Berliner Spaziergang

Sängerin Sophie Hunger: Lyrikerin in einer sachlichen Welt

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Heute: Ein Spaziergang mit der Sängerin und Songschreiberin Sophie Hunger.

Sängerin Sophie Hunger vor dem Tempodrom

Sängerin Sophie Hunger vor dem Tempodrom

Foto: Reto Klar

Berlin.  Der Spaziergang beginnt am Oranienplatz bei 50 km/h im Auto des Fotografen. Wir fahren zum Tempodrom, wo die Fotos gemacht werden sollen – unter dramatisch geformten Wolken, vor dem auch irgendwie dramatisch geformten Dach. Hier wird Sophie Hunger in wenigen Tagen ihr bislang größtes Berlinkonzert geben.

„Hey warte, ich muss mich kurz konzentrieren“, sagt sie plötzlich und läuft freudig „Oh mein Gott!“-rufend zu den Fenstern. Sie sieht nichts, alles verdunkelt. Ja wirklich, sie ist aufgeregt. Und beeindruckt. Sogar nach elf Jahren Karriere geht das noch.

Über die Stadt, in der sie seit 2014 lebt, singt sie in einem ihrer Songs des aktuellen Albums: „In deinen Sünden Trost zu finden / Berlin, du deutsches Zauberwort“. Viel mehr flüstert sie das, um dann auf Englisch zu singen: „Your light shines on in the dark.“

Was ist es, was sie, die Schweizerin, seither in Berlin hält? Am Anfang eine Liebe, heute ist es Geborgenheit, die sie bleiben lässt. Die Freunde? Sie nickt. Weil sie ähnlich seien wie sie. Künstler mit Lotterleben, erklärt sie, bei denen jeder Tag ein bisschen anders sei. Lotterleben im besten Sinne. So wie bei ihr halt.

Nicht fünf Tage die Woche ackern und trotzdem hart arbeiten. Nicht 20 Tage Urlaub im Jahr, sondern „Urlaub über das ganze Leben verteilt“. Damit flüchtet sie gewissermaßen vor dem ökonomischen System, in das jeder von klein auf gedrückt wird. Das ist sicher kein Hauptanreiz für sie, aber zumindest wäre ein Leben in der, wie sie sie nennt, „sachlichen Welt“ nahezu unmöglich. Für eine 40-Stunden-Woche im Büro fehlt ihr die Konzentration.

Neun Wochen auf Tour gehen und jeden Abend spielen, ist dagegen für sie kein Problem. Das sei die schönste Zeit ihres Lebens, sagt sie. „Für zwei Stunden am Abend fühlt es sich dann plötzlich an, als würde jedes Organ richtig sitzen.“ Und das selbst, wenn sie 38,8 Grad Fieber hat, so wie neulich.

„Das Spielen ist das, was mich kickt“

Nur zwei Konzerte hat sie bislang abgesagt. Klingt fast heroisch. „Aber wenn jetzt Krieg wäre, würden wir auch laufen können – ich denke, das ist etwas im Kopf, man kann sich selbst noch kranker machen“, sagt sie. Und ganz wichtig: dem Publikum niemals sagen, dass man ja eigentlich ins Bett gehöre.

Das würde sie in ihren „Rules of Fire“ gerne noch ergänzen. Das sind Gebote, die sie vor etwa fünf Jahren formuliert hat. Sie fand das witzig, weil man bei dem ganzen Überindividualismus in ihrem Beruf ja eigentlich sagt, es gebe keine Regeln.

In einer Stadt wie Zürich, wo Sophie Hunger als Diplomatentochter neben Bern, London und Bonn auch gelebt hat und sich als Künstlerin isoliert fühlte, könne man übrigens nicht so „ungestört scheitern“ wie in Berlin. Sie lacht, als sie das sagt. Scheitern ist natürlich relativ.

