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Die Zeit nach dem Krieg: „Unser Alltag sah düster aus“

Nach dem Krieg kam der Frost: Der Hungerwinter 1946/47 in Berlin – nächster Teil der Serie.

Einwohner Berlins sortieren im Frühjahr 1946 Pflanzkartoffeln, die im Tiergarten gesetzt werden sollen.

Einwohner Berlins sortieren im Frühjahr 1946 Pflanzkartoffeln, die im Tiergarten gesetzt werden sollen.

Foto: dpa Picture-Alliance / dpa / picture alliance / dpa

Frauen, die in Schal und Winterjacken am Herd stehen. Alte Menschen, die in Mülltonnen nach Essbarem suchen. Überfüllte Krankenhäuser, Hunger – zwar ist im Mai 1945 der Krieg vorbei, doch die Städte liegen in Trümmern. Deutschland ist aufgeteilt in vier Besatzungszonen, der wenige Wohnraum muss mit Ausgebombten und mit Kriegsrückkehrern und Vertriebenen geteilt werden. Es herrscht Hunger – Deutschland, das der Welt den Krieg gebracht hat, hat seine eroberten „Kornkammern” in Russland und Polen wieder verloren, ein trockener Sommer hat zudem die spärliche Ernte im Sommer weitestgehend vernichtet. Und im Herbst 1946 kündigt sich ein strenger Winter an.

Schon im Oktober gibt es Frost, im Dezember setzt eine Kältewelle ein, im Januar sinken die Temperaturen auf bis zu minus 28 Grad. Neben Hunger grassieren Krankheiten, die Säuglingssterblichkeit liegt teilweise bei 20 Prozent. Während die Geschichtsschreibung heute für das Jahr 1946 historische Daten wie die Nürnberger Prozesse notiert, die mit Todesurteilen für einige Hauptkriegsverbrecher und einer Reihe von Haftstrafen für Größen des NS-Staates enden, ist der Alltag damals bestimmt vom Mangel und deprimierenden Nachrichten. Etwa jener, dass die vollständige Enttrümmerung Berlins laut einer offiziellen Schätzung 20 bis 25 Jahre in Anspruch nehmen wird.

In Berlin beginnt das Jahr 1947 mit rationiertem Strom und bitterem Frost. Im Rathaus Wedding muss in zwei Schichten gearbeitet werden, weil es in den Räumen friert, verzeichnet die Berliner Chronik. Die Berliner gehen in dicken Winterkleidern ins Bett, weil Kohlen und Holz fehlen. Bis zum 5. Februar sind in Berlin bereits 134 Menschen erfroren, meldet Oberbürgermeister Otto Ostrowski, 500 liegen mit Erfrierungen in Krankenhäuser. Ostrowski richtet wegen des anhaltenden Frostes ein dringendes Hilfeersuchen an die vier Besatzungsmächte.

Wärmehallen, medizinische Versorgung, warmer Mahlzeiten für die Berliner

Erst am Oktober 1946 haben die Berliner, auf Beschluss der vier Besatzungsmächte zum ersten Mal seit 1933 in freier Wahl ihre Volksvertreter gewählt. Statt um einen Neuanfang geht es im Winter 1946/47 aber erstmal darum, die schlimmste Not zu lindern. Bürgermeisterin Louise Schroeder organisiert ein Notkomitee, das sich um Wärmehallen, medizinische Versorgung und die Verteilung warmer Mahlzeiten an Bedürftige kümmert. In einer Tempelhofer Schule nähen Frauen aus gesammelten Materialien Schuhe mit Holzsohlen für Kinder. Bilder aus jener Zeit zeigen Kinder, Frauen und Alte beim Suchen nach Koks und Holz auf den Trümmerbergen. Weil die Haustoiletten weitgehend eingefroren sind, öffnet die Berliner Stadtreinigung die Lüftungsschächte der Entwässerungsanlagen für eine „Notentwässerung”.

Wichtigstes Instrument, um das Wenige zu verteilen, sind Lebensmittelkarten. 1947 gelten in den vier Besatzungszonen unterschiedliche Regeln. In den Westzonen läuft die Zuteilung nach Lebensalter. Für Schwerarbeiter, Schwangere oder auch ehemalige KZ-Häftlinge gibt es Zulagen. Im sowjetischen Sektor dagegen erhalten die Einwohner der größten Städte Berlin und Dresden die größten Rationen. Darüber hinaus werden die Zuteilungen eher nach politischen Kriterien bemessen.

So gilt ab September 1947 die Lebensmittelkarte für Schwerstarbeiter auch für Studenten, sonstige Akademiker werden Schwerarbeitern gleichgestellt, es folgen Reinemachfrauen und Künstler. Am wenigsten erhalten „nicht arbeitende Personen” wie etwa Rentner - und Hausfrauen. Auch wenn es die Frauen sind, die in jener Zeit die Familien durchbringen müssen. Bei vielen Berlinern stößt dies auf Ablehnung.

Mundraub für zulässig erklärt

Der Alltag ist geprägt vom Kampf ums wenige Essen. Weil sich Lebensmitteldiebstähle häufen, fordert die amerikanische Militärregierung die deutschen Gerichte auf, alle Verstöße gegen die Bestimmungen der Ernährungswirtschaft streng zu bestrafen. Allerdings hat der Kölner Kardinal Kardinal Josef Frings in seiner Silvesterpredigt gerade den Mundraub für zulässig erklärt – das Wort „fringsen” macht die Runde und beschönigt, wozu viele in Deutschland gezwungen sind – zum Betteln und Stehlen.

