Spaziergang

„Noch können die Berliner ihrer Feuerwehr voll vertrauen“

| Lesedauer: 12 Minuten
Jochim Stoltenberg
Spaziergang mit Landesbranddirektor Wilfried Gräfling an der Krummen Lanke

Spaziergang mit Landesbranddirektor Wilfried Gräfling an der Krummen Lanke

Foto: joerg Krauthoefer

Wilfried Gräfling, Chef der Berliner Feuerwehr, über den Anschlag von Berlin, Personalsorgen und Urlaub am Wasser.

Schlachtensee oder Krumme Lanke? Wir entscheiden uns für die Umrundung des kleineren Sees. Dann bleibt noch Zeit für einen Kaffee in der Fischerhütte. Auch das Wetter ist einladend: Die Sonne scheint und breitet vor uns eine Winterlandschaft wie gemalt aus. Für einen Feuerwehrmann wie Berlins Landesbranddirektor hat sie allerdings auch ihre Tücken. Am Ufer der zugefrorenen, mit Schnee gepuderten Krummen Lanke spielen drei kleine Kinder unter Aufsicht des Vaters, schlagen mit Stöckchen auf die noch dünne Eisdecke. Wilfried Gräfling wirft einen kritisch prüfenden Blick auf das Quartett. Sein Urteil zur Lage beruhigt ihn: keine Gefahr, dass das winterliche Spiel im eiskalten Wasser enden könnte.

Die kleine Episode zu Beginn unseres Spaziergangs gibt mir Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die mir bislang niemand überzeugend beantwortet hat: Wie dick muss auf Berlins Seen die Eisdecke sein, damit sie von Polizei oder Feuerwehr zum Betreten freigeben wird? Die Antwort von Berlins oberstem Feuerwehrmann ist unmissverständlich: „Auch wenn es weiterhin friert – eine offizielle Freigabe gibt es nicht. Weil die Behörden keine Verantwortung für mögliche Unglücksfälle übernehmen können. Viele Seen, wie auch die Krumme Lanke als Teil der Grunewaldseenkette, sind fließende Gewässer. Da bildet sich nicht immer eine gleichmäßige Eisschicht. Ein Risiko bleibt also immer. Aber die Wasserschutzpolizei misst die Dicke der Eisschicht und vermeldet sie auch. Wenn nicht mehr ausdrücklich gewarnt wird, muss jeder selbst entscheiden, was er tut.“ Kaum den Spaziergang gestartet, schon was gelernt.

Feuerwehrmann zu werden, davon hat der mittlerweile 61 Jahre alte und sehr viel jünger wirkende Wilfried Gräfling schon – wie könnte es anders sein – als Kind geträumt. Einer Freiwilligen Feuerwehr trat er allerdings erst als 18-Jähriger in seiner Heimatgemeinde Westerholt bei Herten in Nordrhein-Westfalen bei. „Ich wollte erst meine Schule fertig machen. Bin dann aber zehn Jahre lang auch während des Studiums und der Ausbildung Freiwilliger geblieben.“ Studiert hat er Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaften. Mit einem solchen Studium zur Berufsfeuerwehr? „Ich stand vor der Wahl, als Elektroingenieur zu arbeiten oder mein Hobby zum Beruf zu machen. Ich hab es nie bereut.“

Manchen ist die Stadt zu turbulent – ihm nicht

Während des zweijährigen Brandreferendariats u.a. in Essen und Leverkusen hat er im Schnelldurchgang alles durchlaufen, was ein Feuerwehrmann in Theorie und Praxis wissen muss. Und wie hat es ihn aus dem Ruhrpott nach Berlin verschlagen? „Eigentlich habe ich das Hamburg zu verdanken. Während eines Ausbildungsabschnitts dort habe ich festgestellt, wie faszinierend eine Großstadt ist. Wie groß dort auch das Spektrum einer Feuerwehr ist. Als ich später zum Verwaltungsseminar in Berlin war, hab ich die Liebe zu der Stadt entdeckt. Meine Theorie seitdem: Entweder man kommt nach Berlin und bleibt. Oder nie, nie Berlin. Auch solche Menschen kenne ich. Ihnen ist die Mentalität der Berliner zu aufregend, die Stadt zu turbulent. Ich komme bestens damit zurecht.“

Er war gleich ein gefragter Mann. 1982/83 rüstete auch Berlin die Feuerwehrzentrale mit den ersten Einsatz-Leitrechnern auf. Die dafür nötigen Informatiker waren damals rar, Gräfling konnte punkten, weil Informatik Teil seines Studiums war. Seine Bewerbung wurde mit Kusshand angenommen, 1983 begann seine Karriere als Brandrat.

