Berlin und die Krisen

Wie ein Berliner Arzt gegen die Pest kämpfte

In der Region starben Tausende durch die Pest. Auch damals war der Shutdown ein Instrument zur Seuchenbekämpfung.

Das „Graue Kloster“ in Berlin (Holzstich von 1883): Der Gelehrte und Alchemist Thurneysser lebte und arbeitete dort.

Das „Graue Kloster“ in Berlin (Holzstich von 1883): Der Gelehrte und Alchemist Thurneysser lebte und arbeitete dort.

Foto: AKG images / picture alliance / akg images

Die letzten Pestepidemien trafen Europa im 18. Jahrhundert. In Berlin ließ König Friedrich I. angesichts einer drohenden Welle aus Ost-Europa, die bereits Teile des Königreichs Preußen entvölkert hatte, 1710 ein Pesthaus errichten. Daraus ging bald darauf die Charité hervor.

Die Epidemie war glücklicherweise nicht mehr bis Berlin vorgedrungen. Aber der Schwarze Tod hatte laut den Berliner Chroniken im Jahr 1348 und mehrfach im 16. Jahrhundert in der Region gewütet. Allein 1598 gab es rund 3000 Tote, womit die Einwohnerzahl von Berlin und Cöln auf 12.000 schrumpfte.

Dass der Shutdown ein wichtiges Instrument zur Seuchenbekämpfung ist, gehört zu den Überlebenserfahrungen. Ernst Fidicin, der 1848 erster hauptamtlicher Archivar Berlins wurde, fand Belege, wonach bei der Epidemie 1576 „ganze Strassen mit eisernen Ketten versperrt wurden, und Stadtknechte an den Ausgängen Wache halten mussten.“

Bier- und Weinhäuser wurden geschlossen, „in Garküchen durfte nicht mehr gespeist werden“. Alle öffentlichen Zusammenkünfte wurden verboten, und Apotheker, Krämer oder Bäcker durften niemanden mehr in ihre Geschäftsräume einlassen.

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Desinfektion und Schutzkleidung waren damals schon ein wichtiges Thema

Die „Cölner Stadtschreiber“ hielten für 1576 fest, dass es im Juni in Berlin zu rumoren anfing, danach in Cöln und dass „in beiden Stetten beinahe in die 4000 Menschen jung unnd alt plotzlich gestorben und abgangen“ seien. Viele Bürger waren geflüchtet, der Kurfürst hatte sich mit seinem Hof in die Festung Küstrin zurückgezogen.

Der Pfarrer Andreas Angelus, der seine Familie durch die Seuche verloren hatte, schrieb später in seiner

Geschichte der Mark Brandenburg: „Im Herbst und Vorwinter ist zum Berlin und zu Cöln an der Spree ein grausam Pestilentzisch Sterben gewesen“. Angelus unterrichtete am Berliner Gymnasium zum Grauen Kloster und war Pfarrer in seiner Heimatstadt Strausberg.

Sein Berliner Amtskollege Jacob Schmid von der Kirche Heiliggeist berichtete ebenfalls von mehreren Tausend Toten. Schmid hatte die Aufgabe, als „Pestilenziarius“ die Pest wegzubeten. In Seuchenzeiten war der Ortspfarrer zugleich Arzt, Apotheker und Totengräber – und für den riskanten Einsatz erhielt er eine Extravergütung aus der Kirchenkasse.

Desinfektion und Schutzkleidung waren damals schon ein wichtiges Thema. In den schnabelartigen Schutzmasken der Pestärzte befanden sich in Essig getränkte Schwämme und wohlriechende Kräuter, die die Atemluft filtern sollten. Die bizarr anmutende Maske mit den Glasaugen gehörte zur Ausstattung wie der den Körper weit umhüllende Mantel aus luftundurchlässigem Material und die Handschuhe.

Damit ließ sich eine gewisse Reduzierung des Infektionsrisikos erreichen, obwohl seinerzeit die Bedeutung des Rattenflohs für die Verbreitung der Seuche unbekannt war. Es gehört zur Tragik, dass der Pesterreger viel zu spät ausfindig gemacht wurde und eine wirkungsvolle Bekämpfung erst seit dem 20. Jahrhundert möglich ist. Trotz Impfung und Antibiotika gibt es heute weltweit immer wieder kleine Ausbrüche.

