Berlin und seine Krisen

Die Luftbrücke - eine historisch einmalige Hilfsaktion

Die Blockade Berlins ging als die „erste Schlacht des Kalten Krieges“ in die Geschichte ein. Die Luftbrücke versorgte die Stadt.

Hoffnung in Zeiten der Luftbrücke: Menschen beobachten am Rande des Flughafens Tempelhof eine US-Militärmaschine.

Hoffnung in Zeiten der Luftbrücke: Menschen beobachten am Rande des Flughafens Tempelhof eine US-Militärmaschine.

Foto: picture alliance / akg-images

Berlin. Der Satz hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeprägt: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, ausgerufen vom Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in seiner Rede am 9. September 1948 in Gegenwart von Hunderttausenden von Menschen. Reuter, der seinen westlichen Verbündeten fest zugesagt hatte, nicht zu den Kommunisten überzulaufen, trug viel dazu bei, die Lage im blockierten Berlin unter Kontrolle zu halten.

Aber wie war es so überhaupt zur Blockade gekommen? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das Verhältnis zwischen den Westmächten und der Sowjetunion zusehends eskaliert. In dieser Zeit hatte Stalin in Polen, Tschechien und Ungarn kommunistischen Funktionären zur Macht verholfen, um seinen Einfluss immer weiter auszubauen – zum wachsenden Missfallen vor allem der Amerikaner, die in Berlin nun ein umso wichtigeres Symbol für Freiheit und Demokratie erkannten.

Sowjets ließen zunächst einige Straßen sperren

Schon im März 1948 war es im Alliierten Kontrollrat zum Eklat gekommen, als der sowjetische Vertreter diesen einfach verlassen hatte. Danach hatte das gemeinsame Entscheidungsgremium der Alliierten keine politische Funktion mehr. Einen ersten Vorgeschmack auf das, was nun kommen würde, gab es im April 1948, als der Chef der sowjetischen Militäradministration eine Reihe von Straßen im sowjetischen Sektor für Transporte blockieren ließ. Briten und Amerikaner versorgten ihre Garnisonen zwei Tage lang mit einer ersten, kleinen Luftbrücke.

Es war dann die Währungsreform in den Westzonen, die den Sowjets den Vorwand zur vollständigen Blockade lieferte. Am 24. Juni 1948 teilte der von der SED kontrollierte „Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst“ mit, dass sich die Transportabteilung der sowjetischen Militärverwaltung „aus technischen Gründen“ gezwungen sehe, „den Verkehr aller Güter- und Personenzüge von und nach Berlin morgen früh, sechs Uhr, einzustellen“.

In der Nacht wurde die Stromversorgung gekappt

Was so lapidar klang, war nicht weniger als die Ankündigung einer humanitären Katastrophe. In derselben Nacht unterbrachen die Sowjets die Stromversorgung West-Berlins aus dem Kraftwerk Zschornewitz, tags darauf wurden alle Verbindungswege zwischen West-Berlin und den westlichen Besatzungszonen geschlossen. Die Blockade Berlins hatte begonnen. Sie sollte 322 Tage dauern und als „erste Schlacht des Kalten Krieges“ in die Geschichte eingehen.

Das Kalkül hinter ihr war so simpel wie zynisch: Einerseits hoffte man in Moskau darauf, die Westmächte würden ihre Streitkräfte aus Berlin abziehen und damit den Weg für eine vollständige Einnahme der Stadt frei machen. Andererseits wollte man die Bewohner dazu zwingen, ihre Einkäufe nun in Ost-Berlin zu tätigen, um dort die Wirtschaft anzukurbeln.

Verdienst des amerikanischen Militärgouverneurs Clay

Beide Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen, im Gegenteil. Es war dem Einsatz des amerikanischen Militärgouverneurs Lucius D. Clay zu verdanken, dass die enorme logistische Kraftanstrengung der Luftbrücke umgesetzt wurde – sein Kollege Brian Robertson hatte dafür plädiert, die Besetzung Berlins zugunsten gesamtdeutscher Wahlen ganz aufzugeben. Mit der Führung und der Erfahrung des Generalleutnants William H. Tunner wurde es möglich, dass die Hilfe aus der Luft weitgehend reibungslos funktionierte. Tunner hatte bereits die US-Luftbrücke über den Himalaya organisiert, die immerhin für eine Dauer von 42 Monaten am Leben gehalten werden musste.

Bis zum Mai 1949 sollten es fast 280.000 Flüge werden, mit denen Piloten der US- und der Royal Air Force mehr als zwei Millionen Tonnen Material in die Stadt brachten. Der größte Teil davon war Kohle, um West-Berlin mit Strom versorgen zu können. Hinzu kam eine runde halbe Million Tonnen Lebensmittel, um die Berliner mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch Nahrung war trotzdem knapp und musste streng rationiert werden. Die meisten West-Berliner widerstanden allerdings aus Solidarität mit den Amerikanern der Versuchung, im Ostteil der Stadt einkaufen zu gehen.

Tempelhof wird zum Symbol der Hilfsaktion

Dabei wurde der im US-Sektor gelegene Flughafen Tempelhof zu einer entscheidenden Schaltstelle und zum leuchtenden Symbol dieser historisch einmaligen Hilfsaktion. In der Erinnerung daran werden der britische Stützpunkt Gatow und die auf der Havel landenden Flugboote gern vergessen – wie auch die Tatsache, dass auf dem ehemaligen Schießplatz Tegel ab Juli 1948 in Windeseile ein neuer Flughafen aus dem Boden gestampft wurde. Hier baute man binnen weniger Wochen die damals längste Start- und Landebahn Europas, 2428 Meter lang. Gebäude und Hangars wurden zunächst als Provisorien errichtet. Es war eine Douglas C-54, die am 5. November 1948 als erste Maschine in Tegel landete.

Und Tegel war auch der Schauplatz einer Aktion mit kraftvollem Symbolgehalt: Am 16. Dezember 1948 sprengten französische Truppen zwei Sendetürme, die von der Sowjetischen Militäradministration kontrolliert wurden – weil sie, wie es hieß, den Flugbetrieb störten.

Tegel war aber immer mehr als ein normaler Passagierflughafen, Tegel stand auch für das Überleben in einer der schwersten Krisen der Nachkriegszeit. Auch daraus erklärt sich die Zuneigung, die viele Berlinerinnen und Berliner für diesen Flughafen empfinden.