75 Jahre Kriegsende

Historiker Wolffsohn: „Der 8. Mai war ein Neuanfang“

Historiker Michael Wolffsohn über das Ende des Zweiten Weltkriegs, den Begriff der Befreiung und Realitäten in Ost und West.

Das stark beschädigte Berliner Reichstagsgebäude zum Kriegsende. Am 08. Mai jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Das stark beschädigte Berliner Reichstagsgebäude zum Kriegsende. Am 08. Mai jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Foto: Tageszeitungen!

Prof. Dr. Michael Wolffsohn, geboren 1947 in Tel Aviv, ist Historiker, Publizist und Hochschullehrer des Jahres 2017. Zuletzt erschienen von ihm „Tacheles. Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik“ (Herder) und „Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie“ (dtv).

Herr Wolffsohn, der Zweite Weltkrieg endete in Europa am 8. Mai 1945 mit dem Inkrafttreten der Kapitulation der Wehrmacht. Die Hauptstadt Berlin hatte bereits am 2. Mai aufgegeben. Wirkte das beschleunigend auf das Ende des Krieges?

Michael Wolffsohn Natürlich. Wenn die Hauptstadt des Kriegsgegners fällt, ist der Krieg meistens entschieden. Aber nicht immer. Schauen Sie heute in den Jemen. Sanaa, die Hauptstadt, fiel im September 2014, und der Krieg ist noch immer nicht beendet. Anfang Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg längst entschieden.

In der Nachkriegszeit etablierte sich für den Zusammenbruch von 1945 der Begriff der „Stunde Null“, der einen vollständigen Neustart, einen Bruch aller Kontinuitäten suggeriert. Wie ist er heute zu bewerten?

Kürzel verkürzen und verfälschen oft. Trotzdem war der 8. Mai ein Neuanfang. Deutschland wurde zunächst in vier Besatzungszonen geteilt. Daraus entstanden BRD und DDR. In beiden Staaten entstand Neues. Es gab vorher zum Beispiel nicht die Westbindung eines deutschen Staates. So wenig wie die Ostbindung, gar Ost-Unterwerfung, eines deutschen Staates à la DDR. Es gab vorher auch keine Verfassung, die so stabilisierend demokratisch wirkte wie das seit 1949 gültige Grundgesetz. All das wäre ohne den 8. Mai 1945 unmöglich gewesen. In der BRD und DDR lebten aber, sofern sie überlebt hatten, dieselben Menschen. Bei keinem gab es eine Stunde Null. Weder persönlich noch politisch. Wie und woher auch? Alte Nazis gab es in Hülle und Fülle. In Ost und West. Wenig aktive Widerständler, viele Mit- und Nachläufer. Den einen wurde Demokratie übergestülpt. Welch ein Segen. Den anderen eine kommunistische Diktatur, die zweite in Deutschland. Von den Brauen befreit, von den Roten wieder unterdrückt.

Wie haben wir uns das Leben in Berlin in den ersten Monaten nach dem Kriegsende vorzustellen?

Die Antwort hängt davon ab, welche Personen oder Personengruppen man betrachtet. Allen gemeinsam waren Not und Entbehrung. Für die einen selbst verschuldet, für die anderen unverschuldet. Weder das Eine noch das Andere wurde aufs Hungern und Verhungern oder aufs Frieren und Erfrieren angerechnet. Dann die Trauer um die Toten. Bei den Nächsten der Täter und Opfer. Gespaltene Trauer natürlich. So gespalten wie die Gesellschaft, wie das Land.

Wie wirkte sich die Kriegsniederlage psychologisch auf die deutsche Bevölkerung aus?

Auch hier gab es kein einheitliches Denken, Fühlen, Handeln. Ganz grob: Für die Einen, die Nazigegner, war es das große Aufatmen und Hoffen, zugleich aber die Riesensorge, dass es einem nie wieder im eigenen Leben gut gehen würde. Letzteres fürchteten auch die Nazi-Mitmacher, Mitläufer und Nachmacher. Alle irrten. Zumindest im Westen. Die alten Nazis fürchteten um ihr Leben. Auch sie irrten. Doch selbst für diejenigen, die das Ende des Nazi-Terrorstaates als Befreiung empfanden, gab es riesige Enttäuschungen, Not und Tod. Es wurden von Soldaten der Roten Armee zuhauf auch Nazigegner drangsaliert oder liquidiert. Auch denen stand nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie gegen die Nazis vielleicht sogar gekämpft hatten. Es gibt dazu den beispielhaften, allgemeingültigen Roman „Befreiung“ des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai. Anhand der Befreiung von Budapest im Januar 1945 wird hier beschrieben, dass und wie auch Juden und Antifaschisten Opfer der sowjetischen Befreier wurden. Rache ist blind.

