Berlin und seine Krisen

Spanische Grippe: „Es ist Zeit, dass durchgegriffen wird“

Die Spanische Grippe tötete 1918 weltweit Millionen Menschen. In Berlin wurde noch gefeiert, als die Kliniken schon voll waren.

1918: Patienten Spanischer Grippe in einem Notfallkrankenhaus in der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). 

1918: Patienten Spanischer Grippe in einem Notfallkrankenhaus in der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). 

Foto: picture alliance / National Museum of Health and Medicine

Berlin. Soll man die Schulen schließen oder nicht? Ist ein Versammlungsverbot notwendig, das auch für Kulturveranstaltungen und Gottesdienste gilt? Und welche Hygieneregeln soll die Bevölkerung einhalten? Was der Reichsgesundheitsrat des deutschen Kaiserreichs am Dienstag, den 16. Oktober 1918 in Berlin diskutierte, klingt heute wieder vertraut. Auch vor gut 100 Jahren saßen in der Kommission Experten aus Medizin, Forschung, Verwaltung und Politik zusammen, auch damals ging es um eine weltumspannende Pandemie einer bisher unbekannten Krankheit. Die Spanische Grippe tötete nach heutigen Erkenntnissen in den Jahren 1918 und 1919 allein in Deutschland bis zu 350.000 Menschen, weltweit starben bis zu 50 Millionen oder mehr daran, mehr als im Ersten Weltkrieg.

Doch im Sommer 1918 entschieden die Politiker: Verbote würden die Deutschen nur unnötig beunruhigen. Ebenso lehnten sie Schulschließungen ab, wenn auch nicht aus Sorge um die Bildung. Für viele Kinder war die Schulspeisung die einzige Mahlzeit am Tag – es herrschte Hunger. Die Kommission empfahl der Bevölkerung, auf Sauberkeit bei der Essenszubereitung zu achten und mit Salzlösung zu gurgeln. Erst zwei Wochen später informierte man die Bundesstaaten. Es gab wichtigere Themen in diesen letzten Tagen des Ersten Weltkriegs.

Virus war von Tieren auf Menschen übergesprungen

Es gibt viele Parallelen zwischen Spanische Gruppe und der aktuellen Covid-19-Pandemie – allerdings auch große Unterschiede. Wie Covid-19 war das damalige Virus von Tieren auf Menschen übergesprungen und verbreitete sich rasant um den Globus. Damals wie heute waren die Lungen der Patienten besonders befallen. Weil viele Patienten blau anliefen, wurde die Krankheit schwarzer Tod genannt. Jedoch starben damals besonders viele Menschen zwischen 20 und 40 Jahren – heute sind Senioren jenseits der 60 die bedrohte Risikogruppe.

Wie heute rangen Politiker und Mediziner 1918 um den richtigen Umgang mit der Krankheit. Doch während Corona seit Monaten die Schlagzeilen beherrscht, fiel die vielleicht größte Vernichtungswelle der Menschheitsgeschichte einem kollektiven Vergessen anheim - bis heute, wie auch die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney 2018 in ihrem Buch „1918 – Die Welt im Fieber“ festhielt.

Zwar befassten sich Forscher mit dem Thema immer wieder. Erst 1933 wurde das verantwortliche Virus entdeckt, Historiker erforschten später die Umstände in einzelnen Ländern – doch ein gemeinsames Gedenken gab es nie. Das Interesse stieg erst, seit die Pandemie vor einigen Jahren zum Stoff von Romanen und Serien wie „Downton Abbey“ wurde. Und seit dem Corona–Ausbruch verzeichnet die Wikipedia–Seite der Spanischen Grippe plötzlich rasant steigende Klickzahlen.

Der Neuzeit-Historiker Eckard Michels schilderte die Spanische Grippe schon 2010 in einer ausführlichen Dokumentation „im Kontext des Ersten Weltkriegs“, (Institut für Zeitgeschichte, München). Sorgfältig trug Michels zusammen, was man 2010 über die Pandemie wusste und was nicht. Fast, als habe er damals schon geahnt, welche Medienhysterie das Coronavirus zehn Jahre später auslösen würde.

