Berliner Spaziergang

Bei der Lotto-Chefin gewinnt Berlin immer

Wir treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsstrecke. Diesmal: Marion Bleß, Vorstand Lotto Stiftung Berlin.

Lotto-Chefin Marion Bleß

Lotto-Chefin Marion Bleß

Foto: Reto Klar

Berlin.  Sie ist eine unter 600.000 Berlinerinnen und Berlinern, die Woche für Woche auf sechs Richtige im Lotto hoffen. Deren Durchschnittseinsatz liegt bei neun Euro. Marion Bleß hat bislang allenfalls mal drei oder vier Richtige angekreuzt. Ist wohl auch besser so. Frau Bleß ist Vorstand der Berliner Lottogesellschaft sowie der Lotto-Stiftung.

Da macht es sich nicht so gut, ganz groß zu gewinnen. Sie teilt diese Einschätzung, gibt dennoch Woche für Woche ihren Lottoschein ab. „Auch, weil Berlin immer gewinnt. Von jedem eingesetzten Euro bekommt die Lotto Stiftung 20 Cent. Insofern spiel ich gern.“ Im vergangenen Jahr flossen so 58,7 Millionen Euro in den Stiftungstopf, aus dem Projekte aus den Bereichen Kultur, Soziales, staatsbürgerschaftliches Engagement, Umweltschutz, Jugend und Sport gefördert werden.

Für unseren Spaziergang hat die Lotto-Chefin die Umrundung des Fennsees in Wilmersdorf vorgeschlagen. Das sei ihre Joggingstrecke. Fennsee? Nie gehört, obwohl doch schon so lange in Berlin. Das schöne an den Spaziergängen ist auch, dass man als Autor über die Jahre immer neue Ecken der Stadt entdeckt. Also für die Vorbereitung schnell gegoogelt. Der langgestreckte schlauchartige See im Volkspark Wilmersdorf zwischen Mecklenburgischer- und Rudolstädter Straße/Stadtautobahn wurde 1903 als naturnahes Regenrückhaltebecken künstlich angelegt. Geologisch ist die Senke Teil der eiszeitlichen Rinne der Grunewaldseenkette. Die einst sumpfige und heute teils überbaute Niederung (Fenn) erstreckt sich vom Rathaus Schöneberg durch den Volkspark mit Fennsee bis zum Herthasee und trifft am Königssee senkrecht auf die Grunewaldrinne.

Was die Lotto-Stiftung Berlin genau macht

Wir scheinen in diesem April-Herbst Glück mit dem Wetter zu haben. Sonnenschein, als Fotograf Reto Klar die 49-Jährige in sportlich elegantem schwarzen Hosenanzug, rotem Top und einer tiefbraunen Modeschmuckkette im verzweigten Stamm einer in den See ragenden Weide ablichtet. Dann können wir losmarschieren. Und ich frage, was die Lotto-Stiftung Berlin genau macht.

Sie ist Teil der Deutschen Klassenlotterie Berlin als Veranstalter der Glücksspiele Lotto 6 aus 49, Eurojackpot, Keno, Toto, Glücksspirale oder der Zusatzspiele und Rubbellose. Die Stiftung verwaltet und verteilt als zen­trale Aufgabe die ihr vor allem aus dem Lotto zufließenden Mittel. Das sind 20 Prozent des gesamten Spieleinsatzes in Berlin. 2016 waren es die schon erwähnten gut 58 Millionen Euro. Der größte Brocken, nämlich die Hälfte der von allen Spielern eingesetzten Summe, wird als Gewinn ausgeschüttet. Weitere 16,6 Prozent kassiert der Staat als Lotteriesteuer. Knapp sieben Prozent bekommen die Lotto-Annahmestellen. „Damit erhalten wir auch ein Stück Berliner Kiezkultur. Viele der meist kleinen Läden überleben dank dieser Provision“, sagt Marion Bleß. Mit etwa vier Prozent wird die Verwaltung finanziert. Lotto Berlin hat 170 Mitarbeiter.

Der Regierende Bürgermeister entscheidet bei Lottomitteln mit

Drei, meist vier Mal im Jahr wird das von den Lottospielern reich bestückte Füllhorn über gemeinnützige In­stitutionen, Vereine oder kulturelle Projekte in Berlin ausgeschüttet. Wer und in welcher Höhe bedacht wird, darüber entscheidet ein unabhängiger Stiftungsrat, der in Berlin ein politisch überparteilicher ist. Ihm gehören für die laufende Legislaturperiode mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) als Vorsitzenden, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) drei Senatsmitglieder an, außerdem die Vorsitzenden der drei stärksten Fraktionen im Abgeordnetenhaus: Raed Saleh (SPD), Florian Graf (CDU) und Carola Bluhm (Linke).

