30 Jahre Mauerfall

„Die wichtigste Erfahrung ist für mich die Bürgerbewegung“

Was bleibt? Der Politiker Andreas Otto (Grüne) im Interview über seine Zeit in der über Opposition und das Zusammenwachsen nach 1989.

Andreas Otto gehörte zu jenen, die 1989 die Wahlfälschung in der DDR aufdeckten. Heute sitzt er für die Grünen im Abgeordnetenhaus.

Andreas Otto gehörte zu jenen, die 1989 die Wahlfälschung in der DDR aufdeckten. Heute sitzt er für die Grünen im Abgeordnetenhaus.

Foto: Foto: Reto Klar

Berlin. Der heutige Grünen-Politiker Andreas Otto (57) gehörte am 7. Mai 1989 zu den Bürgerrechtlern, die den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen der DDR aufdeckten.

Herr Otto, wie muss man sich die Wahlen in der DDR vorstellen?

Andreas Otto Zum einen hatte die Staatsmacht großes Interesse daran, dass möglichst alle auch wählen gingen, die Teilnahme an sich wurde ja schon als Zustimmung zur Politik der SED gewertet. Wer nicht wählen ging, musste mit Hausbesuchen rechnen. Im Wahllokal bekam man einen Zettel mit nur einer großen Liste – der Einheitsliste der Nationalen Front. Den sollte man falten und in die Wahlurne werfen. Es gab zwar auch irgendwo eine Wahlkabine, aber es war nicht erwünscht, sie zu benutzen.

Und wenn man die Einheitsliste nicht wählen wollte?

Das Absurde war: Niemand wusste genau, wie man mit Nein stimmen sollte. Es gab verschiedene Theorien. Strich man den Zettel einmal ganz durch, wurde das als ungültig gewertet. Strich man einzelne Namen, wurde es unter Umständen trotzdem als Ja-Stimme gewertet. In den Wahllokalen gab es keine Auskunft dazu.

Wie hatten Sie die Aufdeckung der Manipulation vorbereitet?

Wir wollten die Auszählungen in den Wahllokalen mitschreiben, um die Ergebnisse später den offiziellen Zahlen gegenüberzustellen. Ich war in Weißensee an der Zählaktion beteiligt, die aber auch in einigen anderen Berliner Bezirken und vielen Orten der DDR stattfand. Bei uns haben Leute von der „Kirche von Unten“ und anderen oppositionellen Gruppen unter dem Dach der Kirche dabei mitgeholfen. Organisiert wurde diese unabhängige Auszählung insbesondere von der Bürgerrechtlerin Evelyn Zupke, die in der Stephanus-Stiftung in Weißensee arbeitete.

Wie lief der Tag ab?

Evelyn Zupke war es gelungen, die Liste aller Wahllokale in Weißensee zu bekommen. Diese Listen waren nicht öffentlich zugänglich, wir hofften, damit tatsächlich alle Wahllokale eines Bezirks besuchen zu können, mussten aber damit rechnen, dass man uns daran hindern würde. Wir fuhren zu dritt in ein Wahllokal nach Karow. Dort spürten wir, dass der Wahlvorstand, alles ältere Genossen, irgendwie darauf vorbereitet war, sie waren merkwürdigerweise unsicher. Man hat uns dort keine Fragen beantwortet, etwa, wie viele Wahlberechtigte es gab.

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Hat es geklappt?

Ja. Für Weißensee haben wir nachgewiesen, dass viel mehr Nein-Stimmen bei gab als offiziell angegeben. Abends gab es eine Wahlparty in der Elisabethkirche in Mitte. Als Egon Krenz mit ernster Miene im DDR-Fernsehen das offizielle Ergebnis von 98,85 Prozent Ja-Stimmen verlas, haben wir laut gelacht. Wir wussten ja, es stimmte nicht. Und es würde jetzt auch bekannt werden. In der Umwelt-Bibliothek in der Zionskirche wurde unser Ergebnis schriftlich herausgegeben, auch an westliche Journalisten. Danach habe ich das auch in meinem Betrieb an Kollegen weitergegeben, die ich für ansprechbar hielt. So wollten wir Leute motivieren, selbst nachzudenken.

Heute gilt der 7. Mai als historische Zäsur, nach der die friedliche Revolution Fahrt aufnahm.

