Spaziergang

Corinna Kirchhoff ist eine Frau mit hohen Ansprüchen

Ein Spaziergang mit Schauspielerin Corinna Kirchhoff vom Steinplatz zur UdK. Und ein Gespräch über MeToo, Patriarchat, Frauenrollen.

Corinna Kirchhoff vor der UdK, wo sie einst Schauspiel studierte, als sie noch Hochschule der Künste (HdK) hieß.

Corinna Kirchhoff vor der UdK, wo sie einst Schauspiel studierte, als sie noch Hochschule der Künste (HdK) hieß.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Es dauert nur ein paar Schritte, da ist die Stimmung von eben völlig verpufft. Der Start nämlich war etwas holprig. Corinna Kirchhoff schien in den ersten Minuten keine Lust auf einen Spaziergang zu haben. Der Kompromiss: eine kurze Route vom Savignyplatz zur Universität der Künste (UdK), wo sie studiert hat. Und zurück.

Es ist, als hätte sie erst Vertrauen fassen müssen, bis sie bereit ist, von sich zu erzählen. Das klingt nach Übersprunghandlung – aus Unsicherheit wird abgeblockt oder so. Bei der Schauspielerin hat das nichts mit Unsicherheit zu tun, viel mehr mit Selbstbestimmung. Vielleicht auch mit totaler Gelassenheit. So richtig gelassen Mensch sein kann doch nur, wer sich selbst zu nichts zwingt.

Auf dem Weg zum Steinplatz sprechen wir über den Impuls der heute 61-Jährigen, nach Berlin zu kommen. 1978 war das, da wurde sie für Schauspiel an der UdK, damals Hochschule der Künste (HdK), angenommen. Es sei immer schon klar gewesen, dass sie genau das machen will. Ihre Eltern murrten nicht, auch wenn sie es nicht so richtig gut fanden.

Klar war Kirchhoff auch immer schon: irgendwann raus aus Düsseldorf. Dort wuchs sie auf. Heute hat sie keinerlei Verbindung mehr dahin. So schlimm da? Schon ihre Eltern (geflüchtet aus dem Berliner Raum und ehemaligem Osten) vermittelten ihren Kindern keine heimischen Gefühle zu dieser Stadt, sagt sie. Nur noch entscheidender für sie scheint die katastrophale Stadtplanung in Nordrhein-Westfalen nach dem Krieg. Die konnte Kirchhoff nicht ertragen – allein aus ästhetischer Sicht. Aber auch, weil sie es heuchlerisch fand, all die Geschehnisse, die deutsche Verantwortung und Schuld, die Katastrophe einfach mit scheußlichen Neubauten zu überbauen.

In Berlin blieben die Einschusslöcher sichtbar

Als Jugendliche machte sie einen Schulausflug nach Berlin, sah jene kaputte Landschaft, eine ehrliche, mit „unendlich vielen Kriegswunden“, wie sie sie beschreibt. Brandmauern, kahl gebombte Plätze, Einschusslöcher. Kirchhoff zeigt das ungefähre Ausmaß an einer Hauswand im Vorbeigehen, formt mit ihren Armen einen Kreis.

Sie war irgendwie erleichtert, erinnert sich Kirchhoff. „Es war traurigschön und ein wichtiges Gefühl, all das visualisiert, statt es ignoriert zu sehen.“ Natürlich war auch das Leben in der Inselstadt West-Berlin dann nicht immer schön, aber das kulturelle Leben verdichtete sich hier so extrem. „Es hatte ja die Mauer zu kompensieren, immerhin war man eingesperrt.“ Für sie als angehende Schauspielerin war das nahezu perfekt. Die alte Schaubühne, damals noch am Halleschen Ufer, war für sie das Futter; sie ging 30, 40 Mal in dieselbe Vorstellung. Und genau dorthin holte sie dann nach Abschluss des Studiums der Regisseur und damalige Theaterleiter Peter Stein. Ihr Debüt war die Irina in Tschechows „Drei Schwestern“, dann blieb sie 16 Jahre. Sie lacht, denn: Sie hatte sich überall beworben, nur an der Schaubühne nicht, „wenngleich es ja das einzige Theater war, in das ich damals ging, nur war die Utopie, dort genommen zu werden, viel zu groß in meinem Kopf.“ So schön und häufig wie Kirchhoff im Folgenden die altertümlich klingende Konjunktion „wenngleich“ ausspricht, hört man es selten.

