Mauerfall-Jubiläum

Ein Jahr später - Was von der Lichtgrenze geblieben ist

Die Feiern zum 25. Mauerfall-Jubiläum liegen ein Jahr zurück, die Zahl der Berlin-Touristen steigt weiter. Im Fokus bleibt die Stadtgeschichte.

Vor einem Jahr stand die Stadt Kopf. Ein Vierteljahrhundert Mauerfall, ein Höhepunkt in Berlin. Und ein Grund für knapp eine Million Touristen allein am Jubiläumswochenende 2014, die einst geteilte Hauptstadt zu besuchen. Das waren fast zehn Prozent mehr als im gesamten November 2013.

Doch führt so ein Großereignis danach nicht zu einem Rückgang der Gästezahlen? Die große Veranstaltung ist vorbei, ist Berlin einen Besuch nun weniger wert? „Ganz im Gegenteil“, sagt Christian Tänzler vom Tourismusmarketing Visit Berlin. „Das Jubiläum hat uns noch mal unheimlich Auftrieb gegeben.“ Den Zeitverzögerungseffekt kenne man von Events wie dem 20. Mauerfall-Jubiläum oder der Fußball-WM. „Nicht zuletzt die schönen, emotionalen Bilder der Lichtgrenze machen Appetit auf mehr“, sagt Tänzler. „Die Leute wollen das in echt sehen.“

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Die Statistiken geben ihm recht. Allein im ersten Halbjahr 2015 konnte die Stadt knapp sechs Millionen Besucher verzeichnen, fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Mauer bleibt einer der Hauptanziehungspunkte. Allein das Mauermuseum am Checkpoint Charlie und das DDR-Museum verzeichnen insgesamt mehr als anderthalb Millionen Besucher jährlich.

Auch Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, berichtet vom gleichbleibend hohen Besucherlevel an der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. „Sicherlich hat das große Interesse am 25. Jahrestag des Mauerfalls mit dazu beigetragen, dass unsere Besucherzahlen sich weiter sehr positiv entwickeln. Wir rechnen auch 2015 mit rund einer Million Besuchern.“

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Diese können allerdings nicht mehr die Lichtgrenze erleben. An die Installation aus 8000 erleuchteten Ballons, die am 9. November 2014 in den Nachthimmel aufstiegen, denkt Bernd Mellentin gern zurück. „Das war eine großartige Aktion, gut vorbereitet, tolle Logistik“, schwärmt der 60-Jährige Zehlendorfer. Er war einer der Ballonpaten, sein Gemeindepfarrer hatte ihn gefragt, ob er für die Französische Gemeinde mitmachen wolle. Mellentin hatte sofort Ja gesagt. „Auch, weil ich noch mal symbolisch die Mauer fallen lassen konnte, denn damals war ich nicht dabei.“

Der gebürtige Hannoveraner lebte während des Mauerfalls in Frankreich und konnte es nicht glauben, als ein Nachbar ihm 1989 die Nachricht überbrachte. „Ich dachte, eher wird der Papst evangelisch, als dass die Mauer fällt“, lacht Mellentin. Seinen Ballon ließ er vergangenes Jahr gemeinsam mit einer Familie steigen, die zufällig vorbeikam. Sie aus dem Osten, er aus dem Westen. „Der Moment hat mich sehr gerührt, ich denke noch oft daran zurück.“

Eine Stele ging ans Deutsche Historische Museum

Ein wenig enttäuscht habe ihn, dass die Ballons im Moment des Aufstiegs erloschen. „Klar, das wäre technisch sehr schwierig gewesen“, weiß Mellentin. „Aber ich hatte wie viele andere erwartet, dass sie leuchtend aufsteigen.“ Als Andenken nahm er seinen „Steuerknüppel“ mit, der den Aufstieg auslöste. Die Stele ließ er stehen, im Gegensatz zu anderen Teilnehmern.

Und was wurde aus den verbliebenen Ballonständern? „Die wurden eingesammelt und recycelt“, berichtet Gabriele Miketta von der Kulturprojekte Berlin GmbH, die die Lichtgrenze mit realisierte. Aufgrund ihrer Leichtbauweise konnten sie nicht noch einmal zum Einsatz kommen. „Auf Anfrage haben wir aber einige Stelen abgegeben“, etwa an das Deutsche Historische Museum oder die S-Bahn Berlin.

Gedenktage bleiben wichtig

Die beiden Künstler Christopher und Marc Bauder erhielten für das Lichtprojekt neben Kunst- und Designpreisen den Verdienstorden des Landes. Medienkünstler und Interaktionsdesigner Christopher Bauder beeindruckte in diesem Jahr mit einer Lichtinstallation in einem Kunst- und Tanzzentrum in Paris. Sein Bruder Marc Bauder, Regisseur und Produzent, arbeitet derzeit an Dokumentar- und Spielfilmen. Die biologisch abbaubaren Ballons von 2014 wurden in alle Winde verweht, bis nach Riga schaffte es einer, immerhin vier flogen in den Westen Deutschlands. Die meisten wurden nördlich von Berlin gefunden.

Auch wenn dieses Jahr keine Ballons aufsteigen, seien Gedenktage wie der 26. Jahrestag des Mauerfalls enorm wichtig, so Stiftungsdirektor Klausmeier. „Das Weltereignis der friedlichen Überwindung der Mauer ist mehr denn je ein Symbol des menschlichen Verlangens nach Freiheit. Das zu vermitteln ist unsere tägliche Aufgabe – nicht nur an großen Gedenktagen.“

Das Stadtschloss und 100 Jahre Bauhaus

Trotzdem, das nächste Mauerfall-Jubiläum kommt bestimmt. „Die Abstände werden größer“, prophezeit Visit-Berlin-Sprecher Tänzler. „Das 30-Jährige werden wir sicher nicht so groß feiern, das 50-Jährige dann wieder.“ Und es gebe nicht nur die Mauer. „Bald haben wir das Stadtschloss, 2019 dann 100 Jahre Bauhaus – Gründe zum Feiern gehen nicht aus.“