Mauerfall

Eugen Ruge: „Es gibt immer ein Davor und ein Danach“

Eugen Ruge war für seinen neuen Roman auf den Spuren seiner Großeltern in Moskau.

Eugen Ruge in Prenzlauer Berg Reto KlarFUNKE Foto Services

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Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Eugen Ruge, Jahrgang 1954, hat mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ einen der erfolgreichsten Romane der vergangenen Jahre geschrieben. Erzählt wird eine deutsche Familiengeschichte, die sich über vier Generationen erstreckt, vom Untergang des sozialistischen Ideals erzählt und zugleich starke autobiografische Züge trägt. Mit einem ähnlichen Verfahren – akribisch recherchierten Fakten auf der einen, fiktiven, aber niemals unwahrscheinlichen Elementen auf der anderen Seite – wendet sich Ruge in seinem neuen Roman „Metropol“ der Geschichte seiner Großeltern zu, zwei überzeugten Kommunisten, die in den späten 30er-Jahren den Großen Terror Josef Stalins miterlebten. Wir treffen Ruge an einem erstaunlich warmen Herbsttag im Café Gagarin am Wasserturm in Prenzlauer Berg. Wespen schwirren durch die Luft.

Herr Ruge, wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Ich lebte damals schon seit anderthalb Jahren im Westen, in Krefeld. Ich fing da gerade neu an, war 35 Jahre alt, verdiente mein Geld als Lkw-Fahrer für Saatgut und wohnte in einer kleinen Wohnung ohne Fernseher, natürlich auch ohne Internet. Freunde riefen mich an und sagten: Du, die Mauer ist gefallen, komm doch mal rüber. Ich fuhr mit dem Fahrrad zu ihnen. Und dann saßen wir zusammen vor dem Fernseher und schauten uns den Mauerfall an. Allerdings waren es an dem Abend eigentlich nicht die Bilder, an die man sich heute erinnert. Man sah vor allem leere Grenzübergänge irgendwo in Thüringen oder anderswo. Daran erinnere ich mich: an dieses seltsame Loch in der Berichterstattung. Klar war, da an der Bornholmer Straße passiert irgendwas. Und dann standen die Kamerateams an der Grenze und warteten auf die DDR-Bürger, die dann auch irgendwann kamen.

Hätten Sie das alles für möglich gehalten?

Natürlich nicht. Es gibt ja angeblich Leute, die das alles vorausgesehen haben. Ich selbst nicht. Sonst hätte ich mir ja auch ein knappes Jahr zuvor nicht die Mühe mit der Flucht gemacht.

Wie kam es zu Ihrer Flucht aus der DDR?

Ich war bis 1985 Mathematiker am Zentralinstitut für Physik der Erde an der Akademie der Wissenschaften. Ich habe das 1985 hingeschmissen, weil ich lieber Dokumentarfilme drehen wollte. Dann fing ich an, Theaterstücke zu schreiben. Und gerade, als mein erstes Theaterstück angenommen wurde, eine Adaption von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, und man mir anbot, Hausautor in Leipzig zu werden, da habe ich beschlossen: Du gehst rüber.

Wie lief das ab?

Ich bin bei der Besuchsreise eines angeblichen Onkels drüben geblieben. Ich hatte vorher noch meine Freundin geheiratet, damit die mit rüber konnte. Aber die durfte dann nicht.

Haben Sie danach Ihre Familie kontaktiert?

Ich hatte meinem Vater schon vorher angedeutet, dass ich von dieser Reise möglicherweise nicht zurückkommen würde. Er hatte Verständnis, obwohl es natürlich schwer für ihn war. Aus der heutigen Perspektive ist klar, dass dann kurze Zeit später die Mauer fiel. Aber damals war es ein großer Abschied. Vielleicht nicht für immer, denn meine Eltern waren ja im Rentenalter und konnten dann mal besuchsweise kommen. Aber hart war es dennoch.

Ihr Vater Wolfgang Ruge, Jahrgang 1917, war Historiker an der Akademie der Wissenschaften. Hatten Ihre Eltern mit Sanktionen zu rechnen, weil ihr Sohn ein Republikflüchtling war?

