Berliner Spaziergang

Holger Zebu Kluth: Der Mann für die Spielwütigen

Unterwegs im Lieblingskiez: Ein Spaziergang mit Holger Zebu Kluth, Rektor der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst.

Holger Zebu Kluth vor der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Mitte, der Holzturm beherbergt unter anderem zwei Studio-Bühnen.

Holger Zebu Kluth vor der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Mitte, der Holzturm beherbergt unter anderem zwei Studio-Bühnen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Die große Fahrstuhltür öffnet sich ziemlich langsam: „Das ist eigentlich dafür gedacht, dass ich als Rektor herausschreiten kann“, sagt Holger Zebu Kluth mit feiner Selbstironie. Der Mann mit dem markanten Vollbart ist Chef der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst, Deutschlands erste und wohl immer noch bedeutendste Ausbildungsstätte für den Theaterbetrieb. Wir haben uns entschieden, den Spaziergang im neuen Zentralstandort an der Zinnowitzer Straße zu beginnen, denn Holger Zebu Kluth, die Erklärung für den etwas seltsam anmutenden mittleren Teil des Namens kommt noch, möchte erst mal das Gebäude vorstellen.

Florian Martens fuhr mit dem 24-Tonner zur Aufnahmeprüfung

Jahrelang war die legendäre wie legendenumrankte Kaderschmiede an verschiedenen Orten in der Stadt verteilt. Sie wurde von zahlreichen heute prominenten Schauspielern besucht. Florian Martens, bekannt als Ermittler Otto aus der ZDF-Krimiserie „Ein starkes Team“, kam seinerzeit mit dem 24-Tonner in Arbeitsklamotten zur Aufnahmeprüfung, weil der Chef seinem Berufskraftfahrer nicht freigeben wollte. Martens hat übrigens bestanden. Zu den Absolventen jüngeren Datums gehören beispielsweise Nina Hoss, Mark Waschke, Maria Simon oder Charly Hübner.

„Das ist jetzt fertig“, dieser Satz gehört zum Standardrepertoire von Kluth. Der Rektor der Ernst-Busch-Hochschule sagt ihn regelmäßig zu seinen Gästen, wenn er mit ihnen in der Eingangshalle steht. Unverputzt wirkende Betonträger strukturieren den Raum, Leitungen sind an der Decke befestigt, die Rigipsplatten im oberen Teil der Wände lediglich verspachtelt.

„Wenn man etwas Historisches retten will, dann geht es so“, erklärt Kluth das Konzept der Architekten, die die ehemaligen Opern-Werkstätten umgebaut haben.

Hier wurden auch Bühnenbilder gebaut, deshalb die beeindruckenden Raumhöhen. Unterhalb einer Art „Wasserlinie“ in Höhe von 2,30 Metern wurden alle Oberflächen verfeinert, oberhalb dieser Linie verbleiben die Bauteile in ihrem vorgefundenen oder rohen Zustand, um den alten Charakter des Gebäudes zu erhalten. Im unteren Teil der Flurwände wurde Tafelfarbe aufgebracht – mit der entsprechenden Wirkung: Mit Kreide aufgeschriebene Sprüche wie „Wenn euch nichts besseres einfällt, dann lasst den Scheiß doch“ oder „nur wer seinen eigenen weg geht, kann von niemandem überholt werden“ oder „Bitte streichen“ zieren die Wände.

Der Aufbau hätte fast den Fernsehturm verdeckt

Wir stehen jetzt in einer der beiden übereinanderliegenden Studio-Bühnen. Die sind „quadratisch, praktisch, gut“, sagt Kluth. Und variabel zu gestalten, schließlich arbeiten hier auch Puppenspieler, Choreografen und Regisseure, die mitunter sehr verschiedene Vorstellungen von Räumen haben. „Da können wir ja schlecht eine Guckkastenbühne vorgeben“, sagt der Rektor und zeigt auf die Zuschauertribüne, die in diesem Zustand etwa 140 Plätze bietet, aber auch pro­blemlos zusammengeschoben werden kann.