Im öffentlichen Gedenken der Bundesrepublik spielte der 8. Mai 1945 jahrzehntelang keine große Rolle. Wie kam es zu dem Paradigmenwechsel?

Ich widerspreche. Der 8. Mai spielte in der Frühzeit der Bundesrepublik, auch in der DDR, dort freilich mit anderen Akzenten, durchaus eine wahrnehmbare Rolle. Besonders in West-Berlin. An meinem Gymnasium, der Walther-Rathenau-Schule, wurde alljährlich hierüber gesprochen. Auch in Medien und Politik war der 8. Mai gegenwärtig. Nicht jedes Jahr, aber an runden Jahren. Das ist heute auch nicht anders. Wie so oft halten sich mit Hilfe solcher Legenden die heute Lebenden für besser als die Damaligen.

Der Begriff der „Befreiung“, geprägt von Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede im Jahr 1985, wurde zunächst kontrovers diskutiert. Heute ist er allgemein anerkannt. Wie stehen Sie dazu?

Wieder widerspreche ich. Den Begriff „Befreiung“ hat nicht Richard von Weizsäcker geprägt. Er war, wie vor allem Joachim Gauck, ein vortrefflicher Bundespräsident, aber gewiss nicht der diesen Begriff Prägende. Er hat ihn aber 1985 sehr wohl mit seiner legendären, grandiosen Rede zum und am 8. Mai sozusagen salonfähig gemacht, ihm die amtlich-staatlichen Weihen verliehen.

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass verwies in einem Interview darauf, dass es neben dem Holocaust auch andere Kriegsverbrechen gegeben habe. Konkret nannte er sechs Millionen deutsche Soldaten, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft getötet wurden. Wie bewerten Sie den Versuch, Verluste gegenseitig aufzurechnen?

Günter Grass stilisierte sich in maßloser Selbstbezogenheit und Heuchelei zur moralischen Instanz Deutschlands. Jahrzehntelang hatte er seine Alters- und Zeitgenossen, oft aggressiv, aufgefordert, ihre Nazi-Vergangenheit zu bekennen. Wer es bis kurz vor seinem Lebensende nicht tat, war Günter Grass selbst. Das von Ihnen erwähnte Zitat ist ebenfalls skandalös. Das Wort „Kriegsverbrechen“ im Zusammenhang mit dem Holocaust unterstellt, dass die Juden Hitler-Deutschland den Krieg erklärt und einen solchen geführt hätten. Das ist schlimmste Geschichtsverfälschung. Zumindest der späte Günter Grass war nicht nur ein Geschichtsverdreher und hier -fälscher, sondern auch ein Antisemit, der bestritt, einer zu sein. Nicht einmal dazu hatte er den Mut.

Mittlerweile gibt es in Deutschland zunehmend rechte beziehungsweise rechtsextreme Milieus, die an einer Umschreibung der Geschichte arbeiten. Welche Strömungen nehmen Sie wahr und sind diese wirklich gefährlich?

Die gab es in der Geschichte der BRD leider schon immer und in der DDR verdeckt. Jetzt aber haben diese Milieus eine Adresse, die AfD. Doch die besteht nicht nur aus Rechtsextremisten, wenngleich sie offensichtlich im Vormarsch sind. Wenn wir die AfD insgesamt in die Naziecke stellen, machen wir sie unfreiwillig stärker. Das tue ich nicht. Ich möchte unsere Demokratie erhalten und stärken. Dabei empfehle ich, Fotos zerbombter deutscher Städte vom 8. Mai 1945 zu zeigen und dann Rechtsextremisten und deren Gesinnungsgenossen zu fragen: „Wollt ihr das wieder?“

Konkret: Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland nannte die zwölfjährige Geschichte des „Dritten Reichs“ einen „Vogelschiss der deutschen Geschichte“. Was entgegnen Sie?

Konkret: Hier machte der Ton die Musik, das Wie. Bezogen auf das Was und nüchtern betrachtet, hat Gauland inhaltlich gesagt, dass die Deutsche Geschichte in ihrer Gesamtheit nicht allein aus den zwölf NS-Jahren bestehe. Inakzeptabel war, ich wiederhole: das Wie mehr als das Was. Das Wie und Warum ist inakzeptabel. Herr Gauland wollte damit das rechte und rechtsextremistische Milieu bedienen, und die haben es genau so verstanden, wie er es gemeint und sie es hören wollten. Wenn es so weitergeht, wie es sich derzeit abzeichnet, wird die AfD tatsächlich ganz und gar rechtsextremistisch. Dann aber wird sie sich mittelfristig unter die Fünf-Prozent-Sperrklausel katapultieren.