Und wie sind Stimmung und Entscheidungsfähigkeit, wenn diese kunterbunte rot-rot-grün-schwarze Runde tagt? „Sehr gut. Auch wenn zur Zeit vier unterschiedliche Parteien zusammensitzen, geht es immer um die Sache. Die Arbeit ist durchweg sehr vernünftig und einvernehmlich. Auch wenn nach den Regularien die einfache Mehrheit für ein Projekt reicht, siegt fast immer der Pragmatismus und damit Einstimmigkeit.“

Pragmatismus ist jetzt auch von uns verlangt, da das Wetter es nicht länger gut mit uns meint. Nicht nur türmt sich auf unserem Weg entlang des Sees mehrfach noch immer dickes, vom Orkan Xavier gebrochenes Geäst als zu überwindendes Hindernis auf, auch der Himmel verfinstert sich entgegen allen gerade noch abgehörten Wetterprognosen. Dann fängt es auch schon an zu regnen. Meinen großen Schirm habe ich leichtsinnig im Auto liegen gelassen. Die Lotto-Chefin zaubert einen Knirps aus Tasche. Vorerst gerettet, aber – Pardon – nicht gerade gentlemanlike.

Gemeinnützigkeit und ein Bezug zu Berlin

Zu ihren Kernaufgaben gehört die Vorbereitung einer Liste beschlussfähiger Förderanträge für den Stiftungsrat. „Voraussetzung für einen Antrag auf Lottomittel ist Gemeinnützigkeit und ein Bezug zu Berlin. Antragsteller können nur juristische Personen sein, also Institutionen und Vereine. Ausnahme ist der Kulturbereich. Da können sich auch Künstler als Einzelperson um Förderung bemühen. Wir prüfen dann die Anträge und sorgen dafür, dass sie beratungsfähig sind. Wenn nicht, kommen sie eben nicht zur Vorlage beim Stiftungsrat.“

Die Lotto-Stiftung also als wichtige Schaltstelle für finanzielle Landesförderung außerhalb des ordentlichen Landeshaushalts. Eine Ersatzkasse für Projekte, für die im regulären Berliner Etat das Geld nicht reichte? „Nein, so ist das nicht. Wir sorgen vielmehr für eine gewisse Flexibilität der Mittel. Man kann ja nicht alles in einem Doppelhaushalt für zwei Jahre vorausplanen. Lotto-Stiftung und Stiftungsrat springen beispielsweise ein, wenn ein Projekt dringlich ist, die dafür erforderlichen Mittel aber im Berliner Haushalt nicht etatisiert sind.“ Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das, was die Lotto-Stiftung leistet, ist die Rettung eines Spätwerks des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Der lebte Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin und zählt zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe „Brücke“. „Seine ,Wiesenblumen und Katze’ konnte im vergangenen Jahr aus Mitteln der Stiftung für Berlin gerettet und vor der Versteigerung bei Christies oder Sotheby’s und damit vor dem Verkauf ins Ausland bewahrt werden.“

Vom Aspen-Institut bis zum Rennachter

Die Liste der 2016 geförderten Projekte ist lang, dabei sehr unterschiedlich. Sie reicht vom „Berliner Transatlantik Forum“ des Aspen Instituts (420.00 Euro) über Sanierung, Renovierung und Ausbau einer Integrationstagesstätte zur Betreuung schwer mehrfachbehinderter Kinder in Lichterfelde (1,4 Millionen Euro), Mitfinanzierung der Initiative „Engagement statt Ausgrenzung – Flüchtlinge in den Bundesfreiwilligendienst“ (180.000 Euro) bis zum Zuschuss für einen neuen Frauen-Rennachter des Spandauer Ruderclubs Friesen (2000 Euro). Durchschnittlich gehen bei der Stiftung pro Jahr 250 Anträge auf Zuwendungen ein, fast jeder zweite (132 in 2016) hat Aussicht auf Erfolg.

