Berliner Spaziergang

Wo die Verbrechen der Nazis bis heute sichtbar sind

Axel Drecoll, Chef der Brandenburgischen Gedenkstätten, führt durch das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg.

Axel Drecoll, Chef der Brandenburgischen Gedenkstätten, steht am Lagertor.

Axel Drecoll, Chef der Brandenburgischen Gedenkstätten, steht am Lagertor.

Foto: Maurizio Gambarini

„Arbeit macht frei.“ Der Schriftzug am Eingangstor ist vertraut, aber die Blumenkübel irritieren viele Besucher. Ein blühender Gruß für die Häftlinge eines Konzentrationslagers? „Ja“, sagt Axel Drecoll, der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, „die Pflanzen gehören tatsächlich an diesen Ort.“ Für den Historiker zeigt sich darin die „Perversion der nationalsozialistischen Ordnungsvorstellung“. Wer hierher gebracht wurde, musste aus Sicht der Nazis umerzogen werden, das, was die SS zum deutschen Wesen zugehörig definierte, wurde den Häftlingen hier eingetrichtert, bevor dann später zahlreiche von ihnen ermordet wurden.

Vorher aber mussten sie ihre eigene Misshandlungsstätte selbst errichten. Ab 1936 wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen gebaut, das nicht identisch mit dem KZ Oranienburg ist, das von 1933 bis 1934 in der Nähe des Stadtzentrums bestand. Es war das erste Konzentrationslager in Preußen, dort wurde unter anderem der Schriftsteller Erich Mühsam von der Wachmannschaft umgebracht.

Der Nachfolgebau sollte ein „Musterlager“ werden, aber dieser Plan ging nicht auf. Sachsenhausen war der erste große KZ-Komplex, der von einem SS-Architekten geplant wurde. Auftraggeber Heinrich Himmler schwebte ein „vollkommen neuzeitliches, modernes und jederzeit erweiterbares“ Lager vor. Bernhard Kuiper entwarf daraufhin ein gleichseitiges Dreieck, in dessen Fläche er das Häftlingslager, die Kommandantur sowie das SS-Truppenlager unterbrachte. Vom Wachturm A aus, das war der Eingangsbereich, sollte ein einziges Maschinengewehr die in vier Ringen um den halbkreisförmigen Appellplatz herum gruppierten 68 Häftlingsbaracken ungehindert erreichen können. Hinter dem Entwurf steckte der Gedanke „der totalen Überwachung und Repression“, sagt Drecoll, der seit dem vergangenen Sommer als Stiftungschef auch für die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen verantwortlich ist.

Die erschreckende Dimension des Leids

Untergebracht ist die Stiftung bewusst an einem ganz entscheidenden historischen Ort. „Hier war früher der sogenannte Inspekteur der Konzentrationslager untergebracht, das waren über 100 Mitarbeiter.“ Die Verwaltungszentrale für alle Konzentrationslager im deutschen Machtbereich wurde 1938 von Berlin nach Oranienburg verlegt.

„Man muss sich bewusst machen, dass von diesen Räumen hier in ganz entscheidendem Maße die Massenverbrechen in den Konzentrationslagern gesteuert worden sind“, sagt Drecoll bei einem Rundgang durch das denkmalgeschützte Gebäude, bei dem im Flur vor dem früheren Büro des Inspekteurs (heute ein Ausstellungsraum), die schweren Eichenholztüren sind noch vorhanden, unter der Kassettendecke ein monumentaler Kronleuchter aus der Nazizeit hängt. Die Treppengeländer sind von Hakenkreuz-Variationen und SS-Runen befreit, aber als historisches Zeugnis von Plexiglas beschützt. „Hier wurden die Essensrationen festgelegt und Massenmorde organisiert“, fährt Drecoll fort, „hier wurden medizinische Versuche an Häftlingen beschlossen oder welche Zwangsarbeit sie zu verrichten hatten.“

„In diesen Räumlichkeiten wird man sich der Verantwortung angesichts des unermesslichen Leids von vielen Menschen sehr, sehr bewusst“, sagt Drecoll. Vom Balkon des Konferenzsaals aus blickte man auf das Konzentrationslager – der Begriff „Schreibtischtäter“ bekommt in diesen Räumlichkeiten eine sehr konkrete Ausgestaltung.

Die Gedenkstätte wird jährlich von rund 700.000 Menschen besucht

Das T-förmige Gebäude, in dem eine Ausstellung über die Geschichte der KZ-Inspektion informiert, wird größtenteils durch das Finanzamt genutzt. Und auch diese Nutzung ist durchaus passend, denn „die Finanzverwaltung war maßgeblich an der Massenvernichtung beteiligt, beispielsweise bei der Verwertung des jüdischen Vermögens“, sagt Drecoll, der über dieses Thema seine Doktorarbeit geschrieben hat.