Gleichzeitig blüht der Schwarzmarkt. Fünf bis sieben Prozent der Lebensmittel und zehn bis zwölf Prozent der Textilien würden auf den Schwarzmarkt gelangen, so der Wirtschaftsausschuss der Stadtverordnetenversammlung im Frühjahr 1947.

„Unser Alltag sah in den Nachkriegsjahren düster aus”, erinnert sich Gerda G., 1912 geboren in Britz, in einer Dokumentation, die zum 100. Gründungstag der Stadt gerade erschienen ist (Rita Preuß, Marion Schütt: „100 Jahre in Berlin”, Verlag Vbb). Den Autorinnen ist es gelungen, 15 Berlinerinnen und Berliner zu interviewen, die das abgelaufene Jahrhundert in Berlin aus eigenem Erleben schildern. „Während des Krieges hatten uns meine Großeltern regelmäßig Lebensmittelpakete geschickt, doch damit war nach Kriegsende Schluss”, so Gerda B. „So fuhr ich mehrmals in der Woche nach Waltersdorf, um bei den Bauern Kartoffeln und Möhren Möhren zu organisieren, ging aufs Feld, Kartoffeln stubbeln. Zudem war das Heizmaterial knapp. Oft wurde uns einfach das Gas abgedreht, dann stellte ich die paar Kartoffeln, die ich gerade zum Kochen auf dem Herd hatte, zum Warmhalten ins Bett. In meiner Not versuchte ich auf dem Schwarzmarkt in Treptow irgendetwas Essbares gegen meine Zigarettenration einzutauschen.”

Schüler bringen Brotreste mit in die Schöneberger Schule

Gertrud B., Jahrgang 1914, war Lehrerin in Schöneberg: „Ich erinnere mich an die entsetzliche Armut in der Schule. Die Schüler brachten Brotreste mit, die auf einem eisernen Öfchen, das im Klassenzimmer aufgestellt worden war, geröstet werden konnten.” Doch auch Brennmaterial wird immer knapper. Der Tiergarten ist längst abgeholzt, Berliner bauen im Park Gemüse an, im Frühjahr werden Kartoffeln gesetzt.

Die Ursachen des extremen Mangels sind vielschichtig. Nach dem Krieg fehlen überall Arbeitskräfte, gleichzeitig suchen Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in den ohnehin überfüllten Städten Schutz. Bahnlinien und Straßen sind großenteils zerstört, in Fabriken werden Maschinen und Anlagen von den Alliierten demontiert. In Berlin herrscht Zuzugsstopp, doch im Januar 1947 genehmigen die Berliner Stadtkommandanten die Rückführung von 20.000 Kindern und rund 5000 Müttern nach Berlin, die während des Krieges in verschiedene deutsche Ländern gebracht worden waren. Obdachlosigkeit wird zu einem immer größeren Problem.

Dazu kommen die Krankheiten. Allein in Berlin sind im Februar 1947 mehr als 1000 Patienten mit Lungenentzündung gemeldet, so die Abteilung für Gesundheitswesen beim Magistrat. Als normal gelten etwa 150 Erkrankungen. Auch Tuberkulose und Kinderlähmung grassieren. Bei Reihenuntersuchungen in Betrieben wird sich im Juli 1947 zeigen, dass viele Berliner unter Hungerödemen, braunen Hautflecken und Ekzemen leiden. Die Symptome werden auf den Verzehr von Melde zurückgeführt, einer alten Nutzpflanze, die auch wild wächst.

Der Lebensstandard der deutschen Bevölkerung soll niedrig gehalten werden

Hilfe ist nur langsam auf dem Weg. Die Potsdamer Konferenz der Siegermächte hat im Sommer 1945 beschlossen, den Lebensstandard der deutschen Bevölkerung niedrig zu halten. Hilfslieferungen des Roten Kreuzes sind von den Alliierten untersagt. Im Winter 1945/46 haben die Militärbehörden Nahrungsmittelspenden aus der Schweiz und Irland abgewiesen, die für Deutschland bestimmt waren.

Im November 1945 gründen amerikanische Wohlfahrtsverbände die Hilfsorganisation Care („Cooperative for Assistance and Relief Everywhere”). Die ersten Hilfspakete werden im Sommer 1946 verteilt. Bis zum Januar 1947 kommen rund fünf Millionen Care-Pakete in Deutschland an. Der Name wird zum Mythos, jedoch reichen die Hilfen natürlich bei weitem nicht, wie Alexander Häusser und Gordian Maugg schreiben. 2009 haben sie in einem Buch und einem Film den Winter 1946/47 dokumentiert. (Hungerwinter, 2009, Ullstein/ Das Erste).

Im Jahr 1946, so die Autoren, erhielt lediglich einer von 146 Menschen in den West-Zonen ein Paket. Auch die „Schwedenspeisung” wird ein Begriff. Von Anfang 1946 bis April 1949 versorgen das schwedische Rote Kreuz und die Hilfsorganisation „Rädda Barnen - Save the Children” Kinder in den Wintermonaten mit warmen Suppen, davon 120.000 Kinder innerhalb der britischen Zone Deutschlands und in Berlin sowie 70.000 Kinder in Österreich.

Im Juni 1948 bekommt die Versorgungsfrage Berlins endgültig eine politische Dimension. Die sowjetische Militäradministration lässt den Westteil abriegeln, Hintergrund ist die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen. Während der Berlin-Blockade kann nur die Luftbrücke der West-Alliierten West-Berlin am Leben erhalten.

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