Berlin 1920

In Berlin herrschte schon 1920 Wohnungsnot

Ein Blick in die Tageszeitungen von 1920: Was am 12. Mai in Berlin Stadtgespräch war.

Blick vom Rathausturm zum Berliner Dom und Unter den Linden. Aufnahme ca. 1920

Blick vom Rathausturm zum Berliner Dom und Unter den Linden. Aufnahme ca. 1920

Foto: PA/Image Broker/Siegfried Kuttig

Kein Jahrzehnt der Berliner Stadtgeschichte gilt als so verrucht und legendär wie die 1920er-Jahre. Aber wie sah der Alltag der Berlinerinnen und Berliner seinerzeit wirklich aus? Mit dieser Serie werfen wir in loser Folge einen Blick in die zeitgenössischen Tageszeitungen der Hauptstadt.

Wohnungsnot. In Berlin sind die Wohnungen knapp, weil für den Neubau das kommunale Geld nicht ausreicht. Das „Berliner Tageblatt“ berichtet von einem „Hilferuf des Wohnungsverbandes Groß Berlin an die Deutsche Nationalversammlung“. Darin heißt es: „Für die Durchführung des vom Verband für das Haushaltsjahr 1920 in Aussicht genommenen Bauprogramms, das neben 4000 Dauerwohnungen etwa 8000 Notwohnungen und Dachausbauten, Lauben, Baracken und dergleichen, also insgesamt 12.000 neue Wohnungen vorsieht, sind infolge der Geldentwertung 250 Millionen Mark Zuschüsse erforderlich. Der Verbandsausschuss hat zunächst 200 Millionen in Aussicht genommen; hiervon würden 150 vom Reich und 50 vom Verband aufzubringen sein. Im Verbandsausschuss herrschte Einigkeit darüber, dass das Programm für 1920 angesichts der geradezu katastrophal sich gestaltenden Wohnungsnot in Groß-Berlin wohl hätte vergrößert werden müssen.“

Streiks. Wie in vielen anderen Branchen drohen auch im Geldsektor der Hauptstadt Arbeitsniederlegungen, wie die „Berliner Volks-Zeitung“ in ihrer Frühausgabe berichtet: „Wenn nicht noch in letzter Stunde eine Verständigung erzielt wird, wird in Kürze mit einem Streik auch der Groß-Berliner Bankbeamtenschaft zu rechnen sein. Gestern hat bei der Deutschen Bank eine Abstimmung stattgefunden, bei der sich 3312 Angestellte für den Streik und 1575 gegen einen Ausstand aussprachen. Die Streikabstimmung in den Berliner Großbanken hat damit eine Mehrheit von 3114 Stimmen für den Streik ergeben.“

Neuer Dirigent. In der „Vossischen Zeitung“ kommentiert der Musikkritiker Max Marschalk eine wichtige Personalie an der Staatsoper: „Wilhelm Furtwängler leitete das zehnte Sinfoniekonzert der Kapelle der Staatsoper. Mit diesem letzten Abend kommt eine Serie von Konzerten zum Abschluss, in die dadurch, dass Richard Strauß wegen seiner Berliner Verpflichtungen nicht alle dirigieren konnte und dadurch, dass die Frage nach einem geeigneten Nachfolger akut wurde, Beunruhigung getragen wurde. Die Wahl der Kapelle fiel schließlich unerwartet schnell auf einen der wenigen deutschen Dirigenten, die in Betracht kamen. So wird die nächste Serie von der Beunruhigung durch den ein ersprießliches künstlerisches Arbeiten immerhin gefährdenden Dirigentenwechsel befreit sein. Wir können die Wahl der Kapelle nur gutheißen, und wir beglückwünschen sie und uns, dass die Qual von so kurzer Dauer war.“

Aus den Kleinanzeigen:„Staatsbeamter, nach hier versetzt, wünscht modernes Zinshaus oder Villa im Westen Groß-Berlins bei einer Anzahlung von 150.000 Mark sofort zu kaufen. Bedingung: 5 bis 7 Zimmer im Laufe des Jahres frei. Preisofferten unter 5725 an Ullsteinhaus, Kochstr. 22-26, Berlin erbeten“ (Vossische Zeitung).