30 Jahre Mauerfall

Johannes Ludewig: „Die Treuhand war der richtige Weg“

War die Treuhand ein Fehler? Ein Gespräch mit Johannes Ludewig, der im Kanzleramt und für die Wirtschaftspolitik zuständig war.

Johannes Ludewig (74) ist seit 13 Jahren Leiter des Nationalen Normenkontrollrats. Foto: Reto Klar

Johannes Ludewig (74) ist seit 13 Jahren Leiter des Nationalen Normenkontrollrats. Foto: Reto Klar

Johnnes Ludewig hat einen besonderen Arbeitsplatz, mitten in Regierungsviertel, am Kapelleufer mit Blick aufs Bundeskanzleramt. Ein Gespräch über die DDR-Wirtschaft, die Treuhand und Fehler, die gemacht wurden.

Berliner Morgenpost: Herr Ludewig, Sie waren seit 1983 im Kanzleramt und 1989, als die Mauer fiel, so nah dran wie kaum ein anderer. Wie haben Sie den Abend, die Nacht am 9. November 1989 erlebt?

Johannes Ludewig: Ich war mit Bundeskanzler Helmut Kohl und einer Wirtschaftsdelegation in Warschau. Wir standen abends alle im Marriott-Hotel in Warschau, schauten auf den Fernseher, und es kam uns vor wie Science Fiction. Das hatten wir nicht für möglich gehalten. Es war extrem bewegend.

Haben Sie in der Nacht geschlafen?

Wenig. Es ging ja darum, was macht der Bundeskanzler, wie reagiert er darauf. Ich bin dann in Warschau bei der Delegation geblieben, Helmut Kohl und der Außen- und Sicherheitsberater Horst Teltschik sind für 24 Stunden nach Berlin geflogen. Und kamen dann mit den nicht ganz so schönen Eindrücken aus Berlin wieder, denn am Rathaus Schöneberg waren er und andere ja ausgepfiffen worden. Aber die guten Gefühle dominierten dann schnell wieder.

Ahnten Sie, die Bundesregierung, wie miserabel die wirtschaftliche Lage der DDR damals war?

Nein. Aber das wäre auch nicht erheblich gewesen. Wichtig war die Frage: Was ergibt sich politisch aus dem Fall der Mauer? Gibt es einen Spielraum, Deutschland neu zu gestalten? Die politischen Fragen standen im Vordergrund. Erinnern Sie sich nur an das Zehn-Punkte-Programm von Helmut Kohl, das einen langen Zeithorizont über Jahre hinweg aufzeigte, in dem sogar noch von „konföderativen Strukturen“ die Rede war. Aber natürlich wussten wir, dass die DDR wirtschaftlich international nicht wettbewerbsfähig war.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass das mit der deutschen Einheit viel schneller gehen würde?

Der Wendepunkt war der 19. Dezember, als wir in Dresden zu einem Treffen mit dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow waren. Überall waren Menschen, am Flughafen, auf den Straßen, am Hotel Bellevue. So viele Menschen überall und so viele „Helmut“-Rufe. Die später stattfindende Kundgebung vor der Frauenkirche war zunächst ja gar nicht geplant. Aber die Menschen erwarteten, dass der Bundeskanzler zu ihnen sprach. Am Ende des Tages überwog das Gefühl: „Das kann alles viel schneller gehen, als wir bisher gedacht haben.“ Den Tag vergesse ich nicht!.

Man hätte den Prozess der deutschen Einheit demnach nicht langsamer gestalten können?

Nein. Wie hätte man das machen sollen? Wir hatten offene Grenzen und Reisefreiheit. Zwei Dinge erhöhten den Zeitdruck. Zum einen die wachsende Zahl der Übersiedler. Pro Tag verließen Tausende damals das Land. Das machte uns große Sorgen, denn in der Regel gehen ja die, die gut ausgebildet sind, die man braucht, um das Land wieder aufzubauen. Zum anderen waren 370.000 sowjetische Soldaten noch in der DDR. Was wird mit diesen? Was passiert, wenn sich in Moskau die politische Lage ändert?

Dann half Gorbatschow?

Anfang Februar 1990 war Bundeskanzler Kohl in Moskau bei Michail Gorbatschow, der dann erklärte: Die Deutschen müssten selber sehen, wie sie ihre Dinge ordnen. Das war der Durchbruch. Wir wussten nun, wir können gestalten – aber keiner wusste, wie lange. Wir mussten handeln unter Unsicherheit. Wir hatten die historische Chance – und die mussten wir ergreifen. Der liebe Gott verteilt Chancen, aber nicht in unendlicher Zahl.

