Berliner Spaziergang

Ein Jahrhundertpianist und sein feines Gespür für die Welt

Wie tickt ein Jahrhundertpianist, was bewegt ihn? Igor Levit zeigt sich im Gespräch ebenso klug wie aufmerksam.

Rastlos, redselig, reaktionsfreudig - und talentiert sowieso: Der Pianist Igor Levit.

Rastlos, redselig, reaktionsfreudig - und talentiert sowieso: Der Pianist Igor Levit.

Foto: Anikka Bauer

Ob er zu spät sei, fragt er gleich zu Beginn und schaut auf seine Armbanduhr. Igor Levit, fein zurechtgemacht, ein höflicher Mensch, ist pünktlich auf die Minute. Anderes hätte man nicht erwartet. Im Kopf dieses Bild von einem jungen Intellektuellen. Ein Starpianist, der in einer voll besetzten Elbphilharmonie Beethoven spielt, fehlerfrei. Seine Finger erzeugen zehn Millionen Töne in der Minute auf den Tasten, als gäbe es nichts Simpleres auf dem Planeten. Manche sagen, er sei einer der besten Pianisten dieses Jahrhunderts. Forte!

Die Sonne knallt. Es ist warm, stellt Levit fest – wärmer als erwartet. Sein Dress, schon etwas unpassend. Hemd, Jackett, Chinohose, Lederschuhe. Egal, auf geht’s, laufen wir mal los. Die Autos rasen auf der breiten Straße vorbei, die schneidende Hitze scheint das alles zu verstärken. Mit Sonnenbrille im Schatten die Torstraße entlang, ohne groß zu bereden, wohin es nun eigentlich gehen soll. Gemäßigtes Tempo, irgendwohin, wo es vielleicht etwas ruhiger zugeht. Schnell rüber zur Linienstraße.

Das Instrument als Zentrum des Lebens

Um die Ecke, erzählt der Mann, der mit acht Jahren aus Russland nach Deutschland kam, wohne er seit einem Jahr. Das erste Mal tut er das, also wohnen. Fühle sich gut an. Das war lange Zeit anders. Vorher kam er nach Hause, hat gearbeitet und ist dann wieder weg. Zwischen Kisten und gestapelten Büchern hat er gehaust, sein Instrument als Zentrum. „Ich habe immer gesagt, dass ich auch in einer Garage leben könnte, solange da ein Klavier steht.“ Dass er nun versucht, sich ein richtiges Zuhause mit Lulu, wie er seinen 2,74 Meter langen Flügel mal getauft hat, zu schaffen, liegt nicht nur am Alter. Levit wurde dieses Jahr 30.

Warum also? Damals habe er mit seinem besten Freund in dieser neuen Wohnung gestanden, erinnert er sich. „Wieder meinte er, was er so oft zu mir gesagt hatte: Leb’ mal darin!“ Und er habe, wie immer, genickt. Kurz darauf im Juni verlor er diesen Freund bei einem Fahrradunfall. „Das hat viel verändert in mir, Prioritäten haben sich verschoben.“ Er erinnert wieder und wieder seine Worte. Levit lässt sich seine Trauer kaum anmerken, spricht einfach weiter. „Ich kann übrigens überhaupt nicht kochen – ich vergesse Dinge auf dem Herd und ruiniere unkaputtbare Gusseisenpfannen.“ Ein Pianist, kein Hausmann. Man muss nicht alles können.

Ein Intellektueller, der weiß, was er kann

„Wollen wir ins Lois?“, fragt er nun. Er mag die kleine Cafébar in der Linienstraße. Der Journalist Georg Diez habe ihm den Laden gezeigt. Levit hat fast nur solche Freunde wie ihn. Marina Abramovic, Performancekünstlerin. Maxim Biller, Schriftsteller. Malakoff Kowalski, Musiker. Alle älter als er, alle auf ihre Art freischaffende Kreative, gebildet, irgendwie faszinierend. Trotz dieser elitär wirkenden Welt, die ihn umgibt, fühlt es sich nun an diesem Nachmittag fast schon vertraut mit Levit an. Locker, entspannt. Vor der Begegnung schwirrte da schon kurz die Frage im Kopf, ob man dem Star überhaupt gerecht werden könne mit der eigenen geistigen Leistung.

