30 Jahre Mauerfall

Wo die gesündesten Deutschen leben

30 Jahre nach Mauerfall gibt es nur noch geringfügige Unterschiede. Bei den Männern in Ost und West sind sie aber deutlich stärker.

Bei Frauen haben sich die gesundheitlichen Unterschiede in Ost und West heute fast angeglichen.

Bei Frauen haben sich die gesundheitlichen Unterschiede in Ost und West heute fast angeglichen.

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Berlin. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in vielen Bereichen nach wie vor groß. Die Gesundheit gehört aber zweifellos nicht dazu. Hier haben sich die Verhältnisse in den vergangenen drei Dekaden in den neuen Ländern signifikant verbessert und in weiten Teilen ans Westniveau angeglichen. Das geht aus einem aktuellen Gesundheitsbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Statistischen Bundesamts hervor, der Anfang November veröffentlicht wurde. Bei der Gesundheit hätten sich die großen gesellschaftlichen Anstrengungen ausgezahlt, die nach dem Fall der Mauer zum Angleich der Lebensverhältnisse unternommen wurden, heißt es.

Das zeigt sich insbesondere an der durchschnittlichen Lebenserwartung. Hier gab es unmittelbar nach der Wiedervereinigung noch große Unterschiede. Frauen, die zwischen 1991 und 1993 in den alten Bundesländern geboren wurden, konnten damit rechnen, 79,5 Jahre alt zu werden. In den neuen Bundesländern waren es nur 77,2 Jahre und damit mehr als zwei Jahre weniger. Bei den Männern lag die Differenz zwischen 69,9 Jahren (Ost) und 73,1 Jahren (West) sogar bei mehr als drei Jahren.

Seitdem stieg die durchschnittliche Lebenserwartung bundesweit und im Osten deutlich stärker. Für den weiblichen Teil der Bevölkerung wurde bereits um die Jahrtausendwende die Angleichung vermeldet. Frauen, die zwischen 1999 und 2001 auf die Welt kamen, leben im Schnitt 80,5 (Ost) und 80,7 Jahre (West). Bei den Geburtsjahrgängen 2015 bis 2017 lag die mittlere Lebenserwartung von Frauen in den neuen Bundesländern mit 83,22 Jahren sogar geringfügig über der in den alten Bundesländern von 83,13 Jahren. Bei den Männern ist die vollständige Angleichung zwar bisher ausgeblieben. Allerdings fällt der Unterschied bei aktuell 77,3 Jahren (Ost) zu 78,4 Jahren (West) mittlerweile deutlich geringer aus als unmittelbar nach der Wiedervereinigung.

Sachsen-Anhaltiner und Saarländerinnen leben kürzer

Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es bei der durchschnittlichen Lebenserwartungen nach wie vor größere Unterschiede. Ob Ost oder West, scheint dabei allerdings nur bei den Männern eine größere Rolle zu spielen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, die sich auf die Geburtenjahrgänge 2016 bis 2018 beziehen. So werden Jungen in Baden-Württemberg statistisch gesehen mit 79,7 Jahren am ältesten. Danach folgen Bayern (79,3 Jahre), Hessen (79,1 Jahre) und Rheinland-Pfalz (78,6 Jahre). Die neuen Bundesländer liegen deutlich weiter hinten. Am besten schneidet Sachsen mit 78,0 Jahren ab (Platz 10). Die geringste Lebenserwartung haben Männer in Sachsen-Anhalt mit 76,3 Jahren. Zumindest statistisch betrachtet sterben sie drei Jahre vor den Männern in Baden-Württemberg.

Bei den Frauen sieht das deutlich anders aus. Zwar werden auch hier Mädchen aus Baden-Württemberg mit 84,1 Jahren am ältesten. Auf dem zweiten Platz folgen allerdings mit 83,9 Jahren die Sächsinnen. Die anderen neuen Länder verteilen sich recht gleichmäßig und die geringste Lebenserwartung haben mit 82,1 Jahren die Frauen im Saarland. Die Berliner bewegen sich im oberen Mittelfeld. Männer in der Hauptstadt haben eine Lebenserwartung von 78,3 Jahren (Platz sechs), Frauen werden im Schnitt 83,2 Jahre alt (Platz sieben).