Eine Chance war die Währungsunion?

Uns hat die Frage umgetrieben: Wie kann man verhindern, dass der Prozess der deutschen Einheit wieder rückgängig gemacht wird? Die Klammer war dann die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Wir wollten damit den Rückweg zu Mauer und Stacheldraht praktisch unmöglich machen - und wir wollten ein Zeichen setzen, dass es sich lohnt, in Ostdeutschland zu bleiben und damit den Wegzug begrenzen. Normalerweise ist eine Währungsunion nicht der Anfang, sondern das Ende eines Annäherungsprozesses, der letzte Baustein wie der Schlussstein in einer Kathedrale. Aber bei der deutschen Einheit war es anders. Das habe auch ich als Ökonom eingesehen.

Ab 1991 waren Sie im Bundeskanzleramt für die Wirtschafts- und Finanzpolitik und auch für die Koordinierung der neuen Bundesländer zuständig. Was bedeutet das?

Das habe ich mich damals auch gefragt. (lacht) Ernsthaft: Wir hatten eine sozialistisch, auf Verschleiß gefahrene Wirtschaft geerbt, nun ging es darum, dies wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ab dem 3. Oktober war die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer von rund 10.000 Ost-Betrieben, die nach der Währungsunion ab Juli 1990 im wesentlichen nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Die bisherigen Absatzmärkte waren von heute auf morgen weg. Wir haben noch versucht, die Sowjet-Union zu veranlassen, weiter Produkte aus DDR-Betrieben abzunehmen. Noch im Juli 1991 waren wir deshalb in der Nähe von Kiew zu einem Treffen mit Gorbatschow gereist, es ging damals um weitere Lieferungen im Wert von 25 Milliarden Mark, beispielsweise für den Bezug von Eisenbahnwaggons. Gorbatschow hat das auch zugesagt – und wenige Wochen später war er nicht mehr im Amt. Der eigentliche Tiefpunkt war Ende 1991 der Zusammenbruch der Sowjetunion – mit der völligen Auflösung der bisherigen Lieferstrukturen im Ostblock.

Interaktive Anwendung - Wissen Sie noch, wo die Mauer Berlin teilte?

Aber auch in Ostdeutschland wurden die Produkte nicht mehr gekauft.

Die Ostdeutschen wollten nur noch Westprodukte kaufen. Der ganze DDR-Markt brach zusammen. Ich erinnere mich noch an den Kollaps in der Foto-Filmproduktion. Es gab die Firma Orwo in Wolfen, denen die Filme zu DDR-Zeiten aus der Hand gerissen wurden. Über Nacht wollte die keiner mehr haben, alle kauften Kodak- oder Agfa-Filme. Man kann das nachvollziehen, aber für die DDR-Wirtschaft war es eine Katastrophe. Diese Fabriken konnte man auch nicht mit ein paar Millionen Mark umzurüsten, denn die ganze Produkt- und Produktionstechnologie war schon viel weiter.

Die Treuhand sollte die Probleme lösen…

Die Treuhand war eine Erfindung von Hans Modrow. Das war auch der richtige Weg, denn ein Ministerium kann keine Betriebe führen. Man brauchte also eine Art Oberholding.

Was lief falsch?

Wie gesagt: Wir wurden über Nacht Eigentümer von rund 10.000 Betrieben. 10.000. Dafür braucht man Manager, die Märkte und Produkte kennen und wissen, wie man ein Unternehmen in einer weltoffenen Wettbewerbswirtschaft führt. Finden Sie aber mal auf die Schnelle so viele qualifizierte Manager. Wichtig war: Jeder Investor, der einen Betrieb übernahm, der musste sich zu Investitionen verpflichten und Arbeitsplätze garantieren - Zusagen, die kontrolliert wurden.

Hätte man die ostdeutschen Manager nicht fortbilden können?

Ganz ehrlich: Dazu war keine Zeit. Die Märkte brachen von heute auf morgen zusammen.

Der Leitgedanke der Treuhand war: zügig privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen. Wenn Sie zurückblicken, war das richtig so?

Das hat Treuhand-Präsident Detlev Karsten Rohwedder so formuliert. Ich halte das noch immer für richtig.

Nochmals: Sind Fehler gemacht worden?

