Berlins historische Mitte

Im Zweifel vereint: Der Schloßplatz im Wandel der Zeit

Palast der Republik, Stadtschloss, Einheitswippe: Nirgendwo wird so lustvoll um deutsche Symbole gestritten wie am Schloßplatz.

Das Wort "Zweifel" steht in leuchtenden Neon-Buchstaben auf dem Dach des ehemaligen Palastes der Republik in Berlin - aufgenommen am 28.01.2005.

Das Wort "Zweifel" steht in leuchtenden Neon-Buchstaben auf dem Dach des ehemaligen Palastes der Republik in Berlin - aufgenommen am 28.01.2005.

Foto: Soeren Stache / picture-alliance/ ZB

Der Moment der Agonie war erreicht, als der Berliner Schloßplatz 2006 in italienischen Reiseführern auftauchte. Nicht als jener Ort Berlins, wo sich Kurfürsten, Könige, der Kaiser und zuletzt auch die Kommunisten in Monumentalbauten selbst inszeniert hatten. Sondern als Campingplatz. Der Schloßplatz wurde als beschaulicher Standort für Wohnmobile angepriesen. Italienische Touristen schwärmten in der Berliner Morgenpost, nachts sei es hier sogar leiser als an der Müritz. Auch das Tiefbauamt Mitte fand, so würde der Platz wenigstens mal sinnvoll genutzt.

Mehr Leere ging nicht. Zwar stritten Berlin und ganz Deutschland seit dem Mauerfall um die Zukunft des Ortes, der über Jahrhunderte das politische wie architektonische Zentrum der Stadt gewesen war. 1950 hatte die DDR das kriegsversehrte Schloss sprengen lassen. 1990 wurde wiederum der sozialistische Prachtbau der SED an selber Stelle, der Palast der Republik, geschlossen, Grund: Asbest. Bis zum Abriss 2006 lag der Platz in quälendem Schweigen. Nicht mal parken wollten die Berliner hier noch.

Als 2005 der Künstler Lars Ø Ramberg in neonleuchtenden Großbuchstaben das Wort ZWEIFEL auf die Palastruine schrauben ließ, fasste das die Debatte um Berlins ungeliebten Nationalort ganz gut zusammen, und wenn man ehrlich ist, auch die Frage, wie gut es mit der Wiedervereinigung lief. Hier gehe darum, sagte der Künstler, „wer wir überhaupt sind – ein Volk oder zwei und überhaupt?“ Die Frage ist so aktuell wie der Streit. Auch, wenn auf dem Platz heute der fast fertige Nachbau des Schlosses steht, ist der Platz noch immer ein Spiegel der (deutsch-)deutschen Befindlichkeit. Woran soll man sich erinnern, wenn ja, wie?

Bestes Beispiel dafür ist das Freiheits- und Einheitsdenkmal, die „Bürgerwippe“, die seit gut 20 Jahren vor dem Neubau des Schlosses geplant wird und um das noch immer gestritten wird. Um so ziemlich jeden möglichen Aspekt, von Beginn an. Die ersten Entwürfe waren zu peinlich, dann ging es ums Geld, 17 Millionen Euro, dann um das Grundstück, das Berlin dem Bund für einen Euro verkaufen wollte.

Fledermäuse oder Einheits-Denkmal

Und es ging um Symbolik. Immer. Dass das Denkmal direkt vor dem wiederrichteten Schlossportal stehen würde, zumal auf dem Sockel des einstigen kaiserlichen Nationaldenkmals, war den einen Kritikern zu feudal, anderen zu national. Zumal für ein Denkmal der Freiheit, die ja die Bürger erkämpft haben, nicht der Staat. Wieder andere machen sich Sorgen um die Standfestigkeit im sumpfigen Berliner Untergrund. Auch im übertragenen Sinne: Die Inschrift der Schale, „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ würden manche wohl heute wohl lieber als Frage formulieren.

Als dann auch noch seltene Fledermäuse in den Denkmalsockel einzogen, wunderte das niemanden mehr. Geschützte Tiere sind in Deutschland ja oft das letzte Argument im Streit um nationale Bauprojekte. Großtrappen an der ICE-Strecke nach Hannover, Eidechsen am Projekt Stuttgart 21. Zuletzt verkündete die Senatsumweltverwaltung, es gebe nun, pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, endlich eine Baugenehmigung (die Einweihung war ursprünglich für den 25. Jahrestag vorgesehen). Aber zu früh gefreut – Naturschützer wollen nun klagen. Fragt man Berliner und Gäste nach dem Berliner Freiheits- und Einheitssymbol, würden die meisten wohl ohnehin sagen: das Brandenburger Tor. Zur Wahrheit gehört auch, dass niemand genau weiß, ob man die „Einheitswippe“ braucht.

