30 Jahre Mauerfall

Umfrage: Gibt es das Ost-West-Denken heute noch?

Wie vereint sind wir heute? Wir haben zwölf Menschen aus allen Bezirken Berlins gefragt, was sie über die Einheit denken.

Concierge Kay Mischke vom Palace Hotel hat an unserer Umfrage teilngenommen.

Concierge Kay Mischke vom Palace Hotel hat an unserer Umfrage teilngenommen.

Foto: Palace Hotel

Berlin. Gibt es das Ost-West-Denken heute noch – zumal in Berlin, wo die Einheit ja am schnellsten gelebt wurde? Wir haben zwölf Menschen aus allen Bezirken gefragt. Zusammengefasst: Ja, gefühlt gibt es die Einheit, gerade bei den Jüngeren. Bei den Lebensbedingungen aber oft nicht.

Reinickendorf: „Die Einheit wird heute nicht mehr thematisiert“

„Bei meiner ehrenamtlichen Arbeit, etwa in der Bahnhofsmission am Ostbahnhof, begegne ich anderen freiwilligen Helfern, die aus der DDR stammen. Da wird die deutsche Einheit und das Zusammenwachsen gar nicht mehr thematisiert. Ebensowenig im Seniorenorchester in Reinickendorf, in dem ich seit drei Jahren spiele, und dem auch viele ehemalige Berufsmusiker aus der DDR angehören. Ich stamme aus Duisburg. Als Kind und Jugendliche bin ich mit dem Packen von Ost-Paketen für die Partnergemeinde im Kreis Belzig groß geworden. In der Bahnhofsmission habe ich dann mal scherzhaft gesagt: „He, Leute, ich hab’ immer die Päckchen gepackt.“ Und die anderen sagten: „Wir haben sie ausgepackt.“ Aber alles im positiven Miteinander.

Wenn ich mit Menschen intensiver in Kontakt komme, dann taucht die Frage nach der Herkunft auf. Bei den meisten, die ich näher kennengelernt habe, sind die persönlichen Wunden verheilt. Einige sind noch verbittert und verletzt. In der Bahnhofsmission kenne ich eine Mitarbeiterin, die wie ich drei Kinder hat und auch sonst fast die gleiche Biografie. Nur dass sie auf der einen Seite der Mauer lebte und ich auf der anderen. Als ich vor 17 Jahren in der Bahnhofsmission angefangen habe, waren dort auch viele Gäste, die aus der DDR stammten. Sie erzählten von ihrem Schock, nun im Westen zu sein und doch auf der Straße zu wohnen. Das hat es ja im Osten nicht gegeben. Heute sind die meisten Gäste der Stadtmission aus Osteuropa.“

Charlottenburg-Wilmersdorf: "Ich bin doch keine ethnische Randgruppe"

„Ich finde, Ost und West sind gut zusammengewachsen. Ich lebe ja jetzt schon länger im wiedervereinten Deutschland, als ich in der DDR gelebt habe. Natürlich hat mich die DDR geprägt, aber letztlich waren es ja meine Eltern, die mich erzogen haben. Man hat sich zwar an den Vorschriften orientiert, aber das müssen wir heute ja auch noch.

Das einzige, das sich für mich verändert hat, ist die Möglichkeit, überall hinzureisen, und dass ich meine Meinung laut sagen kann. Ich finde, das Leben hat sich in den vergangenen 30 Jahren vor allem hier in Berlin stark angeglichen, aber das ist auch immer eine Mentalitätsfrage. Viele bleiben in ihren Kiezen, so wie ich auch, weil sie eben da aufgewachsen sind. Das tun die Menschen im Osten wie im Westen von Berlin.

Ich bin in Friedrichshain aufgewachsen und wohne jetzt in Rummelsburg. Das ist meine Heimat und wird es auch bleiben, das hat nichts mit Ost oder West zu tun. Es wird meiner Ansicht nach viel zu viel darüber geredet, was eigentlich ostdeutsch ist. Ich bin doch keine ethnische Randgruppe. Es gibt ja nicht den Ostdeutschen oder den Westdeutschen, genauso wenig wie den Norddeutschen oder Süddeutschen. Es sind alles Menschen. Ich mache da keine Unterschiede und meine Freunde auch nicht.“

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Pankow: "Die Feuerwehr war schon immer eine große Familie"