Was sie hier meint: „Auch um drei Uhr nachts kriegt man noch jemanden spontan dazu, einen auf eine Wurst zu treffen.“ Weil es geht. Weil ihr enges Umfeld hier nicht um sechs aufstehen und horrend viel Geld verdienen muss. Sie ergänzt, und das ist wichtig: „Eine Krankenschwester mit Kindern hat natürlich einen ganz anderen Druck als ich – auch in Berlin.“

So was wie Druck kennt auch Hunger. Als sie 30 wurde, zum Beispiel, bekam sie kurz Angst, weil sie dachte: Was soll jetzt noch kommen im siebten Jahr der Karriere, nachdem man so viel von sich gegeben hat? Sie dachte an die Bibel, wo es das ja auch gibt: die sieben fetten Jahre und dann geht es erst mal bergab.

„Mittlerweile weiß ich, dass alles zyklisch ist, nicht linear.“ Weshalb man auch nicht leer geschrieben ist nach Abschluss eines Albums. Am Ende sei auch das nur die Logik, die uns der Kapitalismus beigebracht hat: eine Menge X haben, die irgendwann aufgebraucht ist, um sie sich dann wieder zu „verdienen“.

Nicht immer alles easy

Die nächsten Jahre verliefen jedenfalls weiterhin mehr als okay bei der Musikerin. Natürlich war nicht alles immer easy. Nach der Schule arbeitete sie sechs Jahre in der Gastronomie. Der stete Traum: Musikerin werden. Bei jeder Band dachte sie, das ist sie! Funk, Trip-Hop, Indie-Rock. Der Wendepunkt kam, als sie ihr Soloalbum rausbrachte. Selbst aufgenommen, ohne Label. „Auf einmal war alles, was vorher war, weg, alle Türen und Mauern, gegen die ich vorher ständig gerannt bin, waren offen.“ Hunger merkte das sofort. Endlich musste sie nicht mehr die Welt fragen, ob sie sie will. „Sie wollte mich!“

Braucht ein Künstler Dürrephasen oder den holperigen Anfang? Das sei ein logischer Irrtum, sagt sie, und erklärt: „Man kennt ja auch nur die Babys, die auf die Welt gekommen sind – die, die gestorben sind, wird man nie sprechen hören.“ So würden gescheiterte Musiker ja auch nicht interviewt.

War es bei ihr Schicksal? „Das sagen wir immer nur dann, wenn wir spüren, dass wir die Situation nicht kontrollieren können.“ Sie hatte eher Glück. Auch mit ihrem Manager, einem alten Punk mit denselben Werten wie sie, dem sie damals intuitiv vertraut hatte. Zu Recht.

Dass sie nie einen Vertrag, sondern alles per Handschlag machen, ist schon verrückt, findet auch sie. Auch hier wieder ein Sich-nicht-Anpassen an das, was das System diktiert. Ihre Karriere: selbstbestimmt, nicht auf schnelles Geld, sondern Länge ausgelegt.

Als vorhin die Fotos von ihr gemacht wurden, hat sie gesummt. So leise, dass man es durch den Wind nur mit gespitzten Ohren hören konnte. Richtig angenehm schien ihr das nicht, so bewegungslos in die Linse zu schauen. Die Diskrepanz ist erstaunlich zwischen ihr als Musikstar auf der Bühne, Hunderte mit ihrer Stimme und Instrumenten unterhaltend, und hier im Gespräch – nahbar, offen und doch äußerst zurückhaltend.

In der Presse kann man nicht viel über sie als Privatperson lesen. Nur das Professionelle erfährt man da. Autodidaktin. Spielt Klavier, Mundharmonika, Gitarre. 2008 Vertrag mit Universal Jazz. Hunger trat auf dem berühmten Jazzfestival in Montreux auf, Sie ist Komponistin von Filmmusik, für die sie Preise bekam. Man liest fundierte Analysen der Werke und Aufzählungen sämtlicher Projekte mit Musikern wie Erik Truffaz.

„Das Spielen ist das, was mich kickt.“

Jedenfalls interessiert sie das Drumherum nicht besonders. Der Glamour, nach dem sich so viele verzehren. Vielleicht bedeutet genau das am Ende dann, „richtige Musikerin“ zu sein, weil es um die Sache an sich, um den Kern geht? In der Öffentlichkeit zu stehen, sagt sie, sei jedenfalls leer und oft trostlos. „Das Spielen ist das, was mich kickt.“

Man merkt allein an so einem Satz, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der nicht nur lyrische Musiktexte schreibt, sondern auch beim Schlendern (gerade zurück Richtung Oranienplatz) seine Gedanken zur Welt, über das Leben besonders formuliert.

