Berliner Spaziergang

Michael Geißler - Mit Energie für Berlin

| Lesedauer: 13 Minuten
Christine Richter
Michael Geißler ist Geschäftsführer der Berliner Energieagentur

Michael Geißler ist Geschäftsführer der Berliner Energieagentur

Foto: Reto Klar

Wir begegnen Menschen, die Berlin bewegen. Heute: Ein Spaziergang mit Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur.

Berlin. Wo treffen wir uns? Michael Geißler muss nicht lange überlegen: „Am Roten Rathaus.“ Es ist einer dieser trüben, nasskalten Tage in Berlin, wie es sie in den vergangenen Wochen in diesem Winter zahlreich gab. Wir wollen den Spaziergang trotzdem machen – aber zuerst einmal dem Regierenden Bürgermeister aufs Dach steigen. „Das dürfen Sie aber nicht so schreiben“, sagt Michael Geißler. „Nein, ein Scherz“, sage ich. Wir steigen im Roten Rathaus trotzdem aufs Dach, denn hier kann Geißler, Chef der Berliner Energieagentur, anschaulich zeigen, was sein Job ist: Institutionen helfen, Energie zu sparen, die Energiewende vorantreiben, beraten. Wie den Regierenden Bürgermeister im Roten Rathaus.

Im Foyer, am Eingang zum Roten Rathaus, hängt eine elektronische Tafel. Da sieht man, wie viel Strom die Fotovoltaikanlage auf dem Dach produziert. „20 Berliner Haushalte könnten hiermit ein Jahr lang versorgt werden“, sagt Geißler. Wir steigen die Stufen hinauf, einmal rechts, einmal links, wieder eine Treppe hoch – und irgendwann sind wir ganz oben. Leider ist es regnerisch und ziemlich kühl. Wir machen Fotos und lachen, weil Michael Geißler ein bisschen aussieht wie Mary Poppins mit ihrem Schirm. Der Fotograf Reto Klar gibt wie immer alles – und liegt mit dem Rücken in der Pfütze. „Sieht das nicht anmaßend aus, so von unten, ich hier oben auf dem Rathaus?“, fragt Geißler, der als langjähriger Netzwerker in Berlin weiß, wie sensibel die Berliner Politiker und Unternehmer sind, wie Fotos wirken können. „Nein“, sagt der Fotograf. „Das ist mal eine ganz andere Perspektive.“

Eine andere Perspektive auf Berlin hat auch Michael Geißler. Er kümmert sich als Geschäftsführer der Berliner Energieagentur – „BEA“, sagt er – um die Entwicklung und Umsetzung moderner Energiekonzepte in Berlin und seit einiger Zeit auch immer häufiger im Ausland. Wie kommt man zu einem solchen Job? Ein bisschen Zufall und viel Interesse an politischen Entwicklungen war dabei. Geißler, im Dezember 1961 in Aschaffenburg geboren, kommt aus einfachen Verhältnissen, die Eltern haben sich, wie man so schön sagt, hochgearbeitet. Der Vater war Bürgermeister in der bayerischen Gemeinde Kleinostheim, die Eltern schon älter, als er, Michael, 15 Jahre nach seinem Bruder auf die Welt kam. „Ich bin ziemlich behütet aufgewachsen“, erzählt Geißler, während wir Richtung S-Bahnhof Alexanderplatz laufen. Unser Spaziergang soll uns bis nach Prenzlauer Berg führen, denn er will mir an einigen Stationen sein Leben in Berlin erzählen.

Etwas Handfestes sollte es sein

Nach dem Abitur am Gymnasium in Großkrotzenburg („Ich war immer sehr gut in der Schule, ich konnte ein halbes Jahr früher Abitur machen, das gab es damals“) geht er nach Berlin. An die Freie Universität, Otto-Suhr-Institut, Studium der Politikwissenschaften, auch bei Peter Grottian. Jetzt muss ich mal einhaken: Wann war das genau? „1980 bis 1982.“ Nun, unsere Wege hätten sich in dieser Zeit auch schon mal kreuzen können. Ich kam 1985 nach Berlin zum Studium an die Freie Universität, auch ans Otto-Suhr-Institut, bei Peter Grottian habe ich studiert und später eine meiner Magister-Prüfungen abgelegt. Da war Geißler schon wieder weg: „Ich habe nach drei Semestern gemerkt, dass das nichts für mich ist. Es musste etwas Handfestes her. Ich brauchte einen Anker.“

Geißler wechselte von der Freien Universität an die Technische Fachhochschule und entschied sich für das Studium der Verfahrens- und Umwelttechnik. „Damals noch ein neuer Studiengang.“ Und wie das so ist, wenn man aus einer kleinen Stadt nach Berlin, damals noch nach West-Berlin kommt: Man muss sich erst einmal in der großen Stadt zurechtfinden. „Ich wohnte erst in der Motzstraße in Schöneberg, mir war gar nicht klar, wo ich da gelandet bin“, erinnert er sich. Mitten im Schwulen-Viertel. So war das in Berlin, Mitte der 80er-Jahre: Die Wohnungen waren knapp, viele noch mit Kohleheizung, viele Studenten, eine bewegte Zeit. „Ich war schon ein Landei“, sagt Geißler. Wir lachen über ähnliche Erinnerungen.

