30 Jahre Mauerfall

Wie es zum Mauerfall kam

Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer plötzlich durchlässig. Wie wurde das politische Wunder möglich? Ein Überblick.

 Günter Schabowski (Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED) bei seiner legendären Pressekonferenz, die zum Mauerfall führte.

Günter Schabowski (Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED) bei seiner legendären Pressekonferenz, die zum Mauerfall führte.

Foto: Bundesarchiv/Thomas Lehmann

9 Uhr Vier Offiziere des Innenministeriums und der Staatssicherheit der DDR sollen im Auftrag des Politbüros eine neue Ausreisereiseregelung entwerfen. Alle Einschränkungen bei Anträgen auf eine ständige Ausreise sollen wegfallen. Die Offiziere wollen die DDR erhalten, deshalb regeln sie zusammen mit der Ausreise auch das Recht auf „Privatreisen“, also Besuchsreisen mit Rückkehr. Die Staatssicherheit rechnet mit einem Ansturm – aber nicht auf die Grenze, sondern auf die Genehmigungsbehörden der DDR.

10 Uhr Auf dem zweiten Beratungstag des SED-Zentralkomitees geht es um die Verantwortung für die unübersehbare Krise der SED.

12 Uhr Mitglieder des Politbüros bestätigen in einer Raucherpause des ZK den von den Offizieren erarbeiteten Reiseregelungs-Entwurf. Er wird an den Ministerrat weitergeleitet.

14 Uhr Bundeskanzler Helmut Kohl trifft zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Polen ein. Kohl plant einen historischen Besuch, hat jedoch im Vorfeld die Gastgeber durch protokollarische Pannen verärgert.

16 Uhr Egon Krenz verliest im SED-Zentralkomitee den Reiseregelungs-Entwurf, der ihm nun als Beschlussvorlage des Ministerrates einschließlich Pressemitteilung vorliegt.

17.30 Uhr Krenz händigt beides an Günter Schabowski aus, der in diesen Tagen als Sprecher des SED-Zentralkomitees fungiert. Doch dieser schafft es nicht mehr, die Schriftstücke vor Beginn der Pressekonferenz zu lesen.

Interaktive Anwendung: Wissen Sie noch, wo die Mauer Berlin teilte?

18.50 Uhr Internationale Pressekonferenz: Günter Schabowski, seit dem 6. November Sekretär des ZK der SED für Informationswesen, gibt die neue Reiseregelung bekannt. Auf die Frage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft treten soll, antwortet er: „Ab sofort, unverzüglich“, was aber wohl eigentlich erst ab dem folgenden Morgen gelten sollte.

19.04 Uhr Die Deutsche Presseagentur (dpa) meldet: „Von sofort an Ausreise über innerdeutsche Grenzstellen möglich“, die Nachrichtenagentur AP um 19.05 Uhr: „DDR öffnet Grenze“. Dies wird bis 20.15 Uhr zur Top-Nachricht. Die „Tagesschau“ meldet um 20.15: „DDR öffnet Grenze“.

20.15 Uhr Laut Lagebericht der Ost-Berliner Volkspolizei stehen 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße. Die Grenzer sollen die Menschen auf den nächsten Tag vertrösten und zurückzuschicken.

21.03 Uhr Die erste Person klettert von Westen auf die Mauer am Brandenburger Tor. DDR-Grenzer fordern sie auf, zurückzuspringen, was sie tut. Dies wiederholt sich mehrmals.

21.30 Uhr Bundeskanzler Helmut Kohl erfährt in Warschau von den Ereignissen. Er wird jedoch erst am folgenden Nachmittag nach Berlin kommen, um dort bei zwei Kundgebungen am Schöneberger Rathaus und in der Gedächtniskirche zu sprechen. An der Bornholmer Straße drängen mittlerweile bis zu 1.000 Menschen gegen die Tore. Die Staatssicherheit weist an, nur einzelne durchzulassen und per Pass-Entstempelung auszubürgern.

22.44 Uhr Auf der Westseite des Brandenburger Tors stehen 400 bis 500 Menschen, auf der Ostseite etwa 60 Menschen am Sperrzaun.

23.30 Uhr An der Bornholmer Straße ist die Lage gegen 23 Uhr Uhr für die Kontrolleure bedrohlich geworden. Tausende Menschen stehen am Grenzübergang. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseite geschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt. Um Mitternacht sind alle Berliner Übergänge offen. Überall werden die Menschen jubelnd empfangen.

00.20 Uhr Die Spitze der Nationalen Volksarmee der DDR bereitet alle Handlungsvarianten vor, auch eine militärische. Da in der Nacht weitere Befehle ausbleiben, stellen die Kommandeure der Grenzregimenter die Maßnahmen auf eigene Verantwortung ein.

01.00 Uhr Immer mehr Menschen strömen, teils mit Sektflaschen in den Händen, zum Brandenburger Tor. Sie überwinden vom Pariser Platz aus den Sperrzaun und gehen durchs Tor, auf der Westseite klettern immer mehr auf die Mauerkrone. Viele rufen: „Die Mauer muss weg!“ und machen sich mit Hämmern und Meißeln gleich an die Arbeit.

03.00 Uhr Grenzsoldaten drängen die Menschen vom Brandenburger Tor zurück, bis 5 Uhr ist der Bereich geräumt. Von Westen klingt weiter das Klimpern der „Mauerspechte“, das zur typischen Geräuschkulisse des Mauerfalls werden wird. Der Versuch, ab 8 Uhr früh zum „kontrollierten Reiseverkehr“ zurückzukehren, scheitert in Berlin am Massenandrang.

Mehr zum Thema "30 Jahre Mauerfall":

Franziska Giffey: „Ich dachte, wir sind schon weiter“

Johannes Ludewig: „Die Treuhand war der richtige Weg“

Gorbatschow: „Wir leben gemeinsam in einem Mehrfamilienhaus“

Fotovergleich: Berlin mit und ohne Mauer

Wolfgang Ischinger: Das „gemeinsame Haus Europa“ liegt in weiter Ferne

Wissenstest: Das Ost-West-ABC