Es gab eine Zeit, da wurde so etwas sanktioniert, vor allem bei Leuten in höheren Positionen. Aber damals nicht mehr. Meiner Mutter konnten sie sowieso nichts anhaben, die war längst im Rentenalter. Und mein Vater war damals schon emeritiert, auch wenn er noch regelmäßig ins Institut ging. Später erzählte er mir, er sei zu seinem Parteisekretär gegangen – und der habe nur eins gesagt: „Na, so ne Scheiße!“.

Und im Westen sind Sie dann ins kalte Wasser gesprungen?

Ich hatte zunächst nur wenige Kontakte. Der Vater einer Bekannten meiner damaligen Ehefrau hatte einen großen Saatguthandel und fragte mich, ob ich zufällig einen Lkw-Führerschein habe, und so fuhr ich dann ein bisschen Saatgut aus. Ich habe dann ein Theaterstück geschrieben, mein erstes von Vorlagen völlig unabhängiges. Das hieß „Vom Umtausch ausgeschlossen“, das habe ich einem Kölner Theaterverlag angeboten und es wurde auch sofort angenommen. Es wurde dann 1990 in Bonn uraufgeführt und war eigentlich ein großer Erfolg, für mich damals jedenfalls – 14, 15 Aufführungsorte oder so. Danach habe ich mich dann als Theaterautor durchgeschlagen. Es gab gute, es gab aber auch sehr schlechte Zeiten. Als es anfing, weniger gut zu laufen, fing ich an, die „Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu schreiben, verrückt eigentlich.

Für die sie ja wahrscheinlich sehr viel recherchieren mussten.

Es ging, ich wusste ja schon sehr viel. Meine Großeltern lebten von 1940 bis 1952 im mexikanischen Exil, das musste ich recherchieren. Ich war auch in Moskau, wo die beiden zuvor als Agenten der Komintern gearbeitet hatten. Eigentlich war der Plan, die ganze Familiengeschichte mit einem Mal abzuhandeln – aber dann wurde mir klar, dass ich die Moskauer Jahre ausgliedern musste.

Der Roman spielt verschachtelt auf verschiedenen Zeitebenen. Ein wiederkehrendes Element ist der 90. Geburtstag des überzeugten Sozialisten Wilhelm Powileit, der an fortschreitender Demenz leidet. Wie sind sie auf diese Struktur gekommen?

Dieser Denkprozess hat ein ganzes Jahr beansprucht. Ich habe zuerst die Kapitel grob entworfen, ihre Perspektive, ihren Handlungszeitpunkt. Und dann habe ich mir die Reihenfolge überlegt. Ich hatte das Gefühl: Das ist eine irgendwie unfertige Geschichte. Ich wollte keinen allwissenden Erzähler, keinen „raunenden Beschwörer des Imperfekts“, wie man Thomas Mann genannt hat. Ich fand es nicht angemessen, das einfach chronologisch runterzuschreiben. Was mich am meisten interessiert hat, waren die Fehlstellen, die Löcher. Die großen politischen Ereignisse, selbst der Mauerfall, kommen im Roman nicht unmittelbar vor, es gibt immer ein Davor und ein Danach. So ist es eher die Geschichte der kleinen Dinge geworden. Und eines war auch ganz klar: Es musste mit dem Ende anfangen, weil das Ganze sowas Nachträgliches hat. Es ist ein Bericht von einem bestimmten Punkt aus, und diesen Punkt wollte ich erst einmal markieren in diesem ersten Kapitel.

Welchen Punkt meinen Sie?

Historisch gesehen ist es der Punkt, wo das letzte Jahrhundert, die letzte Epoche endet, die Epoche zwischen dem Krieg und dem Zusammenbruch des Kommunismus: mit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 ist diese Epoche endgültig vorbei. Von dort aus wollte ich zurückblicken.

Die Moskauer Zeit Ihrer Großeltern 1937/38, in der sie Stalins „Große Säuberung“ wie durch ein Wunder überlebten, haben Sie ausgespart und nun in Ihrem neuen Roman „Metropol“ verarbeitet.

