Morgenpost-Reporter

Die zwei Leben des Egon Jacobsohn

Der Journalist arbeitete in den20er-Jahren als Reporter der Berliner Morgenpost. 1934 floh er vor den Nazis nach London.

Journalist Egon Jacobsohn (r.) 1919 mit Schüler Willy Czerwinski, Gewinner einer fiktiven Suche der Morgenpost nach einem Mörder

Journalist Egon Jacobsohn (r.) 1919 mit Schüler Willy Czerwinski, Gewinner einer fiktiven Suche der Morgenpost nach einem Mörder

Foto: ullstein bild / ullstein bild - ullstein bild

Berlin. Am 2. Oktober 1895 in Berlin geboren und am 23. Dezember 1969 in London gestorben: Kaum einer kennt heute noch seinen Namen, dabei war er einer der besten Reporter Berlins. 16 Jahre lang schrieb Egon Jameson unter dem Namen Jacobsohn für die Berliner Morgenpost, damals noch im Ullstein Verlag. Er war zwar als Journalist bekannt, jedoch bei Weitem nicht so sehr wie Kurt Tucholsky oder Egon Erwin Kisch. Politisch moralische Entrüstung war nicht seine Sache, er nahm die Menschen so, wie sie sind, und beschrieb ihr Leben. Denn Jakobsohn wollte Menschen mit Witz und Verstand skizzieren.

Ein Blick zurück in die Zwanziger: Es brodelte und tobte in Berlin. Man besuchte das Romanische Café, das Metropol, den Admiralspalast – man baute die Avus, die Messehallen, den Funkturm. Zum ersten Mal gab es 1926 die Grüne Woche und zuvor 1921 die Deutsche Automobilausstellung. Alles war möglich, vor allem aber viel Kultur: Es gab Dutzende Bühnenhäuser, Revuen, literarische Klubs, Theater und Nachtclubs. Dort trafen sich die Schauspieler und Sänger der Stadt – und mittendrin der junge Egon Jacobsohn.

Schon mit 18 Jahren Filmkritiken geschrieben

Er selbst schrieb über diese Zeit: „Berlin war damals der Mittelpunkt für all diese Dinge. Da kam jeder junge Schauspieler, wenn er die Möglichkeit hat, aus der Provinz hierher. Alle hatten nur ein Ziel. Sie wollten in Berlin sein. In Berlin gab es eine große Anzahl von verschiedenartigen und gut geleiteten Theatern, die auch sehr gut gingen, denn Berlin war ein sehr theaterfreudiges Publikum.“ Kein Zweifel: Egon Jacobsohn genoss diese Zeit, diesen Tanz auf dem Vulkan, durchlebte das letzte „Aufatmen vor dem großen Chaos“. Bereits als Gymnasiast versorgte sich Jacobsohn mit Premierenkarten, suchte Kontakt zu Schauspielern wie Fritz Kortner und Paul Grätz sowie zum Intendanten Max Reinhardt. Er wuchs mit diesen Größen auf, er hatte – so Jacobsohn über Jacobsohn – erstens Glück, zweitens Glück, drittens Glück.

Bereits als Schüler des Mommsen-Gymnasiums in Charlottenburg verschaffte er sich in seiner Schülerzeitung viel Aufmerksamkeit: Die schulischen Noten seiner Klassenkameraden wurden in Form eines Börsenzettels regelmäßig bekanntgegeben. Jeder Leser konnte wie bei einer Börse Aktien zum jeweiligen Leistungsstand der Schüler kaufen oder abstoßen. Ausgezahlt wurde alles in Schreibfedern.

Als 18-Jähriger arbeitete er als Filmkritiker, obwohl die kaiserliche Schulverwaltung den Eltern von einem Filmbesuch ihrer Sprösslinge dringend abriet. Jacobsohn hielt dies nicht davon ab, in der Monatszeitung „Das kleine Journal“ kurze Prosastücke zu verfassen und Theateraufführungen zu rezensieren. Selbst vor Interviews mit den Prominenten der Kulturszene schreckte er nicht zurück. Um etwa einen Termin bei Frank Wedekind, dem Dramatiker, Schriftsteller und Schauspieler, zu erhalten, ließ er sich korrekt unter seinem Namen Jacobsohn anmelden. Wedekind hielt ihn am Telefon prompt für den bekannten Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn und staunte nicht schlecht, als Egon sich im viel zu großen Anzug seines Vaters im Foyer des „Central Hotels“ am Bahnhof Friedrichstraße vorstellte.