Es wäre ein Wunder, wenn angesichts der Dimension dieser Herausforderung keine Fehler gemacht worden wären. Im Kern gab es allerdings kaum eine Alternative. Wir hätten nicht die gesamte DDR-Wirtschaft subventionieren können. Da wäre auch die Bundesrepublik schnell an ihre finanziellen Grenzen gekommen. Unser Leitgedanke war: Wir sanieren, was wir sanieren können – und helfen dann auch über mehrere Jahre hinweg. Jeder Betrieb konnte ein Sanierungskonzept vorlegen, das dann von einem unabhängigen Ausschuss bei der Treuhand überprüft wurden. Wenn es ein Perspektive gab, dann wurde die Sanierung auch ermöglicht. Das ist mir wichtig: Jeder Betrieb hatte grundsätzlich eine Chance.

Wie haben Ihre Gesprächspartner aus dem Osten das gesehen?

Ich erinnere mich noch gut. Sie, die Kollegen aus den Ost-Berliner Ministerien, haben uns am Rande offizieller Gespräche gesagt: Ein Drittel der Betriebe hat keine Chance, die kann man nur zumachen, ein Drittel kann mit wenigen Mitteln wettbewerbsfähig gemacht werden, und bei einem weiteren Drittel muss massiv investiert werden, um das Ziel zu erreichen. Und es ist fast genauso gekommen.

Ein fortdauernder Vorwurf ist, die Wessis hätten die Ossis überrollt und nicht auf deren Lebensleistung Rücksicht genommen. Stimmt das?

Die Deutschen haben viele guten Eigenschaften, aber ein Übermaß an Einfühlungsvermögen gehört nicht dazu. Wie redet der Stärkere, der aus dem Westen kommt, mit dem vermeintlich nicht so Starken auf Augenhöhe? Das können wir nicht. Das ist leider keine deutsche Begabung. Das hätten wir besser machen und das Selbstwertgefühl der Menschen besser achten müssen.

Haben Sie persönlich es denn versucht?

Ich habe in m einen sieben Jahren Aufbau Ost mehr als 100 Betriebe besucht – und ich bin froh, dass ich mich bei jedem wieder blicken lassen konnte - bis heute. Sehen Sie, wenn Sie zu einem Betrieb kommen und den Menschen sagen: „Es ist erstaunlich, was Sie bei der vergleichsweise schlechten Ausstattung mit Maschinen und Anlagen alles geleistet haben, was Sie für Produkte hergestellt haben…“, dann reden Sie auf einer ganz anderen Ebene miteinander. Das war mir persönlich immer wichtig.

Hätte man die De-Industrialisierung von Ostdeutschland verhindern können?

Das haben wir ja, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Ich erinnere mich noch gut: Im Mai 1991 gab es eine Anfrage der Buna AG in Schkopau, ob der Kanzler dort eine Rede halten könne. Als Berater von Helmut Kohl habe ich einen Rede-Entwurf geschrieben, in dem stand, dass es auch in Zukunft hier Chemie geben werde - mit oder zunächst auch ohne Privatisierung. Kommentar des Bundeskanzlers: „Ludewig, ob ich diese Rede so halte, ist völlig offen!“ Er wusste um den Sprengstoff, denn mit dieser Aussage würde die Bundesregierung erklären: Wir machen - anders als in der alten Bundesrepublik - hier und jetzt aktive Industriepolitik. Helmut Kohl hielt die Rede dann genau so. (lacht) Und daraus entstand dann in der Folge das ,Konzept der industriellen Kerne’, um einen Grundstock der ostdeutschen Industrie auf jeden Fall zu erhalten und wettbewerbsfähig zu machen, auf dem dann weiter aufgebaut werden konnte. Ich bin wirklich sehr froh, dass dies gelungen ist, auch und gerade mit Unterstützung der IG Chemie und ihres damaligen Vorsitzenden, Hermann Rappe. Ergebnis heute: Alle Chemie-Standort in Ostdeutschland konnten erhalten werden. Alle!

Welche Rolle haben die Gewerkschaften gespielt?