Tatsächlich ist das Thema Sprache für Hunger ein wichtiges. Sprache allein, sagt sie, sei ja fast schon Kunst. Immerhin kreiert jeder, der sprechen kann, Sätze im Kopf, ohne dass sie einem jemand vorsagt. „Und man versucht mit Sprache, Emotionen auszulösen, Reaktionen, versucht zu manipulieren …“ So wie sie mit ihrer Musik.

Damit ist sie dann auch eine „richtige Künstlerin“, wenn man so will. Immerhin spricht sie vier Sprachen fließend. Deutsch, Schwyzerdütsch, Englisch, Französisch. Sogar etwas Persisch. Ihr Vater arbeitete früher im Iran.

Tatsächlich ist es auch das, neben den multiplen Stilrichtungen, was ihre Musik schon seit Beginn ihrer Karriere so einzigartig macht: Vielfalt. Hunger nämlich macht Musik in all diesen Sprachen. Das Faszinierende: Man nimmt ihr alle gleichermaßen ab.

Vielleicht, weil sie so eigen dabei ist und das Switchen mit den Mitteln, die ihr zustehen, selbstbewusst durchspielt, ohne es bloß zu spielen? Authentizität, die siegt. Alles, was kommt, kommt aus ihr, weil sie selbst darauf steht und nicht, weil ein Trend gerade sagt: mach mal so!

Sprachen seien sowieso fast das Schönste für sie, weil man gleich eine ganze Kultur geschenkt bekommt. „Du fühlst dich etwas anders, hast eine veränderte Körpersprache, einen anderen Humor, andere Teile des Charakters kommen zum Vorschein.“ Franzosen zum Beispiel sprechen emotionaler, sagen „mein Herz“ und „umarme dich fest“, geben jedem sofort Küsschen Küsschen. Deutsche sind dagegen fast schon erschrocken bei so viel Nähe.

Noch mal zurück zu ihrem Anfang. Dachte sie irgendwann daran, aufzugeben? Hunger begann drei Studiengänge und brach immer wieder ab. „Weil ich wusste, dass ich nicht am richtigen Ort bin.“ Einen Plan B gab es nie, aber ja, sie war verzweifelt. Das kann sie aus heutiger Sicht sagen.

„Granitschädel, Sturheit, Eitelkeit, Interesse“

Das subtile Schuldgefühl waberte so vor sich hin. Den Eltern gegenüber? Nein, insgeheim wären die auch lieber den künstlerischen Weg gegangen. Und lange Zeit, sich zu sorgen, hatten sie ja eh nicht. Schuldgefühle gegenüber dem Kapitalismus! „Der macht dich immer zu einem Schuldigen, ob du unglücklich bist oder glücklich, ganz egal.“ Dabei ist er es doch, der Schuld hat – an so vielem.

Mit dem Plattenvertrag kam ein viertes Studium, „weil ich plötzlich die Ruhe hatte“. Deutsche und Englische Literatur und Linguistik schloss sie ab. Mit Biegen und Brechen. Der Tourbus musste nachts manchmal noch nach Bern fahren, damit sie vor dem nächsten Konzert morgens schnell eine Prüfung schreiben konnte.

Wieso so hartnäckig? Granitschädel, Form von Sturheit, eine große Portion Eitelkeit, Interesse. Das zählt sie auf, ohne lange zu überlegen. Das macht sie sonst öfter, sich ein paar Momente mehr nehmen, bevor sie antwortet.

Außerdem glaubt sie, dass jeder Mensch komplex ist. Eine gesunde Gesellschaft müsse stereo sein, Musik sei mono ja auch nicht zu ertragen. Als Beispiele: Ihr neues Bandmitglied ist nebenbei Europameister im Skateboarden. Und ein bekannter Jazzpianist erfindet in seiner Freizeit Spiele für Ravensburg.

