Berliner Spaziergang

Helene Hegemann: „Man muss aufpassen, was man sich wünscht“

Mit „Axolotl Roadkill“ wurde Schriftstellerin Helene Hegemann bekannt. Inzwischen hat sie Berlin „entmystifiziert“.

Helene Hegemann

Helene Hegemann

Foto: Amin Akhtar

Den ersten Termin sagte sie am selben Tag ab. Das tat ihr leid. Aber ohne Stimme kein Interview. „Es ist, glaube ich, nicht Malaria, sondern eine stinknormale Mandelentzündung“, schrieb Helene Hegemann, als ich überschwänglich eine gute Besserung wünschte.

Man sollte nie leichtfertig interpretieren, aber in diesem Satz steckt ziemlich viel von der 26-jährigen Schriftstellerin, stelle ich später fest. Ein bisschen Witz, aber nicht so offensichtlich. Ein Mensch, der sich nicht zu ernst nimmt und jede seiner Aussagen ungewöhnlich formuliert.

Fotos in der Rehwiese. Die anderthalb Kilometer lange, talförmige Grünfläche liegt in Nikolassee. An der 250-jährigen Eiche (Expertise von Hegemann) steht sie nun, die Hände in den Jackentaschen, und schaut in die Kamera. Das klappt alles gut. So was macht sie ja auch schon, seit sie mit 17 Jahren ihren Debütroman „Axolotl Roadkill“ veröffentlichte. Auch Hündin Charlie (sehr gut erzogen) bleibt weg von ihr, wenn sie soll.

Sie wird seit vielen Jahren öffentlich analysiert

Man sagt ja, die Ursache für eine verlorene Stimme, Mandelentzündung und so weiter sei, dass man nicht mehr reden mag. Man kann sich vorstellen: Nun, nach der Veröffentlichung ihres neuen Romans „Bungalow“ mit Interviews, der Buchpremiere und der vielen Feierei, da reicht es auch mal kurz. Hegemann ergänzt, dass sie immer mehr an Psychosomatik glaube. Auch dass sie teilweise Hypochonder sei. Zuletzt war es eine ganz seltene Krebsform, die sich vom Nasenbein runter bis in den Torso zieht, beschreibt sie nüchtern. Man muss lachen, obwohl es um Krebs geht.

Bei der Vorbereitung fragte ich mich, was man jemanden fragen soll, der von der Presse seit Jahren analysiert wird. Erst weil sie als noch Minderjährige einen „Skandal“-Roman schrieb, in dem es um Drogen und das Berghain und Sex und so ging (sogar bei Harald Schmidt saß sie). Und dann, als ihr Plagiate in ihrem Buch vorgeworfen wurden. Als ich ihr während des Gangs zum Schlachtensee meine Sorge mitteile, erwidert sie nur: „Ich wünschte ja, mich hätte mal jemand durchexerziert. Aber es ging meistens nur um meine Haare.“ Tatsächlich interpretierten Journalisten ihre anfangs tief ins Gesicht hängenden Strähnen.

Aber ist es denn möglich, jemanden auf wenigen Zeilen zu erklären? „Man merkt beim Labern manchmal, welche Aussage aufschlussreich sein könnte für genau jene Menschen, die das versuchen.“ Am Ende aber würden die Happen, die sie wirft, nie gefressen. Dann erinnert sie sich an das „Auf ein Frühstücksei“-Interview mit Moritz von Uslar für die „Zeit“, wo sie (anders als beim Format gedacht) kein Ei essen wollte, einfach so, und er daraus machte, sie sei vegan. Nicht schlimm, aber bezeichnend.

Manchmal lehnt Hegemann Interview-Fragen einfach ab

Hegemann, das lässt sich gut in Interviews beobachten, hat den Gesprächsfaden fest im Griff. Dabei mache genau das sie bei Fragestellern so wütend, sagt sie. Wenn der Kontrolle über das Gespräch haben will und sicher glaubt, was sie antworten wird: „Ist mir völlig unverständlich – warum es in vielen Fällen nicht um ein unbefangenes Interesse daran geht, was ich sagen werde, sondern bloß die große Interviewschule befolgt wird.“ Wohl auch deshalb lehnt sie Fragen nicht selten ab, was Interviewer häufig verunsichert.

Und dann gibt es noch so extrem anstrengende Fragen: Haben die Protagonistinnen (allesamt jugendlich) etwas miteinander zu tun? Genau die schmetterte sie kürzlich auf 3sat mit der Antwort ab, dass Martin Walser ja auch permanent Bücher über ältere Männer schreibe und dazu nicht befragt werde.

Dennoch sei es natürlich bis ins Letzte verständlich, meint sie, dass man sich bei einem 17-jährigen Mädchen (das sie damals war), das über ein 16-Jähriges schreibt und Dinge erlebt, die nicht unbedingt dem Alter entsprechen, natürlich fragt, was sie davon ist: „Weißt du, was ich meine?!“ Eine Frage, die sie häufig an das Ende ihrer Sätze stellt, so als würde sie ihre Gedanken darin selbst bestätigt hören wollen. Trotz des Medieninteresses an ihr und ihres Namens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, sagt sie, dass es keine Rolle in ihrem Leben spiele, eine Person der Öffentlichkeit zu sein. „In acht Jahren wurde ich vielleicht zwei Mal auf der Straße erkannt. Aber ich finde ja auch nur feuilletonintern statt, nicht bei „RTL aktuell“. Schade eigentlich.“ Sie lacht.

