30 Jahre Mauerfall

Der Osten, der Hass und wir - eine Ursachenforschung

Ein Gespräch mit der Berliner Autorin Ines Geipel über die rechtsradikale Gewalt in Deutschland und die Ursachen.

Die Berliner Autorin und Professorin Ines Geipel schreibt und forscht seit vielen Jahren über rechtsradikale Gewalt im Osten Deutschlands.

Die Berliner Autorin und Professorin Ines Geipel schreibt und forscht seit vielen Jahren über rechtsradikale Gewalt im Osten Deutschlands.

Foto: Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Als wir uns zum Gespräch treffen, liegt der antisemitische Anschlag von Halle gerade zwei Tage zurück. So fürchterlich die Tat war, überrascht habe es nicht, sagt die Berliner Schriftstellerin Ines Geipel. „Ich habe Freunde in Halle, sie haben schon lange von der steigenden Aggressivität und dem Rechtsradikalismus in der Stadt berichtet, vom Versuch der Identitären Bewegung, sich dort festzusetzen – und auch von der Stadtbevölkerung, die herzlich wenig dagegen tut.“

Geipel selbst forscht und schreibt seit mehr als zwei Jahrzehnten über rechtsradikale Gewalt und Fremdenhass im Osten. In ihrem aktuellen Buch „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ nimmt sie auch die eigene Familiengeschichte zum Anlass, unbequeme Fragen zu stellen. Nach dem verdrängten Nationalsozialismus in der DDR, nach dem jahrzehntelangen Schweigen in den Familien und nach dem anschwellenden Hass im Osten.

Pogrome und Ausschreitungen wie in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen Anfang der 90er-Jahre, der Amoklauf an einer Schule Erfurt 2002 – Taten wie diese stehen für sie letztlich in einer Reihe mit dem Angriff auf die Synagoge von Halle. Die Täter: Oft junge Männer, meist frustriert, sozial isoliert. „In Halle war es ein 27-Jähriger, der sich in seinem Video unentwegt als ,Loser’ bezeichnete“, sagt Geipel.

Aber der Autorin geht es um das System hinter den Losern – um das Umfeld, in dem solche Taten geschehen. Um das System hinter dem Hass. „Wenn man weiß, wie die Staatsanwaltschaften in Ostdeutschland oft reagieren, wenn es um rechtsradikale Gewalt geht, und wie sich die Polizei verhält, dann kann es nicht verwundern, dass diese Taten Kontinuität haben.“ 2004 schrieb sie ein Buch über den ersten Amoklauf in deutschen Schule, in Erfurt. „Auch damals wollte niemand aussprechen, dass die Aufklärung und der Umgang mit der Tat letztlich die zweite Katastrophe war.“

Vor allem die Einzeltäter-These geht sie an. Das eigentliche Problem sei der „strukturelle Nazismus“ dahinter. Untätige Behörden, schweigende Politiker, Parteien, die Taten politisch instrumentalisieren: „Darüber muss gesprochen werden, es ist überdran.“ Geipels These: In der DDR wurden Judenhass, Rassismus, Ablehnung alles „anderen“ seit dem Nationalsozialismus verleugnet, die Geschichte teilweise sogar umgeschrieben, statt sie aufzuarbeiten. Das wirke bis heute fort. Nur über Einzeltäter zu reden, sei deshalb „die absolut falsche Politik.“

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Aber gibt es rechtsextreme Gewalt, Antisemitismus, die AfD nicht auch im Westen? Natürlich, sagt sie. Auch der Westen habe lange gebraucht, um sich seiner Nazi-Vergangenheit zu stellen, „und man kann freilich nicht davon ausgehen, dass die Dinge in den Familien tatsächlich besprochen worden sind.“ Gleichwohl habe es im Westen nach 1968 einen gesellschaftlichen Konsens gegeben und Leitlinien, „was geht und was nicht – und wie man mit den Opfern umgeht“.

Ost-Millennials wuchsen mit rechtsradikalem Denken auf

Ganz anders dagegen im Osten. Wo sich im Westen nach dem Aufbegehren gegen die Autoritäten 1968 die Gesellschaft neu sortierte, „blieb dieser Modernisierungsschub in Ostdeutschland aus“. Der Westen ging ins Offene, der Osten in die Regression. Die jüngeren Generationen wiederum, die Einheitskinder und Ost-Millennials, seien nach 1989 mit dem Verdrängen, dem rechtsradikalem Denken und auch der Gewalt groß geworden, die heute den Westen schockiert.

