Berliner Spaziergang

Carsten Jung - der Berliner Banker

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: Carsten Jung, der neue Vorstandsvorsitzende der Berliner Volksbank.

Carsten Jung, Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank

Carsten Jung, Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank

Foto: Maurizio Gambarini

Tegel. Ein scharfer Westwind bläst über den Tegeler See. Feuchtkalt ist es auch. Wir müssen uns an unserem Treffpunkt am „Restaurant Seeterrassen“ entscheiden: Spazieren wir am Seeufer entlang auf der Greenwichpromenade oder halten wir uns rechts, überqueren die Sechserbrücke und machen uns – windgeschützt – entlang der Gabrielenstraße auf zum Tegeler Schloss? Nicht nur, weil ein besonderes Humboldt-Jahr begonnen hat – der Naturforscher Alexander wurde vor 250 Jahren geboren –, wählen wir den Weg zum Schloss. Auch aus gesundheitlicher Vorsorge. Carsten Jung, seit dem 1. Januar Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank, hat gerade wie auch ich eine fiebrige Erkältung überstanden und fühlt sich noch ein bisschen angeschlagen.

Für Carsten Jung ist dieser Spaziergang ein Wiedereintauchen in die früheste Jugend. „Ich habe meine ersten acht Lebensjahre in Reinickendorf verbracht. Danach sind die Eltern mit mir nach Lichtenrade umgezogen. Hier draußen am See bin ich lange nicht mehr gewesen. Aber ich kann mich noch gut an die Anleger für die Haveldampfer erinnern und natürlich an die Sechserbrücke.“ Die überspannt das Tegeler Fließ und die Zufahrt zum alten Tegeler Hafen kurz vor der Mündung in den See. Der Name „Sechserbrücke“ geht auf den Fischer Siebert zurück. Der setzte am Ende des 19. Jahrhunderts Ausflügler für fünf Pfennige, einen sogenannten Sechser eben, mit seinem Kahn über das Gewässer. Das heutige rote Brückenwerk, eine Fachwerkbogen-Konstruktion, stammt aus dem Jahr 19o8. Sie machte dem Fährgeschäft des Fischers den Garaus.

Carsten Jung, geboren 1967, ist also ein waschechter Berliner. Die sind ganz oben in den Führungsetagen der Wirtschaft dieser Stadt eher rar. Weil er aber nicht auffallend berlinert, wird auch er meist als Zugereister einsortiert. Dabei war der heute 1,93-Meter-Mann in jungen Jahren Berliner Meister und Pokalsieger. Bei der Länge, das liegt nah, hat er leidenschaftlich Handball gespielt, beim TSV Marienfelde.

Vom Handballer zum Förderer des Sports

Die Begeisterung für den Sport ist geblieben. Heute sitzt er im Beirat des Bundesligisten Füchse Berlin, freut sich über die professionelle Arbeit des Managers Bob Hanning und dessen sportliche Philosophie, Berliner Talente bis hinein in die seit Jahren ganz oben mitspielende Profi-Mannschaft zu fördern. Selbstredend hat er jüngst während der WM bis zum bitteren, aber doch wieder alle begeisternden letzten Spiel der deutschen Mannschaft mitgefiebert und gezittert.

Schlank und rank wie der Bankmanager geblieben ist, tobt er sich bisweilen in einem Fitnessstudio aus und nimmt sich neuerdings auch mal Zeit fürs Golfspielen. „Das macht mir viel Spaß. Golf hat viel mit Demut zu tun, weil dieser Sport einerseits nicht ganz leicht ist, andererseits eigene Fehler auf keinen Mitspieler abgeschoben werden können. Zudem ist es ein sehr fairer Sport. Die Handicapregeln machen es möglich, dass ein sehr guter Spieler auch mal mit einem weniger guten in einem ,Flight‘ zusammenspielt.“

Dass Carsten Jung die steile Karriere zum Bankchef machen konnte, hat er ganz entscheidend seiner Mutter zu verdanken. „Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Maschinenbau studieren. Doch dann sah meine Mutter eine Anzeige für einen Ausbildungsplatz bei der Noris Verbraucherbank, einer Tochter des Quelle-Konzerns. Dort habe ich dann eine Lehre gemacht, anschließend Betriebswirtschaft an der TU Berlin studiert, danach als Trainee bei der Commerzbank in Berlin angefangen.“