Wir stehen nun so weit von der UdK entfernt, dass wir das Haupthaus auf der Hardenbergstraße in Gänze sehen können. Die Vögel zwitschern, die Sonne kriecht heraus. Es ist frisch, aber man meint, den Frühling riechen zu können. Kurz Stille, der Blick da hinüber zum Altbau. Dann die Frage, an was sie sich noch gut erinnern kann. An die erste Begegnung mit Lampenfieber bei ihrem ersten Spiel, sagt sie nach kurzem Überlegen – es habe sich eingebrannt. Damals machte sich ihre Mutter, die zur Premiere kam, regelrecht Sorgen, weil das Herz der Tochter so schnell pochte – Tage vorher schon. Das Spiel sei gut gegangen, „wenngleich ich das Gefühl hatte, die Landschaft nur zu überfliegen, statt reinzugehen, aus Angst vor dem Kontakt mit der Partitur, der Rolle, den Begebnissen“. Der Schutz vor dem Fall bei gleichzeitigem Lodern – der Anfänger im eiskalten Feuer.

Und wie sollte es sein, wie ist es heute? „Eigentlich ist das Bewusstsein im Spiel ja genau so, dass man sich ganz präzise in der jeweiligen Landschaft bewegt und nicht einfach drüber hinweggeht.“ Hinein in tiefe Täler, Hügel und Berge hinauf, Abwege nehmend. Eine gewisse Ruhe, sich wirklich hinzugeben, sich dem auszusetzen, brauche man dafür.

Was macht eigentlich die stete Fragilität im Beruf mit einem? Sofort erinnert sich Kirchhoff ans erste Jahr nach der Schauspielschule, als sie auf ihre Bitten um ein Vorsprechen von den Theatern, kleinen wie großen, nicht mal Absagen bekam. Menschenunwürdig.

Entmutigende Selbstgefälligkeit und unangenehmer Hochmut der Kunstschaffenden und derer, die sich so nennen. Heute, glaubt sie, sei das alles noch schlimmer. Das könne man mal in die Zeitung bringen, sagt sie. Während Kirchhoff bisher in sich ruhend und eher leise (wenn auch präzise akzentuiert), gerne mit der Hand am Kinn, wie der Denker, gesprochen hatte, feuert sie die Sätze jetzt mit Nachdruck ab. Noch einer: „Es gibt sowieso eine gewisse Menschenfeindlichkeit am Theater, die dem Inhalt der meisten Stücke komplett widerspricht.“ Inwiefern? „Weil man doch mit den meisten die Menschlichkeit steigern will. Konflikte werden erzählt, um zu zeigen, wie man es menschlicher lösen könnte.“

Aus der Rage über Bigotterie hinein ins stille Posieren fürs Foto. Wir stehen im Vorgarten irgendeiner Technikfirma direkt am Platz. Die Fotografin hat einen Zierkirschbaum darin ins Auge gefasst, und Kirchhoff hat nicht lange gefackelt, ist über den kniehohen Zaun vorsichtig durch die dornigen Hagebuttenbüsche hingestapft. Nun stehen wir mitten in der Stadt, die Autos rauschen vorbei, in einer Art Idyll, Blüten im Gesicht.

Doch es währt nicht lange. Funkelnd wütende Augenpaare starren aus dem Erdgeschoss zu uns hinaus. „Ist herrlich hier bei euch!“, ruft ihnen Kirchhoff freudig zu, als sie sie entdeckt. Hinter dem angekippten Fenster hört man nun abgedämpft, und doch mit eindeutiger Empörung in der Stimme, die Frage, ob wir hier denn arbeiten würden. Kirchhoff versteht nicht, fragt: „Ob wir euch bei der Arbeit helfen?“

Man muss schmunzeln, weil es fast an eine Slapstick-Einlage erinnert. Und noch viel amüsanter wird, weil man sich nicht ganz sicher ist, ob Kirchhoff den Groll der Büroarbeiter aus der Entfernung tatsächlich missversteht oder ob sie sie schlichtweg charmant veräppelt, um noch etwas Zeit zu schinden für ein perfektes Foto.

