Berlin und seine Krisen

Wie die Berliner aus der Ölkrise ein Volksfest machten

Autofreie Sonntage sollten 1973 zum Energiesparen animieren – die Berliner machten ein Volksfest daraus. Serie, Teil 12.

Autofreier Sonntag am 25. November 1973: Die Berliner nutzten den leeren Kurfürstendamm zum Flanieren oder auch eine Kutschfahrt.

Autofreier Sonntag am 25. November 1973: Die Berliner nutzten den leeren Kurfürstendamm zum Flanieren oder auch eine Kutschfahrt.

Foto: akg-images / Gert Schuetz

Berlin.  Ist es nun eine Krise, ein Boykott – oder doch nur ein Anlass zur Party? Der 25. November 1973 ist Totensonntag, doch auf der Kurfürstendamm herrscht Volksfeststimmung. Mit „Kind und Kegel“ strömen die West-Berliner Richtung Gedächtniskirche, mit Kinderwagen und Fahrrädern, in Pferdekutschen oder stilecht als Cowboys und Indianer zu Pferde. Kinder kurven auf Rollschuhen durch die Menschenmenge, zwischen seilspringenden, jungen Frauen hindurch, jemand gibt ein spontanes Ständchen im Beatles-Stil, wie Bilder des damaligen Senders SFB (heute rbb) zeigen. All das zu Ehren des Rad- und Fußverkehrs, wie man heute sagen würde – am ersten von vier autofreien Sonntagen, die die Bundesregierung verordnet hatte.

Ohne den Hintergrund zu kennen, würde es heute wie eine kleine, vergessene Klima-Revolution klingen: An vier Sonntagen im November und Dezember 1973 gilt in der Bundesrepublik und in West-Berlin 1973 ein Fahrverbot für motorisierte Fahrzeuge. Ausnahmen sind nur Rettungsfahrzeuge und ÖPNV, die Polizei kontrolliert streng, Verstöße werden geahndet – doch es gibt kaum welche. Für einige Monate gilt zudem auf Autobahnen Tempo 100. Auch daran halten sich die meisten, Proteste gibt es nicht. Wie kann das sein?

Öl-Embargo sollte westliche Staaten unter Druck setzen

Grundlage des Fahrverbots ist tatsächlich ein „Energiesicherungsgesetz“, das die damalige Regierung aus SPD und FDP wenige Tage zuvor verabschiedet hat. Doch auch, wenn es wortverwandt klingt etwa mit dem heutigen „Energiewendegesetz“ in Berlin, und auch, wenn Smog-Alarm wegen Luftverschmutzung in den 1970-er Jahren zum Alltag in vielen deutschen Städten gehört – Anlass des Fahrverbots ist nicht der Umweltschutz, sondern ein Krieg.

Am 17. Oktober 1973 haben die Länder der Opec, der Organisation Erdöl exportierender Staaten, ein Erdöl-Embargo verhängt. Damit wollen sie die westlichen Staaten zwingen, ihre Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg aufzugeben. In der Folge steigen Öl- und Benzinpreise, in den westlichen Industrieländern folgen der „Ölpreisschock“ und eine Energiekrise. An bundesdeutschen Tankstellen ist das Benzin ausverkauft, Behörden drehen ihre Heizungen ab, Fabriken stehen still. Manch einer hamstert Heizöl im Keller, Autorennen werden abgesagt. Die US-Fluggesellschaft PanAm drosselt die Geschwindigkeit ihrer Berlin-Flüge, um Sprit zu sparen. Und die Bundesregierung diskutiert die staatliche Reglementierung des Verkaufs von Öl und Benzin zu festgelegten Preisen, man druckt vorsorglich schon mal Bezugsscheine. Spätestens jetzt kommen den Älteren Erinnerungen an die Hungerwinter der Nachkriegszeit und beschwören Zukunftsängste.