Auch der ganze weitere Berufsweg hat ihn nicht weggeführt aus Berlin. „Ich wollte zwar immer mal was anderes woanders machen, aber die Entwicklung hier in Berlin war dann doch immer so spannend, dass ich geblieben bin.“ Zur Erinnerung: Es war die Zeit des Zusammenwachsens der Stadt nach der Wiedervereinigung, in der Carsten Jung Stufe für Stufe die Erfolgsleiter emporstieg. Von 1994 bis 1999 bei der Commerzbank, danach bei der Berliner Volksbank. Nach der Bilanzsumme (2017 wurde sie mit 13,4 Milliarden Euro ausgewiesen) ist die Berliner Volksbank die größte regionale Genossenschaftsbank in Deutschland. „Unser grundsätzliches Geschäftsmodell ist ein regionales, also in der Region, für die Region. Unser Marktgebiet ist folglich Berlin und Brandenburg. Die Kunden sind vor allem Unternehmer aus dem Mittelstand und Handwerk. Volksbanken zeichnet zudem aus, dass ihre Kunden meist auch Mitglieder und damit Eigentümer der Bank sind.“ Ab 52 Euro kann man übrigens Mitglied werden. Im vergangenen Jahr verbuchte die Berliner Volksbank ihren 200.000. Genossen.

Nach dem Ranking seiner Bank innerhalb der Geldinstitute dieser Stadt gefragt, nennt der Vorstandschef als ausgesprochene Stärken das klassische Firmenkundengeschäft und die Immobilienfinanzierung; im Wohn- wie im Gewerbebereich. Ausbaufähig sei das Privatkundengeschäft. Regionalbank zu sein heiße allerdings nicht, dass internationale Geschäfte tabu seien. Die international tätigen Geschäfts- und Firmenkunden werden durch das eigene Auslandscenter beraten.

Die genossenschaftliche Finanzgruppe setzt sich aus vielen unterschiedlichen Instituten mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen. Dazu gehören unter anderem die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die R+V oder Union Investment. „Anders als bei anderen Bankkonzernen macht bei uns nicht jeder alles, aber in der Summe dann doch das gleiche wie die Konzerne.“

Wir haben unser Ziel erreicht. Gegenüber der alten Humboldt-Mühle, seit Jahren zur Klinik Medical Park umgebaut, schimmert durch die kahlen Bäume in strahlendem Weiß das Tegeler, oder besser wohl das Humboldt-Schloss hindurch. Seit 1766 durch Heirat im Besitz der Familie Humboldt, wuchsen hier die Brüder Wilhelm (1767–1835) und Alexander (1769–1859) auf. Das Schloss in seiner heutigen klassizistischen Architektur hat der spätere preußische Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt 1820–1824 von Karl Friedrich Schinkel bauen lassen. Wilhelms Enkelin Constanze heiratete einen von Heinz, deren Nachkommen noch heute das Schloss bewohnen. Es beherbergt ein kleines Museum, das allerdings nur im Sommerhalbjahr besucht werden kann. Auch der Schlosspark mit den Gräbern der Familie Humboldt bleibt uns leider verschlossen. Ein Schild an der Eingangspforte begründet dies mit „Brandstiftung“.

So machen wir uns auf den Rückweg, verweilen aber, von den Humboldts animiert, gedanklich noch ein wenig bei Kunst und Kultur. Banken sind ja längst meist keine reinen Geldinstitute mehr. Sie treten als Sponsoren auf und tun damit Gutes für die Gesellschaft. „Wir verstehen uns als sehr sportliche Bank, unterstützen Vereine und deren zahlreichen Aktivitäten. Aber wir wollen den Schwerpunkt unseres gesellschaftlichen Engagements wieder etwas stärker auf den kulturellen Bereich lenken, ohne uns etwa ganz vom Sport abzusetzen“, hat sich Jung vorgenommen. Dabei hat er auch die Sammlung der Stiftung Kunstforum der Volksbank aus der Zeit nach 1950 im Sinn. Diese umfasst überwiegend Werke von Künstlern aus Berlin, Ost- und Westdeutschland.

Mit Werken der Maler Tübke, Metzkes, Mattheuer oder Heisig ist sie eine der umfangreichsten im Lande. Zurzeit sind die Bilder von Harald Metzkes im neu eröffneten Kunstforum der Berliner Volksbank am Kaiserdamm, Höhe Lietzensee ausgestellt. „Wir würden diese Sammlung gern noch großzügiger der Öffentlichkeit zugänglich machen und suchen ein Grundstück für eine Kunsthalle. Aber wir wollen auch noch ein paar andere Dinge im Bereich Kunst und Kultur in dieser Stadt sponsern.“