Jetzt müssen wir wirklich weg hier. Die Menschen da hinter dem Fenster schnaufen schon vor Wut. „Wie kann man sich denn eigentlich für sowas engagieren?“, fragt Kirchhoff, nun wieder vor dem Zaun, ungläubig mit einem Hauch Verächtlichkeit in der Stimme. Kurzes Kopfschütteln, weil es doch wirklich so viel Wichtigeres in der Welt gibt, was zu tun ist.

Wir sitzen nun auf der Terrasse des „Café Savigny“. Weiße Tischtücher und Servietten aus Stoff. Wer hier hingeht, fühlt sich direkt intellektuell, dafür muss er nicht mal Zeitung lesen. Es ist das Flair des klassischen Charlottenburg, das sich sofort überträgt.

Da kommt es einem also auch nicht komisch vor, Zitate vorzulesen. In der FAZ sprach Kirchhoff vor etwa einem Jahr über die Missachtung von Frauen im Kunstbetrieb: „Ein Sturz von übermäßig sexualisierter Beachtung, die sie (die Frau) zum Objekt macht, in völlige Ignoranz, die sie zum Nicht-Objekt macht. Das sind zwei Seiten einer Medaille.“ Und: „Junge Frau wird ge- und missbraucht, ältere Frau wird abgeschafft. Warum bloß gibt es zum Missbrauch keine Alternative als Missachtung?“ Kirchhoff nickt und zieht dabei die Augenbrauen hoch, so als würde sie erst jetzt wieder an ihre ziemlich treffenden und äußerst niederschmetternden, weil so wahren, Worte erinnert.

Irgendwann kommt die gläserne Decke

Hat sich eigentlich etwas verändert seit der entfachten MeToo-Debatte damals? „Es ist merkwürdig, das zu sagen, fast unglaublich, aber ich finde, es hat sich was verändert. Es gibt so eine Art Warnschuss in der Öffentlichkeit. Da ist Selbstkontrolle über bestimmte Sätze, die nicht mehr so leichtfertig gesagt werden, weil man weiß, dass unter Umständen darauf realöffentliche Gefährdungen folgen können.“

Das lasse sich nicht auf jeden einzelnen beziehen und sowieso nur schwer überprüfen. Was feststehe: Solche Erzählungen (siehe Dieter Wedel) könne man nicht mehr rückgängig machen – und das ist gut so, weil nur so Strukturen verändert werden können.

Es folgt ein Gespräch über das Patriarchat, die Veränderungen mit den Generationen, Unterschiede zwischen ihnen. Über Chauvinisten (vor allem die Väter älterer Generationen) und die Frage, wie groß die Hoffnung in junge Männer sein kann, ob sie wohl bessere Väter als die eigenen werden.

Ob sie sich irgendwann ganz selbstverständlich mehr emotionale Bindung zugestehen und mit autonomen, finanziell eigenständigen Frauen zurechtkommen. Ob sie irgendwann nicht mehr ihrem jahrhundertalten Pflichtkatalog, dem angeblichen Ehrenkodex, hinterher weinen. Darin: Ernährer, Namensgeber, Ehemann, Hausbauer, Geldgeber.

„Ich will dahin keine Sekunde zurück, aber ich glaube, dass wir durch die feministischen Bewegungen dieser Zeit die Männer ein Stück weit entlassen haben durch unsere Verselbstständigung, durch unsere Fähigkeit, im äußeren wie inneren Realitätsfeld zu agieren.“ Sie würden sich entsorgt fühlen, vermutet Kirchhoff.

Der Mann scheint also arm dran, nun gut. „Das war er aber schon immer“, sagt Kirchhoff, ganz ohne Mitleid. Sie sei eher neugierig, wie er weiblicher Kompetenz und Beziehungsfähigkeit im inneren wie äußeren Feld begegnet, sich wohl in sich selbst verändert und dadurch schöpferisch bereichert wird.