„Unser Grundanliegen war es in Ost und West, anderen Menschen zu helfen und so schnell wie möglich das Feuer zu löschen. Wir hatten also zu jeder Zeit ein gemeinsames Ziel. Und die Feuerwehr war so etwas wie eine große Familie. Stark verändert haben sich durch die Wiedervereinigung die Organisationsstruktur und der Fahrzeugpark. Zu Ost-Zeiten hatten wir den W50 als Basisfahrzeug, heute haben wir MAN und Rosenbauer. Das war ein wesentlicher technischer Fortschritt für die Feuerwehrleute aus dem Osten. Deshalb mussten wir uns allerdings umschulen lassen, aber das war auf jeden Fall begeisterungswürdig.

In meiner Laufbahn habe ich nach dem Mauerfall verschiedene Teile Berlins erlebt. Wachleiter bin ich das erste Mal in Hellersdorf geworden, dann in Tiergarten, dann in Spandau-Nord, dann in Pankow – und nun in Weißensee. Am vergangenen Sonntag konnte ich mein 40-jähriges Dienstjubiläum feiern.

Ein gewisser Unterschied zwischen Ost und West ist leider bei den Gehältern geblieben. Wir Kräfte aus dem Osten sind damals zuerst sogar nur mit 60 Prozent des West-Gehaltsniveaus übernommen worden. Es gab Zeiten, da war ich der Leiter und habe weniger verdient als meine Unterstellten. Trotz der Unterschiede waren wir immer motiviert. Schade ist nur, dass wir nach 30 Jahren bei der Bezahlung noch immer keine völlige Gleichheit erreicht haben.“

Mitte: „Zu unseren Partys kamen damals auch West-Berliner“

„Hier in Berlin ist man schon ziemlich vereinigt. Aber ich fahre oft nach Brandenburg raus und erlebe, dass da noch mehr alte DDR drin steckt. Die Menschen fahren dort immer noch in den Westen wenn sie zum Kudamm fahren. Das ist in Berlin ja gar nicht so. Natürlich haben Ost- und Westdeutsche eine ganz andere Biografie, es fehlt aber auch am gegenseitigen Interesse. Vielleicht gibt es zu wenige Menschen, die sowohl mit Ost- wie Westlern befreundet sind.

Ich hatte schon während meinem Leben in der DDR einen großen Freundeskreis und da waren immer Leute aus West-Berlin dabei. Die kamen rüber, wenn wir Partys gemacht haben. Deshalb sehe ich da heute gar keinen Unterschied mehr. In der Anfangszeit des Cafés kurz nach der Wende war das noch anders. Wenn ich hinterm Tresen stand und die Tür ging auf, konnte ich sofort erkennen: Das ist ein Wessi oder ein Ossi. Einfach am Auftreten und der Kleidung. Sehr schnell konnte man das hier nicht mehr sagen. Aber das ist eben Berlin.

Für mich war der Fall der Mauer toll. An dem Tag habe ich meinen Onkel in Schöneberg besucht. Allerdings verlor ich in der Wendezeit meine Arbeit. Mit einer früheren Freundin habe ich dann entschieden, ein Café zu gründen. Am 2. Oktober, dem letzten Tag der DDR, haben wir das „Café Cinema“ eröffnet.

Wir waren damals drei Mitstreiter, zwei aus dem Osten, einer aus dem Westen. Es gab gleich ziemlich viel Zulauf. Das Schöne hier war: Die Ossis trafen auf die Wessis und man sprach miteinander. Hier gab es erst Diskussionen – und später Liebschaften. Wir hießen dann nur noch „Kuss-Café“, denn irgendwo saß immer jemand und knutschte. Das war eine tolle Zeit.“

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Spandau: „Für unsere Konfirmanden ist die Mauer weit weg“

„Als ich 1991 als Pfarrer in den Kiez Heerstraße Nord kam, sah ich noch Mauerteile herumliegen, wusste aber lange nichts über die Teilungsgeschichte der Gemeinde. 1951 war Staaken plötzlich geteilt worden, die Kirchengemeinde Staaken behielt ihre Einheit aber erst noch. 1962 wurde dann die neue ostdeutsche Gemeinde Alt-Staaken Albrechtshof gegründet.

