30 Jahre Mauerfall

Bernauer Straße: Alter Mauer-Fluchttunnel wieder freigelegt

An der Bernauer Straße wurde ein alter Fluchttunnel unter der Mauer freigelegt. Er ist die neue Attraktion der Berliner Unterwelten.

Fluchthelfer Ulrich Pfeifer eröffnete am Donnerstag den Besuchertunnel, der zum Fluchttunnel von 1970 führt.

Fluchthelfer Ulrich Pfeifer eröffnete am Donnerstag den Besuchertunnel, der zum Fluchttunnel von 1970 führt.

Foto: Reto Klar

Berlin. Das Haus an der nordwestlichen Ecke der Kreuzung Brunnen- und Bernauer Straße steht heute nicht mehr. Der Altbau auf Weddinger Seite ist mittlerweile einem Neubaublock gewichen. Kurz vor seinem Abriss wurde er allerdings ab Oktober 1970 von einer Gruppe Fluchthelfern in Beschlag genommen. Von dort gruben sie einen Tunnel unter der Mauer hindurch insgesamt 120 Meter nach Ostberlin. „Wir resignierten nicht, sondern wollten irgendwas tun“, sagte Ulrich Pfeifer, der damals am Bau mitwirkte. Der heute 84-Jährige verließ die DDR im September 1961 durch die damals noch offene Kanalisation. „Wir hatten alle Freunde und Verwandte, die auch diesen Scheißstaat verlassen wollten.“

Der Fluchttunnel von 1970 ist nun wieder zugänglich – durch einen Besuchertunnel des Vereins Berliner Unterwelten. Im September 2017 begannen die Grabungsarbeiten. Am Donnerstag wurde der 30 Meter lange Schacht feierlich eröffnet. Er liegt in einer Tiefe von 7,50 Metern und kreuzt den historischen Tunnel, der durch ein archäologisches Fenster einsehbar ist.

Insgesamt grub der Verein dazu 190 Kubikmeter Erde mit einem Gewicht von mehr als 330 Tonnen aus. Für Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte. Denn mit dem Besuchertunnel finde das Informationsangebot zu den Mauerdurchbrüchen eine einmalige Ergänzung. „Wir sind jetzt die einzigen, die ihren Gästen einen echten Fluchttunnel präsentieren können.“

Der Einstieg in den neue Besuchertunnel liegt im Kellergewölbe der früheren Oswald-Berliner-Brauerei an der Brunnenstraße 143. Von dort geht es über vorgefertigte Stahlbetonsegmente zum historischen Tunnel. Dank der komfortablen Höhe von mehr als zwei Metern können die Besucher aufrecht laufen und müssen nicht, wie die früheren Fluchthelfer und Flüchtenden, kriechen oder auf den Knien rutschen.

Unterwelten-Verein hat mehr als 300.000 Euro investiert

Für die Umsetzung des Projekts haben zahlreiche Vereinsmitglieder ehrenamtlich Hunderte von Arbeitsstunden geleistet. Dabei wurde überwiegend von Hand gegraben. Modernes Gerät, das die Arbeiten erleichtert oder beschleunigt hätte, kam nicht zum Einsatz. Insgesamt brachte der Verein nach eigenen Angaben mehr als 300.000 Euro für Baumaterialien und notwendige Genehmigungen auf.

Vor dem Eingang gibt es außerdem zahlreiche historische Karten und Fotos zu sehen. Eine davon zeigt Fluchthelfer Pfeifer im Moment des Scheiterns, wie er von West-Berliner Seite aus dabei zusieht, wie der Tunnel vor Fertigstellung ausgehoben und verfüllt wird. Denn der Tunnel wurde zwar in neun Metern Tiefe gebaut und aus Sicherheitsgründen im großen Bogen um den U-Bahnhof Bernauer Straße herumgeführt.

Stasi entdeckte noch unfertigen Tunnel bei Ultraschalluntersuchungen

Dennoch entdeckte ihn die Stasi im Februar 1971 nach neunwöchiger Bauzeit bei Ultraschalluntersuchungen. „Damit war uns klar, dass die Arbeit umsonst war“, sagte Pfeifer, der damals als Bauingenieur für die Vermessung zuständig war. Zu diesem Zeitpunkt hätten nur noch wenige Meter gefehlt. Entsprechend seien er und die anderen damals sehr deprimiert und sauer gewesen. „Wenn so ein Tunnel glückte, war es eine unheimliche Genugtuung“, der bereits vorher an anderen mitwirkte.

Insgesamt habe es nach dem Bau der Mauer in ganz Berlin rund 75 Tunnelprojekte gegeben, sagt Unterwelten-Vorsitzender Arnold. „Davon waren 19 erfolgreich, und wir können nachweisen, dass mehr als 300 DDR-Bürger so in den Westen gelangten.“ Im Bereich Bernauer Straße habe es elf dieser Tunnel gegeben, von denen drei den Durchbruch schafften.

„Die Bernauer Straße und ihr Umfeld steht für den Mauerbau und das große Leid, das über viele Menschen gekommen ist“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) bei der Eröffnung. Familien seien zerrissen worden und insgesamt habe Berlin zwischen 1961 und 1989 rund 140 Mauertote beklagen müssen. „Aber hier unter der Bernauer Straße spiegelt sich eben auch wider, dass es diesen ständigen Kampf um Freiheit gegeben hat.“ Viele bewegende Familien- und Lebensgeschichten würden an diesem Ort sichtbar. „Und ich finde es wunderbar, dass es jetzt möglich ist, das auch wieder zu erleben“, so Müller weiter.

Das Informationsangebot rund um die Fluchttunnel bietet der Verein Berliner Unterwelten bereits seit 2008 an. Der Schautunnel ist Teil der „Tour M – Unterirdisch in die Freiheit“ und kann ab dem heutigen Freitag besucht werden. Der Zugang ist im Keller der ehemaligen Oswald-Berliner-Brauerei an der Brunnenstraße 143 in 10115 Berlin. Alle Informationen sowie die Möglichkeit zur Buchung gibt es unter www.berliner-unterwelten.de.