Nervt es ihn, dass Leute ihn womöglich mit Ehrfurcht betrachten? Schüchtert es Frauen sogar ein? Er lacht, schüttelt den Kopf. „Das nicht, nein – aber auch, weil ich alles relativiere. Ich nehme mich selbst nicht so ernst in meiner Rolle, weil ich nun mal auch weiß, wie es zu all dem gekommen ist“, sagt er. Levit sieht sich aus einer deutlich bescheideneren Perspektive, wobei er sein Können dabei niemals kokettierend verleugnen würde.

Levit ist rastlos, redselig, redaktionsfreudig

Klavierspielen, das ist eben sein Beruf. Aber, und das betont er immer wieder, er sei vor allem ein Mensch. 30 Jahre alt, in Berlin lebend, ein Nachrichtenjunkie, dem vier Stunden Schlaf reichen. Einer, der gerne Wein trinkt, am liebsten Riesling aus dem Rheingau. Er mag die Paris Bar. Und die Nacht. Aber auch den Morgen, weil er zu beiden Zeiten Dinge erledigen kann, während alle schon oder noch schlafen. Levit, kontaktfreudig, ein Reisender. Wenn nicht beruflich, dann um andere zu treffen. Er liebt diese Rastlosigkeit. Und das Radfahren. Seine Hände würde er nie versichern lassen. „Wenn ich unfähig werde, dann soll es so sein.“ Niemand, der sich einschränken lässt, kein Angstmensch.

Im Lois bestellt Levit Espresso Macchiato. Kurz das iPhone checken. Und schon geht es weiter, genau da, wo man zuvor aufgehört hatte. Er ist redselig, reagiert schnell, verliert nie den Anschluss in der Unterhaltung. Manchmal ist das sogar für den Interviewer überraschend, wie er noch nach Minuten der Ablenkung – durch Kellner, Fotograf, einen Anruf – das vorherige Thema ohne Überlegen wieder aufgreift. Ein wacher, geschulter, ein interessierter Gesprächspartner.

75 Konzerte im Jahr reichen ihm völlig

Dass er in den vergangenen vier Jahren drei Alben aufnahm und 2014 plötzlich 118 Konzerte in der ganzen Welt spielte, ist Realität. Das übrigens wolle er so gar nicht mehr machen, das fresse einen zu sehr auf. 75 würden völlig reichen, und es sollen noch weniger werden. Er hat irgendwann gelernt, auch mal Nein zu sagen.

Und Levit bleibt ein gefragter Künstler, weiß aber eben auch um die absurde Geschichte, die ihm, wie er sagt, manchmal schon fast grotesk erscheint. Gerade wenn Rezensenten ihn in den Himmel schreiben. Weil es ja wiederum auch andere gibt, die ihn in Grund und Boden schreiben können. Wieso das alles genau so gekommen ist, beruht auf Fleiß am Klavier, natürlich. Auf Talent. Aber genauso auf zufälligen Begegnungen, ohne die er es vielleicht nie so weit gebracht hätte.

Die FAZ nannte ihn 2010 „Jahrhundertpianist“

Die Journalistin Eleonore Büning zum Beispiel lernte er in Peking auf einem Festival kennen. Levit war mitten im Studium, nicht mehr weit weg das Examen. Er flog zwei Tage früher hin, um die Stadt zu sehen. Dann die Eilmeldung: Vulkanausbruch auf Island. Die anderen geladenen Pianisten kamen nicht mehr rechtzeitig weg aus Frankfurt. Statt zehn waren sie nun vier vor Ort und er spielte zehn Konzerte statt der geplanten drei.