Das Sichtbarmachen von Schreibtischtäterhandlungen, die Frage, welche Rolle die Bürokratie für die Umsetzung der Massenverbrechen im Nationalsozialismus spielt, das sind Themen, die ihm am Herzen liegen: „Wir planen dazu eine Erweiterung der derzeitigen Ausstellung, bei der auch das Finanzamt als Kooperationspartner mitwirkt.“

In Drecolls recht bescheidenem Büro, ein protziges wäre an diesem Ort auch fehlplatziert, erinnert nichts an Nazi-Architektur, zwischen zwei Fenstern steht ein großes Bücherregal aus Metall, darin unter anderem „Politik der Vernichtung“, „Geschlossene Grenzen“ und „Die Nazi-Olympiade“, um willkürlich drei Titel zu nennen. Schließlich verlassen wir das Gebäude und starten unseren Spaziergang zur Gedenkstätte, die jährlich von rund 700.000 Menschen besucht wird.

Es ist ein sehr internationaler Ort

Auf der sogenannten Lagerstraße gehen wir vorbei am Informationszen­trum, das „viel zu klein ist, wir brauchen dringend eine Erweiterung“. Wir lassen das ehemalige, jetzt leer stehende Kasino, dessen Kubatur erhalten wurde, rechts liegen. Für die SS diente es nicht nur als Kantine, es wurde auch für Freizeitaktivitäten genutzt, diente also salopp gesagt der Belustigung der Wachmannschaften. Tritt man aus dem Gebäude heraus, schaut man auf das Eingangstor zum Lager – Sichtachsen gab es nicht nur in preußischen Gartenanlagen.

Wir stehen mittlerweile vor dem eingangs zitierten zynischen „Arbeit macht frei“-Logo. Der Fotograf möchte am Tor ein Bild machen. Dort hört gerade eine Schülergruppe einem englisch sprechenden Guide zu. Eine Lehrerin übersetzt. „Ich bin aus Schottland“, erklärt der Mann, „aber die Gruppe kommt aus Wales.“ „Das ist ein sehr internationaler Ort hier“, ergänzt Drecoll, mehr als 3000 Führungen bietet die Gedenkstätte pro Jahr an, rund 8000 vorwiegend touristische Gruppen aus Berlin bringen aber auch ihren eigenen Reisebegleiter mit.

„Ganz wenige bleiben ungerührt“

Das Lagertor symbolisiert wie kein anderer Ort den Schritt aus dem Leben in die Anonymisierung. Bürger, die „auf einmal aufgrund rassistischer, politischer oder religiöser Gründe zu Feindbildern erklärt werden, hat das teilweise vollkommen überraschend getroffen. Deren Leben hat sich von einem Tag auf den anderen brachial verändert. Sie werden inhaftiert, zu einer Nummer degradiert, ihnen wird der Schädel kahl rasiert, sie bekommen eine Einheitskleidung. Sie können nur mit großem Glück und unter schwersten psychischen und häufig auch körperlichen Misshandlungen überleben – das sind Umbrüche, die sind heute fast gar nicht mehr nachzuvollziehen“, sagt Drecoll und blickt auf den Zählappellplatz, wo die Häftlinge teilweise stundenlang stehen mussten.

„Wir veranschaulichen die Geschehnisse immer auch biografisch“, erläutert Drecoll das Konzept der Gedenkstätte: „Im Andenken an die Verstorbenen, Ermordeten, Misshandelten, also wesentlich mit Opferschicksalen, aber auch mit Täterbiografien.“ Das scheint zu funktionieren. Nur „ganz wenige Besucher blieben ungerührt“. Aber zu viel Emotion, das weiß Drecoll, ist auch nicht gut, denn „weinen bildet nicht“. Angestrebt wird eine kritische Reflexion, aber keine emotionale Überwältigung.

Zugang zur Geschichte sichern

Noch spielen Zeitzeugen beim Erinnern eine wichtige Rolle, aber wie lange noch? „Die persönliche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Drecoll. Damit die Stimmen der Überlebenden nicht verstummen, führte und führt die Stiftung Interviewprojekte durch. Aber der Stiftungschef ist auch Historiker, er vertraut auch auf die „hohe Aussagekraft der physischen Präsenz von Objekten“ und auf „vielfältige Formen der didaktischen Arbeit mit Geschichte“. Deshalb macht er sich „keine Sorgen, dass wir den empathischen Zugang zur Geschichte verlieren“.

In den USA lässt man mittlerweile Zeitzeugen als Hologramme dreidimensional wieder erstehen. Davon ist Drecoll, um es mal vorsichtig zu formulieren, noch nicht wirklich überzeugt. Hologramme „können die persönliche Begegnung nicht ersetzen, gaukeln sie aber vor“. Und außerdem sei Erinnerung „etwas sehr dynamisches“ – Zeitzeugen „erinnern sich mit zeitlichem Abstand anders an dasselbe Ereignis“.