Die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bundesweit laut RKI-Bericht seit 1990 zurückgegangen. In den neuen Bundesländern sind allerdings geringfügig mehr Menschen betroffen als in den alten. So geben 13 Prozent der Ostdeutschen (mit Berlin) an, bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten zu haben oder an Herzschwäche oder sonstigen kardiovaskulären Erkrankungen zu leiden. Im Westen waren es nur 11,7 Prozent. Diese Krankheiten enden allerdings für Menschen in den alten wie in den neuen Ländern immer seltener tödlich. Dabei hat sich das Ost- dem Westniveau immer weiter angeglichen. So starben 1990 noch 1,5-mal mehr Frauen und 1,4-mal mehr Männer auf dem ehemaligen Gebiet der DDR als auf dem der Bundesrepublik. Seitdem sank die sogenannte „Übersterblichkeit“ der Ostdeutschen auf das 1,2-fache der Westdeutschen.

Ostdeutsche bewegen sich deutlich weniger

Die Ursachen für Herz-Kreislauferkrankungen liegen in Risikofaktoren, die größtenteils vermeidbar sind. Insgesamt acht macht der Bericht des RKI aus. Fünf davon sind in den neuen Ländern weiter verbreitet als in den alten. So bewegen sich die Ostdeutschen deutlich weniger. Insgesamt gaben 49,2 Prozent der Männer und 58,7 Prozent der Frauen an, keinen Sport zu treiben. In den alten Ländern sind das mit 41 beziehungsweise 50,3 Prozent deutlich weniger. Außerdem sind im Osten Diabetes und Bluthochdruck und bei den Männern ein risikohafter Alkoholkonsum weiter verbreitet. Daneben leiden mehr Ostdeutsche an krankhafter Fettleibigkeit.

So ist mit 21,8 Prozent jeder fünfte Einwohner von Mecklenburg.-Vorpommern adipös. Danach folgen Sachsen-Anhalt (20,8 Prozent), Thüringen (20,4 Prozent), Brandenburg (18,3 Prozent) und Sachsen (18 Prozent). Berlin liegt mit 13 Prozent unter dem Bundesschnitt von 16,3 Prozent und auf dem zweitbesten Platz hinter Hamburg (12,2 Prozent).

In Mecklenburg-Vorpommern leben auch die meisten Raucher. Mit 27,7 Prozent greift hier mehr als ein Viertel der Einwohner zur Kippe. Bei den Männern ist mit 33,4 Prozent sogar der höchste Wert zu verzeichnen. Überdurchschnittlich ist die Raucherquote auch bei den Geschlechtsgenossen in den anderen neuen Ländern und Berlin, allerdings auch in Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Frauen rauchen zwar insgesamt deutlich weniger, greifen aber auch in den meisten neuen Ländern überdurchschnittlich häufig zur Zigarette. Ausnahme bildet dabei Sachsen. Hier sind gerade einmal 16,6 Prozent der Frauen nikotinabhängig. Damit hat Sachsen neben Bayern die wenigsten Raucherinnen.

Rauchen steigert nicht nur das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch von Lungenkrebs. Bei Männern in Deutschland ist das nach Prostatakrebs die zweit- und bei Frauen nach Brust- und Darmkrebs die dritthäufigste Tumorerkrankung.

Während mehr Männer in den neuen Bundesländern an Lungenkrebs erkranken und sterben als in den alten, ist es bei den Frauen umgekehrt. Das führen die Autoren darauf zurück, dass Rauchen oft erst nach Jahren zur Erkrankung führt und zu Beginn der 90er-Jahre mit 20,5 Prozent deutlich weniger Frauen im Osten zur Zigarette griffen als im Westen (28,3 Prozent). Mittlerweile hat sich das aber angeglichen.