Eine Frage, die beim Wiederaufbau des Stadtschlosses anfangs auch oft gestellt wurde. Denn als 1990 die Mauer fiel, war das Schloss fast aus dem Gedächtnis getilgt. Der letzten Streit darum hatte 40 Jahre zuvor gegeben, als 1950 hatte die SED-Führung die kriegsversehrten Ruine sprengen ließ. Entgegen vieler prominenter Stimmen und den konkreten Wiederaufbaupläne etwa des ersten Berliner Stadtbaudirektors Hans Scharoun zum Trotz.

Anstelle des Schlosses und der umgebenden Flächen entstand ein Aufmarschplatz, so kündigte es Walter Ulbricht im Juli 1950 an. Wenige Wochen später begannen die Sprengungen, danach wurde zum Schloss geschwiegen – in beiden Teilen der Stadt. Selbst den Jubiläumsbänden zum 750-jährigen Stadtjubiläums 1987 sei das Schloss praktisch nicht erwähnt worden, schreiben jene, die dafür sorgten, dass der Bau, erstaunlich genug, nun doch wieder dasteht – die Mitglieder des heutigen Fördervereins Berliner Schloss e.V. um den Unternehmer Wilhelm von Boddien.

Interaktive Anwendung: Wissen Sie noch, wo die Mauer Berlin teilte?

Von Boddien kann abenteuerliche Geschichten darüber erzählen, wo die Schloss-Retter die historischen Bauteile, Statuen und Säulen des Schlosses nach 1990 wiederfanden, die heute in den Nachbau integriert sind. Sie wurden in Kellern, Vorgärten, Seen fündig. Aus der Art, wie die Schlossruine 1950 zerstört und zerpflückt wurde, sprach auch die Wut, mit der das Symbol des Imperialismus offenbar aus dem neuen sozialistischen Stadtbild getilgt werden musste.

Die Geschichte des Schloss-Wiederaufbaus würde man heute wahrscheinlich eine „Story“ nennen, die sich zu verfilmen lohnte. Die Förderer: Unternehmer, Intellektuelle. Die sogenannte Stadtgesellschaft, die 1993 eine Kampagne startete und das, was heute Crowdfunding heißt: Man sammelten Spenden. Dafür ließ der Verein das Schloss in Originalgröße am alten Ort wiederauferstehen – in Originalgröße. Mithilfe eines Riesen-Gerüsts und bemalten Planen tauchte das Schloss plötzlich zwischen Palast der Republik, Staatsratsgebäude und dem damals noch stehenden DDR-Außenministerium wieder auf wie eine gelbe Fata Morgana. Dass der Eindruck so real war, lag an einer alten Maltechnik: „Tromp l’oeil“-würde heute wohl 3D heißen und aus dem Computer kommen. Damals malten 50 französische Künstler die Schlossfassade von Hand.

Die Idee ging auf. Millionen Menschen besichtigten binnen die Simulation, und mit dem realistischen Bild vor Augen entstand eine Debatte um das Berliner Stadtschloss, die die wundesten Punkte der deutsch-deutschen Fragen berührte. Wer hatte mehr Anrecht auf Erinnerung, die DDR-Bürger, die im Palast der Republik gefeiert hatten und das Gebäude als „ihres“ betrachteten? Oder jene, die das Schloss wegen seiner historisch viel größeren Bedeutung wiederhaben wollte? Oder wäre jeglicher Wiederaufbau doch nur Fake?

Soll ein Kreuz auf die Schlosskuppel?