Was setzt man dem entgegen? Aufklärung, Sprechen, Schreiben, sagt Ines Geipel. Geboren 1960 in Dresden, trainierte sie sich als Schülerin hoch bis zur Spitzen-Leichtathletin der DDR. Das Laufen schildert sie in ihrem Buch wie eine Flucht. Ihr Plan, aus der DDR zu fliehen, wurde von der Stasi entdeckt, die sie verfolgte, terrorisierte, misshandelte. Ines Geipel floh, wenn man so will, nach innen – sie studierte in Jena Literatur, bis sie schließlich im Sommer 1989 ganz real über Ungarn in den Westen floh. Viele Jahre war sie, selbst staatlich anerkanntes Doping-Opfer, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, beriet Opfer, erkämpfte zwei Entschädigungsgesetze von der Bundesregierung, baute eine Hilfsstruktur auf. Heute lebt sie als Schriftstellerin und Professorin der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Sie gilt als eine der eindringlichsten Stimmen des Ostens Deutschlands.

Das gilt einmal mehr für ihr aktuelles Buch. Im Februar erschienen, ist „Umkämpfte Zone“ inzwischen fast 30.000 mal verkauft und erscheint gerade in der achten Auflage. Die Resonanz? Viele schreiben, das Buch habe geholfen, die Familiengeschichte zu sortieren und Krisen aufzuarbeiten“, sagt sie. Die Lesungen sind regelmäßig überfüllt, im Osten wie im Westen.

Denn was Geipel über ihre Familie und das Verschweigen erzählt, betrifft eben sehr viele deutsche Familien. Oder könnte sie betreffen, wenn man es denn wissen wollte. Auch deshalb schildert Geipel konkret ihre Recherche, nennt Quellen und Archive, in denen sie zum Beispiel die Unterlagen zur Nazivergangenheit ihrer Großväter fand. „In der DDR waren solche Archive geschlossen oder sie gab es schlicht nicht. Eine solche Recherche ist erst heute möglich.“

Literarisch und feinfühlig erzählt sie im Buch vom Krebstod ihres jüngeren Bruders, der zeitlebens die Wahrheit über die Familie nicht wissen wollte. Nicht über den Großvater, nicht über den Vater, einen Musiklehrer, der auf systematische Weise gewalttätig war und als Terroragent der Stasi mit mindestens acht Identitäten ein zweites, verborgenes Leben zwischen Ost und West führte. Robby, der Bruder, weigerte sich, die Stasi-Akte des Vaters auch nur zu lesen.

„In Pegida oder AfD steckt vieles, aber vor allem viel Frustration“

Nach ihren Lesungen beantwortet Ines Geipel Publikumsfragen, oft stundenlang. Es sind Menschen, die Fragen zu ihrer eigenen Familie haben, die wissen wollen, wie man durchkommt, durch dieses verbissene Schweigen, ja, wie man es bricht. Doch natürlich gibt es auch Ablehnung. Auf der Buchmesse, bei Lesungen, in Kommentaren im Internet. „Sie beschimpfen mich oder fragen, ob ich noch immer nicht kapiert habe, dass wir längst in der dritten Diktatur leben.“ Es sind zumeist Männer. Viele gut ausgebildet und gut situiert. „In Pegida oder AfD steckt vieles, aber vor allem viel Frustration. Und es geht dabei immer auch um ein gestörtes Generationsgespräch.“

Da sind die Kriegsenkel, die Generation der „Babyboomer Ost“, der auch Geipel und ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Robby angehören. Oder „Michael“, eine weitere Figur in Geipels Buch: Zu DDR-Zeiten Bürgerrechtler, „ein politischer Kopf, klug mit Worten“ und heute Funktionär der AfD, die seit dem Sommer 2015 immer näher an ihr eigenes Lebensumfeld herangerückt sei, schreibt Geipel – ihr alter Freundeskreis aus dem Osten habe sich praktisch aufgelöst. „Eine Weile haben wir noch auf der Straße gestanden und uns wegen der Flüchtlinge ins Gesicht geschrien, doch als klar wurde, dass es bei Lichte besehen nicht um Flüchtlinge ging, sondern darum, wer wir sind, was wir im Hier und Jetzt wollen (...) haben wir angefangen zu schweigen.“

Wenn man nach den Ursachen des Hasses frage, den Motiven, mit denen die AfD im Osten ihre Wähler findet, sagt Geipel, sei ihre eigene Generation eine wichtige Antwort. „Mit all jenen inneren Kriegen, die in sie hineingestopft wurde.“ Die inneren Kriege: Anders als im Westen erlebten die Babyboomer des Ostens nie, wie die eigene Familie den Nationalsozialismus hinterfragte. Wo im Westen in den 70er-Jahren Schulklassen über Filme wie „Holocaust“ diskutierten, wurden die Babyboomer der DDR für einen ganz anderen Auftrag gedrillt: „Wir sollten den Kommunismus real machen, Dafür wurden wir ausgebildet, in der Wehrerziehung, in der Schule, in den Jugendorganisationen.“