Büning porträtierte ihn darauf 2010 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ als Jahrhundertpianist. Es war das erste Porträt über den jungen Mann, der damals noch etwas mehr wog. Heute: agil, sportlich, eine eher schmächtige Körperlichkeit. 36 Kilo habe er in den vergangenen Jahren abgenommen. Er ist heute belastbarer, unwohl aber habe er sich trotzdem nie gefühlt. Alte Fotos auf Facebook zeigen ihn als gemütlichen, irgendwie süßen Typen.

Karrierehype: Igor überall

Nach dem Artikel also begann sein Weg in eine andere Richtung zu schnellen. Zwei Jahre später der Karriere-Hype. Überall Igor – der große aufstrebende Klassikpianist. Vorher habe er etwa fünf Konzerte im Jahr gespielt, an Wettbewerben teilgenommen, war kein Kinderstar wie andere, auch wenn er schon mit vier Jahren erste Bühnen bespielte. Zum Glück, sagt er heute, dass er erst mit 23 plötzlich unter öffentlicher Beobachtung stand.

Wir laufen ein Stück, machen nun Fotos. Er soll sich an eine Hauswand voll Efeu lehnen. Macht er ohne Widerworte, aber so richtig mag Levit das Posieren nicht. Gestellte Fotos – komisch, findet er. Ihm gefallen Bilder, die einfach entstehen, Schnappschüsse sozusagen, die so nicht mehr wiederkommen, einmalige Situationen.

„Es ist mir egal, ob ich der beste Pianist bin“

Wie viel höher kann man nun eigentlich noch kommen? Keine Kategorie, in der er denkt, sagt er nüchtern. „Es ist mir egal, ob ich der beste Pianist bin, dafür interessieren mich zu viele andere Dinge.“ Vor allem sind es Menschen, die ihn antreiben. Sein bestes Mittel, um seine Suche nach ihnen in der Welt auszuleben, sind die sozialen Medien. Während sich viele durch diese hochfrequentierte Kommunikationsform bedroht fühlen, weil es ihnen durch die ständige Konfrontation mit Ereignissen und Meinungen oft nicht mehr gelingt zu filtern, nehme er sich nur das Positive daraus. Eben jene Vernetzung mit Fremden, Konsum von Nachrichten in Echtzeit und die Stellungnahme zu politisch-gesellschaftlichen Themen auf Twitter.

Vor anderthalb Jahren hatte er dort einen AfD-Politiker als „widerwärtigen Drecksack“ bezeichnet. Dieser hatte damals eine Vergewaltigung durch einen Flüchtling erfunden, um den Hass auf die Asylbewerber zu schüren. Manche schlugen Levit seinen rabiaten Tweet um die Ohren. Pianist mit ungezügelter Zunge, hieß es in den Medien. Es kamen auch Briefe: „Hängen sollst du, Jude!“ Er lacht darüber nur. Noch immer würde er genau dasselbe schreiben.

Das Internet als künstlerische Inspiration

Für Levit bedeutet das Internet vor allem auch das Erweitern seines Kanons, und zwar auf Knopfdruck. So kann er Menschen in der Welt Unbekanntes zeigen – und andersherum. Wenn man davon ausgeht, dass Musik eine universelle Sprache ist, meint er, werde diese utopische Behauptung erst durch diese barrierefreie Kommunikation gehalten. „Das Digitale ist für mich künstlerisch daher eines der inspirierendsten Dinge, die mir je passiert sind“, sagt er mit kindlich wirkendem Übermut.

Plötzlich lodert da etwas auf, das sich hinter seiner äußerlichen wie innerlichen Reife sonst ziemlich gelassen irgendwo versteckt hält. Sonst mit geradem Rücken, nur wenig umgangssprachlich, mit genauer Wortwahl erzählt Levit nun von dieser Liebe mit übersteigertem Energielevel und zugewandtem Oberkörper – seine ungebändigte Begeisterung überträgt sich auf das Gegenüber. Er ist eben auch witzig, spricht ironisch, manchmal in sarkastischem Tonfall.