Rund 600 Millionen Euro soll das Humboldt Forum kosten, dass davon heute rund 100 Millionen über private Spenden zusammenkamen, kann, bei aller Kritik, durchaus als Erfolgsstory gelten. Zu den frühen und wortgewaltigsten Befürwortern des Wiederaufbaus zählte gehörte der Publizist Wolf Jobst Siedler, der dem Schloss 1992 in einem Essay ein Denkmal setzte. Das Berliner Schloss, dessen erste Version ab 1443 auf der Spreeinsel entstand, sei schon vor der Stadt dagewesen, schrieb er. Es sei „so alt wie das alte Brandenburg und das junge Preußen“ und habe für die deutsche Hauptstadt eine ganz andere Bedeutung als etwa die Schlösser Englands, Italiens und Frankreichs für deren Hauptstädte, wo die Schlösser erst nach den Städten entstanden. Berlin sei ohne Schloss historisch nicht zu verstehen. „Seine Lage, die alles dominierende Kuppel – allein stadtplanerisch bildete der Hohenzollernbau das Zentrum, auf das sich alles andere ausrichtete.“

Schon Siedler hatte eine Nutzung als Museum vorgeschlagen, ähnlich wie im Louvre in Paris. Dass Wiederaufbau und Museum tatsächlich beschlossen wurden, erlebte er nicht mehr. Siedler starb 2013, wenige Monate vor der Grundsteinlegung des Humboldt Forums.

Eigentlich gibt es nichts, über das am Schlossplatz nicht gestritten wurde. Egal, ob es ums große Ganze gingt – sollte tatsächlich ein Museum in die edle Hülle des Schlosses, außen historisch, innen modern, entworfen durch Star-Architekt Franco Stella? Oder um vermeintlich kleine Fragen: Soll die Schlosskuppel ein Kreuz tragen oder nicht? Sie bekommt eins, weiß man, nachdem diese Frage bis weit über Berlin hinaus diskutiert worden war.

Eine Antwort, noch bevor das Humboldt Forum 2020 mit etwas Verspätung (Berlin eben) tatsächlich eröffnen soll, haben die Berliner aber längst selbst gegeben: Menschen. Sie wollen das Schloss für sich haben. Sobald sich die Baustellentore zu Besichtigungstagen öffneten, wird der halb fertige Bau jedes Mal komplett überrannt.

Wer an anderen Tagen den Berliner Schloßplatz sucht, gerät schnell in ein anderes Erlebnis, das aber auch irgendwie historisch wirkt in diesen Tagen, selbst als gelernter Berliner. Die Stadt, deren Schicksal es dem geflügelten Wort zufolge ist, „immerfort zu werden, niemals zu sein“: Zum Jubiläum sind in Berlins Mitte vor allem die Baustellen historisch. Man fühlt sich fast wie in den 90er-Jahren, als der Potsdamer Platz neu entstand. Das Auto, gar das Wohnmobil. sollte man besser zu Hause lassen.

Von der zugigen Aufmarschfläche der Sozialisten, die noch bis 1994 Marx-Engels-Platz hieß, ist derzeit nicht mal ein Bürgersteig übrig – alles Baustelle. Nur ein paar Schilder hinter Bauzäunen erinnert an den Schloßplatz (historischen Gründen mit ß geschrieben). Direkt neben der Großbaustelle des Humboldtforums wird die U-Bahn-Linie U5 in den Untergrund gegraben, gegenüber steht das Zeughaus hinter Gerüsten, hinterm Roten Rathaus beginnt die nächsten Straßen-Großbaustelle. Wo andere Bezirke zur 30-Jahr-Feier Infostelen aufstellen, hat Mitte derzeit ein Lotsensystem für Baufahrzeuge, damit die ihren Beton nicht in die falsche Grube kippen. Auch das ist, wenn man so will, typisch deutsch. Ebenso wie der kleine Automat im Infocontainer für die Schlossbaustellenführungen. Er hat einen Spendenautomaten. Mit Ausgabefach für Spendenquittungen.

Neben dem derzeit nicht existenten Schloßplatz versteckt sich übrigens seit elf Jahren ein komplett fertiger Platz. Mit Rabatten, Brunnen und Denkmälern liegt der Schinkelplatz hinter Bauzäunen und der zerfetzten Plastik-Fassade für den Wiederaufbau der Bauakademie, als wäre auch das eine Inszenierung. Es ist aber keine. Irgendwann, wenn alle Baustellen mal weg sind, wird er an den Schlossplatz grenzen, der wiederum als schlichte, kopfsteingepflasterte Fläche wieder auferstehen wird. So viel steht fest. Ob dann auch der Neptunbrunnen wieder an seinen alten Ort umzieht, ist, genau: noch umstritten.

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