Ja, das hätte die Struktur des „Abnehmenden Lichts“ zerstört. Auch wären noch einmal zusätzliche Recherchen nötig gewesen. Ein Besuch in Moskau, um mir die Orte anzusehen und im Hotel Metropol zu übernachten. Dort waren meine Großeltern einquartiert, nachdem man sie ohne Angaben von Gründen aus dem Auslandsgeheimdienst der Komintern entlassen hatte. Ich wusste sogar, in welchem Zimmer. Aber damals war das alles zu aufwändig und auch zu teuer.

Aber nach dem großen Erfolg des „Abnehmenden Lichts“ konnten Sie das dann machen. „Metropol“ spielt ausschließlich in Moskau. Der Roman schildert, wie Ihre Großeltern 1936/37 in der ständigen Angst leben müssen, wegen mangelnder Linientreue verhaftet, vielleicht sogar ermordet zu werden.

Ich habe an dem Buch drei Jahre gearbeitet. Die Recherchen waren aufwändig. Ich war ja schon vorher einmal in Moskau, bin dann noch einmal in Moskau gewesen und dann noch einmal. Ich habe versucht, mir die verschiedenen Gebäude anzuschauen, soweit die zugänglich sind. Ich habe auch im Hotel Metropol geschlafen, wo man meine Großeltern untergebracht hatte.

Zu Beginn schildern Sie, wie Sie eines Tages die Kaderakte Ihrer Großmutter in den Händen hielten. Wie sehr hat Sie der Inhalt erschreckt?

Gar nicht. Mich hat es im Gegenteil in gewisser Weise erleichtert, dass meine Großmutter nicht diejenige war, die denunziert hat, sondern die, die denunziert wurde. Mein Vater hatte Angst vor dieser Akte. Wie ich später aus seinen Briefen erfahren habe, hätte er auch Einsicht beantragen können. Er hat es offenbar nicht getan, weil er das nicht wissen wollte. Insofern war das eine Erleichterung. Und wissen Sie, diese ganzen Geschichten vom Stalinismus, was er bedeutet hat, was er mit Menschen gemacht hat: Da muss ich wirklich sagen, damit lebe ich, solange ich denken kann. Insofern war ich nicht schockiert.

Der Stalinismus war bei Ihnen zu Hause also ein Thema?

Ja, er war ein Thema. Es war nicht Thema zwischen mir und den Großeltern, da war es absolut tabu. Ich habe es auch nie versucht, aber es war auch irgendwie klar, dass das ein Tabu ist. Und tatsächlich hat meine Großmutter auch nie etwas darüber erzählt, und ich glaube ganz fest, dass sie auch nie irgendjemandem sonst etwas erzählt. Was ich natürlich nicht beweisen kann. Als mein Vater einmal mit ihr darüber sprechen wollte, was er im Lager erlebt hat, hat sie sich tatsächlich die Ohren zugehalten und gesagt: Ich kann das nicht. Ich will das nicht.

Sie gehen im Roman sehr detailfreudig mit dem Liebesleben der Figur um, die von ihrer Großmutter inspiriert ist. Verspürten Sie keine Skrupel beim Schreiben?

Natürlich kann man über das Liebesleben seiner Großmutter und diesen irrsinnigen Sex, den sie dort in Zeiten absoluten Terrors hat, als Enkel nicht beschreiben. Aber es ist tatsächlich so, dass ich diese Gestalt – obwohl ich ihren Vornamen nicht verändert habe – so lange geformt und geknetet habe, dass ich sagen kann: Das ist nicht meine Großmutter.

Zieht es Sie heute noch nach Russland?

Dort hat es mich nie hingezogen, außer als Kind. Ich bin nicht russophil. Ich finde Moskau sehr anstrengend. Ich fahre aber noch einmal für eine Lesereise hin. Weil Russland sehr groß ist, die Goethe-Institute dementsprechend weit voneinander entfernt liegen und ich alles mit der Eisenbahn abfahre, wird das eine Weile dauern.

Eugen Ruge: Metropol, Rowohlt, 432 S., 24 Euro

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