Ihre Bescheidenheit meint sie ernst

Sie sei manchmal sogar verwundert, dass Leute zu ihren Lesungen kommen. Und das nachdem sie ohne Abitur, noch minderjährig, einen Film und einen Roman, später einen weiteren, dann eine Verfilmung des ersten Buchs, eine Oper und nun „Bungalow“ in die Welt gebracht hat. Ihr Understatement zur eigenen Person könnte nach Koketterie klingen, aber sie meint das schon ganz ernst.

Sie hat es kaum gesagt, als sie ein drittes Mal erkannt wird. Also so halb. Jedenfalls trifft sie hier, so weit draußen, eine Bekannte. Andrea Metzger (joggend) arbeitet beim Verlag Hanser Berlin, wo „Bungalow“ gerade verlegt wurde. Nach Miniatur-Smalltalk geht es weiter.

Wie dachte sie früher, wie sie heute sein wird? Erst beschreibt Hegemann sehr konkret das Bild von sich als 14-Jährige, das sie mit zehn Jahren im Kopf hatte: langer Jeansrock, Flechtzöpfe, Sonnenblumenhaargummis, blauer Lidschatten, Musik aus dem Gettoblaster auf einem Spielplatz mit Hip-Hoppern aus der Bronx.

Das trat nur in Teilen ein. Aber: „Wahrscheinlich bin ich dem, was ich mir als Kind von meinem älteren Ich versprochen habe, halbwegs gerecht geworden.“ Und dann sagt sie: „Man muss aufpassen, was man sich wünscht.“ In der Regel gehe alles in Erfüllung. Dann muss man also davon ausgehen, dass sie sich gewünscht hat, aus der Situation, in der sie mit 13 unweigerlich steckte, irgendwie gesund herauszuwachsen.

Damals nämlich starb ihre Mutter an einem Hirnaneurysma. Hegemann zog aus Bochum zu ihrem Vater nach Berlin. Mit Carl Hegemann, einem Theaterschaffenden, hatte sie bis dahin nicht allzu viel zu tun gehabt. Großstadt, Pubertät, der frühe Tod. Was wäre das Worst-Case-Szenario gewesen, das hätte folgen können? „Mit 14 aufgeben“, sagt sie.

Der Leistungssport brachte die Wende

Was das heißt? Nur noch schlafen, sich in seiner Jugenddepression einrichten. Bisschen Psychiatrie, merken, dass es da ganz komfortabel ist und einfach immer mal wieder hin. „Ich erinnere mich noch genau an den Punkt, an dem ich wusste, dass es zwei Möglichkeiten gibt. Entweder überwinde ich mich jetzt, zu was auch immer. Oder ich bleibe einfach im Bett liegen.“

Und was kam dann? Die Erinnerung an den Leistungssport, den sie als Kind trieb. Hä? Auch ein bisschen typisch für sie, die auf Fragen gerne so antwortet, dass man sich kurz fragt, was das eine mit dem anderen zu tun hat, um schon einen Satz später zu merken, dass es Sinn ergibt: „Ich wusste, dass Anstrengung etwas sein kann, das einen am Leben hält – die totale Verausgabung.“ Ein Beleg für seine Daseinsberechtigung.

Das Nichtstun sei die eigene Bedeutungslosigkeit, und die fühle sich manchmal an wie eine Ewigkeit. „Sinnloser Leerlauf ist für mich jedenfalls der am schwersten zu ertragende Zustand, obwohl oder gerade weil ich weiß, dass der sein muss. Man kommt ohne Langeweile auf nichts Neues.“

Da gibt es so eine Stelle am Ende von „Bungalow“, sagt sie, ein Moment, der sie an Schule erinnert: „Man starrt auf die Uhr und jede Minute fühlt sich an wie eine dreitägige Busfahrt durch das vegetationsärmste Gebiet der Welt, ohne Klimaanlage.“

Deshalb müssten Leute, die nicht arbeiten, viel höher dafür bezahlt werden, sagt sie sogar. Also dafür, dass sie nicht arbeiten, „verstehst du?!“ Tatsächlich sieht sie das Geld, das sie verdient, als Entlohnung dafür, Pausen zu ertragen und das Risiko, dass nie wieder etwas passiert.

