30 Jahre Mauerfall

„… um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“

Zeitzeuge Peter Christian Bürger erinnert sich an die Wochen des Ausharrens im Konsulat und Genschers historische Balkonrede in Prag.

Prag vor 30 Jahren: "... dass heute Ihre Ausreise ..."

Für Tausende wurde die Botschaft in Prag zum Tor in die Freiheit.

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Berlin. „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ – die Worte des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, von denen der Rest im allgemeinen Jubel von rund 4000 DDR-Flüchtlingen im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag unterging, sind längst Geschichte. Und Teil des Vermächtnisses des Politikers Genscher, der im März 2016 im Alter von 89 Jahren starb. Für die Menschen, die damals im Garten des Palais Lobkowicz ausharrten, in der Hoffnung, dauerhaft aus der DDR ausreisen zu können, und die an den Lippen des bundesdeutschen Außenministers hingen, waren es Schicksalsworte – und die Botschaft in Prag bleibt für sie bis heute ein Schicksalsort.

Einer von ihnen ist der gebürtige Chemnitzer Peter Christian Bürger (63), dem auch zu verdanken ist, dass es in der Botschaft am Abend des 30. Septembers 1989 ein Megafon gab, durch das Genscher zu den Menschenmassen sprechen konnte. Doch dazu später mehr. Was bewegt einen Menschen dazu, alles aufzugeben und sich auf den Weg in ein fremdes, neues Land zu machen, ohne Garantien, nur mit der Hoffnung auf Freiheit? In Bürgers Fall: zwei abgelehnte Ausreiseanträge, ein vereitelter Fluchtversuch, 15 Monate in einem der berüchtigtsten Gefängnisse der DDR, dem Zuchthaus Cottbus. Und das Gefühl: Jetzt oder nie. Es war ein letzter Versuch des damals 28-Jährigen, dem unmenschlichen Regime zu entkommen.

Dieses hatte er trotz seines jungen Alters schon mit all seiner Härte erlebt. Die Haftzustände in Cottbus seien unerträglich gewesen, erinnert sich Bürger. „Wir mussten Gehäuseteile für den Kamerahersteller Pentacon stanzen. Viele Häftlinge verloren ihre Finger in den Stanzgeräten. Dazu kam die konstante psychische Folter.“

Nach seiner Freilassung im Zuge einer Amnestie für politische Gefangene im November 1987 besserte sich Bürgers Leben nicht. Er musste sich wöchentlich bei der Volkspolizei sowie der Abteilung für innere Angelegenheiten melden und hatte, wie alle ehemaligen Häftlinge, keine Papiere. Er wurde zu einer Arbeitsmaßnahme in einem Automobilwerk verpflichtet und dort als „Staatsfeind“ angekündigt. Mit einer Schubkarre und einer Mistgabel fuhr er durch die Hallen und sammelte Metallspäne auf. „Keiner sprach mit mir, aus Angst, durch die Nähe zu mir in das Fadenkreuz der Stasi zu geraten.“

So wagte Bürger einen letzten Fluchtversuch, fuhr mit dem Bus an die sächsisch-tschechoslowakische Grenze und kroch am 20. Juni 1989 in einem Tarnanzug bei Oberwiesenthal durch die Wälder des Erzgebirges. Als er sich in Sicherheit wähnte, zog er die Armeekleidung aus und spazierte in den Ort Jachymov, ganz so, als sei er nur ein Ausflügler.

Die bundesdeutsche Botschaft war nur schwer zu finden

Von Jachymov machte er sich mit einem Linienbus auf nach Prag. Dort angekommen stand er vor der Herausforderung, die bundesdeutsche Botschaft zu finden. „Die Tschechoslowakei war ja ein sozialistisches Land, und so waren auch hier die westlichen Botschaften nicht im Stadtplan gekennzeichnet“, sagt er. In einem Café am Wenzelsplatz traute er sich schließlich, ein Ehepaar anzusprechen, das Deutsch sprach – und der Kleidung nach ganz sicher aus West-Deutschland und nicht aus der DDR stammte. „Ich hatte ja unglaubliche Angst, mich angreifbar zu machen oder doch noch irgendwie erwischt zu werden“, erinnert sich Bürger.

Er kam am späten Nachmittag bei der Botschaft an. Im Juni waren nur einige Dutzend DDR-Bürger dort untergebracht, der große Andrang folgte erst im späten August. „Ich bin durch das Tor gelaufen, zum Pförtnerhäuschen auf der linken Seite“, sagt Bürger. „Und ich habe mich mit den Worten vorgestellt: Ich bin der Bürger Bürger, komme aus der DDR, und ich gehe hier nicht wieder raus.“

Der Pförtner griff zum Telefon. Wieder bekam es Bürger mit der Angst zu tun. Doch im Gespräch mit dem Botschaftsmitarbeiter, der ihm erklärte, dass die bundesdeutsche Regierung die DDR nicht als souveränen Staat anerkannte und ihre Bürger deswegen wie Deutsche behandelte, die in Not waren, zerstreuten sich diese allmählich.