Die hätte ausgerechnet in der Silvester-/Neujahrsnacht 2000 ein tragisches Ende nehmen können. Mit dem Projekt „IGNIS“ (lateinisch: Feuer) sollte zur Jahrtausendwende ein neues elektronisches Einsatzleitsystem gestartet werden. Weil dies aber nicht wie geplant bis zum Jahresende voll funktionsfähig war, musste die Feuerwehr auf ein Mischsystem ausweichen: Notruf über neue Technik, Verarbeitung und Einsatz der Rettungskräfte über die alte Technik. „Um 00.04 Uhr 2000 brach das System zusammen – und wir hatten keine funktionsfähige Rückfallebene. Es musste zum Teil auf Handbetrieb umgestellt werden. In der Zentrale ging der Überblick verloren. Dazu kam, dass dichter Nebel über der Stadt lag. Es kam vor, dass unten auf der Straße die Feuerwehr vorbeifuhr, ohne den Brand oben auf dem Balkon zu erkennen. Verletzte wurden von der Polizei und mit der Bahn in Krankenhäuser transportiert. Und das in der Nacht der Jahrtausendwende. Gott sei Dank sind die Folgen für die Menschen nicht so dramatisch gewesen. Aber diese Nacht vergess ich nie.“

Feuerwehr übt immer noch Umschalten auf Handbetrieb

Verantwortlich für „IGNIS“ war Wilfried Gräfling. Aber ohne Folgen für die Karriere. Ein Jahr später wurde er zum Vize-Feuerwehrchef befördert. Als Lehre daraus übt Berlins Feuerwehr immer noch regelmäßig für den Fall einer technischen Panne das Umschalten auf die Rückfallebene, also vom digitalen auf den Handbetrieb. „Bei den Kollegen nicht sehr beliebt, aber notwendig.“

Heute wird Berlins Feuerwehr über den Notruf 112 fast 450.000 Mal im Jahr gerufen. Davon sind 86 Prozent Rettungsdienste mit steigender Tendenz, konstant dagegen seit Jahren die Alarmierung der Feuerwehr mit 14 Prozent.

Einer der bedrückendsten Einsätze liegt gerade fünf Wochen zurück. Der Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mit 12 Toten. „Es war eine schreckliche Situation vor Ort mit den Toten, den Schwerstverletzten und den leichter Verletzten, dazu der Schock vieler Besucher. Natürlich haben wir uns nach Paris, Brüssel und Nizza auf Anschläge vorbereitet, auch auf Einsätze mit vielen Verletzten. Aber Theorie und Praxis sind immer zwei Dinge. Am Breitscheidplatz ist unsererseits alles so abgelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir waren mit 150 Kräften und zusätzlicher Unterstützung durch die Freiwillige Feuerwehr und der Hilfsorganisationen schnell vor Ort. Nach weniger als 90 Minuten waren die Schwerstverletzten in Krankenhäusern, nach gut zwei Stunden alle Verletzten versorgt. Das sind gute Zeiten. Alle haben höchst professionell zusammen mit dem Roten Kreuz und Ärzten, die zufällig am Katastrophenort waren, gearbeitet. Keine Aufregung, keine Hektik, eine fast schon gespenstische Ruhe herrschte. In der akuten Situation funktioniert jeder. Feuerwehrleute müssen Ruhe bewahren. Sie dürfen laufen. Wenn sie rennen, machen sie was falsch.“

Intensive psychologische Betreuung

Aber danach? Wilfried Gräfling, als Nachfolger von Albrecht Broemme seit 2006 ganz oben auf der Berliner Feuerwehrleiter, berichtet vom seelsorgerischen Einsatz für seine Mitarbeiter. „Die Bilder waren so schrecklich, dass wir die Einsatzkräfte noch am selben Abend zu einer Besprechung in eine Moabiter Wache eingeladen haben. Wenn der Einsatz vorbei ist, wenn Ruhe einkehrt, beginnt das Nachdenken, das Reden über das gerade Erlebte. Bei dieser Betreuung helfen uns Einsatznachsorgeteams, die wir rund um die Uhr anfordern können. Zwei Tage nach dem Anschlag haben wir noch einmal zu einem Betreuungstreff eingeladen. Wieder kamen fast 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einige brauchen eine intensive psychologische Betreuung. Die bekommen sie auch.“

