen, „auch wenn wir unterschiedliche Wege haben. Am Ende will sich keiner blamieren. Darauf kann man sich verlassen. Das ist eine internationale Erfahrung.“ Ende der 90er-Jahre kam dann das Festival mit europäischen Jugendorchestern ins Gespräch. Offiziell ist etwa von EU-Finanzierungen aus Brüssel die Rede. Aber es war viel mehr Leidenschaft im Spiel, Gabriele Minz erzählt beiläufig etwas von Diskussionen in einer Kneipe und von ganz großen Visionen. „Wir haben überlegt, was passiert in Berlin im Jahr 2000. Die Botschaften ziehen nach Berlin, der West-Berliner Muff wird verdrängt, es findet eine Transformation ins Internationale statt. Wir haben das Festival damals gegen manche Widerstände aus der Berliner Kulturszene aus der Taufe gehoben.“

In einigen Ländern gibt es keine Jugendorchester mehr

Ein wichtiger Festivalbegleiter ist übrigens ihr Ehemann, der ehemalige TV-Korrespondent Wolfgang Klein. „Ein Europa-Journalist mit Leidenschaft“, sagt Gabriele Minz, „Wir reden ständig über internationale Politik.“ Wenn die Managerin nach all ihren Erfahrungen mit Botschaftern, Kulturattachés, Musikförderern und -verhinderern nicht eine berufsmäßige Diskretion wahren wollte, könnte sie wohl reichlich Anekdoten aus einer Welt voller Misstöne erzählen. Das tut sie aber nicht, sie versteht sich als eine Festivalchefin für Harmonie, für das Miteinander. „Wir müssen die Orchideen finden“, sagt sie, bezeichnet sich selbst als glühende Europäerin und gibt zu, unter den nationalen Rückbewegungen zu leiden.

„In Ungarn gibt es kein Jugendorchester mehr. Auch in Finnland existiert keine ausgeprägte Jugendorchesterszene mehr. Als in Portugal die Wirtschaft niederging, gab es Probleme. Oftmals sind es biografische Zufälle, dass sich etwas Gutes entwickelt. Projekte hängen an einzelnen Personen, die mit viel Charisma etwas auf die Beine stellen.“ Sie weiß, dass es in Rumänien einzelne Personen gibt, die nicht wollen, dass sich ihr Land im großen Chor Europa präsentiert. „Aber Musiker aus der rumänischen Philharmonie haben sich verbunden, um etwas gegen das korrupte Image des Landes zu tun. Es gibt inzwischen drei Jugendorchester.“ Gabriele Minz ist unnachgiebig, immer neue Partner finden zu wollen.

Minz erlebte auch eine peinliche Situation

Manchmal müsse sie auch Dinge verhindern, erzählt sie, als wir das Café wieder verlassen und zum Büro zurücklaufen. „Die hohe Kunst der Nicht-Antwort hat viele Facetten“, sagt sie. Im Büro würden sie intern bei bestimmten problematischen Situationen von der chinesischen oder der russischen Lösung reden. „Die chinesische Lösung ist ein freundliches Ja, was aber unterschiedliche Bedeutungen hat. Im zwischenmenschlichen Umgang gibt es immer noch kein Nein, aber im Business ist es längst internationalisiert.“ Da seien die Chinesen mittlerweile beinhart. Die russische Lösung hingegen hat eine eigene kleine Geschichte.

„Ich sollte einmal verhindern, dass jemand ans Mikrophon tritt“, sagt Gabriele Minz. „Es war eine peinliche Situation. Ich lief völlig gequält durch den Gang und traf auf eine russische Kollegin. Ich schilderte ihr die Situation. Sie meinte, es sei doch ganz einfach. Ich sollte ihm sagen, dass er natürlich reden könne, aber dann ist plötzlich das Mikrophon kaputt.“

An dieser Art von Problemlösung könne sie nichts Unlauteres erkennen, sagt sie, anderswo werden Probleme auf diese Weise gelöst und alle wissen Bescheid. „Ich liebe das“, fügt Gabriele Minz hinzu. Sie selbst hat übrigens keine musikalischen Ambitionen. Sie habe sich mal damit geplagt, Saxophon zu lernen. „Meine Begabung reicht nicht dafür.“ Wir stehen vorm Haus an der Meierottostraße. Der Abschied ist herzlich.

Zur Person

Herkunft Als ihr Vater starb, war Gabriele Minz zehn Jahre alt und ältestes von vier Kindern. Die drei Schwestern kamen ins Internat bei den Armen Dienstmägden Jesu Christi, einem katholischen Orden im Westerwald. Nach dem Abitur zog es sie schnell weit weg zum Studium nach West-Berlin.

Karriere Sie schloss als Diplom-Volkswirtin und als Diplom-Psychologin ab, wurde promoviert. Erste Erfahrungen sammelte sie durch die Leitung eines Flüchtlingsheims. Sie gründete eine GmbH für internationale Kulturprojekte, vor zwanzig Jahren entstand das Jugendorchester-Festival „Young Euro Classic“, das wieder vom 19. Juli bis 6. August im Konzerthaus am Gendarmenmarkt stattfindet.

Familiäres Gabriele Minz ist verheiratet mit dem ehemaligen TV-Korrespondenten Wolfgang Klein. Es gibt drei Söhne und drei Enkel.

Spaziergang Das Büro an der Wilmersdorfer Meierottostr. 6 ist Ausgangspunkt. Die Fotos entstehen vorm Café Restaurant Manzini in der Ludwigkirchstraße. Es geht linkerhand die Uhlandstraße hinunter bis zur Pariser Straße. Über die Fasanenstraße hinweg gelangen wir zur Café-Buchhandlung „Zenit“. Anschließend geht es zurück zur Meierottostraße.