Nachdem Staaken wieder zu Spandau gehörte, war es logisch, dass auch die Gemeinde wieder vereint wird. Im Mai 1999 folgte die gemeindliche Fusion. Das Zusammenwachsen wurde vom Kopf gestaltet, das Gefühl war aber ein anderes. Anfangs war es nicht einfach. Man merkte schon, dass die Gefühlslage sehr unterschiedlich war. Es gab die Identität der Ostgemeinde und die Verbindung zum Havelland. Heute sind wir als Gemeinde aber ganz selbstverständlich vereint.

Von Osten und Westen spricht man bei uns nicht mehr. Der Ostteil Staakens hat sich sehr verändert, es wurde viel gebaut, viele neue Leute sind dazugekommen. Das gilt auch für den Speckgürtel. Es wird sich eher historisch erinnert. Das ist aber auch eine Generationenfrage. Die Älteren haben schon noch die Schwierigkeiten des Zusammenwachsens im Kopf. Für die Konfirmanden ist die Mauer so weit weg wie Bismarck. Sie finden das historisch interessant, aber das Gefühl ist nicht mehr drin.“

30 Jahre nach Fall: Mauer bleibt Touristenmagnet
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Treptow-Köpenick: „Die Politik sollte mehr für das Handwerk tun“

„Wir sollten in Deutschland nicht mehr unterscheiden in Ost und West, sondern in Nord und Süd. Dann wäre auch diese Ost-West-Debatte weg. Wenn man sagt, man kommt aus dem Osten, dann ist man schon abgestempelt. Wenn es das nicht mehr gäbe, wäre es gut.

Die Dresdner Feinbäckerei existiert seit 1906. Ich habe den Betrieb 1995 übernommen. Schon mit sieben Jahren wollte ich Bäcker werden, und heute, mit 53, ist es für mich immer noch der schönste Beruf der Welt. In Zeuthen habe ich gelernt, nach dem Mauerfall den Bäckermeister in Schöneberg gemacht und den Konditormeister in Wolfenbüttel an der Bundesfachschule des Konditorenhandwerks. Ich möchte den Osten nicht missen, und ich möchte auch den Westen nicht missen. Der Westen ist herrlich, man kann reisen, wohin man will. Man kann backen, wo man will. Wenn alles wirtschaftlich funktioniert, kann man Spaß haben.

Als selbstständiger Handwerker war man in der DDR mehr geachtet, vom Bürger und auch von der Politik. Die Nahversorgung der Bevölkerung hatte einen hohen Stellenwert. Es war festgelegt: Für so und so viele Einwohner in einem Ort musste es so und so viele Bäcker, Fleischer, Schuster, Blumenläden und Gastronomie geben. Heute ist das nicht mehr so. Da bestimmt der, der das Geld hat. Wenn es dem Handwerker wirtschaftlich nicht gut geht, oder er die Mieterhöhung nicht zahlen kann, macht er zu und ist weg. Es kräht kein Hahn mehr danach. Danach kommt eine Filiale in die Räume. Die Politik interessiert das nicht. Das ist schade.

In der Nachwendezeit gab es noch viel Unterstützung von der Handwerkskammer, vom Senat und von der Bäckerinnung. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Heute ist vor allem wichtig, dass man die Beiträge bezahlt.

Die Politik müsste mehr tun, um das Handwerk zu schützen, damit es im Kiez bleiben kann und nicht verdrängt wird. Die Backkultur, die wir gelernt haben – wie man Brot herstellt, wie man Knüppel drückt, wie man Splitterbrötchen zieht oder einen Hefekuchen ausrollt – das geht sonst eines Tages verloren.“

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Neukölln: „Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten“

„Ich lebe seit 25 Jahren in Berlin. Und ich finde, dass die Vereinigung in den meisten Bezirken eigentlich gar keine große Rolle spielt. Natürlich stellt sich oft die Frage, woher jemand kommt – aber oft geht das über eine Ost-West-Verbindung hinaus. Gerade in Neukölln vermischen sich ja Kulturen so sehr, dass die Frage nach der Herkunft und dem Zusammenleben viel weiter geht.