Ihren Anfang, so Michels, nimmt die Spanische Grippe im Januar oder Februar 1918 im mittleren Westen der USA. In Kansas springt der Erreger von Geflügel oder Schweinen auf Menschen über. Die erste Grippewelle verläuft relativ leicht, doch im Mai 1918 stirbt in New York auch gewisser Friedrich Trump daran, Großvater des heutigen US–Präsidenten. Auch der Maler Egon Schiele stirbt daran.

Mit Truppentransporten gelangt das Virus 1918 nach Frankreich, dann über spanische Gastarbeiter in deren Heimatland, wo etwa ein Drittel der Bevölkerung samt dem spanischen König von der rätselhaften Grippe befallen wird. Der Name der Krankheit erklärt sich daraus, dass spanische Medien als erste ausführlich über die mysteriöse Grippe berichten, weil sie es als einzige dürfen - Spanien ist im Krieg neutral, während die Zeitungen der Kriegsparteien der Zensur unterworfen sind. Deutschland erreicht das Virus mutmaßlich über französische Kriegsgefangene, und an der Westfront liegen plötzlich Zigtausende Soldaten mit der Grippe flach. Von der ersten Grippewelle erholen sich die meisten Soldaten wieder.

In deutschen Zeitungen bleibt die Krankheit Randthema

In Berlin kommt Krankheit im Juli in der Zivilbevölkerung an. Die Künstlerin Käthe Kollwitz, deren Mann Karl Arzt in Prenzlauer Berg ist, notiert im Juli in ihrem Tagebuch: „Am Dienstag hatte Karl 100 Grippekranke. Er selbst wird krank am Mittwoch.“ Zum Glück verläuft die Erkrankung des Arztes leicht. Als im Herbst eine zweite Welle ausbricht, schreibt Kollwitz am 15. Oktober: „Heftige Grippeepidemie. Karl 150 Kranke an einem Tag.“

In den deutschen Zeitungen bleibt die Krankheit lange ein Randthema. In den Archiven finden sich bis heute kaum Presse–Fotografien aus deutschen Lazaretten oder Krankenhäusern. Am 3. Juli 1918 berichtet der Berliner „Lokalanzeiger“ zwar, dass die Spanische Grippe Berlin erreicht habe, doch Todesfälle habe es keine gegeben, und somit sehe man keinen Anlass zur Besorgnis. Am 7. Juli wird sogar ein Rückgang der Grippe beschrieben.

Zur Ursache der Krankheit werden unterschiedlichste Behauptungen verbreitet. Bei den Kriegsgegnern kursieren Verschwörungstheorien, nach denen wahlweise deutsche Spione, deutsches Aspirin, das deutsche Giftgas oder die U-Boote des Reichs die Krankheit verursacht hätten. Deutsche Wissenschaftler ziehen zunächst den „Pfeiffer-Bazillus“ in Erwägung, den der Bakteriologe Richard Pfeiffer, Mitglied des Reichsgesundheitsrates und Schüler von Robert Koch, 1892 als vermeintlichen Auslöser von Influenza ausgemacht hatte. Doch viele Kranke tragen diesen Bazillus gar nicht in sich. Und 1918 weiß man noch nicht, dass Influenza nicht durch Bakterien, sondern durch Viren ausgelöst wird.

Zahlen zu Erkrankten und Toten nur hinter verschlossenen Türen

In der deutschen Bevölkerung sorgt die Grippewelle zunächst für wenig Aufsehen, viele erklären sie sich mit der allgemein desolaten Versorgungslage, schreibt Historiker Michels. Die Menschen hungern, Brot wird im Juni rationiert, Desinfektionsmittel ist rar. Auch andere Krankheiten wie die Tuberkulose grassieren.

Und wie groß das Ausmaß genau ist, soll sowieso niemand erfahren. Zahlen zu Erkrankten und Toten werden nur hinter verschlossenen Türen verkündet. „Es war für mich eine ernste Beschäftigung, jeden Morgen von den Chefs die großen Zahlen von Grippeausfällen zu hören und ihre Klagen über die Schwäche der Truppen, falls der Engländer nun doch angriffe“, schreibt General Erich von Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen von der Front. Um davon und von der Lebensmittelknappheit abzulenken, bieten deutsche Medien im Sommer 1918 eine andere Grippe-Erklärung an: Das relativ kühle Wetter.