Wir haben die Krumme Lanke umrundet und glauben, uns in der Fischerhütte am Schlachtensee ein Stück Sachertorte und ein Heißgetränk verdient zu haben. Gelegenheit, vom Dienstlichen ins Private zu wechseln. Was macht ein Feuerwehrchef, der ja eigentlich immer erreichbar sein muss, wenn er mal abschalten will? „Ich schiebe noch zwei Jahresurlaube vor mir her“, beginnt er, um dann voller Vorfreude zu erzählen, dass er mit der Familie im Februar nach Florida fliegen wird, die zweite Heimat der Familie. Dort hat seine Frau in Palm Beach Garden nördlich von Miami ein Ferienhaus. Früher sei er viel mit Katamaran gesegelt, erst auf Berlins Gewässern, nach der Maueröffnung auch auf der Ostsee. „Ich liebe das Wasser. Jetzt, da die Zeit knapper ist, fahren wir für ein paar Tage an die Mecklenburgischen Seen, mieten ein Hausboot und tuckern übers Wasser, ankern in Nebenarmen, grillen und schauen auf den Mond. Entschleunigung pur.“

Der dringende Wunsch nach mehr Personal

Ruhe und Gelassenheit und damit Sicherheit strahlt Wilfried Gräfling auch während unserer Begegnung aus. „Aber wenn ich mich über jemanden ärgere, kann ich auch mal laut werden. Um dann aber auch schnell einzugestehen, dass ich jetzt eigentlich ein Fall für den Betriebspsychologen wäre.“ Ein bisschen Humor hat er also auch.

Und Hoffnung darauf, dass der neue Senat die Personal- und Ausrüstungssorgen nicht nur der Polizei, sondern auch die der Feuerwehr erhört. „Unsere Einsatzzahlen sind gestiegen, die Ressourcen aber nicht adäquat. Die vereinbarte generelle Acht-Minuten-Frist von der Alarmierung bis zum Eintreffen können wir nicht mehr einhalten. Wir liegen jetzt bei neun Minuten. Wir brauchen einfach mehr Personal, dringlich im nächsten Doppelhaushalt 2018/19. Aber noch können die Berlinerinnen und Berliner ihrer Feuerwehr voll vertrauen.“

Dabei könnten die selbst zur Entspannung vor allem beim Rettungsdienst beitragen. Gräflings Appell: „Missbraucht die Feuerwehr nicht durch Anrufe bei Bagatellfällen. Nach einem Schnitt in den Finger oder bei leichtem Fieber muss kein Rettungsdienst alarmiert werden. Das bindet unnötig Kräfte und verstopft auch noch die Notaufnahmen in den Krankenhäusern.“

Menschen viel hilfloser als früher

Dass die Krankenwagen der Feuerwehr immer öfter gerufen werden (kontinuierlich 5 bis 10 Prozent jährliche Steigerung), dafür sieht Gräfling vor allem zwei Gründe: die demografische Entwicklung, nach der die Menschen immer älter, aber nicht gesünder werden, und die Erfahrung, dass die Menschen heute viel hilfloser sind als früher. „Früher wurde es bei leichtem Fieber erst einmal mit einem Wadenwickel versucht. Den kennt heute kaum noch jemand, deshalb wird gleich die Feuerwehr gerufen. Außerdem gibt es kaum noch Hausärzte, die diesen Namen verdienen und die ihre Patienten besuchen. Wenn das System nicht kollabieren soll, müssen wir die ambulante Versorgung so verbessern, dass sich die Menschen in leichten Fällen selbst helfen können.“

Und noch eine Sorge treibt den Feuerwehrchef um. In den zugeparkten Nebenstraßen haben es Rettungsdienst- und Einsatzwagen immer schwerer, an den Ort des Eingreifens zu kommen. „Wir haben die Aufbauten unserer Rettungswagen schon um 50 Zentimenter schmaler gemacht. Aber Leiterwagen können oft nicht in Stellung gebracht werden, weil es keinen Platz mehr für den Schwenkungsbereich gibt.“ Solche Probleme gibt es übrigens bei neueren Hochhäusern nicht. Die müssen laut Baurecht einen gesonderten Feuerwehraufzug haben, der die Wehrleute bis zur Brandstelle befördert.

Immer wieder gestellt: die Frage nach der Integration. Wie viel Migranten arbeiten bei der Feuerwehr? Die überraschende Antwort: „Bei türkisch- und arabischstämmigen Berlinern haben wir kaum eine Chance. Feuerwehrmänner stehen in diesen Ländern im Ansehen ganz unten.“ Ganz anders die Sicht der Deutschen. Für sie rangieren Feuerwehrleute und Polizisten weit oben. „Wir sind noch einen Tick besser. Weil wir die Helfenden, nicht die Strafverfolger sind“, ergänzt Gräfling lächelnd.