„Ich will zu viel sehen, lesen, hören, möchte Menschen kennenlernen“

Begeisterung und Wissbegierde halten ihn neben seinem Beruf lebendig. Es ist der Austausch mit einem Balafonspieler an der Elfenbeinküste, dem Levit Bach vorspielen kann. Oder einem Herrn aus San Francisco, der sich seit 60 Jahren mit China beschäftigt. „Natürlich könnte ich mein Leben weniger vollpacken, aber ich will zu viel sehen, lesen, hören, möchte Menschen kennenlernen – ich mag es, meine Antennen ausgefahren zu haben, daher trage ich in der Bahn auch nie Kopfhörer“, sagt er. Und bei Auftritten ist er nicht in einem Tunnel, will wissen, für wen er da eigentlich spielt. Er denkt dabei oft an Freunde, Gespräche, Begegnungen. Auch beim Spazieren verpasst er kaum etwas, das neben der Unterhaltung passiert.

Wir flanieren noch ein bisschen, jetzt über den Teutoburger Platz. Wusste er denn schon immer, dass er Pianist wird? Die Frage habe sich nie gestellt, sagt er. Aber wenn er keine Lust hatte, hat er auch mal nichts getan. Seine Mutter Elena, ebenfalls Pianistin, habe ihn nie gedrängt. „Ich habe mein Instrument auch gehasst, mit 16 war es ein Jahr nicht mein Freund.“ Es gab also Raum für Rebellion, den ihm seine Eltern gegeben haben. Das war klug, findet er.

Feine Antennen, kluge Fragen

Heute muss er natürlich täglich üben, irgendetwas zwischen 15 Minuten und zwölf Stunden. Konzerte stehen an. Später postet er auf Facebook: „Music doesn’t help shit.“ An diesem Tag gelingt es ihm also doch nicht mehr zu spielen. Der Terroranschlag in Manchester in der Nacht zuvor beschäftigt ihn zu sehr. „Wie Musik machen? Wie ‚abschalten‘?“, fragt er die digitale Welt. Levit, ein Pianist mit Spürsinn, der kaum etwas unbeachtet lassen kann – weil er das so will.

Zur Person Igor Levit:

Herkunft

Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit ist im März 1987 in Gorki, heute Nischni Nowgorod, geboren. Mit acht Jahren kam er mit seinen Eltern und seiner sechs Jahre älteren Schwester als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Levit wuchs in Hannover auf. Seit 2016 lebt er in Berlin-Mitte.

Karriere

Mit drei Jahren begann er mit dem Klavierspielen, unterrichtet von seiner Mutter, auch Pianistin. Im Alter von sechs Jahren spielte Levit das erste Konzert mit dem Philharmonie-Orchester von Nischni Nowgorod. 13-jährig begann er sein Studium als Frühgeförderter, musikalisch Hochbegabter in Hannover. Seinen Abschluss absolvierte er 2010. Für das Konzertexamen bekam Levit die höchste Punktzahl in der Geschichte der Hochschule, heißt es. Seit 2000 bespielt er Bühnen in Europa, den USA und Israel.

Konzerte

18.6., 20 Uhr, im Kammermusiksaal: Bach; 20.6., 20 Uhr, im Kammermusiksaal: Beethoven und Frederic Rzewski

Der Spaziergang

Wir überqueren die Torstraße 1 (vor dem Soho), dann durch die Linien- hoch zur Gormannstraße, einen Kaffee im Lois (Linienstraße 60). Dann wieder über die Torstraße und die Choriner hoch, danach rechts in die Fehrbelliner Straße bis zum Teutoburger Platz, wo unser Spaziergang endet.