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Der letzte Stasi-Chef: Uneinsichtig bis in den Tod

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Hubertus Knabe
Wolfgang Schwanitz (Mitte) war der letzte Chef des Ministeriums für Staatssicherheit.

Wolfgang Schwanitz (Mitte) war der letzte Chef des Ministeriums für Staatssicherheit.

Foto: imago stock&people

Der letzte Chef der Stasi ist tot. Kurz vor ihm starb der frühere Leiter der DDR-Spionage. Keiner der beiden zeigte jemals einen Anflug von Reue

Berlin.  Für ehemalige Stasi-Mitarbeiter war Wolfgang Schwanitz so etwas wie eine graue Eminenz. Der langjährige Leiter der Berliner Bezirksverwaltung für Staatssicherheit war 1986 zum stellvertretenden Stasi-Minister aufgestiegen. Als die Mauer fiel, wurde er Erich Mielkes Nachfolger – bis Proteste dafür sorgten, dass die DDR-Geheimpolizei aufgelöst wurde. Jetzt ist der letzte Chef der Stasi in Berlin gestorben.

Seine Karriere beim Staatssicherheitsdienst begann Schwanitz als Hauptwachtmeister in der Kreisdienststelle Lichtenberg. Der damals 21-Jährige hatte den größten Teil seiner Kindheit im Heim verbracht, einen Schulabschluss besaß er nicht. Nach einer Lehre im Chemiehandel „haben wir ihn zu uns genommen“, steht in seinen Stasi-Akten.

Wie viele spätere Stasi-Generäle erlebte Schwanitz einen rasanten Aufstieg: Mit 24 Jahren wurde er Vizechef der Kreisdienststelle Pankow, dann Stasi-Chef von Weißensee. Wenig später avancierte er zum Leiter der Ost-Berliner Spionageabwehr. Mit 44 Jahren übernahm er die riesige Berliner Stasi-Dienststelle – womit ihm automatisch die Bekämpfung der wichtigsten Dissidenten zufiel.

Einen ähnlichen Werdegang hatte Werner Großmann, ein anderer Stellvertreter Mielkes, der Ende Januar verstorben ist. Im letzten Kriegsjahr hatte er noch in Hitlers Volkssturm gekämpft. Ohne Schulabschluss machte er anschließend eine Maurerlehre. Die SED ließ ihn das Abitur nachmachen und studieren, doch nach zwei Jahren rekrutierte ihn der Nachrichtendienst der DDR.

Auch Großmann machte dort schnell Karriere. Mit 27 Jahren wurde er Vizechef der DDR-Militärspionage, mit 33 Abteilungsleiter. 1975 stieg er zum Stellvertreter von Spionagechef Markus Wolf auf, den er 1986 in seinem Amt beerbte. Damit wurde er zum Herrn über mehr als 1500 Stasi-Spionen in Westdeutschland.

Mit einem Jahresgehalt von knapp 70.000 Mark führten die beiden in der DDR ein ausgesprochen privilegiertes Leben. Im Herbst 1989 kam dann der jähe Absturz. Zwar hatten Regierungschef Hans Modrow und der damalige SED-Vorsitzende Gregor Gysi noch versucht, den Stasi-Apparat zu retten. Doch die von Schwanitz angeordnete Aktenvernichtung führte zur Besetzung mehrerer Dienststellen und schließlich zur Auflösung der Stasi. Im März 1990 wurden Schwanitz und Großmann entlassen.

Am 3. Oktober 1990 wurde Großmann verhaftet – doch nur kurz

Nach der Wiedervereinigung mussten beide befürchten, auch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Laut Kaderakte hatte Schwanitz „eine Reihe von Feinden“ der DDR ins Gefängnis gebracht. Seine Mitarbeiter hatten Mordanschläge gegen prominente Bürgerrechtler geplant. Großmann hingegen hatte sich der landesverräterischen Agententätigkeit schuldig gemacht. Vergeblich forderte er 1991 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble eine Amnestie.