Der Diplomat brachte Bürger zu den anderen, die in einem früheren Visa-Gebäude untergebracht waren, in Doppelstockbetten der Bundeswehr. Dort wurde er mit den Worten „Willkommen in der Bundesrepublik“ begrüßt. Bis sich seine Aufregung legte, dauerte es noch einige Stunden. Doch am Abend, erinnert sich Bürger, sei am Lagerfeuer beim Erzählen der Fluchtgeschichten fast so etwas wie Schullandheimstimmung aufgekommen. „Das war fast gemütlich, ich fühlte mich das erste Mal in meinem jungen Leben wirklich in Sicherheit. Davor war ich ja ständig von dem Gefühl begleitet, dass nur ein falsches Wort zu einem weiteren Gefängnisaufenthalt führen konnte.“

Und so begann für Bürger eine Zeit des Wartens und der Ungewissheit. Die Flüchtlinge wurden mit „EPAs“ (Einmannpackungen) der Bundeswehr versorgt. Ab Juli wurde die Botschaft schließlich für den öffentlichen Verkehr geschlossen. Diplomat Hans-Joachim Weber, der für die Botschaftsflüchtlinge zuständig war, behandelte diese wie Gäste. Doch mit der steigenden Zahl der DDR-Bürger, die hier Zuflucht suchten, wurde es auch für die Mitarbeiter der Botschaft immer schwieriger, den Überblick zu behalten und ihrer Arbeit nachzukommen. „Ständig platzte irgendwer in die Büros, weil wieder etwas fehlte – Medikamente, Zigaretten, Hygieneprodukte für die Frauen“, erinnert sich Bürger.

Weber beschloss schließlich, die Flüchtlinge sollten jemanden wählen, der sich jeden Morgen mit ihm besprach und die Bedürfnisse aller gebündelt vortrug. So wurde Bürger eine Art Flüchtlingssprecher. Er bekam ein kleines Büro und registrierte dort täglich die Neuankömmlinge. Weber und er waren schnell per Du, wurden erst Verbündete und später Freunde. Weber, in der Lüneburger Heide aufgewachsen, war ein Tatenmensch, einer, der etwas bewegen wollte, erinnert sich Bürger an den mittlerweile verstorbenen Diplomaten. „Sein Leitspruch war immer: ‚Gestalten statt verwalten. Egal, was ihr braucht, wir kümmern uns.‘“

Im August waren es schon 400, bald 500 Menschen, und der Platz in der Botschaft wurde eng. „Aber Weber sagte, ,egal, wir schaffen Platz‘“, sagt Bürger. Das Rote Kreuz brachte Zelte, die Bundeswehr neue Doppelstockbetten. Eines der Zelte wurde für die Kinder hergerichtet. Jacqueline Huber, die Frau des damaligen Botschafters Hermann Huber, zog los und kaufte Spielzeug. An Bierbänken fand in einer Ecke für die älteren Kinder so etwas wie Unterricht statt. Und Bürger kam jeden Abend zu Weber ins Büro und gab seine Bestellungen auf. Die Lage wurde immer dramatischer: Anfang September waren es schon 1000 Menschen, die in der Botschaft ausharrten – ohne, dass sich eine politische Lösung abzeichnete.

Der bundesdeutsche Außenminister Genscher hatte erst am 20. Juli einen Herzinfarkt erlitten. Doch sein gesundheitlicher Zustand hinderte ihn nicht daran, sich für seine Lebensaufgabe, die Annäherung von Ost und West, einzusetzen. An seiner Seite arbeitete Rudolf Seiters, Bundesminister für besondere Aufgaben, an einer Lösung des Flüchtlingsproblems, stieß bei seinen Ansprechpartnern in der SED-Führung jedoch auf Ablehnung. Ihr Lösungsvorschlag: Die Abtrünnigen sollten in die DDR zurückkehren – mit dem Versprechen, ihre Ausreise werde innerhalb von sechs Monaten bewilligt. Ein Deal, auf den sich keiner einlassen würde.

So reiste Genscher am 27. September schließlich, gesundheitlich noch angeschlagen, zur Uno-Generalversammlung nach New York und verhandelte persönlich mit dem damaligen DDR-Außenminister Oskar Fischer. Als auch diese Verhandlung kein Ergebnis brachte, fuhr Genscher zur sowjetischen Botschaft – in einem Fahrzeug der New Yorker Polizei, da er selbst keinen eigenen Wagen und Fahrer zur Verfügung hatte – und setzte sich mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse an den Verhandlungstisch. Endlich kam Bewegung in die scheinbar ausweglose Situation.