Als Teenager bin ich genau zur Wendezeit mit meiner Familie von Mecklenburg-Vorpommern nach Dresden gezogen. Aber erst, als ich dann als junge Erwachsene nach Berlin gezogen bin, habe ich angefangen, darüber nachzudenken, woher ich komme – weil ich dann nämlich erst danach gefragt wurde. Natürlich prägt mich meine Kindheit in der DDR. Aber am Ende sind wir viel mehr vereint, als oft behauptet wird: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

Steglitz-Zehlendorf: „Heute zählen andere Kriterien beim Umzug ins Umland“

„In Steglitz-Zehlendorf hat es seit dem Mauerfall keine großen Veränderungen gegeben. Der Südwesten ist ziemlich stabil. Allerdings war der Preisunterschied von Immobilien vor 25 Jahren zwischen dem Umland und Berlin – zum Beispiel zwischen Steglitz und Kleinmachnow – noch groß. In Brandenburg zahlte man bis zu 50 Prozent weniger. Heute ist die Schere nicht mehr so riesig, die Preise haben sich angeglichen.

Kurz nach dem Mauerfall hatten die West-Berliner noch Vorbehalte, in den Osten zu ziehen. Da bewegten sie Fragen wie: Ist mein Nachbar bei der Stasi oder Funktionär in dem staatlichen System gewesen? Heute sind diese Vorbehalte verschwunden. Es zählen andere Kriterien für einen Umzug ins Umland.

Am wichtigsten ist die Verkehrsanbindung. Als Teltow einen S-Bahnhof bekam, explodierten die Preise. Ich kenne viele Steglitzer, die dennoch nach Teltow gezogen sind. Noch in den 90er-Jahren fuhren auch viele Steglitz-Zehlendorfer ins Potsdamer Sterncenter zum Einkaufen. Heute kaufen wieder mehr in der Schloßstraße ein, der Weg lohnt sich nicht mehr. Der Verkehr hat zugenommen, man steht oft im Stau.“

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Marzahn-Hellersdorf: „Unterschiede? Nur noch bei der Art der Zeitangaben“

„Ost und West sind kein Thema mehr. Meine Kunden kommen aus beiden Teilen der Stadt. Viele sind schon über Jahre bei mir. Neue kommen meist über Empfehlung. Da spielt der Sitz meiner Firma keine Rolle mehr. Ich bin Diplomingenieurin für Werkzeugmaschinenbau und in Treptow aufgewachsen. Nach der Wende habe ich eine Umschulung gemacht und bin seit 2002 selbstständig. Ich habe eine Werbeagentur und Druckerei in Biesdorf. Auch bei meinen Mitarbeitern ist es egal, woher sie kommen. Allerdings sollte die Anfahrt zur Arbeit nicht zu lang sein, das ist auf die Dauer zu belastend.

Meine Kollegin, die jetzt schon mehr als zehn Jahre bei mir arbeitet, ist in Hamburg geboren und dann mit ihren Eltern nach West-Berlin gezogen. Sie wurde mein erster Lehrling und zog mit ihrer Familie nach Marzahn, damit sie es näher hat. Vor vielen Jahren kam schon mal die Frage von potenziellen Kunden: „Wo sitzen Sie denn?“ Als ich sagte: „In Marzahn“, war die Reaktion: „Das ist schon fast Polen, da komme ich nicht hin.“ Aber das ist lange her und kommt heute nicht mehr vor.

Einen ganz typischen Unterschied zwischen Ost und West gibt es in der Zeitangabe. Die aus dem Westen kommen, sagen, es ist Viertel vor drei. Wer aus dem Ostteil von Berlin stammt, sagt, es ist Dreiviertel drei. Wenn man damit aufgewachsen ist, dann bleibt man auch dabei.“

Friedrichshain-Kreuzberg: „In Brandenburg stelle ich eine Art Verbitterung fest“

„Das Thema Ost-West beschäftigt mich natürlich. Ich bin Berliner, bei uns gab es immer Verwandtschaft im Umland. Auf einer Skala von null bis zehn würde ich den Grad, wie vereinigt wir Deutschen 2019 sind, auf fünf minus festlegen. Im Dorf der kleinen Datsche in Brandenburg, wo ich seit Anfang der 90er-Jahre oft bin, waren anfangs reichlich Ressentiments zu spüren. Die haben mich dort immer als den Wessi gesehen, obwohl ich ja nun aus Berlin komme und den Westler überhaupt nicht herauskehre.

Inzwischen hat sich das etwas gelegt. Doch ich spüre bei manchem dort, dass ich aufpassen muss, was ich sage. Ich stelle eine Art Verbitterung fest, und dass sie sich in der Bundesrepublik immer noch als Mensch zweiter Klasse fühlen. Mir scheint es, als ob da persönliche Frustration oft auf das Ost-West-Thema geschoben wird.

