Rückblick

Mauerfall: Inszenierung „The Wall“ ist heute umstritten

Nach dem Mauerfall inszenierte Roger Waters den Pink-Floyd-Erfolg „The Wall“ in Berlin. Das Projekt ist mittlerweile umstritten.

Vor 30 Jahren fiel eine Mauer aus Styroporsteinen in Roger Waters’ Inszenierung des Pink-Floyd-Erfolgs „The Wall“ am Potsdamer Platz.

Vor 30 Jahren fiel eine Mauer aus Styroporsteinen in Roger Waters’ Inszenierung des Pink-Floyd-Erfolgs „The Wall“ am Potsdamer Platz.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. Es war eine Riesenshow und voller Symbolik: Am Ende fiel die Mauer aus Styroporsteinen. Auf dem gerade erst beräumten Todesstreifen fand vor genau 30 Jahren, am 21. Juli 1990, die Inszenierung des Pink-Floyd-Klassikers „The Wall“ statt. Drei Wochen zuvor war die Währungsunion vollzogen worden, 35 DM kostete jetzt die Karte für alle. Die Wiedervereinigung stand bevor, das Berliner Spektakel fand noch im Grenzland zweier Staaten statt. Das Grußwort kam dementsprechend von zwei Berliner Bürgermeistern: Walter Momper (West) und Tino Schwierzina (Ost). Für die Sicherheit sorgten 400 West-Beamte und 1600 Volkspolizisten.

Rund 300.000 Besucher zog das Bühnenspektakel an, per Live-Übertragung konnten rund eine Milliarde Fernsehzuschauer weltweit zusehen. Neben den beteiligten Stars waren gerade auch die gigantischen Puppen ein Stadtgespräch: die herrische Mutter, der autoritäre Lehrer, ein riesiges Schwein, beim Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters ein Symbol für den schrecklichen Staat. Das Schwein sollte Jahre später in den Bühnenshows bei Waters auch einen Davidstern tragen, was in Deutschland – und nicht nur in den jüdischen Gemeinden, die in der „Judensau“ natürlich zuerst die Schmähung sahen – für Proteste sorgte.

Vor 30 Jahren hatten noch alle Spaß an seinem Spektakel

Der britische Künstler hat längst die Schwelle vom ernstzunehmenden Israel-Kritiker zum antisemitischen Verschwörungstheoretiker überschritten, auch wenn er sich hinterher für bestimmte Behauptungen entschuldigt. Seinen Welterklärer-Shows, in denen er in Berlin auch schon mal Felix Klein, den Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, minutenlang beschimpfte, haftet seither etwas Niederes an.

Vor 30 Jahren hatten noch alle Spaß an seinem Spektakel, auch wenn sich mitten in Berlin der apokalyptische Horror im Aufmarsch einer faschistischen Armee in schwarzer Uniform mit Standarten vollzog. Der Grenzstreifen zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor und die Überreste von Nazi-Bunkern schrien nach einer solch historischen Ausdeutung. Waters künstlerische Größe steckt in seinen melancholischen, teils autobiografischen Texten, die sich wie in „The Wall“ in beißender, düsterer Gesellschaftskritik entladen können.

Die Songs erzählten den Menschen 1990 in Berlin die Geschichte des jungen Musikers Pink, dessen Vater im Krieg gefallen ist, der von seiner Mutter überbehütet wird und sich immer mehr von den Grausamkeiten seiner Umgebung abschottet. Jede bittere Erfahrung wird zu einem Stein in der Mauer, die er um sich errichtet. Im ersten Teil der knapp zweistündigen Show sollte „The Wall“ aus 2500 Styropor-Blöcken quer über den alten Mauerverlauf wachsen. Publikum und Musiker waren getrennt von einem 168 Meter langen und 25 Meter hohen Monstrum. Das wurde dann unter Jubel besiegt. Zum großen Finale erklang der parolenartig gesungene Beschluss: „Tear Down the Wall!“ Reißt die Mauer ein! Feuerwerk, Donnergrollen, Projektionen der echten Mauer. Die Styropor-Mauer stürzte in sich zusammen. In den Trümmern sang Waters gemeinsam mit den anderes Stars des Abends „The Tide Is Turning“ (Das Blatt wendet sich). Ein passendes Stück in den Wendezeiten.

Bereits 1979 war das Konzeptalbum „The Wall“ erschienen und zum erfolgreichstem Doppelalbum von Pink Floyd geworden. Die Rechte dafür liegen aber bei Roger Waters, von dem fast alle Stücke stammen. Anfang der 1980er-Jahre trennten sich Pink Floyd und Waters, zu dem Zeitpunkt hatte „The Wall“ als Bühnenspektakel schon in Los Angeles, New York, London und Dortmund stattgefunden. Das geteilte Berlin konnte zumindest einen musikalischen Happen abbekommen: Beim Konzert vor dem Reichstag spielte Pink Floyd 1988 in Schallnähe zur Mauer mit „Another Brick In The Wall (Part 2)“ den Mega-Hit des Albums.

Ein Graben liegt zwischen der Person und seiner Kunst

Das fliegende Schweinchen spielte als Showeffekt schon länger eine Rolle. In den Netzwerken der großen Pink-Floyd-Fangemeinde gibt es spannende Diskussionen darüber, wann das Schwein politisiert wurde, auch, dass es mal zwei davon gab. Es sind Diskussionen zu verfolgen, wie viel Abgründiges, auch Aggressives in „The Wall“ enthalten ist. Zweifellos ist Roger Waters eine Figur, bei der viele Fans spüren, dass sich zwischen der Person und seiner Kunst ein Graben auftut. Jeder deutet es auf seine Weise.

Das Schwein ist erst zum Streitobjekt geworden, nachdem Waters zum antiisraelischen BDS-Unterstützer wurde. BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“, die Organisation wurde vom Deutschen Bundestag 2019 als antisemitisch verurteilt. Im Jahr zuvor gab es heftige Diskussionen um die Waters-Shows in verschiedenen deutschen Städten. Statt Davidstern wurde von ihm nunmehr Trump als das Böse vorgeführt.

Aber auch das gehört in Waters’ aggressiver Weltsicht zusammen. In einem Videogespräch mit der Hamas-nahen Nachrichtenagentur Shebab verkündete Waters kürzlich erst, dass der jüdische US-Casinomagnat und Multimilliardär Sheldon Adelson der Strippenzieher hinter Donald Trump sei. Waters hat es etwas ordinärer mit Trumps Penisgröße verknüpft. Darüber hinaus trüge Israel auch eine Mitschuld am Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis: Die Israelis hätten schließlich der Polizei in den USA das Töten von Menschen durch Luftabdrücken erst beigebracht, behauptete Waters. Er hat sich bereits für den Unsinn öffentlich entschuldigt.

Was für ein guter Anlass führte 1990 in Berlin noch zu dem „The Wall“-Ereignis? Die Künstler fanden sich mit Waters zusammen, weil es sich um eine Spendenaktion der britischen Organisation für Katastrophenhilfe, dem „Memorial Fund For Disaster Relief“, handelte. Alle Künstler spielten ohne Gage. Zu erleben waren die Scorpions, Ute Lemper, Cyndi Lauper, Sinéad O’Connor, Joni Mitchell, James Galway, Bryan Adams, Jerry Hall, Van Morrison, Tim Curry, Marianne Faithfull, Albert Finney, The Band, The Hooters. Mit dabei waren auch ein Sinfonieorchester und -chor sowie eine russische Militärkapelle.