Historisches

Spätes Ständchen für den Chef

Bläser der Staatskapelle Berlin geben ein Hofkonzert am Wohnort ihres früheren Generalmusikdirektors Leo Blech.

Bläser der Staatskapelle spielen 1931 unter Leitung von Erich Kleiber ein Ständchen für ihren Generalmusikdirektor Leo Blech im Hof der Mommsenstraße 6.

Bläser der Staatskapelle spielen 1931 unter Leitung von Erich Kleiber ein Ständchen für ihren Generalmusikdirektor Leo Blech im Hof der Mommsenstraße 6.

Foto: ullstein bild Dtl. / ullstein bild via Getty Images

Berliner Hinterhöfe sind Parallelwelten, manchmal allein wegen der Geschichten, die sich darin abgespielt haben. So ist es auch in der Mommsenstraße 6 in Charlottenburg, wo an diesem Donnerstag um 18 Uhr ein Hofkonzert mit einer Bläserformation der Staatskapelle Berlin stattfindet. Das von Daniel Barenboim geleitete Orchester feiert in diesem Jahr sein 450-jähriges Bestehen, aber in Corona-Zeiten können keine Großkonzerte stattfinden. Also wird in Kammermusik-Besetzungen in verschiedenen Innenhöfen gespielt, Hausgemeinschaften konnten sich dafür bewerben. Ein altes Foto hat die Staatsopernleute sofort überzeugt, in der Mommsenstraße 6 aufzutreten. Als „Ständchen für Leo Blech, 1931“ schlummert das Zeitdokument in den Archiven.

Bei einer Vorbesichtigung traf Hornist und Orchestervorstand Thomas Jordans auf das Gastgeberpaar Claudia Saam und Wolf-Rüdiger Baumann. Zunächst stellten sie sich genau auf den Platz, an dem am 21. April 1931 die Bläser ihrem Generalmusikdirektor Leo Blech ein Ständchen zum 60. Geburtstag spielten. Gemeinsam blickten sie auf das Gartenhaus, wo der legendäre Dirigent mit seiner Familie in der zweiten Etage wohnte. Der Begriff Gartenhaus ist allerdings relativ zu sehen, die Wohnungen waren groß, mit Atelierfenstern ausgestattet und von einer fast Parkanlage umgeben.

Gespielt wird in der Formation wie im April 1931

Das Ständchen war 1931 genau genommen ein Treffen der damaligen Stardirigenten. Baumann zeigte auf dem Foto auf einige Details. Beispielsweise dirigiert Erich Kleiber auf einer mit Stoff bedeckten Kiste. Neugierige Dienstmädchen beobachten das Treiben im Hintergrund. Hornist Jordans meinte, sie würden am Donnerstag in derselben Formation spielen. Allerdings ohne die Hüte. Die Mäntel und Hüte sind schon ein Hingucker, man sieht dem Foto sofort an, dass es Ende April 1931 kalt gewesen sein muss.

Claudia Saam und Wolf-Rüdiger Baumann sind leidenschaftliche Geschichtsgräber, die sich auch für die Aktion „Denk Mal Am Ort“ einsetzen. Um die Erinnerung an Familien, die während der NS-Zeit verfolgt wurden, geht es auch in der Mommsenstraße 6. Es liegen bereits einige Stolpersteine vor dem Hauseingang, aber die Geschichte ist bei Weitem noch nicht aufgearbeitet. In dem Objekt lebten rund 120 jüdische Bewohner. In den späteren Dreißigerjahren, erzählte Claudia Saam, konnten Nazifunktionäre nach vorliegenden Listen an der Tür klingeln und sich die Wohnungen anschauen. Wenn sie ihnen gefiel, mussten die Bewohner ausziehen oder wurden deportiert.

Wolf-Rüdiger Baumann plant eine Publikation über die Mommsenstraße 6 und ihre Bewohner im kommenden Jahr. Das Kapitel über Leo Blech ist nur eines davon, aber es offenbart neue Zusammenhänge, gerade weil sich aus der privaten Nachbarschaft heraus viele neue Quellen und Blickrichtungen auftun. Oskar Bie, der große Opernkritiker und Ästhetik-Professor, lebte mit seiner Frau Grete ein Stockwerk unter den Blechs. Der österreichische Opernkomponist Emil Nikolaus von Reznicek wohnte um die Ecke an der Knesebeckstraße. Die drei befreundeten Ehepaare verbrachten gemütliche Abende miteinander. Über den Blechs wohnte das Künstlerpaar Fritz und Else Wolff, die aber gleich nach der Machtübernahme durch die Nazis nach Paris emigrierten. Leo Blech, der sich bürgerlich, freiheitlich und vor allem der deutschen Musikkultur verbunden fühlte, harrte aus.

Bereits 1891 war Leo Blech als Zwanzigjähriger nach Berlin gekommen, um an der Charlottenburger Musikhochschule Klavier und Komposition zu studieren. In seiner Geburtsstadt Aachen brachte er zwei Jahre später seine erste Oper „Aglaja“ heraus. Er absolvierte die Ochsentour als Kapellmeister, um schließlich 1906 über Prag an die Hofoper Unter den Linden zu kommen. Die Staatskapelle hat in ihrer kürzlich erschienenen Jubiläumsedition Leo Blech, dem letzten kaiserlichen Generalmusikdirektor, eine eigene CD gewidmet. Es sind zugleich ihre ältesten Aufnahmen von 1916.

Leo Blech wurde während einer „Aida“-Vorstellung zu Kaiser Wilhelm II. in die Loge gerufen, erzählte Baumann, wo der Monarch ihn dann zum Königlich-Preußischen Generalmusikdirektor auf Lebenszeit ernannte. Der Kaiser meinte noch, im Mittelalter hätte er ihm eine Kette um den Hals gelegt, aber die trügen heute nur noch die Bürgermeister. Blech antwortete, ihm sei der Titel lieber. Die Kette muss man abends ablegen, den Titel kann man mit ins Bett nehmen. Chuzpe hatte er zweifellos. Das war 1913. Und auch die Zwanzigerjahre waren gute Jahre für den Dirigenten.

Das Ständchen-Foto von 1931 ist gleichsam eine Zäsur. In dieser Zeit, so hat der Hamburger Historiker Hannes Heer vor einigen Jahren herausgefunden. bildete sich die erste SA-Gruppe an der Staatsoper, die eine Judenliste für die Zeit nach der Machtübernahme erstellte. Leo Blech stand an erster Stelle. Aber einige Jahre lang wurde der berühmte Dirigent noch von Göring geschützt. Im April 1937 wurde er zwangspensioniert, 1939 gab er nachweislich die Berliner Wohnung auf, überlebte in Stockholm.

Ein beachtliches Dokument hat Baumann ausfindig gemacht. Bereits zwölf Tage nach Kriegsende verfasste Intendant Heinz Tietjen einen Brief an Blech, er wäre von Generaloberst Bersarin beauftragt worden, das Opern- und Konzertleben einschließlich der Philharmoniker neu aufzubauen. „Der Erste, den ich rufe, sind Sie!“, schrieb Tietjen. Aber der Brief erreichte Blech zu spät. Die Nachkriegsgeschichte der Philharmoniker und der Staatsoper wäre wohl anders verlaufen. So übernahm Leo Borchard, ein Freund der Familie, die Leitung der Philharmoniker. Leo Blech kam erst 1949 zurück und wurde Generalmusikdirektor der Städtischen Oper in Charlottenburg. Er starb 1958 in Berlin.