Die DDR wird als Gegenmodell zum Westen reinszeniert

Zwar gehörte dazu auch der Antifaschismus, den die DDR quasi als Gründungslegende für sich in Anspruch nahm. Doch schon 1946 seien auf dem Gebiet der späteren DDR die ersten jüdischen Friedhöfe wieder geschändet worden, schreibt Geipel in ihrem Buch. „Nazis gab es offiziell nur im Westen, nicht in der DDR“. Wie dafür Geschichte umgeschrieben wurde, erzählt sie am „Buchenwald-Mythos“, der DDR-Staatsdoktrin. „Der Buchenwald-Mythos wurde zur politischen Lebenshaut des Ostens. Es war das Herz, das falsch tickte. Eine Lüge.“

Geipel spricht von der „langen Geschichte des integrierten Nazis im Osten“. Je weniger ausgesprochen wurde, desto virulenter wütete der Hass im Verborgenen. Sie nennt es den „Schulddruck“ in den Familien, der krank machte – Menschen, aber auch eine ganze Gesellschaft. Die Freudsche Psychoanalyse, die nach solchen Zusammenhängen fragt, wurde in der DDR nicht umsonst von Beginn an verfemt und verboten.

Die Großeltern wollten über die Massaker in Riga nicht sprechen

Aus der Psychologie hat Geipel den Begriff der „Krypta“ entlehnt, für die verdrängte, ins Innere abgeschobene Erinnerung: die Geschichte ihres Großvaters zum Beispiel. Der Großvater, geboren 1905, wusste als NS-Funktionär in Riga von den Massakern an den Juden, er hat davon, so die Akten, mutmaßlich sogar materiell profitiert. So hat es Geipel recherchiert. Der Großvater, „ein wortloser, eingerutschter Mann mit chronischen Magengeschwüren“, habe selbst nie davon gesprochen. Auch Geipels Mutter verteidige die Zeit der Familie in Riga „wie eine Krypta“ heißt es im Buch. „Die Abwehr steht, bis heute.“

Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn es ihr nicht gelingt, die Vergangenheit zu verarbeiten? Zumal wenn sich eine Diktatur nahtlos an die andere anschließt? Auf der einen Seite, sagt Geipel, sehe sie mit Sorge, „wie die DDR derzeit als Gegenmodell zum Westen reinszeniert wird, und das nicht nur in der AfD, sondern auch in einer eher linken Klientel.“ Wenn debattiert werde, ob die DDR tatsächlich ein Unrechtsstaat war, wenn die drei jüngeren Generationen ohne Diktaturerfahrung die DDR derzeit als nostalgisches Märchen wieder auferstehen ließen, ist das für sie ein Zeichen, dass Geschichte ein weiteres Mal verdrängt wird. Wenn man so will, nach dem Vorbild der Eltern.

Viele Westdeutsche scheiterten im Osten an Ressentiments, Abwehr, Härte

Überhaupt ärgert sie die grassierende Selbststilisierung des Ostens als Opferkollektiv. „Im Westen sind manche Landstriche weitaus abgehängter als in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen.“ Keine Frage, die Einheit sei ein für viele harter, teilweise unnötig rüder Vorgang gewesen. „Ost und West waren sich 1989 fremd. Wir sprechen zwar eine Sprache, aber hinter den Wörtern stecken oft ganz andere Erfahrungen. Ich habe über die Jahre viele Ostdeutsche getroffen, die sich schier wundgerieben haben bei dem Versuch, die Einheit wirklich hinzubekommen.“ Umgekehrt seien viele Westdeutsche, die in den Osten gegangen sind, an den dortigen Strukturen gescheitert, „an den Ressentiments, der Abwehr, der Härte, auf die sie dort gestoßen sind. Das höre ich heute nicht.“

9. November als „Glücksherbst“

Statt sich in der Negativwahrnehmung einzurichten, findet Geipel, „könnten wir doch mal fragen: Wie soll es denn gehen miteinander, jetzt nach 30 Jahren? Was verbindet uns? Was haben wir gut hingekriegt?“ Für sie selbst werde der 9. November, der Moment der Revolution, immer der „Glücksherbst“ ihres Lebens sein. „Natürlich kann man die Geschichte auf verschiedenste Weise erzählen, aber die Einheit Deutschlands ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Zwei sich völlig widersprechende Systeme mussten einen Weg miteinander finden“, sagt sie.

Und trotz steigender Gewalt und zunehmendem Hass habe sie doch einen „milden Optimismus“, sagt Geipel: „Ja, wir sind angefasst, alles scheint im Moment entzündlich, aber trotzdem ist da doch auch viel Kraft.“

Nur von „Alarmzeichen“ wie nach Halle will sie nichts mehr hören. „Es geht nur noch über Offensive, das heißt ein wirksames, konfrontatives Krisenmanagement. Einfach wegmuffeln, relativieren, verharmlosen geht nicht mehr. Wegmuffeln hieße wiederholen, und Todesgänge wie Halle sind eben genau das. Aber es steht so viel auf dem Spiel.“

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