Der Gelehrte Thurneysser war überaus wichtig für die Pestbekämpfung

In Gesundbrunnen gibt es seit 1891 die Thurneysserstraße. Kaum einer weiß noch, wie wichtig jener Leonhard Thurneysser zum Thurn (1531 bis 1596) für die Pestbekämpfung in Berlin war. Der Metallurg, Alchemist und Gelehrte muss eine schillernde, umtriebige Figur seiner Zeit gewesen sein.

Er behauptete etwa, in Brandenburg Orte zu kennen, an denen Edelsteine zu finden seien. Und im Schlick der Spree gäbe es Gold. Thurneysser war dem brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg in Frankfurt an der Oder begegnet, wo er dessen erkrankte Gemahlin heilte. Johann Georg ernannte ihn daraufhin zu seinem Leibarzt, zahlte ihm ein üppiges Salär und nahm ihn mit nach Berlin.

Der Kurfürst stellte ihm für seine Arbeiten einen Teil des ehemaligen Franziskanerklosters, das wir heute als Graues Kloster kennen, zur Verfügung. Das Kloster war im Zuge der Reformation säkularisiert worden. Aber erst nach dem Tod des letzten dort wohnenden Franziskaners und Johann Georgs Regierungsübernahme entstand dort 1574 das erste Berliner Gymnasium. Thurneysser richtete im Grauen Kloster seine Wohnung, seine Bibliothek, eine Druckerei sowie seine Laboratorien ein.

Thurneyssers Pestschrift von 1576 ist ein einzigartiges Zeitdokument

Er wurde mit seinen Arzneien schnell wohlhabend. Was auch damit zusammenhing, dass es den Apothekern untersagt war, eigene Rezepturen zu erstellen und zu verbreiten. Ohnehin waren sie im Mittelalter von ihren Zunftordnungen oder den städtischen Ratsverfassungen abhängig. Thurneysser hingegen stand unter der Obhut des Hofes und konnte frei schalten und walten. In ihrem Buch „Die Pest in Berlin 1576“ widmen Diethelm Eikermann und Gabriele Kaiser ihre Aufmerksamkeit dem Arzt Thurneysser und seinem Kampf gegen die Pest. Anlass dafür bot seine Pestschrift von 1576, die in Basel wiederentdeckt wurde. Es ist ein einzigartiges Zeitdokument.

Bei Thurneysser kommt zusammen, dass er sich im Labor als Forscher wie in der Druckerei als Vermittler zuhause fühlte. Das erste gedruckte Berliner Plakat war demnach wohl ein Pest-„Regiment“, ein öffentlicher Anschlag über Arzneien und Anweisungen angesichts der Strafe Gottes für das sündhafte Leben der Menschen. Das Plakat wurde in vielleicht 100 Exemplaren in den Straßen der Doppelstadt angeschlagen.

Im 16. Jahrhundert setzen Apotheker erstmalig chemische Präparate ein

Das im brandenburgischen Verlag Natur und Text erschienene Thurneysser-Buch widmet sich vor allem der Entwicklung der Pharmazie in Seuchenzeiten. Das Pest-„Regiment“ empfiehlt Arzneimittel der traditionellen galenischen Schule, in der pflanzliche, tierische oder mineralische Naturstoffe vermischt wurden. Ein eigenes Kapitel im Buch erinnert an die Storchen-Medizin früherer Zeiten, die Vögel mussten für alles herhalten. Aber in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begannen Apotheker, chemisch aufbereitete Präparate einzusetzen. Hinweise führen zu Thurneysser nach Berlin.

Im Pestjahr 1633 fielen im bayerischen Oberammergau 80 Einwohner der Seuche zum Opfer. Daraufhin gelobten die Dorfbewohner feierlich, regelmäßig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn sie von der Pest befreit würden. Die Aufführungen finden seither alle zehn Jahre statt. In Berlin gibt es keine vergleichbaren Traditionen oder Denkmäler wie die prächtige Wiener Pestsäule, die auf die Seuchenzüge und ihre Folgen zurückblickt. Hier schaute man immer schnell wieder nach vorn, die Charité steht dafür.