Am Ende eines Flurs blickt man direkt in die Schlafzimmer der Nachbarn, ganz schön dicht bebaut hier. Die neuen Wohnungsbesitzer hätten sich schon beschwert, erzählt Kluth, der dafür durchaus Verständnis hat: „Wenn ich mir so ein schickes Loft kaufe, will ich keine Gardinenausstellung machen.“

Es geht noch ein bisschen höher, aufs Flachdach, wo sich der Studententraum von einem begehbaren Garten nicht realisieren ließ. Von hier aus blickt man auf Entlüftungsklappen und die Charité, auf den Fernsehturm, den Neubau des Bundesnachrichtendienstes mit seiner markanten Kunstpalme kann man erahnen. „Kunst am Bau bekommen wir auch noch“, sagt Kluth, „die Verankerung im Boden ist schon da.“ Ursprünglich war vorgesehen, die Bibliothek zwischen den Bühnen unterzubringen, dann wäre der Turm, der mit Holzlatten verkleidet und damit der markanteste Teil des Gebäudes ist, um ein Drittel höher geworden – und hätte möglicherweise den Blick vom Norden aus auf den Fernsehturm verdeckt.

Der Umzug stand mehrfach auf der Kippe

Es war ein langer Kampf. Nachdem die Busch-Hochschule im Sommer 2018 mit ihren Abteilungen (Schauspiel, Zeitgenössische Puppenspielkunst, Regie und Dramaturgie sowie Choreografie) umgezogen war, folgte im Oktober die offizielle Eröffnung durch die Studenten. Schließlich waren die es auch, die durch einen kreativen Protest, darunter medienwirksame Auftritte in Günther Jauchs Sonntagstalkshow im Ersten und beim Berliner Theatertreffen, den neuen Standort durchgesetzt hatten.

Zuvor gab es in den Nullerjahren Pläne, die Busch-Hochschule auf das Gelände der Garbaty-Höfe in Pankow anzusiedeln, die scheiterten schließlich am Geld. Auch der Umzug nach Mitte stand auf der Kippe, weil, welch Überraschung in Berlin, die Baukosten gestiegen waren. Oder anders ausgedrückt: Weil es einen SPD-Haushälter im Abgeordnetenhaus gab, der die Kosten unbedingt auf 33 Millionen Euro deckeln wollte. Eine Berliner Provinzposse, die darin gipfelte, dass der Bund schließlich eine Million Euro für den Bau einer Mensa beisteuerte, um diese Versorgungslücke zu schließen.

Ein Regiejahrgang, der nur aus Frauen besteht

Die war dann auch pünktlich zum Beginn der einwöchigen Proben für die Eröffnung fertig. Federführend war dabei ein ganz besonderer Regiejahrgang, ausschließlich Frauen wurden angenommen. Was wahlweise nach Männer-Diskriminierung oder politischer Überkorrektheit klingt. Die Debatte über den männerdominierten Theaterbetrieb läuft ja seit einiger Zeit. „Da waren einfach mal sechs Frauen die besten“, sagt Rektor Kluth und ergänzt: „Es wird nicht wenige Jahrgänge gegeben haben, da waren sechs Männer vermeintlich die besten.“

Wobei Frauen an der Schule zumindest im Bereich Schauspiel bereits im ersten Jahrgang 1905 gut vertreten waren. Auf dem entsprechenden Foto posieren 16 Frauen und drei Männer. Die von Max Reinhardt, damals Intendant des Deutschen Theaters, gegründete erste deutsche Schauspielschule gilt als Vorläufer der jetzigen Hochschule. Unter den Nazis ab 1933 war die „arische Abstammung“ erste Voraussetzung für die Zulassung zum Studium. Nach kriegsbedingter Schließung wurde 1946 der Schulbetrieb in den Räumen des Deutschen Theaters wieder aufgenommen.