Eine sehr wichtige, wenn auch unterschiedliche. Für die IG Metall stand die Lohnentwicklung im Vordergrund, die Standortsicherung kam erst an zweiter Stelle. Bei der IG Chemie war es umgekehrt, erst der Standort, dann die Lohnanpassung. Das Ergebnis spricht für sich: Erhalt aller Chemie-Standorte, demgegenüber große Verluste an Unternehmen und Standorten in der Metall- und Elektroindustrie. Hinzu kommt: Ich war und bin tief beeindruckt, dass so viele Betriebsräte in den ostdeutschen Industriebetrieben aktiv geholfen haben, die tiefgreifende Umstrukturierung in ihren Betrieben zu bewältigen und umzusetzen - trotz aller damit verbundenen Härten. Anders ausgedrückt: Der Aufbau Ost stand auf zwei Säulen – auf der westlichen Solidarität bei der Bereitstellung von Geld und Investitionsmitteln und auf der Leistung der Menschen in Ostdeutschland, die den gewaltigen Strukturumbruch vor Ort in den Unternehmen bewältigen mussten und bewältigt haben. Für mich persönlich waren die Betriebsräte in diesen Unternehmen die Helden des Aufbaus Ost.

Der Prozess hat aber viele Verletzungen hinterlassen.

Es gab sehr viele Härten. Wenn innerhalb von drei Jahren die Hälfte der Industriearbeitsplätze wegfällt, dann ist das für die Menschen ein sehr schmerzlicher Prozess. Das leugnet auch niemand. In diesem Zusammenhang war es aus meiner Sicht ein Fehler, die Treuhand nach vier Jahren zu beenden. Wir hätten uns mehr Zeit lassen sollen, denn der Prozess von Sanierung und Privatisierung dauerte ja auch länger. Die Treuhand war ein Begleiter der Betriebe und hätte es meiner Meinung nach noch zwei oder drei Jahre länger sein müssen. Gerade die schwierigen Fälle - zum Beispiel Werften, Stahl, Chemie - waren ja noch nicht erledigt. Und das haben die Menschen gesehen – und deswegen die Schließung der Treuhand Ende 1994 nicht verstanden.

War es ein Fehler von „blühenden Landschaften“ zu sprechen?

Der Begriff „blühende Landschaften“ war anfällig für Missverständnisse, weil viele ihn kurzfristig verstanden. Klar war von Anfang an, dass die längerfristige Neugestaltung Ostdeutschlands gemeint war. Denn ein solch tiefgreifender Strukturumbruch braucht Zeit, gleiches gilt für die umfassende Erneuerung von Infrastruktur und Bausubstanz. Ich denke, der Bundeskanzler wollte mit diesem Bild den Menschen Mut machen, diese Neugestaltung in Angriff zu nehmen. Heute sehen wir sie, die „blühenden Landschaften“.

Die Linke wollen erneut einen Untersuchungsausschuss zur Treuhand. Haben Sie dafür Verständnis?

Nein, wir hatten ja schon einen Untersuchungsausschuss zur Treuhand, die Ergebnisse sind bekannt. Was noch aussteht, ist die Aufarbeitung der vielen Treuhandakten, die jetzt vom Bundesarchiv freigegeben worden sind. Das Institut für Zeitgeschichte in München hat diese Aufgabe übernommen. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse, die in einigen Jahren vorliegen werden. Es könnte durchaus sein, dass manche Leute, die heute so vehement gegen die Treuhand polemisieren, dann ihr Bild von der Arbeit der Treuhandanstalt noch erheblich revidieren müssen.

Der Fall der Mauer liegt 30 Jahre zurück. Hätten Sie gedacht, dass es so lange dauert, bis Ost und West zusammenwachsen?

Mein Anliegen als Verantwortlicher für den Aufbau Ost war immer, für die Menschen und die ostdeutschen Firmen da zu sein. Ich habe sehr viele Betriebe besucht, habe jede Einladung angenommen. So war es möglich, ein realistisches Bild über die Situation vor Ort zu bekommen. Dadurch ist mir sehr schnell klar geworden, dass die Zeit für das wirtschaftliche Zusammenwachsen sich eher nach Jahrzehnten als nach Jahren bemessen würde. Heute, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, ist mein Fazit: Mut verbindet - der Mut in Ostdeutschland, die gigantische Neugestaltung eines ganzen Landes in Angriff zu nehmen, und der Mut in Westdeutschland, Geld und Ressourcen für diese Neugestaltung in einem Umfang zu mobilisieren, wie ich mir dies 1990 nicht hätte vorstellen können. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Und: Wenn dieser Mut uns weiter verbindet, wenn wir gemeinsam nach vorn schauen, dann schaffen wir auch die Wegstrecke, die noch vor uns liegt!

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