Die krude Logik der Nazis

Drecoll lebt er mit seiner Frau, die als Ärztin im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam arbeitet, und der 17-jährigen Tochter in Berlin, „in der Nähe vom Schloss Bellevue“, also gewissermaßen auf halber Strecke zwischen beiden Arbeitsstätten. Bevor es Drecoll im vergangenen Sommer als Gedenkstätten-Chef beruflich nach Oranienburg zog, hat er als Leiter des Lern- und Erinnerungsortes „Dokumentation Obersalzberg“ mit der Familie im Münchner Zentrum gewohnt. Für die ZDF-Reihe „Böse Bauten“ begab er sich mit einem Kamerateam auf Spurensuche zu den dortigen NS-Bauten, zu denen auch der Bahnhof in Berchtesgaden gehört.

Der Obersalzberg inklusive Alpenpanorama „steht aus Sicht der Nazis für die Volksgemeinschaft: gesunde und beeindruckende Natur, ursprüngliche Bevölkerung aus Bergbewohnern“. Und nach der „kruden Logik der Nazis ist die rassische Homogenität die Lösung für alle Probleme – und das bedingt immer die Verfolgung der ‚anderen‘“, das ist für Drecoll die Verbindung beider Orte.

Das Rennrad steht im Hinterhof, aber nicht lange

Das harte Berliner Pflaster hat Axel Drecoll schon kennengelernt, als er sein Rennrad einmal im Hinterhof abgestellt hat – es stand nicht lange da. Drecoll bezeichnet sich als „passionierten Fahrradfahrer“, gemeinsam mit seiner Frau unternimmt er – wetterbedingt vorzugsweise im Sommerhalbjahr – gern Ausflüge in der Stadt und erkundet so auch das Land Brandenburg einschließlich der zahlreichen Badegewässer.

Fußball spielt der 44-Jährige mit Verweis auf sein Sprunggelenk nicht mehr, auch Skitouren gehören mangels nahe gelegenen Bergen der Vergangenheit an. Weil „sportliche Betätigung zum Ausgleich auch etwas Sportliches sein muss“, hat ihm sein Bruder Kitesurfen ans Herz gelegt. Seine Frau setzt auf Segeln, das liegt in Berlin nahe, aber das hält er für weniger sportlich.

Wir sind mittlerweile bei den sogenannten jüdischen Baracken angekommen. Bei einem Brandanschlag von Rechtsradikalen im September 1992, kurz nach dem Besuch des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin, wurden die Gebäude stark beschädigt, die Spuren des Feuers sind in der einen Baracke noch immer zu sehen – als Mahnung. Auch wenn der Besuch einer AfD-Gruppe im vergangenen Sommer für Schlagzeilen sorgte, weil ein Guide die Tour nach verharmlosenden und relativierenden Worten über die nationalsozialistischen Verbrechen abgebrochen hatte, hält Drecoll das für „einen Einzelfall“. Es gebe keine Zunahme rechtsradikaler Äußerungen oder Verhaltensweisen.

Und dann möchte er noch etwas Grundsätzliches loswerden. Axel Drecoll erzählt von den Zigaretten-Sammel­alben. Verniedlichende Bilder des wandernden, Kaffee trinkenden, Kinder liebenden Hitler wurden „millionenfach unter die Leute gebracht“. Viele Kinder hätten die Motive auf dem Pausenhof getauscht. Drecoll spricht von einem „enormen Geschick, wie Zustimmung generiert wurde“. Aber „das Bild einer Clique, die den Rest der Gesellschaft verführt hat“, das sei vollkommen falsch. Viele hätten sehr aktiv zugestimmt. Aber es „gab immer die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden, aber das haben nur wenige gemacht – und die muss man würdigen“.

Zur Person

Vita Axel Drecoll wurde 1974 in Erlangen geboren. Er hat Neuere und Neueste Geschichte, Geschichte Südosteuropas und Politische Wissenschaften studiert. Seit dem 1. Juni 2018 ist er Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Drecoll ist verheiratet und hat eine Tochter, die Familie lebt in Mitte.

Die Einrichtung Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten wurde 1993 errichtet und unterhält die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück, die Dokumentationsstelle im ehemaligen Zuchthaus Brandenburg an der Havel und das Museum des Todesmarsches im Belower Wald.

Das Lager Zwischen 1936 und 1945 waren im Konzentrationslager Sachsenhausen mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlungen um. Andere wurden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen. So wurden im KZ Sachsenhausen im Herbst 1941 mindestens 12.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Die beteiligten SS-Männer erhielten danach einen mehrwöchigen Italien-Urlaub.

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