Für das Studium an der TFH ist ein sechsmonatiges Praktikum Pflicht – Geißler lernt das harte Handwerk in einer Maschinenbaufabrik in Reinickendorf kennen. „Das war richtiges West-Berlin, so eine Arbeit kannte ich noch nicht“, sagt er. Das Studium schließt er als Diplomingenieur ab, dann ging es zum Berliner Energieunternehmen Bewag. „Sehr spannend“, sagt Geißler. Es geht um die Planung und den Bau von Rauchgasanlagen, um ganz neue Technologien für Kraftwerke, der junge Ingenieur wird eingesetzt beim Bau einer Abwasserreinigungsanlage an der Oberhavel, beim Kraftwerk Lichterfelde. „Ich fand das sehr interessant“, sagt Geißler. Der Berufsweg bei der Bewag steht ihm offen, doch dann, 1989 kündigt er. Zur Überraschung seiner Kollegen und Vorgesetzten. „Mein erster Sohn war unterwegs, ich wollte noch mal studieren und ich wollte etwas mit meinem Kind zu tun haben“, erinnert er sich. „Viele haben das nicht verstanden.“

Geißler, heute in zweiter Ehe verheiratet und Vater von insgesamt drei Söhnen im Alter von 30, 26 und 16 Jahren, hat den Schritt nicht bereut. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität – mit dem Schwerpunkt Energie. Es ist, so erzählt Geißler, während wir die Schönhauser Allee hochlaufen, eine ganz andere Erfahrung als während seines ersten Studiums. „Ich wusste, was ich wollte.“ Und: „Ich hatte schon Verantwortung, ich hatte eine Familie – und ich habe freiberuflich weiter für die Bewag gearbeitet.“

Dass er seine berufliche Zukunft im Energiewesen sah, das sei zu diesem Zeitpunkt schon „völlig klar“ gewesen. „Umwelt hat mich immer interessiert.“ Und so knüpft er damals auch neue Kontakte, besucht den energiepolitischen Ratschlag der Grünen – besser gesagt der Alternativen Liste in Berlin, wie die Grünen damals noch hießen. Lernt Abgeordnete wie Hartwig Berger kennen, der sich später über viele Jahre einen Namen als Umweltpolitiker im Abgeordnetenhaus machen wird. Ist er ein Grüner? „Nein, ich bin immer parteipolitisch unabhängig geblieben“, sagt Geißler. Er hat gute Kontakte in alle Parteien. „Aber auch Klaus Wowereit dachte, ich wäre ein Grüner“, sagt er und lacht. Damals, 2001, als Geißler mit der Idee einer Fotovoltaik-Anlage für das Rote Rathaus ankam und Wowereit der Herr im Roten Rathaus war. Die Unabhängigkeit ist Geißler bis heute wichtig. „Alles, was stark ideologiebesetzt ist, ist nicht meins“, sagt der 57-Jährige.

Hausarbeit über Gründung der Energieagentur

Eine seiner Hausarbeiten an der TU trägt den Titel: „Gründung einer Energieagentur“. Ein historischer Zufall? Zumindest ein Thema dieser Zeit. Im Berliner Abgeordnetenhaus, wo die Grünen nach dem ersten rot-grünen und frühzeitig gescheiterten Senat zur festen Größe zählen, wird diese Idee auch verfolgt. 1992 wird die Berliner Energieagentur ins Leben gerufen, Geißler steigt kurz nach Abschluss seines Studiums dort ein und wird dort Prokurist. „Im Nachhinein sieht das wie ein stringenter Weg aus“, sagt er und schmunzelt. „Es gab einige Zufälle ja, aber ein klarer Weg.“

An der Berliner Energieagentur sind zunächst drei Gesellschafter, seit 2005 vier Gesellschafter beteiligt: das Land Berlin, das Energieunternehmen Gasag, außerdem Vattenfall und die KfW Bankengruppe. Alle halten 25 Prozent. Die Schwerpunkte der Arbeit sind klar definiert: Entwicklung und Umsetzung moderner Energiemanagement-Konzepte, strategische Beratung für öffentliche und private Auftraggeber, Erschließung von Energiesparpotenzialen, Hilfe bei Vertragsverhandlungen und -abschlüssen sowie internationaler Wissenstransfer. „Wir sollen aber auch investieren“, sagt Geißler und bleibt vor einem Bürogebäude an der Schönhauser Allee stehen.