Die Rolle des Vorstands hat sich gewandelt

Dass wir uns in Tegel getroffen haben, hat auch noch einen ganz praktischen Grund: Die Volksbankzentrale ist vorübergehend in das schmucklose Top Tegel-Bürocenter an der Stadtautobahn eingezogen. Dort residiert auch Jung. Er selbst würde das nie von sich behaupten. „Die Zeit der klassischen Vorstandsbüros ist vorbei. Die Vorstandsmitglieder müssen noch viel stärker als früher Vorbildfunktionen ausüben. Das hat auch mit der dramatisch veränderten Arbeitswelt zu tun. Meetings, Videokonferenzen, Teamwork – da sind Vorstandspaläste keine Insignien der Macht mehr.“ 2020 hofft Jung mit der Zentrale in den Neubau an der Bundesallee/Ecke Nachod­straße umziehen zu können. „Unsere vier Vorstände werden dort in einem gemeinsamen Büro arbeiten. Und für unsere Kunden sind wir dann wieder im Herzen der Stadt erreichbar.“

Über die Probleme der Stadt und damit über den Senat müssen wir natürlich noch sprechen. Das tut Carsten Jung so nüchtern und in der Sache klar, wie er sich während des ganzen Spaziergangs gezeigt hat. Emotionen scheinen ihm fremd, vornehme Zurückhaltung entspricht seinem Charakter mehr. Dennoch sollten die politisch Verantwortlichen in dieser Stadt nicht überhören, was er ihnen zu sagen hat. Etwa dies: „Wer viel verteilen will, muss auch dafür sorgen, dass es irgendwo erwirtschaftet wird. Ich habe manchmal Zweifel, dass dies allen Verantwortlichen klar ist.“ Oder zum Wohnungsbau: „Die Politik ist gefragt, nicht nur Wohnungen zu kaufen, sondern zu bauen. Die meisten neuen Wohnungen sind Eigentumswohnungen. Um mehr preiswerte Wohnungen zu schaffen, muss man auch an die Standards rangehen. Schließlich führt die Diskussion über landeseigenen Wohnungskauf und Enteignungen nicht dazu, dass sich der Markt und damit die Mieten insgesamt entspannen.“

Carsten Jung hat aber auch Tröstliches parat, während wir zum Ende unseres Spaziergangs bei einem wärmenden Getränk in den Seeterrassen sitzen. „Das Image der Stadt ist unverändert sehr gut. Das spüre ich auch als Aufsichtsrat bei Berlin Partner, die sich um Wirtschaftsförderung und Hauptstadtmarketing kümmern. Berliner nörgeln gern. Aber die Zugereisten, vor allem die jungen Leute, halten Berlin für unverändert attraktiv. Wir sollten unsere positiven Seiten stärker nach außen zeigen.“

Und auch noch ein bedenkenswerter Satz zum Brexit: „Der macht mir als Bank weniger Sorge. Mehr aus europäischer Sicht. Europa funktioniert nur als Ganzes in einer globalisierten Welt. Das ist umso dringlicher, da drei Großmächte dabei sind, Europa zu torpedieren.“

Warum ihn ganz besonders freut, dass die Spanier bessere Europäer sind als die Briten, verrät Carsten Jung beim Abschied: „Ich habe eine Leidenschaft für Mallorca entdeckt. Nur zweieinhalb Flugstunden entfernt, tolles Klima, tolle Landschaft, sehr gute Infrastruktur, Palma ist ohne Touristenmassen eine wunderbare Stadt, dazu ein Flughafen, der sensationell funktioniert.“ So wird es zum Schluss doch noch etwas gefühlig. Sagt’s und steigt in den Dienstwagen. Auf zum nächsten Termin. Und dabei wohl wieder die Sachlichkeit in Person.

Zur Person:

Familie
Carsten Jung wurde 1967 in Berlin geboren. Er war verheiratet, nach dem Tod seiner Frau hat er, wie er sagt, "wieder ein neues Lebensglück" gefunden. Aufgewachsen in Reinickendorf und Lichtenrade, lebt er heute in Mitte,.

Ausbildung
Nach dem Abitur 1985 Banklehre bei der Noris-Verbraucherbank, danach Studium der Betriebswirtschaftslehre an der TU Berlin, Abschluss Diplom-Kaufmann. 1994 bis 1995 Trainee bei der Commerzbank in Berlin.

Karriere
In den folgenden drei Jahren Firmenkundenbetreuer bei der Commerzbank, 1999 Wechsel zur Berliner Volksbank. Dort zunächst verantwortlich im Immobilienbereich, 2008 befördert zum stellvertretenden Vorstandsmitglied, seit 2010 Mitglied im Vorstand, ab dem 1. Januar 2019 Vorstandsvorsitzender.

Aufsichtsratsposten
R+V Lebensversicherungen, AR- Vorsitzender der privaten Unternehmer bei Berlin Partner, außerdem Präsidiumsmitglied in der IHK Berlin.

Spaziergang
Von den Tegeler Seeterrassen an der Greenwichpromenade über die Sechserbrücke entlang der Gabrielenstraße zum Humboldt-Schloss. Auf demselben Weg zurück. Zum Abschluss kurze Einkehr in das Restaurant Seeterrassen.