Zu DDR-Zeiten und auch noch in der Nachwendezeit galt die Schule als autoritär, der Filmemacher Andres Veiel hat 2004 mit „Die Spielwütigen“ eine bewegende Dokumentation veröffentlicht. Er begleitete vier Schüler der Hochschule, darunter Constanze Becker, die heute am Berliner Ensemble spielt, während des gesamten Studiums. Vier von über 1000 Bewerbern, die alljährlich um einen Platz an der Schule konkurrieren.

Kluth erklärt die pädagogische Tradition der Busch-Hochschule auch mit einem Verweis auf die Hierarchien am Theater und die derzeit viel zitierten „alten weißen Männer“. „Nirgendwo in der Wirtschaft hat der Chef die Möglichkeit, den zentralen Teil seines Personals fast lebenslang mit befristeten Verträgen zu halten.“ Das sei für die Kunst nicht falsch, schaffe aber eine Macht, die es anderswo kaum noch gebe. „Der Mächtige, also der Intendant, muss einen Weg finden, wie er damit umgeht.“ Für die Künstler sei das eine „saudumme Kon­stellation“, sie seien die Ungeschütztesten im System, für sie sei nicht mal der Betriebsrat zuständig.

Wenn er dann noch von „pyramidenförmigen, von Männern gebauten Machtstrukturen“ redet, kann man ahnen, warum Kluth am 1. Oktober 2017 zum Rektor ernannt worden ist: Er soll wohl auch den Kulturwandel an der Schule in Zeiten der MeToo-Debatte („Finde gut, dass da was passiert“) voranbringen. Ob sich auch eine Frau auf den Posten beworben hatte, ist nicht bekannt.

Beim Dachgeschossausbau mit angepackt

Geboren wurde Holger Kluth 1962 in Bad Schwartau. Er wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, spielte als Kind mit Plastiksoldaten und verweigerte später den Kriegsdienst, das war damals noch mit einer Gewissensprüfung verbunden. Später studierte er Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, 20 Semester lang, weil er zwischendurch Regieassistenzen übernommen hatte und auch mal ganz ausgestiegen war, um im Wrangelkiez, „zu Mauerzeiten, ein in seiner grauen Zerstörtheit recht ruhiges Eckchen“, mit anderen ein Haus zu renovieren, den Dachgeschossausbau mit Rigipsplatten hat er selbst erledigt.

In den 90er-Jahren war er Dramaturg am Hebbel-Theater, außerdem hat er unter anderem mit Sasha Waltz und Jochen Sandig 1995 die Sophiensäle mitbegründet. Er war künstlerischer Leiter des Theaters am Halleschen Ufer und vertrat die freie Szene im „Rat für die Künste“. Schließlich wechselte er nach Hamburg, wurde Geschäftsführer einer Theaterbetriebs GmbH, die unter anderem die Hamburger Kammerspiele, das Altonaer Theater und das Harburger Theater betreibt und die bundesweiten „Privattheatertage“ veranstaltet.

Zebu ist der Spitzname aus Kindheitstagen

Zu dieser Zeit, als die GmbH einen Zehn-Millionen-Umsatz erwirtschaftet, besinnt er sich auf seinen eigentlichen Vornamen und reaktiviert den „Holger“. Das sorgt für Verwirrung, weil niemand weiß, ob „Zebu“ nun Teil des Vor- oder Nachnamens ist. Es ist sein Spitzname aus Kindheitstagen, sein Bruder hat ihn so genannt. Weil er aus dessen Sicht einer Figur aus der ursprünglich französischen, in den 60er-Jahren dann vom ZDF ausgestrahlten Kindersendung „Das Zauberkarussell“ ähnelt. Laut Wikipedia handelt es sich bei Zebulon um ein undefinierbares Wesen, das auf einer Sprungfeder hüpft und mit seinem Schnurrbart zaubern kann. Mittlerweile trägt Kluth einen üppigen Vollbart, aber über seine übersinnlichen Fähigkeiten ist nichts Genaues bekannt.