Der Berliner erfand die Homestory

Die Filmfans wollten zunehmend mehr über das Privatleben der Stars erfahren. Also erfand Jacobsohn für die „Illustrierten Filmwoche“ die Homestory. Er schrieb über die große dänische Mimin Asta Nielsen oder den Stummfilmstar Harry Liedtke. Im Herbst 1916 begann er ein Volontariat im Ullstein Verlag. Während der Revolutionskämpfe im November 1918 wurde Jacobsohn Sonderberichterstatter der Berliner Morgenpost. Auf eigene Verantwortung schickte man ihn zum Hackeschen Markt, der in diesen Novembertagen ein Zentrum der gewaltsamen Auseinandersetzungen war. Aus einem Keller telefonierte er die Bedingungen der Spartakisten für einen Waffenstillstand exklusiv in die Kochstraße, dem damaligen Sitz der Berliner Morgenpost.

Bekannt wurde Jacobsohns Gesicht in Berlin auf ungewöhnliche Weise – als Mörder, auf dessen Kopf 1000 Mark Belohnung ausgesetzt waren. Am 13. November 1919 lief er von acht bis 20 Uhr durch die Straßen Groß Berlins. Derweil prangte sein Steckbrief an den Litfasssäulen, und es gab ein Extrablatt mit dem Titel: „Augen auf.“ Damit sollten die Leser angehalten werden, im Alltag genauer hinzuschauen, um als Augenzeugen bessere Angaben machen zu können. Denn 1919 wurde in Berlin mindestens ein Mord pro Woche verübt.

Die erste Verfolgungsjagd quer durch Berlin vom Wilmersdorfer Kaiserplatz über den Potsdamer Platz, Moritzplatz, Alexanderplatz, Moabit bis zur Kochstraße bestätigte die Macher: Jacobsohn wurde nicht erkannt. In der Folge meinten viele Berliner jedoch, einen Mörder erwischt zu haben und marschierten zum Ullstein Verlag, um die 1000 Mark zu kassieren. Die Aktion wurde wiederholt. Egon Jacobsohn schrieb darüber in der Berliner Morgenpost: „Gegen Nordwesten. Schnell die Hose von den Regenspritzern saubergemacht, damit nicht jeder schon von weitem den langen Weg erkennt und.... Augen auf! – hell und bestimmt erklingt’s. Der kleine Willy, der glückliche Preisträger, steht vor mir. Ich bin froh, dass mich der brave Junge gekappt hat.“

Und weiter hieß es in der Berliner Morgenpost vom 22. November 1919: „Unser Preisausschreiben hat gestern zu einem vollen Erfolg geführt. Die Berliner haben die Augen gründlich und weit aufgemacht, und so ist der Flucht unseres Redaktionsmitgliedes Egon Jacobsohn ein rasches Ende bereitet worden. Um 10 Uhr 50 ist ihm im Südosten Berlins, in der Grimmstraße, das Kennwort ,Augen auf‘ entgegengerufen worden, das ihn bannte.“ Es ist eine verblüffend einfache Idee: Jacobsohn sorgt für das Ereignis, über das er dann berichtet; er konstruiert eine Geschichte, um aufzuklären: Augen auf. Denn noch niemals war eine Zeitung in Europa auf die Straße gegangen. Noch niemals hatte man sich an das Publikum gewendet.

Nach dieser erfolgreichen Reportage legte er nach. Er verkleidete sich und schlüpfte in die unterschiedlichsten Rollen: Als Wurstmaxe mit einem Kessel vor dem Bauch arbeitete er am Kurfürstendamm, als Aalverkäufer in der Markthalle, in geheimen Spielclubs wettete er oder lief im Oktober 1919 mit einem Infanteriegewehr – trotz des Waffenverbotes für Zivilisten – durch Berlin. Er lernte bei einem Taschendieb die Tricks und agierte als Leierkastenspieler, um endlich die Gerüchte über die üppigen Einkünfte der Hinterhofsänger zu widerlegen. Ob als Nachtkellner oder als Fräulein vom Amt, Jacobsohn schlüpfte in viele Rollen. Zocker oder Taschendieb – Egon Jacobson wollte alles erst selbst erleben, bevor er darüber schrieb.

