Reichspogromnacht

Die dunkle Seite des 9. November

Tage und Nächte der Gewalt: Vor 82 Jahren wurden jüdische Mitmenschen systematisch terrorisiert.

Im ganzen Land wurden jüdische Einrichtungen verwüstet.

Im ganzen Land wurden jüdische Einrichtungen verwüstet.

Foto: picture-alliance/associated press / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Berlin. Der Schriftsteller Erich Kästner gehörte zu den Zeugen der Novemberpogrome des Jahres 1938. Kästner, der seine Wohnung in der Charlottenburger Roscherstraße hatte, erlebte die Stunden der Gewalt, die noch viele Jahre lang verharmlosend „Reichskristallnacht“ bezeichnet werden sollten, am Kurfürstendamm: „Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen“, schrieb er.

XXL-Infografik: Die Zerstörung des jüdischen Lebens während der Pogrome in Berlin

Den Vorwand des nationalsozialistischen Regimes für diese Eskalation seiner antisemitischen Politik hatte ein Vorfall in Paris geliefert. Der 17-jährige, aus Deutschland geflohene polnische Jude Herschel Grynszpan hatte am
3. November von der Deportation seiner Familie erfahren, die deutsche Botschaft aufgesucht und auf den Diplomaten Ernst vom Rath geschossen, der am 9. November starb. Für die NS-Führung war der Vorfall ein willkommener Anlass, um gegen die jüdische Bevölkerung zu mobilisieren. Zugleich fügten sich die Novemberpogrome in die großen Linien der antisemitischen Politik im Nationalsozialismus mit alltäglicher Ausgrenzung, Schikanierung und Berufsverbot, mit Enteignung und Entrechtung bis hin zu Deportation und Ermordung.

Nach Angaben des Jüdischen Museums Berlin wurden landesweit in dieser Nacht 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1400 Synagogen und Betstuben sowie 7500 Geschäfte wurden zerstört, jüdische Friedhöfe und andere Einrichtungen der Gemeinden wurden verwüstet. In den Tagen und Wochen nach der Pogromnacht wurden etwa 30.000 jüdische Männer von der Gestapo verhaftet. Sie wurden in Konzentrationslager verschleppt, Hunderte kamen dort zu Tode. Es war der Übergang von der bereits seit fünf Jahren staatlich betriebenen Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung zu ihrer systematischen Verfolgung und Vernichtung.