Geschichte

Berlin und seine Krisen: Der Dreißigjährige Krieg

Marodierende Söldner haben während des Dauerkonflikts in Berlin und umliegenden Dörfern Spuren der Verwüstung hinterlassen.

„Marodierende Soldaten“, Sebastian Vrancx, um 1647. Entnommen dem Buch „Halb Europa in Brandenburg“, mit Genehmigung des Lukas Verlags

„Marodierende Soldaten“, Sebastian Vrancx, um 1647. Entnommen dem Buch „Halb Europa in Brandenburg“, mit Genehmigung des Lukas Verlags

Foto: Lukas Verlag

Die Grauen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben natürlich die des Dreißigjährigen Krieges im Gedächtnis der Berliner überdeckt, und dennoch reichen die Spuren der Krisenjahre zwischen 1618 und 1648 bis in die Gegenwart. In der offiziellen Geschichtsschreibung wird immer wieder um das Ansehen des Kurfürsten Georg Wilhelm gerungen, der in Berlin seine Residenz hatte, sie aber im Stich ließ und sich nach Königsberg zurückzog. Er bleibt der Prototyp eines schwachen, zeitlebens kränkelnden Herrschers, der seine Untertanen nicht schützen konnte.

Daneben gibt es eine inoffizielle Geschichtsschreibung der überlieferten Traumata, die sich beispielsweise in einem traurig-schönen Wiegenlied wiederfinden. „Schlaf, Kindlein, schlaf“ wurde, wie man inzwischen weiß, bereits während des Dreißigjährigen Krieges von den Müttern gesungen. „Bet, Kindchen, bet! Morgen kommt der Schwed‘, morgen kommt der Oxenstern, wird den Kindern beten lehr’n, bet, Kindchen bet!“, lautete der Text. Mit Oxenstern war der gefürchtete Schwedische Reichskanzler Axel Oxenstierna gemeint. Die damaligen Menschen haben den Dauerkonflikt zuerst als Konfessionskrieg wahrgenommen. Vermutlich hat ein Katholik den Text verfasst, um auf die Grausamkeiten der protestantischen Schweden hinzuweisen. Es bleibt bemerkenswert, dass heutzutage immer wieder Punk- und Metalbands die dunkle Seite des Wiegenliedes aufspüren und verarbeiten.

Das Leben in der Mark Brandenburg war geprägt von ständig durchziehenden Söldnerheeren, mal den katholisch-kaiserlichen, mal den protestantisch-schwedischen, geplündert wurde in jedem Fall. Es gibt Berichte über Brandschatzungen, Vergewaltigungen von Frauen und Kindern, Morden. In den Jahren zwischen 1635 und 1640 traf es die Region besonders hart. Während sich Georg Wilhelm von Brandenburg 1637 mit seiner Familie und dem Hof ins sichere preußische Königsberg zurückzog, versuchte die schutzlose brandenburgische Bevölkerung, ins weniger betroffene Nordwestdeutschland zu fliehen, starb in Pestepidemien oder wurde umgebracht. Es ist immer wieder zu lesen, dass es die Residenzstadt Berlin und ihre nähere Umgebung nicht so hart getroffen hat. Was zunächst beruhigend klingt, aber manchmal können Statistiken grausam sein. Tatsächlich lebte in Berlin 1640 nur noch die Hälfte der Bewohner, und ja, es hat andere Regionen – wie die Uckermark als militärisches Aufmarschgebiet – noch viel schwerer getroffen.

Eine Gebäudezählung nach Kriegsende ergab, dass in Berlin von 1209 Häusern 350 zerstört waren. In Spandau war die Hälfte aller Häuser verfallen. In Köpenick, das die Schweden verwüstet hatten, waren noch 14 Bürgerstellen besetzt. Aber die Städte hatten es im Dreißigjährigen Krieg immer noch etwas leichter als die völlig ungeschützten Dörfer rundum.

In Reinickendorf waren zwölf von 13 Höfen verwaist, in Steglitz war die Bevölkerung völlig verschwunden. Es dauerte Jahrzehnte, bis durch Zuzug die Verluste wieder ausgeglichen waren. Wer sich als Genealoge mit seiner eigenen Familiengeschichte in der Region befasst, weiß, dass sich in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges die meisten Spuren verlieren. Da auch Kirchendokumente verloren gingen, lassen sich Familienwanderungen in diesen unsteten Zeiten kaum noch nachvollziehen.