Die Nazis verprügelten ihn und demolierten sein Auto

Diese Art des Berichtens wird bis heute kopiert, wenngleich ihr Erfinder Jacobsohn weitgehend in Vergessenheit geriet. Günter Wallraff war nicht der erste Journalist, der unter anderen Namen Missständen nachging und darüber aufklärte. Egon Jacobsohn wollte damit aber mehr amüsieren denn anklagen. Er wollte jedem seiner Leser zurufen: Laufen Sie aufmerksam durch die Welt, seien Sie wachsam.

1933 musste der Journalist die Heimatstadt Berlin verlassen. Als die Nazis ihn verprügelten und sein Auto demolierten, brach Egon Jacobsohn nach London auf und stellte dort im Exil lapidar fest: „Egon Jacobsohn gibt es nicht mehr!“ Kaum hatte er britischen Boden betreten, nannte er sich Egon Jameson. Sein Berliner Reporterleben – 16 Jahre bei der Berliner Morgenpost und der „BZ am Mittag“ – ließ er hinter sich.

Es fiel ihm schwer, denn er war ein begeisterter Zeitungsmann. Doch innerhalb sehr kurzer Zeit schaffte es Egon Jameson, sich in London einen Namen zu machen. Jameson liebte London, aber seine Heimat blieb Berlin. Während seiner Zeit in der Stadt an der Themse schuf er aber keine tiefgründigen Werke, und er beschäftigte sich auch nicht mit politischen Kommentaren gegen die Nazis, das war nicht seine Art. Er fesselte die britische Leserschaft stattdessen mit leichter Kost – voller Humor und spitzfindigem Ernst. Seine Kenntnisse der britischen Geschichte und Eigenheiten publizierte er in Büchern wie „10 Downing Street“. Ein anderer Titel: „Eintausend Kuriositäten über Britain“. Jameson konnte akribisch Fakten und Zahlen zu einer leicht lesbaren Lektüre verarbeiten, und heraus kam zum Beispiel sein 650-Seiten-Werk „Die Geschichte des britischen Weltreiches oder London, wie es nicht im Wörterbuch steht“.

Er kehrte in britischer Uniform nach Deutschland zurück

1945 kehrte Egon Jameson in britischer Uniform nach Deutschland zurück und half beim Aufbau der Nachrichtenagentur DANA, der Vorläuferin der Deutschen Presseagentur. Danach wurde er Chefreporter, Ausbilder für junge Journalisten bei der „Neuen Zeitung“, dem deutschsprachigen Blatt der amerikanischen Militärregierung in München. Sein Hauptanliegen damals war sein Kampf gegen den Indizienbeweis. „Ich glaube sagen zu dürfen, dass ich in den Jahren 1946/47 48 und 49, während ich in der Redaktion der ,Neuen Zeitung‘ saß, sechs Menschen, die zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden waren, herausbekommen habe. Und zwar, weil ich einfach nicht glauben wollte, dass der Indizienbeweis ausreicht, um einem Menschen die Freiheit zu nehmen. Lieber soll man – so ist meine Überzeugung, lieber soll man einen Menschen freilassen, der schuldig ist, als wenn man zwei oder drei vier Unschuldige einsperrt“, so Jameson.

Nach Berlin kehrte er allerdings nur noch als Besucher zurück. London ließ ihn nicht mehr los. In einem Haus im Norden der Stadt lebte er bis zu seinem Tod heute vor 50 Jahren und verfasste zahlreiche, vor allem humorvolle Bücher wie den Ratgeber „Wie wird man reich schlank und prominent?“. Und er kreierte die ABC-Bücher: vom ABC der klügsten Sätze bis zum ABC der dümmsten Sätze. Der Reporter Egon Jameson war nie auf einer Universität, hatte nie studiert, außer die Lebensentwürfe und die Lebensschicksale der Menschen.

Fast alle Bücher von Egon Jameson sind vergriffen, so auch ein Schmunzelbuch aus dem Jahre 1957. Zusammen mit dem damals noch unbekannten Loriot erschien das humoreske „Wie gewinnt man eine Wahl?“. Und der sarkastische Untertitel ergänzte: „Erschöpfender Leitfaden für Wähler und Politiker aller Parteien“. Dieser Grundkursus enthält zeitlose Wahrheiten für Politiker im Wahlkampf. Egon Jacobsohn war ein Kind der Zwanziger Jahre – und ein Reporter, der eine neue Art des Schreibens für Tageszeitungen entwickelte.