Geschichte

75 Jahre Kriegsende: Von Verwundeten und Vergewaltigern

Wie eine Zeitzeugin das Kriegsende vor 75 Jahren erlebte: Erinnerungen von Julie Gutowsky-Barczyk. Heute: Teil 5.

Zerstörtes Berlin: Ein Flugzeugwrack liegt im Tiergarten vor dem zerbombten Reichstag. |

Zerstörtes Berlin: Ein Flugzeugwrack liegt im Tiergarten vor dem zerbombten Reichstag. |

Foto: Str / picture alliance/KEYSTONE

Die Lebenserinnerungen stammen von Julie Gutowski-Barczyk, die im Jahr 1900 in Kulessen geboren wurde, einem kleinen Dorf im nordöstlichen Masuren (heute Kulesze). Sie ist die Großmutter von Suse Schumacher, die in Berlin als Psychologin und Coachin arbeitet und derzeit auch mit ihrem Mann Hajo Schumacher im Morgenpost-Podcast „Wir gegen Corona“ zu hören ist. Suse Schumacher fand vor einigen Jahren in den Unterlagen ihres Vaters ein Manuskript, mit dem ihre Mutter die Sütterlin-Aufzeichnung Julie Gutowski-Barczyks für die Nachwelt gesichert hatte. Mit ihnen lässt sich die Lebensgeschichte einer Frau nachvollziehen, die 1929 nach Berlin zog und das Kriegsende 1945 aus nächster Nähe miterlebte – ein anrührendes Zeugnis für das, was vor 75 Jahren in der Hauptstadt geschah. In der heutigen Folge, geschrieben 1946/47, setzt die Autorin ihre Erinnerungen an die Bombennächte fort.

Ich wende mich an den Kommissar und bitte ihn um Lebensmittel. Er schickt uns Brot, Butter und Fischkonserven. Sie stammen sicher aus nächster Nachbarschaft und sind deutsches Erzeugnis. Sogar Büchsenmilch für unseren „Rebjonok“ (russisch: Kindchen) bekommen wir nun auf dem Umwege über die Sieger. Wir haben ein Öfchen im Keller, zwölf Presskohlen brauche ich, um das Kindersüppchen zu kochen. Es ist fein süß, der Kleine nimmt es brav, ist satt und ruhig. Unser Aufenthaltsraum ist etwa drei bis vier Meter groß, das Fenster dick vermauert. Unter der Decke hängen die Windeln. Von Zeit zu Zeit trage ich einen geheimnisvollen Eimer die Treppe herauf, meine Leidensgenossen haben ihre Plätze seit Tagen nicht verlassen. Ein Kerzenstümpfchen erhellt kümmerlich den Eingang, hinten im Raum atmen und leben die Frauen in stickiger Luft und tiefster Dunkelheit.

Mit Kindern und Frauen im dunklen Keller

Vor meinem Wächterplatz ein ununterbrochenes Kommen und Gehen, immer neue Gesichter. Ab und zu schaut einer in unser Verlies „Deutsche Kultura“ und spuckt verächtlich aus. Ich bin nicht gekränkt, persönlich kam mir bisher keiner zu nahe. Die Offiziere nötigen mich zu ihren Mahlzeiten. Susanne ist immer bei mir. Wir essen rohen Sauerkohl, Reis mit viel fettem Fleisch, mein fettentwöhnter Magen rebelliert. Meine kleine Tochter wird außerdem mit Drops, Wurst, Früchten versorgt. Die Kinder aus den benachbarten Kellern kommen schnell und strecken die Hände aus, ich teile und gebe, was ich kann. Dazwischen fordern die Fremden Wasser. Wir müssen unseren sorgfältig versteckten Vorrat herausrücken, und aus jedem Trinkbecher muss ich zuerst trinken.

Ungehindert gehe ich von Zeit zu Zeit vor die Tür. Unsere Straße ist ein Flammenmeer, nur unser Haus und eins gegenüber stehen noch. Soweit man durch den Qualm sehen kann, sieht man zerfetzte Baumstümpfe, viel Blut, ein totes Pferd. Vor unserer Tür liegt ein toter Soldat. Ich schaue in das wachsgelbe Gesicht und – weine.