Kluth hat zwei Söhne im Alter von zwölf und 15 Jahren, die überwiegend bei ihrer Mutter in Hamburg leben. Er ist bei seiner Rückkehr nach Berlin nicht nach SO36 gezogen, wo mittlerweile „Rucksacktouristen das Straßenbild bestimmen. Wahrscheinlich wäre ich da eh nur rumgelaufen und hätte festgestellt, dass früher alles besser war, auch wenn das gar nicht stimmt.“ Er wollte in einen Teil Berlins, „den ich wiedererkenne“ – und entschied sich für Charlottenburg. An diesem Stadtteil „ist die Geschichte angenehm vorbeigezogen, anders als in Mitte oder Prenzlauer Berg. Das ist das alte West-Berlin, da wohne ich gerne.“

„Mit der Idee des Bauhauses ist irgendwas schiefgegangen“

Außerdem hat er es als gutes Omen angesehen, dass die Wohnung in der Nähe des Adenauerplatzes nur ein Stück weit von einer Gedenktafel entfernt liegt, die an Moriz Seeler erinnert. Der war Jude und homosexuell, wurde 1942 von den Nazis nach Riga deportiert und dort ermordet. Über den Kritiker und Essayisten, der 1922 die „Junge Bühne“ in Berlin gründete und dort skandalträchtige Uraufführungen präsentierte, hat Kluth seine Magisterarbeit geschrieben. „Lange Zeit dachte ich, ich wäre der letzte lebende Seeler-Experte“, sagt er. Bis er dann bei der Anbringung der Gedenktafel einen Seelenverwandten traf.

Wir gehen auf dem Weg zum Nordbahnhof an sehr vielen, sehr ähnlichen Neubauten vorbei. „Mit der Idee des Bauhauses ist irgendwas schiefgegangen“, kommentiert der 56-Jährige die Architektur. „Ich habe nichts gegen Abstraktion und klare Form. Die Gebäude sehen bei der Fertigstellung ganz okay aus, können aber nicht altern. Später bleibt nur noch gestapelter Müll übrig.“

Den Bereich mit den alten S-Bahnhofseingängen aus den 30er-Jahren empfindet er als „Insel“. Ein „sehr schöner Bahnhof“. Und im Inneren will er noch etwas zeigen. Eine Schrift. Den Versuch der Nationalsozialisten, aus der Fraktur eine moderne Variante zu gestalten, immer „noch very german“. Die „heutigen Nazis“, sagt Kluth, „verwenden gern die alte Fraktur. Die haben nicht mal von ihren eigenen Geschichten richtig Ahnung.“

Vita Holger Zebu Kluth wurde am 29. März 1962 in Bad Schwartau geboren, er wuchs in Lübeck auf. Kluth studierte Germanistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Von 1991 bis 1996 war er als Dramaturg und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Berliner Hebbel-Theaters tätig. 1995 gründete er mit anderen die Sophiensäle. Von 1996 bis 2001 übernahm er die künstlerische Leitung des Theaters am Halleschen Ufer. Kluth wechselte nach Hamburg, war von 2004 bis 2017 Geschäftsführer mehrerer Privattheater. Am 1. Oktober 2017 übernahm er das Amt des Rektors der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst, sein Vorgänger Prof. Dr. Wolfgang Engler ging in den Ruhestand. Kluth hat zwei Söhne, die überwiegend bei der Mutter in Hamburg leben.

Hochschule Die „Busch“ ist die älteste und wohl auch renommierteste Ausbildungsstätte für Theater-Schauspieler in Deutschland, ihre Wurzeln reichen ins Jahr 1905 zurück. Zu DDR-Zeiten hieß die Einrichtung erst Staatliche Schauspielschule Berlin, 1981 erhielt sie den Status einer Hochschule und wurde nach dem ein Jahr zuvor verstorbenen Sänger und Schauspieler Ernst Busch benannt.

Spaziergang Wir sind erst mal durch das neue Haus der Hochschule gegangen, danach ging es zur S-Bahnstation Nordbahnhof.