„Wenn es Energiesparpotenzial gibt und einer das nicht machen kann oder will, dann sind wir da.“ Deshalb war auch von Anfang an geplant, dass eine Bank als Gesellschafter dabei ist, denn darüber können die erforderlichen Kredite besorgt werden. Das Haus an der Schönhauser Allee ist damals, 1997, eines der ersten Projekte der BEA, dort wird ein Blockheizkraftwerk installiert, also eine Energieanlage, die das Gebäude mit Strom, Wärme und auch Kühlung versorgt. „Wir haben dem Eigentümer zugesagt, dass er 15 Prozent geringere Kosten haben wird, wir haben das eingehalten“, erzählt Geißler sichtlich stolz. Inzwischen ist die Anlage schon einmal erneuert worden, denn die technischen Fortschritte im Energiesektor sind groß. „Die Anlage war immer effizient“, sagt der Energiemanager und lacht.

„Wir konzipieren, finanzieren, refinanzieren“, fasst er die Arbeit der BEA noch einmal zusammen. „Unser Ziel ist es, dass die Energiekosten für Mieter oder Eigentümer niedriger werden, dass die Umwelt geschont wird.“ Das gelingt in Berlin – so auch bei der damaligen Wohnungsbaugesellschaft GSW in Lankwitz, wo rund 270 Wohnungen über ein Blockheizkraftwerk versorgt werden. Der Bewag, die damals noch das Monopol in Berlin hatte, gefielen diese Aktivitäten gar nicht. Doch diese Zeiten sind längst dabei, mit der Liberalisierung des Strommarkts hat sich viel geändert in Deutschland und damit in Berlin. Die Berliner Energieagentur hat sich im Wettbewerb behaupten können. Die Zahl der Mitarbeiter ist von fünf kontinuierlich gewachsen – auf inzwischen 50. Der Umsatz liegt bei rund 13 Millionen Euro im Jahr, die BEA betreibt mittlerweile mehr als 150 Energieerzeugungsanlagen in Gebäuden – Michael Geißler hat alle Zahlen parat. „Wir investieren vor allem in Berlin und im Umland, aber unser Know-how ist international gefragt.“

Sein Wissen hilft dem Senat

Ein Grund, warum Geißler auch auf Reisen des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) dabei ist. Sein Wissen hilft dem Senat, denn auch international stehen die Fragen der Energie und des behutsamen Ressourcenverbrauchs immer mehr im Mittelpunkt. So ist Geißler selbst viel international unterwegs, war aber auch mit Berliner Wirtschaftsdelegationen in Argentinien, Kalifornien oder China dabei. „Anfangs war das Knäckebrot“, erinnert er sich an seine ersten Jahre auf internationaler Ebene, aber dann fasst er Fuß.

Er engagiert sich als Generalsekretär im Europäischen Verband regionaler Energie- und Umweltagenturen in Brüssel (FEDARENE), 18 Jahre lang. „Letztes Jahr habe ich das abgegeben, irgendwann ist dann auch gut“, sagt Geißler. Denn er, der begnadete Netzwerker, macht noch so viel mehr: Er ist seit 2001 auch Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Energie- und Klimaschutzagenturen (eaD) mit rund 40 Agenturen aus ganz Deutschland, er ist Mitglied im Präsidium der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). „Ich mache das total gerne, das macht mir großen Spaß“, sagt Geißler. Und: „Die Energiebranche ist sehr divers, ich möchte ihr auch Gehör verschaffen.“

Wir sind inzwischen im Café „Betty’n Caty“ am Wasserturm in Prenzlauer Berg angekommen und stärken uns nach dem langen Spaziergang bei Kartoffelsuppe und Kaffee. Über eines müssen wir noch sprechen: Wie ist das jetzt mit Alba? „Ich finde, das ist ein unheimlich guter Sport“, sagt Geißler und strahlt. Wer ihn kennt, würde sagen: Er ist ein Hardcore-Fan, er ist bei jedem Heimspiel dabei, er fährt auch zu wichtigen Auswärtsspielen mit. Die Leidenschaft packte ihn, als er seine Söhne zum Basketball begleitete und viel Zeit in stickigen Hallen verbrachte. „Die Familie ist mir sehr wichtig“, sagt Geißler. Man glaubt ihm jedes Wort.

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