Dass von Hegemann jemals nichts mehr kommen wird, scheint ausgeschlossen. Das kann man intuitiv so behaupten. Und sie behauptet: „Erfolg vergrößert das Risiko, Selbstmord zu begehen.“ Sie klingt so schön fatalistisch, wenn sie so große Dinger raushaut. „Ich glaube, dass der eigene Zustand nur bedingt von den Umständen abhängt. Jemand, der in einer Villa sitzt, hat dieselben Stoffwechselvorgänge wie du oder ich oder ein Chemnitzer Hochhausbewohner.“

Langeweile als „das größte Gefühl von zu Hause“

Wir sind mittlerweile in einem Café am S-Bahnhof angekommen. Mir ist so heiß, als wäre ich eine Stunde lang warm eingepackt durch einen Wald gelaufen und hätte nun einen stickigen Raum betreten. Hegemann greift ins Kühlregal, zu Hause sei so wenig zu Essen. Wir reden kurz über Veganer. Sie fragt sich, was die Welt schlechter macht: Wenn ein Tier mehr getötet wird oder ein komplett antisoziales Verhalten, wenn aus Angst vor einer Pizza eigenes Essen zu Freunden mitgebracht wird? Die kurze Aufregung ebbt sofort wieder ab.

Sie guckt aufs Handy und sagt, sie müsse noch mit dem Hund einer Freundin Gassi gehen. Vielleicht will sie auch nicht mehr über sich reden. Ich habe das Gefühl, meine noch verbliebenen Fragen im Schnelldurchlauf durchgehen zu müssen.

Was hält sie von Kritiken? Sie liest so gut wie keine – hat mehr Angst vor positiver als negativer. „Ich will mich nicht in einer Systematik einrichten.“ Natürlich war die Nominierung für den Buchpreis eine große Ehre, aber: „Mich hat es leicht irritiert, dass ich mich so darüber gefreut habe.“

Wie fühlt sich Berlin heute für sie an? Sie hat sie durchschaut, die Stadt, sie besetzt. „Als wäre sie meine, was auch damit zusammenhängt, dass ich hier gedreht und dadurch alle Orte irgendwie entmystifiziert habe.“ Das grenze an Langeweile. „Aber die ist ja das größte Gefühl von zu Hause.“ Übrigens sei es gar nicht so aufregend, hier zu leben, viel mehr, zurückzukehren.

Gibt es Dinge, über die man nie wirklich hinwegkommt? Sicher, das gebe es auch schon bei weniger dramatischen Dingen: „Es geht schon ein kleiner Teil von einem verloren, wenn man mit acht Jahren merkt, dass Jungs Dinge dürfen, die man selbst nicht darf.“

Braucht man Brüche im Leben, um sich künstlerisch auszudrücken? „Wenn sich einmal alles aus dem Nichts fundamental verändert hat, alle Bedingungen, und das relativ früh, führt das wahrscheinlich zu einer speziellen Art kritischen Denkens.“ Die „man“-Form wirkt hier wie ein Schutzschild vor dem eigenen Schicksal. Trotzdem findet sie, dass man als Künstler keinen Leidensdruck braucht. „Dass man da mit Tränen in den Augen nachts um drei irgendetwas Genialisches hervorbringt, ist ein Mythos.“ Gehe es ihr gut, entstünden die besseren Texte.

Wieder ein Blick auf die Uhr. Okay, letzte Frage: Ich schaffe das letzte Stück Keks nicht mehr, ob sie es essen wolle? „Nee, das ist so wie der letzte Umzugskarton, der noch hochgeschleppt werden muss …“

Zur Person

Leben Helene Hegemann wurde am 19. Februar 1992 in Freiburg geboren und wuchs in Bochum bei ihrer Mutter auf. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Sie zog zu ihrem Vater, dem Theaterschaffenden Carl Hegemann, nach Berlin. Bis heute lebt sie dort mit ihrer Hündin Charlie.

Karriere 2007 wurde ihr Theaterstück „Ariel 15“ im Ballhaus Ost uraufgeführt. Ihr Drehbuch- und Regiedebüt „Torpedo“ folgte im Jahr darauf. Es wurde mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. 2010 debütierte sie als Autorin mit dem Roman „Axolotl Roadkill“, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Zunächst gefeiert, wurde er kurz darauf stark kritisiert, weil Hegemann einige Passagen des Bloggers Airen abgeschrieben hatte. Sieben Jahre später verfilmte sie das Buch unter dem Titel „Axolotl Overkill“. Dazwischen veröffentlichte sie noch den Roman „Jage zwei Tiger“. In diesem Jahr erschien nun ihr dritter Roman „Bungalow“ (Hanser Berlin).

Der Spaziergang Der Treffpunkt war An der Rehwiese, Spanische Allee Ecke Gerkrathstraße. Dort wurden die Fotos gemacht. Danach ging es durch die Altvaterstraße runter zum Schlachtensee, den rechts am Ufer entlang bis zur großen Liegewiese am S-Bahnhof Schlachtensee, dann die Treppen hoch ins Café „Goodies“ in der Breisgauer Straße.

+++ Berlin-Podcast +++ Diese Woche bei „Molle und Korn“: Ein Besuch an der Berliner Kult-Raststätte an der Avus – natürlich mit dem Auto. Auf der Hinfahrt diskutiert im „Verkehrsspezial“: Gefährliche Radwege, Abbiege-Assistenten, Beifahrer-Pflichten und Erinnerungen an das erste Auto.

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