Berlin und seine Krisen

Mauerbau: Zerrissene Familien und ein Leben mit der Angst

Mit dem Mauerbau schien die Teilung endgültig: Wie die Berliner den Alltag erlebten – Serie, Teil 10.

Potsdamer Platz: Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ost-Berliner Maurerkolonne am 18. August 1961 die Berliner Mauer.

Potsdamer Platz: Unter der Aufsicht von bewaffneten Volkspolizisten errichtet eine Ost-Berliner Maurerkolonne am 18. August 1961 die Berliner Mauer.

Foto: UPI / dpa

Carola Wozniak ist drei Monate alt, als ihre Mutter das Baby an einem warmen Augustabend beim Vater in Charlottenburg lässt, um noch schnell an der Friedrichstraße zu einem Friseur zu gehen, der noch spät auf hat. Um kurz vor Mitternacht hält man die Mutter am Bahnhof Friedrichstraße fest: Die Grenze sei geschlossen, sie könne nicht mehr zurück in den Westteil der Stadt. Der
13. August 1961: Der Tag des Mauerbaus war für die allermeisten Berliner Familien eine Zäsur, nach der nichts mehr so war wie zuvor.

Manche hatten Glück: „Meine Mutter schaffte es in der allerletzten S-Bahn doch noch zurück zu uns“, berichtete Carola Wozniak 2018 der Berliner Morgenpost, die damals Zeitzeugen der Mauer befragte. Andere wurden nicht wieder glücklich. Familien, die zerrissen blieben; Menschen, die ihre Arbeit verloren, Freunde nicht wiedersehen konnten – und die andere Hälfte der Stadt. Mindestens 140 Menschen kamen in den 28 Jahren der Teilung an der Berliner Mauer zu Tode. Die allermeisten starben beim Versuch, in die Freiheit zu gelangen.

Was die Erfahrung der Teilung für Menschen bedeutete, für jene, die in Unfreiheit aufwuchsen, in Unfreiheit, mit Gängelei und staatlich gesätem Misstrauen – es wird erst jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, wirklich erzählt. Ihre Mutter, sagt Carola Wozniak, behielt die panische Angst zurück, „dass uns jemand verhaftet und zurückbringt in die DDR.“ Sie verordnete der Tochter Schweigen: „Als Kind durfte ich niemandem erzählen, dass wir aus der DDR kamen.“

Bau der Berliner Mauer kommt buchstäblich über Nacht

Berlin war seit 1945 organisatorisch in drei West-Sektoren und den sowjetischen Ostteil geteilt – doch der Bau der Berliner Mauer kommt buchstäblich über Nacht. In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 fahren mehr als 10.000 Polizisten der DDR, unterstützt von einigen tausend Kampfgruppen-Mitgliedern, an der Grenze der Westsektoren vor, ziehen Barrikaden hoch, rammen Betonpfähle ein und bauen Stacheldrahtzäune. S- und U-Bahnen werden unterbrochen, nur am Bahnhof Friedrichstraße fahren noch Züge in den Westen.

Den Befehl zur Abriegelung hat SED-Chef Walter Ulbricht erteilt, die Entscheidung war Anfang August in Moskau gefallen. Am Sonntagmorgen stehen die Berliner fassungslos an den Absperrungen. Auf der Ostseite halten Kampfgruppen und Polizei die Menschen mit Maschinengewehren in Schach. Wer protestiert, wird festgenommen. Die West-Berliner Polizei schirmt die neuen Grenzanlagen vor wütenden Bürgern ab. Das Brandenburger Tor, Symbol der Stadt und Zentrum der Proteste, wird am
14. August „vorübergehend“ geschlossen. Es bleibt abgeriegelt bis zum 9. November 1989, als die Mauer fällt.

Bilder von verzweifelten Berlinern, die in letzter Minute versuchen, von Ost nach West zu gelangen, gehen 1961 um die Welt. Anwohner springen aus Fenstern im Ostteil in den Westen, allein an der Bernauer Straße in Mitte sterben dabei bis Oktober 1961 vier Menschen. Legendär ist das Foto des 19-jährigen Grenzpolizisten Conrad Schumann, der am Nachmittag des 15. August 1961 an der Bernauer Straße mit einem Sprung über den Stacheldrahtverhau in den Westen flieht. Die Nachricht, die das Bild transportiert: Der DDR laufen die eigenen Truppen weg.

Genau das soll das Bauwerk verhindern. Allein von 1. bis 13. August 1961 sind mehr als 47.000 Menschen aus der DDR in den Westen geflohen, seit ihrer Gründung 1949 waren es bis zum Mauerbau 2,8 Millionen. Auch wenn die Propaganda die Mauer zum „antifaschistischen Schutzwall” umdeklariert, der den sozialistischen Staat vor Angriffen und der Plünderung durch den Westen schützen soll – es geht vor allem darum, die Abwanderung zu verhindern. Die meisten Geflüchteten sind jung und qualifiziert. Die DDR-Wirtschaft leidet unter dem Personalmangel. Und der sozialistische Staat fürchtet um sein Ansehen.

