August 1989

Als die Massenflucht aus der DDR über Ungarn einsetzte

Die Massenflucht erhöht den Druck auf die beiden deutschen Staaten, logistisch wie politisch.

Massenandrang von DDR-Bürgern vor der  Botschaft der Bundesrepublik in Budapest – im August 1989 wird sie geschlossen.

Massenandrang von DDR-Bürgern vor der Botschaft der Bundesrepublik in Budapest – im August 1989 wird sie geschlossen.

Foto: epa AFP / picture-alliance / dpa

Insgesamt sind im Jahr 1989 allein bis August rund 60.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik übergesiedelt, davon kamen allein im August 1989 rund 20.955. 8000 von ihnen sind nicht offiziell ausgereist, sondern illegal geflohen – viele über Ungarn. Die Massenflucht erhöht den Druck auf beide Staaten, logistisch wie politisch.

Vor und in den bundesdeutschen Botschaften kampieren damals hunderte DDR-Flüchtlinge. Die Ständige Vertretung an der Hannoverschen Straße in Ost-Berlin ist bereits am 8. August wegen Überfüllung geschlossen worden. Die Botschaft in Budapest wird am Abend des 23. August geschlossen, nachdem gut 100 Flüchtlinge in den Westen ausgeflogen wurden. Am selben Tag schließt auch die Botschaft in Prag. Doch die Flüchtlinge darin und davor bleiben – und das politische Problem auch.

In der Bundesrepublik stellt die Regierung kurzfristig eine Milliarde D-Mark für die Eingliederung der neuen Bürger zur Verfügung. Als Arbeitskräfte sind DDR-Bürger gern gesehen – viele sind jung und gut ausgebildet. Gleichzeitig werben Politiker um Verständnis für die Neuankömmlinge. Neid sei fehl am Platz. Eine Umfrage hat nämlich ergeben, dass 46 Prozent der Bundesbürger den Zustrom der DDR-Bürger als eher belastend empfinden. „Die Flüchtlinge brauchen uns“, kommentiert die Berliner Morgenpost am 25. August. „Die Flüchtlinge sind keine fahrenden Gesellen. Sie geben ihre Heimat auf, die Stätten der Kindheit, einen gesicherten Arbeitsplatz.“ Dass sie mit der Flucht in den Westen auch materielle Vorstellungen verbänden, sei legitim.

Doch selbst westliche Politiker wie der CDU-Politiker Volker Rühe warnen die DDR-Bürger davor, die Massenflucht fortzusetzen und plädieren für eine politische Lösung.

Kohl fordert DDR-Regierung zu Gesprächen auf

Diese ist weiterhin nicht in Sicht. Während Ungarn an der Öffnung des Eisernen Vorhangs arbeitet und in Polen mit Tadeusz Mazowieki der erste nichtsozialistische Politiker an die Macht kommt, schweigt die DDR-Führung. Die DDR-Medien berichten am 22. August zwar indirekt über die Massenflucht – aber nur, indem das „Neue Deutschland“ Leserbriefe abdruckt, in denen es heißt, die West-Medien würden DDR-Bürger aufhetzen und zur Flucht treiben.

Die Berliner Morgenpost meldet am 23. August auf der Titelseite: „Kohl bestätigt Willen zu Treffen mit Honecker“. Kohl rufe die DDR-Regierung auf, sich Reformen nach dem Vorbild der Sowjetunion, Polens und Ungarns nicht länger zu verschließen. Die DDR trage die Verantwortung für die Situation. Doch Erich Honecker ist schwer erkrankt. Im Juli ist er vom Gipfeltreffen des Warschauer Paktes in Bukarest wegen Gallekoliken vorzeitig nach Berlin zurückgeflogen und sofort an Galle und Darm operiert worden. Doch mit einer schnellen Reaktion rechnen die Bonner Politiker nicht – nicht nur wegen Honeckers Krankheit. Solange die DDR-Führung keine Bewegung signalisiere, sei ein solcher Kontakt ohnehin nicht sinnvoll, heißt es in Bonner Regierungskreisen.

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“

Nach dieser Bewegung sieht es in Ost-Berlin nicht aus. Während die Sowjetunion beim Gipfel in Bukarest offiziell die Breschnew-Doktrin aufgegeben und die „Freiheit der Wahl“ verkündet hat, liegt Honecker weiter im Krankenhaus und nimmt im August nur wenige Termine wahr, bei denen sein Auftreten eher rätselhaft erscheint. So erklärt er am 14. August 1989 bei einem Termin im Kombinat Mikroelektronik Erfurt: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Erst im September 1989 taucht der SED-Chef abgemagert und vergreist wieder im Politbüro auf.