In Gesprächen weise ich darauf hin, dass die Menschen der DDR gegenüber den Ländern Osteuropas den großen Vorteil hatten, dass es für sie einen „großen Bruder“, die reiche Bundesrepublik, gab. Nach 30 Jahren würde ich also als Bilanz sagen: Der Vereinigungsprozess ist noch nicht vorbei. Es gibt noch viel zu tun.“

Schöneberg: „Das Land ist vereinigt worden, die Menschen nicht“

Die Destillerie mit Kneipe hat ihren Ursprung aber bereits 1874, als Emil und Max Leydicke das Unternehmen als Likör- und Fruchtsaftfabrik gründeten. Marquardt führt die Geschäfte heute in vierter Generation. Wer das „Leydicke“ kennt, weiß, dass dort die Zeit stehengeblieben ist. Marquardt hat die Original-Einrichtung beibehalten. Von vielen Ereignissen der Vergangenheit kann auch der Kneipier berichten. Die Studenten der ‘68er entdeckten das Lokal für sich, etablierten es. Nach dem Mauerfall sei es immer leerer im „Leydicke“ geworden, sagt Marquardt. Das Kneipensterben in den 90er-Jahren spürt auch das Leydicke. Hinzu käme: „Berlin wird immer spießiger.“

Das Leydicke ist trotzdem bis heute ein Schmelztiegel der Charaktere, Kulturen und Ansichten. Von den Gästen weiß Marquardt: „Das Land ist vereinigt worden, aber die Menschen nicht.“ Auch nach 30 Jahren gebe es noch viele Unterschiede. Dies biete heutigen Populisten einen Nährboden. Die Gründe dafür sind nach Marquardts Ansicht in der Politik zu suchen: „Parteien hören heute nicht mehr auf das Volk, sie stellen nicht mehr dessen Stimme dar.“ Auch nach 30 Jahren gebe es keine Stabilität, und damit meint der Destillateur nicht die im wirtschaftlichen Sinne. Berlin müsse mehr zusammengeführt werden. Es dürfe kein Ost und West mehr in den Köpfen geben, so Marquardt. Dazu brauche es Charaktere, die sich tatsächlich um die Menschen kümmern wollen.

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Lichtenberg: „Im Osten waren die Frauen emanzipierter“

„Berlin hat in meinen Augen eine Sonderstellung und vielleicht sind die Leute hier schon mehr zusammengewachsen als im übrigen Deutschland. Als Rechtsanwältin habe ich viel mit Familien zu tun. Meist gehen beide arbeiten, ganz gleich, in welchem Teil der Stadt sie leben. Unterschiede sind häufig noch bei den Frauen anzutreffen. Während die ostdeutschen Frauen nach der Geburt von Kindern sich auch weiterhin beruflich voll verwirklichen wollen, möchten sich westdeutsche Frauen häufig zunächst um die Kinder kümmern. Das verschwimmt, je jünger die Eltern sind.

Menschen ab 40 Jahre sind zumeist noch geprägt von der Erziehung in den unterschiedlichen Regionen. Im Osten waren die Frauen schon ein Stück emanzipierter, und standen im Berufsleben, auch mit der Doppelbelastung von Arbeit und Kind. Es war für sie völlig klar, dass die Kinder in den Kindergarten gehen. Er galt als Erziehungs- und Bildungseinrichtung. Frauen, die im Westen erzogen wurden, sehen den Kindergarten meist eher kritisch; als eine Aufbewahrungsstätte. Bei den Männern gibt es kaum noch Unterschiede, diese wollen zunehmend in die Kinderbetreuung – vor allem nach einer Trennung – einbezogen werden. Einen deutlichen Unterschied kann man noch bei den Vermögen ausmachen. Menschen aus dem Westen verfügen in der Regel über Vermögenswerte, oft auch schon zu Beginn einer Ehe.

Berlin ist eine bunte Stadt, hier leben nicht „Ostler“ und „Westler“, sondern Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Mentalitäten, die das Arbeitsleben doch mehr prägen. 30 Jahre nach der Wende sollten die Begriffe Ost und West verschwinden. Den Ostler oder den Westler gibt es nicht. Der Mecklenburger hat ebenso eine andere Mentalität im Vergleich zum Sachsen wie der Schleswig-Holsteiner zum Bayern.“

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