Und dann kommen wir zur Frau, sie muss Alleskönnerin sein. Körperlich funktionsfähig und bitte sehr schön aussehen. Arbeitend und Mutter sein. Selbstständig, aber nicht zu sehr! Souverän, ja, aber im Nahbereich bitte nicht zu doll. Warmherzig und doch resolut, ohne dabei jemals hysterisch zu sein. Ein hoher Anspruch an sich selbst, den die moderne Frau da verinnerlicht zu haben scheint. Den hatte Kirchhoff schon immer, sagt sie von sich. Vor allem wusste sie immer genau – so lebte es ihr ihre Mutter auch vor – sich niemals abhängig machen zu dürfen. „Weil es so viel nach sich zieht.“

Und tatsächlich kenne sie viele Gleichaltrige, die ihre Karriere nach hinten gestellt hätten, der Familie zuliebe. Die sich in finanzielle Abhängigkeiten begaben und am Ende ja doch nur den Kürzeren ziehen konnten. „Und dann kommt die gläserne Wand, die die Gesellschaft teilt.“ Kinder aus dem Haus, Mann bei jüngerer Frau, Beruf ruiniert, kein Geld. Boom. Die Klischees, die sie hier aufzählt, klingen schrecklich. Doch es bildet ziemlich eindeutig einen Großteil der Realität ab. Die Aufopferung rächt sich. Meistens. Irgendwann. Von Emotionen jedenfalls kann man sich am Ende nichts kaufen.

Gerade plärrt zum zweiten Mal ihr Handy. Es ist so eins mit Tasten und ohne Internet. Das passt zu ihr. Nicht weil sie Nostalgikerin ist oder so, nur weil sie wirkt, als würde sie ein Beballern mit Informationen zu sehr nerven, weil sie dann nur schwer auswählen kann, sich womöglich gezwungen fühlen könnte.

Das offizielle Gespräch ist eigentlich vorbei, übergegangen in einen Austausch zwischen zwei Frauen verschiedenen Alters. Da fällt ihr doch noch was ein: Über Europa hätten wir noch sprechen müssen! „Denn die Bequemlichkeit und Verdrossenheit der vergangenen Jahrzehnte kriegen wir jetzt serviert.“

Sie sei nun zum ersten Mal so richtig politisch, sogar in die Partei DiEM25 eingetreten – eine transnationale, für Europa. Sie würde sich wünschen, das angeblich Utopische, den Traum, wieder ins politische Feld zu hieven, um neue Wege zu eröffnen.

Kirchhoff spricht nun von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, empfiehlt ihre Lektüre. Und zum Schluss, sagt sie, wegen der Abnahme der Zitate solle ich mich doch bitte bei ihr melden; obwohl, eigentlich sei das alles egal, ich solle ihr lieber sagen, wie ich Guérot finde – das sei viel wichtiger.

Zur Person: Corinna Kirchhoff

Leben: Corinna Kirchhoff ist am 9. März 1958 in Düsseldorf geboren und dort aufgewachsen. Mit Beginn des Schauspielstudiums an der Universität der Künste 1978, die damals noch Hochschule der Künste hieß, zog sie nach Berlin. Bis heute lebt sie hier. Kirchhoff hat einen 30-jährigen Sohn.

Karriere: Nach ihrem Studium wurde Kirchhoff 1984 von Peter Stein an die Schaubühne geholt. Ihr Debüt gab sie als Irina in Tschechows „Drei Schwestern“. Sie blieb 16 Jahre als Ensemblemitglied. Außerdem spielte sie am Burgtheater Wien und war am Schauspielhaus Zürich engagiert. Seit 2017 ist sie am Berliner Ensemble.

„Der letzte Gast“: Aktuell spielt Kirchhoff am BE im Stück „Der letzte Gast“ des ungarischen Regisseurs Árpád Schilling. Darin geht es um den Umgang mit dem Fremden an sich. Was es in uns selbst und anderen auslöst. Der Regisseur, Ungar, ist durch seine Stücke zum Staatsfeind erklärt worden und lebt mit seiner Familie mittlerweile in Frankreich.

Der Spaziergang: Treffpunkt ist Savignyplatz, wir laufen die Grolmannstraße hoch Richtung Goethestraße und nehmen diese rechts entlang bis zum Steinplatz. Dort machen wir die Fotos und laufen dann wieder denselben Weg zurück und trinken einen Kaffee im „Café Savigny“.