In Berlin gehört die Teilung zum Zeitpunkt des Mauerbaus seit mehr als
15 Jahren zum Alltag. Schon 1945 beginnt im sowjetischen Sektor die Bodenreform, werden Betriebe enteignet, die Parteien gleichgeschaltet. 1946 werden SPD und KPD im Admiralspalast zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zwangsvereinigt, während sich in Zehlendorf die West-SPD neu gründet. Noch vor Gründung der DDR gibt es Ende 1948 zwei Stadtregierungen – den Magistrat im Ostteil, den neu gewählten Senat im Westen. Zum Zeitpunkt der Wahl im Dezember ist West-Berlin schon seit Monaten abgeriegelt und wird nur durch die Luftbrücke der West-Alliierten am Leben erhalten.

Von 1952 an gibt es an den innerstädtischen Straßen Kontrollstellen, 1953 wird die Straßenbahn in den Westteil gekappt. Ein Gesetz bestimmt im selben Jahr, dass West-Berliner nicht mehr in den HO-Läden im sowjetischen Sektor einkaufen dürfen, auch wenn das ohnehin immer weniger tun. Zwar sind viele Waren in der DDR subventioniert – meistens aber ausverkauft.

Ab 1961 Flucht vieler Firmen in die Bundesrepublik

Nach dem Mauerbau wandern aus West-Berlin weitere Firmen in die Bundesrepublik ab, mit ihnen die Mitarbeiter. Die Stadt kämpft gegen die Provinzialisierung und gegen den Leerstand. In Kreuzberg beginnt alsbald eine „Kahlschlagsanierung“, bei der Altbauten modernen Wohnkomplexen weichen sollen – etwa am Kottbusser Tor.

Umgekehrt locken Subventionen wie die achtprozentige „Berlin-Zulage“ auch viele Künstler und Lebenskünstler in die Stadt. Das Berlinförderungsgesetz ermöglicht Subventionen und Steuererleichterungen. Wegen des Sonderstatus West-Berlins müssen Berliner nicht zur Bundeswehr – Wehrdienstverweigerer aus dem Bundesgebiet ersparen sich durch den Umzug nach Berlin den Zivildienst.

Zankapfel zwischen Ost und West ist immer wieder die S-Bahn. Die Deutsche Reichsbahn hält die Betriebsrechte für den gesamten Eisenbahnverkehr der DDR einschließlich der S-Bahn in West-Berlin. 1949 protestieren 13.000 Reichsbahner – sie wohnen im Westen, werden aber fast ausschließlich in DDR-Mark bezahlt. In den DDR-Medien wird der Streik zum „Putsch“ der Gewerkschaft, Ost-Berliner Reichsbahner werden als Streikbrecher eingesetzt. Nach dem Mauerbau 1961 ruft der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt (SPD) gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund dazu auf, die S-Bahn zu boykottieren. Motto: Der S-Bahn-Fahrer zahlt den Stacheldraht“. Die DDR fährt den Betrieb der S-Bahn immer weiter zurück, erst 1984 übernimmt die BVG das verbliebene West-Berliner S-Bahn-Netz. Nach dem Mauerfall dauert es lange, bis das Netz wieder eins ist – die Berliner Ringbahn etwa wird erst 2002 wieder geschlossen.

Wer nach Erinnerungen an die Teilung sucht, wird gern auf den Mauerweg verwiesen, der heute auf 160 Kilometern rund um den einstigen Westteil Berlins führt. Gedenktafeln geben den Mauer-Opfern ein Gesicht und schildern, was die Teilung bedeutete. Doch von dem trennenden Bauwerk selbst ist fast nichts mehr übrig. Erst 1998 eröffnete an der Bernauer Straße in Mitte die Gedenkstätte Berliner Mauer, wo heute ein nachgebautes Stück Todesstreifen und eine Ausstellung anschaulich machen, wie die DDR einst Menschen unterdrückte und verfolgte.

Viermächte-Abkommen sorgt für Normalisierung

Auch architektonisch verändert sich die Metropole nach dem Mauerbau: Die Stadtzentren am Breitscheid- (West-Berlin) und Alexanderplatz (Ost-Berlin) erhalten moderne Hochhäuser, am Rand wachsen Großsiedlungen – Märkisches Viertel und Gropiusstadt im Westen, etwas später Marzahn und Hellersdorf im Osten. Doch während 1961 die Deutsche Oper in der Charlottenburger Bismarckstraße noch in einer Dimension eröffnet wird, die Besucher aus Ost-Berlin noch optimistisch miteinbezieht, rechnen ab den 70er-Jahren viele Berliner Bewohner nicht mehr mit einer Wiedervereinigung – weder des gesamten Landes noch der Stadt. Das Viermächte-Abkommen sorgt 1971 immerhin für eine Normalisierung, unter anderem wird der Transitverkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik garantiert, die DDR bekommt Milliarden D-Mark für den Ausbau von Straßen und Schienen.

Für die Berliner bleibt das Leben dennoch kompliziert. West-Berliner müssen für einen Besuch im Osten Passierscheine beantragen. Wer Verwandte und Freunde in der DDR besucht, tut dies immer mit dem Wissen, von der Stasi beobachtet zu werden und den Besuchten möglicherweise Probleme zu bereiten. Zwar dürfen DDR-Rentner Verwandte im Westen besuchen, für die allermeisten DDR-Bürger bleiben die Grenzen jedoch zu, bis 1989 die anschwellenden Massenproteste in der DDR am 9. November die friedliche Öffnung der Mauer erzwingen.