„Nitchewo“ sagt der Posten und heißt mich fortgehen. Ich habe das qualvolle Stöhnen eines Schwerverwundeten im Ohr, er liegt im Torweg auf den Steinen. Die rechte Gesichtshälfte ist blauschwarz, das Auge herausgequollen. Alles überdimensional vergrößert und nicht mehr menschenähnlich. Wahrscheinlich ist er bewusstlos, aber ich bin doch Frau und Mutter, und dieses Todesstöhnen der leidenden Kreatur lässt mich erbeben. „Warum helft ihr dem Kameraden nicht?“ wende ich mich an die Umstehenden. „Er krepiert so und so“ wird mir zur Antwort gesagt. Mir ist speiübel, ich darf aber nicht schlappmachen. Ich bin so übermüdet, in meinem Korbstuhl nicke ich ein. Da steht der Kommissar vor mir: „Ich beglückwünsche Dich zum 1. Mai.“ In meiner Schlaftrunkenheit habe ich die weiteren Wünsche nicht ganz mitgekriegt.

Es war was von Schwestern und Brüdern und Väterchen Stalin, heute kann ich es nicht mehr genau wiedergeben. Ich habe meinen längst verstorbenen Vater in diesen Tagen zum Russen befördert, ob er es mir als Kriegslist verzeiht? Die Mutter durfte weiter gute Deutsche bleiben. Es wurde mir anstandslos geglaubt, und bisher hatten mich die „Brüder“ respektvoll behandelt. Allerdings versuchte ein vitaler, alkoholinspirierter Lederjackenträger, mir gleich am ersten Tag unserer Bekanntschaft etwas ins Ohr zu flüstern. Es waren Vokabeln darunter, die wir seinerzeit auf unserem Dolmetscherseminar in der Kochstraße nicht gelernt haben.

Geheuchelte Unerschrockenheit

Ich heuchelte Unerschrockenheit. „Ignatz, sieh mal mein graues Haar, mein Mann ist vor acht Tagen durch deine Kameraden gefallen, was mutest du mir zu?“ „Ich will ja nichts von dir“, meint der Russe, „aber du hast doch jüngere Frauen bei euch, gib mir eine von 30 raus.“ „Ihr seid erst einen Tag hier“, verhandelte ich weiter. Ich versuchte, meine schlotternden Knie zum Stillstand zu bringen, „ich verstehe eure Sprache und fürchte euch nicht, aber die jungen Frauen fürchten sich, weil ihr so laut und so hart sprecht.“ In Ignatz‘ Gesicht arbeitete es, schließlich ein schmerzhafter Händedruck, ein zackiges Grüßen, er ging. Mit Herzklopfen hatten meine Schutzbefohlenen die Unterredung im Türrahmen beobachtet.

Zwei Offiziere rückten einen Tisch zu mir, Flaschen und Gläser waren auch da. Sie beginnen über Politik zu sprechen. Kein Thema für mich, meine Sprachkenntnisse lassen zu wünschen übrig. Ich habe mich wohl etwas unglücklich ausgedrückt, das verstimmt den Genossen Major. Er wird erst böse, dann zudringlich. Der jüngere Oberleutnant, ein Ukrainer, versucht zu beschwichtigen. Der Alte flucht grässlich „Stalin hat gesagt, unser Same soll die Welt bevölkern.“

Und plötzlich: die rettende Hand

Er taumelt in unseren Keller, tastet auf einem Bett herum. Es sind ausgerechnet die Beine unserer alten, treuen Hitler-Anhängerin, die er zu fassen bekommt. Sie ist über 70, protestiert keifend. Da streckt sich vom anderen Luftschutzbett eine Hand aus, die der Betrunkene ergreift und heftig drückt. Die rettende Hand gehört unserem angejahrten Fräulein M., meinem besten Kameraden. In der behaarten Hand des Fremden sieht sie zart und gebrechlich aus. Mit Urgewalt wird sie gedrückt. Aber kein Schmerzenslaut wird geäußert. Der Mann ist pockennarbig, unrasiert, der Blick stier und glasig, richtig zum Fürchten. Nun aber kommt uns noch ein Verbündeter zu Hilfe, der genossene Alkohol. Ich habe meinen Korbstuhl geopfert, krachend nimmt der schwere Körper Besitz von ihm.

Schnell einen Stuhl unter die Füße geschoben. Ein Bein liegt schon drauf, fällt aber wieder herunter. Vergebliches Bemühen, beide Beine auf dem Stuhl unterzubringen, sie sind dem Gesetz der Schwerkraft unterworfen und landen immer wieder auf dem Boden. Ich helfe, der Don Juan sieht uns nicht mehr. Die Frauenhand löst sich sacht aus der Kriegerfaust. Jetzt hören wir an sägenden Schnarchlauten, dass unserem „Geroy“ (russisch: Held) vorerst Krieg und Frauen Nebensache sind.

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