Ostdeutsche Männer erkranken häufiger an Krebs

Was für den Lungenkrebs im Speziellen gilt, kann auch über Krebs im Allgemeinen gesagt werden. Während Männer im Osten deutlich häufiger an Tumoren leiden oder sterben, trifft es mehr Frauen im Westen. So liegt allein die Sterberate an Brustkrebs in der ehemaligen Bundesrepublik 20 Prozent über der in der Ex-DDR. „Als Schutzfaktoren für Frauen in Ostdeutschland werden höhere Geburtenraten, ein niedrigeres Alter bei Geburt des ersten Kindes, seltenere Kinderlosigkeit und andere Lebensstilfaktoren vermutet“, vermuten die Autoren des RKI-Berichts.

Bei psychischen Erkrankungen gibt es laut Bericht kaum Unterschiede. So wurde bei 37 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer in den neuen Ländern eine psychische Störung festgestellt. In den alten Ländern sind es 34 beziehungsweise 23 Prozent. Allerdings werden dort Depressionen ein wenig häufiger diagnostiziert. „Als mögliche Erklärungen werden neben der Krankheitsverbreitung unter anderem Unterschiede im Versorgungssystem diskutiert“, heißt es. Depressionen würden von Psychotherapeuten und Psychiatern diagnostiziert, wovon es in den alten Ländern mehr gebe.

Bei der Versorgung mit Arzneimitteln existieren aber laut des Bundesverbands Deutscher Apothekerverbände (ABDA) keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West. So gab es im Jahr 1990 in den neuen Ländern noch 13 Apotheken pro 100.000 Einwohner, während es im Westen mit 29 mehr als doppelt so viele waren. „Drei Jahrzehnte nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung ist die Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln gleichermaßen gut in Ost und West“, sagt ABDA-Präsident Friedemann Schmidt. Tatsächlich stehen die Menschen im Osten mit 24 Apotheken pro 100.000 Einwohner sogar etwas besser da als die im Westen mit 23. Beim Umgang mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln gibt es laut ABDA aber noch deutliche Unterschiede. So nimmt die Nachwendegeneration der 20- bis 30-Jährigen in Westdeutschland mehr Arzneimittel ein als in Ostdeutschland. Bei den 70- bis 80-Jährigen ist es umgekehrt.

Ostdeutsche lassen sich häufiger gegen Grippe impfen

Außerdem werden im Westen mehr Antibiotika und individuelle Rezepturen verordnet. Im Osten hingegen bekommen Patienten häufiger Rezepte über Antidiabetika ausgestellt und junge Frauen unter 20 Jahren über Verhütungsmittel. Und während sich im Westen 157 von 1000 Versicherten gegen Grippe impfen lassen, sind es im Osten mit 294 fast doppelt so viele.

Hier wirke die Sozialisation in unterschiedlichen Gesundheitssystemen nach, vermutet Mathias Arnold, ABDA-Vizepräsident und Apotheker in Halle (Saale). „In der DDR wurde bereits Schwangeren und jungen Müttern erklärt, dass Impfen gut und richtig ist. In der Schule und in den Betrieben ging das dann weiter.“ Eine pluralistische Meinungsvielfalt, in der auch Impfgegner zu Wort kommen, habe es nicht gegeben. „Die Notwendigkeit des Impfens wurde naturwissenschaftlich begründet, es kostete nichts und war überall möglich.“

Ähnlich sei es bei den Verhütungsmitteln, so Arnold weiter. „In der DDR gab es den gesellschaftlichen Konsens, dass die Pille ungefährlich ist und Abtreibungen verhindern.“ Frauen hätten ein emanzipierteres Selbstbild gehabt, seien arbeiten gegangen und hätten vor allem selbst über ihren Körper entschieden und das nun ihren Töchtern mitgegeben.

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