Am 3. Oktober 1990 wurde Großmann verhaftet, doch schon nach wenigen Stunden wieder freigelassen. Ein Ermittlungsverfahren wegen Spionage und Bestechung wurde später eingestellt, nachdem das Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, dass die Tätigkeit für die Stasi keine Straftat gewesen sei. Auch Schwanitz wurde nicht bestraft. Dass von den 92.000 hauptamtlichen Mitarbeitern nur zwei ins Gefängnis mussten, diente ihm später als Beleg, dass sich sein Dienst nichts hätte zuschulden kommen lassen.

Beide begannen einen langen Rechtfertigungskampf

Statt Dank oder Reue zu zeigen, begannen Großmann und Schwanitz nun einen langjährigen Rechtfertigungskampf. Als Zentrum fungierte dabei die Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung (GRH), eine Art Rote Hilfe für ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Im Bündnis mit anderen trat der bis heute existierende Verein durch die öffentliche Leugnung der Stasi-Verbrechen hervor.

Zu Beginn traten Schwanitz und Großmann vor allem als Verfasser beschönigender Bücher in Erscheinung. In einem zweibändigen Werk über die „Abwehrarbeit“ der Stasi bezeichnete Schwanitz deren Zerschlagung als „Dreh- und Angelpunkt in Strategie und Taktik der Feinde der DDR“. Großmann hingegen geißelte die wenigen Stasi-Offiziere, die sich nach dem Ende der DDR offenbart hatten, in seinen Erinnerungen als „Lumpen“. In einem weiteren Buch versicherte er, dass seine Hochachtung und Dankbarkeit „uneingeschränkt allen früheren Kundschaftern“ gehörten.

Als 2005 das ehemalige Stasi-Gefängnis an der Prenzlauer Allee als Erinnerungsort gekennzeichnet werden sollte, protestierten Schwanitz und die Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung gegen die „geplante politische Provokation“. 2006 beklagte er sich im Spiegel, dass „die BRD“ Gesetzesbrecher als Opfer und Gesetzeshüter als Täter bezeichne. 2008 unterzeichnete er eine Erklärung gegen das nationale Gedenkstättenkonzept, weil die DDR ein Land gewesen sei, „in dem es sich gut leben und schaffen ließ.“ Besonders die Gedenkstätte Hohenschönhausen, in der ehemalige Häftlinge die Besucher führten, war ihm ein Dorn im Auge. Einmal gab er sich dort als sächsischer Historiker aus, um die Führungen auf vermeintliche Fehler zu kontrollieren.

Großmann sollte in Lichtenberg eine „Signierstunde“ abhalten

Vor allem aber zogen Schwanitz und Großmann mit ihren Büchern durch Ostdeutschland. Zu Lesungen lud sie dabei oftmals die Linkspartei ein, die ihnen bereits Anfang der 1990er-Jahre bei einer „Alternativen Enquetekommission“ ein Forum geboten hatte. Für die Partei waren die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter eine wichtige Wählergruppe, deren Forderungen nach höheren Renten sie mehrfach in den Bundestag einbrachte.

In der Linken-Hochburg Lichtenberg sollte Großmann 2007 auf einem Stadtteilfest eine „Signierstunde“ abhalten. Erst nach Protesten wurde diese abgesagt. 2008 lud ihn dann der Bezirksverband der Linken zu einem „Sonntagsgespräch“ ein. Dessen Vorsitzende Gesine Lötzsch erklärte damals, dass sie sich eine „neue Sachlichkeit im Umgang mit der DDR-Geschichte“ wünsche. Der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland bezeichnete sie hinfort als „Heilige Johanna der Alt-Tschekisten“.

In den letzten Jahren wurde es still um die beiden Stasi-Generäle. Jetzt sind sie fast zeitgleich gestorben. Man darf gespannt sein, wer ihnen die letzte Ehre erweisen wird. Als Mielkes Stellvertreter Markus Wolf zu Grabe getragen wurde, war die gesammelte Linken-Prominenz zur Trauerfeier erschienen – von Dietmar Bartsch über Petra Pau bis Klaus Lederer.

Hubertus Knabe war der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen von der Gründung im Jahr 2000 bis zu seiner Abberufung im November 2018.