Bestens dokumentiert und gedeutet sind hingegen die wechselnden Allianzen der am Krieg beteiligten europäischen Herrscherhäuser, ihre strategische Erb- und Heiratspolitik und die drei Phasen des Krieges. Man weiß eigentlich alles über die bis zu 30.000 Mann starken Heere, ihre Bewaffnung und Bewegungen und über die großen Schlachten. Das gerade im Lukas Verlag erschienene Buch „Halb Europa in Brandenburg“ (244 Seiten, 20 Euro) widmet sich detailliert dem Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen für unsere Region. Aber jeder Schüler müsste bereits aus dem Geschichtsbuch den Fenstersturz von Prag kennen, bei dem Vertreter protestantischer Stände drei königliche Stadthalter wegen religiöser Beschränkungen aus der Burg warfen. Die Provokation löste 1618 den Dreißigjährigen Krieg aus. Er endete im Westfälischen Frieden mit einer neuen Machtordnung Europas.

Wer hat nicht schon von Wallensteins Tod gehört? Friedrich Schiller hat dem großen böhmischen Feldherrn eine Dramen-Trilogie gewidmet. Aber wer kennt den Kurfürsten Georg Wilhelm? Ein ewig klammer Feldherr, der nicht einmal über ein richtiges Heer verfügte. 1640, in dem Jahr starb der Kurfürst im Alter von 46 Jahren, ist von gerade mal 4650 brandenburgischen Soldaten die Rede. Georg Wilhelm versuchte eine Neutralitätspolitik und hängte sein Fähnchen mal in diese, mal in die andere Richtung. Die Hohenzollern waren gerade erst zum reformistischen Glauben gewechselt, in Berliner Kirchen wurden zeitgleich lutherische und reformistische Gottesdienste abgehalten. Aber zunächst schloss sich Georg Wilhelm den katholischen Habsburgern an.

Im Juli 1630 war König Gustav II. Adolf mit seinen schwedischen Truppen auf Usedom gelandet und handstreichartig durchs Land gezogen. 1631 war ein Pestjahr, 2000 Berliner starben, ein Fünftel der Bevölkerung. Und plötzlich standen Kanonen vor Spandau und Berlin. Das überzeugte den Kurfürsten von einem temporären Bündnis mit den Schweden. Der König hatte sein Quartier in Pankow bezogen, wo sich eines der Jagdhäuser des Kurfürsten befand. Als Unterpfand des neuen Bündnisses ließ Georg Wilhelm seine Festung Spandau übergeben. Dort gab es, berichtete ein Zeitzeuge, reichlich Waffen, Munition und Lebensmittel. Die Zitadelle Spandau ist heute noch ein steinernes Zeugnis des Dreißigjährigen Krieges. Adam von Schwarzenberg, der zweite Mann im Staate, residierte in der Festung als kurfürstlicher Stadthalter und Kriegsstra­tege. In der folgenden Geschichtsschreibung muss Schwarzenberg allerdings herhalten als die dunkle Gestalt hinter Georg Wilhelm.

Während des Dreißigjährigen Krieges gab es in Berlin eine Besinnung auf Bußzeremonien, aber es gab auch die Sehnsucht nach Ablenkung und Vergnüglichem. Was von der Obrigkeit begrenzt zugelassen wurde. Überliefert sind aus der Zeit die Grausamkeiten der marodierenden, zunehmend verwahrlosten Söldner. Eine Foltermethode, die in der Gegenwart als Waterboarding geächtet ist, nannte man damals den Schwedischen Trunk.

Peter Thiele, seinerzeit Stadtschreiber von Beelitz, beschrieb das Prozedere: „Da haben die reuber und mörder ein Holt genohmmen den armmen leutten solches im halße gestocken, umbgerühren, waßer eingegoßen, sandt darzu eingeschutten, ja wohl menschen koth und die leutte jämmerlich gequelen umb Gelde, wie den eine Bürger in Beelitz, David Örtel genannt, wiederfahren und balde davon gestorben.“

Die Kriegstraumata der Bevölkerung sind seither immer wieder in Literatur, Theater und Musik verarbeitet worden. Bertolt Brechts Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1941) führt zurück in den Dreißigjährigen Krieg zu einer im Söldnertross tragisch scheiternden Marketenderin. Carl Maria von Webers deutsche Nationaloper „Der Freischütz“, die 1821 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt wurde, zeigt eine abergläubische, nach Recht suchende Dorfgemeinschaft am Ende des Krieges.

In der offiziellen Geschichtsschreibung hat 1640 der junge Kurfürst Friedrich Wilhelm die Herrschaft angetreten. Er hatte gelernt, wie wichtig ein großes stehendes Heer ist. Die Hohenzollern verwandelten die unbedeutende märkische Streusandbüchse in eine große Militärmacht Europas. Preußen ging in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts unter.