Die Scheichs haben das Öl als Druckmittel entdeckt – den Westen trifft es weitgehend unvorbereitet. Auch in Deutschland steigen Insolvenzen und Kurzarbeit, die Arbeitslosenquote erhöht sich von 1,6 Prozent im Januar 1973 auf 4,7 Prozent zwei Jahre später. Die DDR-Presse wiederum wittert hinter der Krise „zynische Manipulationen zur weiteren Erhöhung der Profite“, wie die staatliche DDR-Nachrichtenagentur ADN schreibt. Die Energiekrise diene nur als „Vorwand für einen gnadenlosen Raubzug“, in Wirklichkeit seien die Tanklager voll.

Auch wenn das Embargo im April darauf wieder endet, ist der anschließende Wirtschaftsabschwung real und dauert Jahre. Öl, so schien es im Wirtschaftswunderland Deutschland bis dahin, war nie versiegender, preiswerter Rohstoff. Nun zeigt sich, wie abhängig die westlichen Industriestaaten davon sind. Der Ölpreis steigt von drei Dollar pro Barrel im Oktober 1973 auf zwölf im darauffolgenden Jahr, und er wird weiter steigen, denn die Krisen wiederholen sich. 1979 ist der Auslöser der nächsten Ölpreiskrise die islamische Revolution im Iran und der erste Golfkrieg.

Die 1973 in der Bundesrepublik eilig verordneten Energiesparmaßnahmen bringen wenig Änderung, weder politisch noch für die Umwelt. In Berlin verzeichnen die Tageszeitungen immerhin für den Totensonntag vorübergehend bessere Luft, wie die Berliner Morgenpost schreibt: „Wenn Zehntausende Zwangspause haben, ist die Berliner Luft wieder wie zu Zeiten von Paul Lincke.“ In den folgenden Wochen fällt Schnee, viele Berliner nutzen die autofreien Sonntage zum Skifahren am Teufelsberg, pro Fahrgast transportiert die BVG an dem Tag ein Paar Ski gratis.

Suche nach alternativen Energien beginnt

Ansonsten macht man es sich am Kachelofen gemütlich – denn Braun- und Steinkohle bleiben in den Altbauwohnungen von Ost- wie teilweise auch West-Berlin bis in die 1980er-Jahre ein gängiger Brennstoff. Das Auto lassen viele, wie in ganz West-Deutschland, im Dezember auch unter der Woche stehen – die Benzinpreise sind für damalige Verhältnisse hoch wie nie.

Auch die Bundesregierung muss 1974 eineinhalb mal mehr für ihre Ölimporte bezahlen als im Vorjahr. Schnell beginnt die Suche nach alternativen Energien. Noch im Dezember 1973 beschließt die Bundesregierung den Bau von 40 neuen Kernkraftwerken bis 1985. Der angekündigte rasche Ausbau der Kernenergie wiederum gibt einer anderen Bewegung Auftrieb: Die Atomkraftgegner formieren sich in den folgenden Jahren zur breiten Bewegung. Erste große Proteste gibt es 1975 in Süddeutschland, 1979 in Gorleben im Wendland. Anfang 1980 entsteht aus der Anti-Atom-Bewegung die Partei Die Grünen. Doch erst die Katastrophe im Reaktor von Tschernobyl im Jahr 1986 führt zu einem breiteren Umdenken in Energiefragen.

In Berlin versucht die SPD im Jahr 2000 eine Renaissance des autofreien Sonntags. Der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) will an insgesamt drei Sonntagen im Juni den Autoverkehr in Berlin beschränken, Start soll der 4. Juni sein, an dem der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) ohnehin seine schon damals traditionelle Sternfahrt veranstaltet. Doch zunächst gibt es Streit. Die Grünen verlangen gleich fünf autofreie Tage, der ADAC spricht von „Zwangsmaßnahmen“, die CDU von einer „Showeinlage“ des SPD-Senators. Die Sternfahrt findet statt, der autofreie Sonntag bleibt eine freiwillige Aktion.