Es war auf jeden Fall etwas Neues. Bisher hatten die Veranstaltungen oft unter dem Dach der Kirche stattgefunden, hier sind wir rausgegangen, haben den Staat infrage gestellt.

Hatte die Aktion für Sie persönlich Konsequenzen?

Nein, aber in Berlin gab es nach den Kommunalwahlen den Aufruf, sich am 7. jedes Monats zu einer Demonstration zu treffen – dabei sind viele Demonstranten verhaftet worden. Ich selbst bin erst am 7. Oktober wieder dabei gewesen.

Der Tag, an dem in Berlin der 40. Jahrestag der DDR mit Militärparaden und Reden begangen wurde – und Zehntausende am Alex demonstrierten.

Ja, die größeren Demonstrationen hatte es bis dahin in Leipzig gegeben. Aber am 7. Oktober in Berlin war klar, es verändert sich was. Dass es überhaupt möglich war, vom Alexanderplatz bis zur Gethsemanekirche zu laufen und dass nicht alle verhaftet wurden, war ein großartiges Gefühl. Wir haben viel diskutiert, wie es weitergehen sollte. Es gab viele, die in den Westen wollten, aber viele fanden auch, man solle bleiben und hier etwas verändern. Davon hielten auch die vielen Verhaftungen am 7. und 8. Oktober 1989 nicht ab.

Was waren Ihre Motive für die Opposition?

Ich komme aus einem evangelischen Elternhaus, da hatte man ja ohnehin eine gewisse Distanz zum Staat. Ich durfte nicht Abitur machen und machte nach der zehnten Klasse eine Ausbildung als Elektriker. 1985 bekam ich einen Studienplatz für Maschinenbau und Elektrotechnik in Berlin. Hier schlossen meine Frau und ich uns der Immanuelgemeinde in Prenzlauer Berg an, wo es sehr politisch zuging. Wir organisierten Musikveranstaltungen für Jugendliche, lasen die Umweltblätter der Umwelt-Bibliothek und reichten sie weiter, beteiligten uns 1987 und 1988 nach den Verhaftungen und Ausweisungen von Bürgerrechtlern an Mahnwachen.

1990 sind Sie für die Grüne Partei der DDR in die BVV Prenzlauer Berg eingezogen, seit 2006 sitzen Sie im Abgeordnetenhaus.

Es war nicht mein Plan, Politiker zu werden. Aber als die Demokratie dann da war, fand ich, man muss auch etwas dafür tun. Es war damals schon eine Entscheidung, in eine Partei einzutreten. Menschen mit DDR-Biografie treten bis heute eher ungern in Parteien ein, weswegen es auch so wenige Ostdeutsche in den Parteien gibt, mit Ausnahme der Linkspartei.

Trennt die Erfahrung der DDR die Menschen heute noch in „Ossis“ und „Wessis“?

Ich denke, dass es größere Zeiträume braucht, bis das sogenannte Zusammenwachsen abgeschlossen ist. Vielleicht etwa 50 Jahre. Meine Kinder, Jahrgang 1987 und 1990, sind noch sehr „ostdeutsch“. Es ist nicht nur eine geografische Komponente, sondern auch eine kulturelle. Was einem wichtig ist, wie man auftritt, da gibt es schon noch Unterschiede.

Welche Rolle spielt die Erfahrung der DDR-Opposition für Sie heute?

Die wichtigste Erfahrung ist für mich die Bürgerbewegung. Wir haben damals versucht, mit allen Menschen, auch den „Gegnern“, zu reden. Heute macht mich das Schwarz-Weiß-Denken in Politik und Gesellschaft ein bisschen allergisch. Im Abgeordnetenhaus zum Beispiel – hier die Regierung und dort die Opposition, da geht es oft zu wenig um die Sache, das ist nicht meins. Ich setze mich lieber mit allen Parteien auseinander und versuche zu verstehen, wie sie ticken. Wenn jeder nur in seiner eigenen Welt lebt, droht die Gesellschaft zu zerfallen.

Lässt sich die Oppositionsbewegung der DDR mit heutigen Protest-Aktionen wie „Fridays for Future“ vergleichen?

Eher nicht. Es sind zwar auch sehr viele Menschen, die etwas verändern wollen – aber der Unterschied ist, dass man heute ja demonstrieren darf. Jeder hat das Recht und die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern. In einer Diktatur wurde genau das bestraft.

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