30 Jahre Mauerfall

Der Anfang vom Ende des Eisernen Vorhangs

Am 27. Juni 1989 durchtrennten Ungarn und Österreich symbolisch den Eisernen Vorgang – und lösen eine Reisewelle nach Ungarn aus.

Mit Bolzenschneidern symbolisch am Grenzzaun: Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn am 27. Juni 1989 beim Durchtrennen des Eisernen Vorhanges.

Mit Bolzenschneidern symbolisch am Grenzzaun: Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn am 27. Juni 1989 beim Durchtrennen des Eisernen Vorhanges.

Foto: Foto: apa Robert Jäger / picture alliance /

Am 27. Juni 1989 geht ein Bild aus Ungarn um die Welt, das vor allem in der DDR viel auslöst: Zwei Männer in Anzügen und Krawatten machen sich mit großen Bolzenschneidern am Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn zu schaffen. Die symbolische Aktion des ungarischen Außenministers Gyula Horn und seines österreichischen Kollegen Alois Mock soll das Bestreben Ungarn s unterstreichen, den tödlichen Eisernen Vorhang abzuschaffen, der damals Europa trennt. Nachdem das Bild in der Welt ist, verstärkt sich die Reisewelle der DDR-Bürger.

Schon seit Anfang Mai ist Ungarn dabei, die Grenzanlagen zu demontieren. Zum Teil einfach deshalb, weil das hoch verschuldete Land sich die Instandhaltung nicht mehr leisten kann, aber auch aus politischen Gründen. Ungarn wird seit November 1988 geführt von dem jungen Reformer Miklos Nemeth, es wird bereits über freie Wahlen verhandelt. Nemeth hat im Februar in Moskau auch Michail Gorbatschow darüber in Kenntnis gesetzt, dass Ungarn den Zaun abbauen wolle. Für alle überraschend hatte Gorbatschow versprochen, sich nicht einzumischen. Im März hat sich Ungarn der UN-Flüchtlingskonvention angeschlossen. Bis bis Juni war es verpflichtet, DDR-Flüchtlinge wieder der DDR auszuliefern. Und jetzt?

Zaun-Bild entwickelt eine größere Dynamik als gedacht

Das Zaun-Bild entwickelt eine größere Dynamik als gedacht. Über das Westfernsehen gelangt es schnell auch in die DDR, wo im Juni weiterhin Bürgerrechtler verhaftet und misshandelt werden, die in vielen Städten immer zahlreicher und lauter demonstrieren. Doch die Führung unter Erich Honecker lehnt Reformen weiterhin strikt ab, immer mehr Menschen fliehen.

Allein West-Berlin bereitet sich, so berichtet die Berliner Morgenpost Ende Juni 1989, auf gut 2000 weitere “Aus- und Übersiedler” vor. Insgesamt fliehen allein in diesem Monat rund 12.500 DDR-Bürger in den Westen, 10.646 dürfen die DDR mit Genehmigung verlassen.

Am Tag nach dem Zaun-Foto versichert Gyula Horn der Weltöffentlichkeit zunächst pflichtschuldigst, sein Land werde natürlich im Warschauer Pakt bleiben, “solange diese Organisation bestehe”, so zitiert ihn die Berliner Morgenpost. Horn fügt hinzu, Ungarn fühle sich als zentraleuropäisches Land, das durch die Teilung Europas “in den Osten abgedrängt” worden sei.

Der letzte DDR-Flüchtling stirbt an der ungarischen Grenze am 21. August

Doch die Hoffnung vieler DDR-Bürger, sie könnten nun über Ungarn einfach ausreisen, trügt. Am Zaun bleibt es zunächst bei der Symbolik. Trotz des Abbaus der Anlagen werden die Grenzen zwischen Österreich und Ungarn weiterhin kontrolliert, und auch der Schießbefehl gilt weiter. Selbst nach der zweiten symbolischen Aktion am Zaun, dem “paneuropäischen Picknick” am 19. August, bei dem es mehreren hundert DDR-Bürgern gelingt, unbehelligt über die Grenze zu laufen, wird diese weiter bewacht. Der letzte DDR-Flüchtling wird am 21. August am der Grenze bei Répcevis/ Lutzmannsburg erschossen.

Erst am 25. August sichert Ungarn zu, seine Grenze tatsächlich für DDR-Flüchtlinge zu öffnen. In der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 geht der Eiserne Vorgang auf. In der Folge fliehen Zehntausende Richtung Westen – zwei Monate später fällt die Mauer in Berlin.