Die Kölner Medizinethikerin Victoria Daniella Lorenz wertete 2001 in ihrer Dissertation aus dem Jahr 2011 die raren Zeitungsartikel zum Thema in Deutschland aus. Die aktuelle Grippewelle sei „wesentlich harmloser als frühere, die veröffentlichten Zahlen seien weitem übertrieben“ und „Todesfälle fast ganz ausgeschlossen“, heißt es im Sommer 1918 in der Kölnischen Zeitung. Der öffentliche Ton ändert sich erste im Herbst 1918, als die zweite, weitaus tödlichere Grippewelle ausbricht.

In Berlin sind „Damen in prächtiger Aufmachung auf Vergnügungstour“

Erst Mitte Oktober ist auch in deutschen Meldungen von einem „verheerenden Umsichgreifen der Grippe" die Rede. Aus Berlin wird berichtet, die Krankenhäuser seien überfüllt und viele schwerwiegende Fälle seien zu melden. Während am 16. Oktober der Reichsgesundheitsrat noch seine beschwichtigenden Hygiene-Tipps formuliert, liest man in in Köln, in Berlin könne der Straßenbahnverkehr kaum noch aufrechterhalten werden, da von 9000 Mitarbeitern 1000 erkrankt seien. Bei der Post könne der Betrieb nur mit größter Schwierigkeit fortgeführt werden.

Und überhaupt, die Berliner. Die Einsicht, dass eine ansteckende Krankheit grassiert, wegen der man handeln muss, setzt sich nur langsam durch. Die „Vossische Zeitung“ beklagt am 16. Oktober den Mangel an Pferdefuhrwerken und Autos für den Krankentransport in Berlin, so Historiker Michels, „während zugleich weiterhin zahlreiche Droschken von Damen in prächtiger Aufmachung für Vergnügungstouren genutzt würden“. Die Zeitung appelliert an die Militärbehörden, die Fahrzeuge zu requirieren. Die „Tägliche Rundschau“ fordert, in Berlin müssten nun, wie in anderen Städten auch, endlich alle Schulen und Vergnügungsstätten geschlossen werden. „Es ist Zeit, dass durchgegriffen wird. Und zwar erstens unverzüglich, zweitens für Groß–Berlin einheitlich.“

Zwischen Mitte Oktober und Mitte November gibt es in Deutschland vielerorts „Grippeferien“ an den Schulen. Doch wo und wie lange? Die Reichs- bzw. Landesbehörden geben keine verbindlichen Anweisungen, mit welchen Maßnahmen auf die Seuche zu reagieren sei, sondern überlassen die Entscheidungen vollständig den Lokalverwaltungen. Ein Umstand, der heute wieder vertraut klingt.

Auch der neue Reichskanzler hat die Spanische Grippe

Dass in den Medien so wenig über die Spanische Grippe und auch deren Ende berichtet wird, hat aber noch einen anderen Grund, den man heute vielleicht „Konkurrenz der Nachrichten“ nennen würde. Am 3. Oktober wird Prinz Max von Baden neuer Reichskanzler, er will die Monarchie retten, gegen die immer mehr aufbegehren, und verhandelt mit Amerika über einen Waffenstillstand. Doch 23. November bekommt der Prinz selbst die Grippe. Zwei Wochen fällt er aus – ausgerechnet. Am 9. November, noch nicht genesen, verkündet er in Berlin die Abdankung des Kaisers. Am 11. November wird auch der Krieg beendet. Hat die Grippe dazu beigetragen? Historiker Michels meint: zumindest habe sie den Auflösungsprozess beschleunigt.

Was bleibt, sind ungeklärte Fragen, die auch heute zu Corona gestellt werden. Warum schlug die Pandemie damals zum Beispiel in einigen Ländern so erbarmungslos zu, während andere Regionen verschont blieben? Ein Zusammenhang zwischen der schlechten Versorgung während des Krieges lasse sich nicht nachweisen, so Michels. „Ländliche, besser versorgte Gebiete wurden ebenso heimgesucht wie die unter Hunger leidende Stadtbevölkerung“, schreibt er. Auch in der besser versorgten Schweiz habe die Krankheit weit mehr gewütet als im hungergeplagten Deutschland.

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