Ohne Musik „wäre ich jetzt wahrscheinlich ein Sozialfall“

Also nicht aus Sicherheit das Studium? „Für die Sicherheit wusste ich immer schon, dass ich Musikerin werden muss!“ Und wenn das nicht geklappt hätte? „Wäre ich jetzt wahrscheinlich ein Sozialfall“, sagt sie ganz ernst gemeint.

Die Muskeln der Fantasie und des Musikerdaseins hat sie nun lange genug trainiert, die gehen nicht mehr einfach so weg. Bedeutet: sich Dinge ausdenken, sie niederschreiben. So ein bisschen in der Luft leben. Ein mickriger Realitätssinn, tiefe Impulskontrolle, Adrenalinabhängigkeit. Das alles gehört jetzt zu ihr.

Während Hunger spricht, hat man das Gefühl, dass sie streckenweise ihren Schritt den Betonungen und Gedanken anpasst. Schleichende Schritte folgen zügigeren. Und manchmal kann man aus dem Augenwinkel beobachten, wie sie dieses Spiel spielt, wo jeder Schritt eine Wegplatte nimmt.

Schöpft sie eigentlich ausschließlich aus den eigenen Tiefen, wenn sie Songs schreibt? „Es ist eine Suppe aus Erlebnissen, gemischt mit Assoziationen, Gedankenspielen, gemischt mit einer Lust auf einen Song mit einem bestimmten Beat und natürlich Angeberei.“

Interessant ist: Hungers Grundimpuls ist, die Realität zu verlassen, sie zu übertreffen, wie sie sagt. Weg von sich selbst. In ihr oder der Realität finde sie nichts, was so kostbar ist. Das klingt nun fast schon traurig, als sie das sagt.

Echte Realität macht sie traurig

Aber so richtig traurig macht sie dann doch die echte Realität: am Zaun zu den Prinzessinnengärten hängen handgeschriebene Klimarettungsaufrufe. „Schnell Leute, wir müssen was tun!!“, steht da. „Alles um uns herum liegt im Sterben“, sagt Hunger nun. Da brauche es politischen Willen, eine Regierung, die sagt: ‚Ab morgen ist die Herstellung von Plastik verboten. Punkt.‘

Kurzes Schweigen. „Vielleicht gibt es ja auch irgendwann eine gewaltsame Lösung, indem eine junge Generation den Kapitalismus zerschlägt, so wie damals der König bei der Französischen Revolution vertrieben wurde“, sagt sie. Obwohl eine softe Lösung natürlich besser wäre, „da fließt weniger unschuldiges Blut“. Hunger lacht kurz und verabschiedet sich – mit einer Umarmung.

Zur Person

Familie Sophie Hunger, am 31. März 1983 in Bern geboren, heißt eigentlich Emilie Jeanne-Sophie Welti. Hunger ist der Geburtsname ihrer Mutter. Sie ist Sängerin, Musikerin und Filmkomponistin. Mit ihrem Vater, Diplomat, ihrer Mutter, Politikerin, und ihren beiden älteren Geschwistern lebte sie in Bern, London, Bonn und Zürich. Seit 2014 lebt sie in Kreuzberg und hat eine Wohnung in Paris.

Karriere 2006 veröffentlichte Hunger ihre erste CD, die sie selbst zu Hause aufgenommen hatte. Die Aufnahme wurde zum Erfolg. Fünf weitere Alben folgten, unzählige Musikprojekte und auch Auftritte auf berühmten Musikfestivals wie Montreux oder Glastonbury. Hunger spielt Klavier, Gitarre und Mundharmonika. 2018 veröffentlichte sie „Molecules“, ihr sechstes Album, diesmal stark elektronisch beeinflusst. In Berlin spielt sie am 22. März im Tempodrom.

Spaziergang Vom Oranienplatz zum Tempodrom an der Möckernstraße bis zur Yorckstraße, Großbeerenstraße links, danach rechts am Halleschen Ufer entlang. Weiter die Gitschiner Straße, links in die Lindenstraße. Rechts in die Alte Jakobstraße, wieder rechts die Neuenburger. Alexandrinenstraße links, rechts die Ritter-, links die Prinzen- und wieder rechts die Oranienstraße bis zum Platz