Mittlerweile ist der Regen so stark geworden, dass wir unter dem Laubdach einer dicken Eiche Schutz suchen. „Schietwetter“ sind wir uns als Norddeutsche einig. Die kennen ja an sich kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Ich bin noch schlechter gerüstet als Marion Bleß. Sie ist in Hamburg geboren, hat dort Musikwissenschaft, Germanistik und Betriebswirtschaft studiert. Promoviert zur Dr. phil hat sie über „Richard Wagners Tannhäuser im Spiegel seiner geistigen Entwicklung.“ Und wie kommt man da zum Lotto? „Wie die Jungfrau zum Kinde. Ich war ja zunächst in der Medienbranche tätig, als ich von einer Personalberatung auf den Lotto-Posten angesprochen wurde. Die traute sich eigentlich gar nicht, mich zu fragen. Aber ich wusste sofort, was auf mich zukommt – mein Vater hat eine Doktorarbeit über Lotto geschrieben. Das Interesse am Lotto liegt wohl in der Familie.“

An die Direktheit hier muss sie sich erst noch gewöhnen

Der Umzug nach Berlin 2011 war auch so etwas wie die Rückkehr zu den Wurzeln. „Meine Ahnen stammen aus Berlin. Nach dem Fall der Mauer haben wir alte Verwandte im Ost-Teil der Stadt wiedergefunden. Meine ganze Familie lebt mittlerweile hier; Onkel, Tanten – alle wiedervereinigt in Berlin.“ Und wie kommt sie, die Hanseatin, mit den Hauptstädtern aus? „Wunderbar. Woran ich mich erst gewöhnen musste, ist die Direktheit der Berliner. Wir Hamburger sind ja vielleicht ein bisschen distanzierter, man lässt sich mehr Raum. Aber sie haben schon alle ein Herz, die Berliner. Man muss es nur entdecken.“

Zieht es sie hin und wieder noch nach Hamburg, an Alster und Elbe mit dem Duft von Meer und weiter Welt? „Eigentlich nicht. Ich hab hier ja alles. Wenn es einem in einem Stadtteil nicht so gut gefällt, findet man in einem anderen eine völlig andere Welt. Dass sich immer Neues entwickelt, ist ja das Spannende in dieser Stadt. Und wenn wir als Lotto-Stiftung dazu etwas beitragen können, ist das doch großartig ...“ Nach einer kurzen Pause sagt sie dann aber doch noch dies: „Wenn mal Sehnsucht nach Meer aufkommt, gehe ich segeln.“

Mittlerweile schüttet es so stark von oben, dass das Laubdach über uns völlig löchrig geworden ist. Ein rettendes Restaurant oder Café ist nicht in Sicht. So beschließen wir, den Rückzug entlang einer Baumallee oberhalb des Fennsees anzutreten. Doch schnell noch einmal zurück zum Lotto. Ist Berlin eine Stadt der Spieler? „Da bewegt sich Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern im Durchschnitt. Wer Lotto spielt, ist ja auch vernünftig. Da ist der Suchtfaktor denkbar gering. Der ist überall da groß, wo Gewinn und Verlust sehr dicht beieinanderliegen. Dann besteht die Gefahr, immer weiterzumachen. Beim Lotto liegen ja meist ein paar Tage zwischen Abgabe des Lottoscheins und Ziehung der Gewinnzahlen. Das ist ein schützender Puffer vor Spielsucht.“

Warnung vor Schwarzlotterien

Die Lotto-Stiftung tut nicht nur finanziell Gutes, der Gesetzgeber hat ihr auch eine Art pädagogischen Hilfsdienst übertragen; den sogenannten „Kanalisierungsauftrag“. Mit dem Ziel, Spieler wegzubringen von riskanten Spielen. „Weg von den illegalen Zockerbuden, hin zum legalen Lotto.“ Und nun, da sich unser Kurzspaziergang, mehr ein Hindernismarsch im Regen, dem von Petrus erzwungenen Ende nähert, möchte Berlins Lotto-Chefin noch eine Warnung loswerden; vor Schwarzlotterie.

„Das sind keine echten Lotterien, sondern lediglich Wetten auf unsere staatlichen Lottozahlen. Die haben in Deutschland gar keine Erlaubnis dafür.“ Zu solchen rein kommerziellen Anbietern, die auf Anhieb schwer zu erkennen seien, im Ausland säßen und juristisch deshalb kaum zu greifen seien, zählten Unternehmen, die oft auch das Wort Lotto im Namen führten. Ob bei ihnen die Gewinnausschüttung garantiert ist, sei dahingestellt. „Das ganze ist schon eine grobe Verbrauchertäuschung“, mahnt Marion Bleß.

Als wir zu unseren Autos an der Mecklenburgischen Straße zurückkehren, scheint wieder die Sonne durch die Wolken. April im Oktober. Mehr Glück als uns mit dem Wetter sei dem einen oder anderen Lottospieler bei der gestrigen Gewinnziehung gewünscht.