Schließlich lenkte die DDR ein – unter der Bedingung, dass die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik fahren müssten. Genscher erfuhr dies am 30. September in Bonn. Nur wenige Stunden später machten er und Seiters sich auf den Weg nach Prag. Dort hatte Bürger schon seit einigen Tagen aufgehört, die Neuankömmlinge zu registrieren. „Jeden Tag kletterten Dutzende, manchmal über Hundert über den Zaun, es war gar nicht möglich, da mitzuhalten“, erinnert er sich. Am Abend des 29. Septembers bat er Botschaftsmitarbeiter Weber schließlich, ihm ein Megafon zu besorgen. „Ich konnte mich gar nicht mehr verständlich machen, weil wir so viele waren. Weber sagte: ‚Kein Problem, morgen kommt ein Transport mit Betten, ich rufe da an, die bringen dir bestimmt eines mit’.“

Doch als Bürger am nächsten Morgen das bestellte Megafon abholte, sah Weber ihn nur mit großen Augen an. „Das wirst du nicht mehr brauchen“, sagte er. Bürger verstand ihn nicht. Weber holte aus: „Genscher ist auf dem Weg nach Prag.“ Doch Bürger verstand immer noch nicht. Weber wurde deutlicher: „Mensch, Bürger, der Mann ist schwer krank, ist erst für euch nach New York gereist, und jetzt fliegt er von Bonn direkt hierher. Der wird nicht umsonst kommen!“ Bürger verstand endlich – und schwieg.

Der Versuch, Genscher am späten Nachmittag unbemerkt von den Flüchtlingen in die Botschaft zu schleusen, scheiterte, ein Fahrstuhl war defekt, Genscher musste über die Flüchtlinge, die auf der Treppe des Palais ausharrten, nach oben steigen. Im Garten formierten sich Sprechchöre, die Menschen schrien „Genscher“ und „Freiheit“. Bürger half Weber, eine Stehlampe aus dem Büro auf den Balkon zu schaffen und das von ihm bestellte Megafon an der Brüstung zu befestigen – und Genscher sprach den berühmtesten Satz seiner Karriere.

Euphorischer Empfang im bayerischen Dingolfing

Auf die Erleichterung folgte für Bürger und die anderen die Schock-Nachricht, dass die Züge über das Gebiet der DDR nach Bayern fahren würden. Der Zeitzeuge beschreibt diese Fahrt als „die schlimmste Zufahrt seines Lebens“ – schließlich misstrauten er und seine Leidensgenossen dem sozialistischen Regime zutiefst und fürchteten, ihre Ausreise würde auf den letzten Metern scheitern. Während der Zugfahrt sammelten Stasi-Mitarbeiter die Papiere der Flüchtlinge ein, die dann ausgebürgert wurden. Als in den nächsten Tagen weitere Züge folgten, belagerten tausende Menschen den Dresdener Bahnhof, um noch einzusteigen. Steine flogen, die Polizei kam mit Wasserwerfern.

Bürger konnte erst durchatmen, als sein Zug in Bayern ankam. Er entschied dort spontan, er werde in Dingolfing aussteigen, der BMW-Stadt, von der er schon viel Gutes gehört hatte. „Wir wurden dort empfangen wie die Fußballweltmeister, im Gemeindezentrum gab es Essen, und ich habe das erste Mal seit Monaten wieder in einem richtigen Bett geschlafen“, erinnert er sich.

Nach Prag kehrt Bürger, der in Bayern erst eine Ausbildung zum Restaurantfachmann und später zum Koch machte, mindestens alle fünf Jahre zurück. So auch dieses Jahr, zur großen 30-Jahr-Feier in der Deutschen Botschaft. „Es ist einfach mein Schicksalsort“, sagt der 63-Jährige, der als Zeitzeuge immer wieder von dieser dramatischen Zeit erzählt und dennoch jedes Mal emotional dabei wird.

So wie ihm geht es vielen der Menschen, die im Sommer 1989 dabei waren. Sie alle verbindet die Erinnerung an damals – ungeachtet von Beruf oder Herkunft. So trifft sich der harte Kern der Botschaftsflüchtlinge auch dieses Jahr wieder am Abend vor den Feierlichkeiten in einem Café unweit des Palais Lobkowicz, in dem bis heute die Deutsche Botschaft untergebracht ist. „Dann schwelgen wir in Erinnerungen, schauen alte Fotos an und lachen über unsere merkwürdigen Outfits. Es ist schon verrückt – ein halbes Leben ist seitdem vergangen, aber für uns fühlt es sich jedes Mal wieder an, als sei es erst gestern gewesen.“