Raus aus der DDR

Stefan Schubert und die Geschichte seiner geglückten Flucht

 Im August vor 30 Jahren verließen DDR-Bürger zu Tausenden ihr Land – auch Stefan Schubert. Die Geschichte einer geglückten Flucht.

Stefan Schubert mit Gabi Lahl (l.) und Annette Dietrich, die halfen, seine Flucht aus Ost-Berlin zu organisieren. Sie sind seitdem befreundet.

Stefan Schubert mit Gabi Lahl (l.) und Annette Dietrich, die halfen, seine Flucht aus Ost-Berlin zu organisieren. Sie sind seitdem befreundet.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin. Es ist eine harmlose Frage, die Stefan Schubert den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Bis zu diesem Moment am Abfertigungsschalter nach Budapest hat er gar gar keine Zeit für Bedenken gehabt. Um kurz vor neun hat er an jenem Mittwochmorgen des 23. August 1989 sein Auto am Flughafen Schönefeld abgestellt, im Parkverbot, weil alle Parkplätze voll waren, wie so oft. Er ist wie immer zum Check-in gehastet, als Geschäftsmann ist der Diplom-Betriebswirt viel unterwegs. Diesmal jedoch gibt er eine Reisetasche auf. Und erst bei der Frage wird ihm wieder bewusst, was er da eigentlich tut. „Fliegen Sie allein?“

„Ja“, sagt er wahrheitsgemäß. Und hofft, dass ihm niemand ansieht, was er vorhat: nicht wieder zurückzukehren. Sondern von Ungarn über Österreich in den Westen zu fliehen, mithilfe von Freunden von Freunden aus dem Westen. Ein riskanter Plan. Doch Schubert, damals 33 Jahre alt, hat von der DDR und ihren Grenzen genug. Er will frei reisen, arbeiten und leben.

„Innerlich zitternd“ begibt er sich auf die Flucht

Noch im Zubringerbus zum Flugzeug ist ihm ein Stasi-Spitzel aufgefallen, den er eine Woche zuvor auch auf einem Flug nach Prag gesehen hat. Er trägt eine DDR-typische Krempeljeansjacke. Als eine Stewardess Schubert anspricht, erschrickt er. Dort sie weist ihn nur auf die richtige Gangway hin.

„Innerlich zitternd“, so beschreibt es Schubert in seinem Tagebuch, habe er seine Flucht angetreten. Ein Gefühl, das tausende DDR-Bürger teilen, die versuchen, von Ungarn oder der Tschechoslowakei aus in die Bundesrepublik zu gelangen. Auch wenn viele Bilder von damals eher nach Camping und Gruppenausflug aussehen – am Anfang dieser Reise stand für alle das Bewusstsein, alles zu riskieren – auch das eigene Leben.

Hintergrund: Als die Massenflucht aus der DDR über Ungarn einsetzte

Nur vier Tage vor Schuberts Abflug haben es mehrere hundert Menschen über die ungarische-österreichische Grenze geschafft, bei der symbolischen Öffnung des Grenzzauns, das heute als „paneuropäisches Picknick“ berühmt ist. Noch am Abend des Tages, als Schubert nach Ungarn kommt, fliegen Rotkreuz-Helfer 108 Flüchtlinge in den Westen, die in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest ausgeharrt haben. 300 weitere schaffen es zu Fuß über die grüne Grenze – die trotz des „Picknicks“ nach wie vor scharf bewacht wird. Am 21. August ist dort ein Familienvater aus Weimar vor den Augen seiner Frau und seiner Tochter von einem ungarischen Soldaten erschossen worden.

In einem grünen Opel in Richtung Grenze

Doch Schubert weiß von all dem nichts, als er in Budapest landet – nicht nur, weil die DDR-Zeitungen über die Massenflucht schweigen. Sondern weil er seine Flucht schon seit Wochen plant. Am Flughafen sprechen ihn zwei unbekannte Deutsche an. Sie haben ihn über ein Foto gefunden und werden ihm bei der Flucht helfen. In einem grünen Opel fahren sie ihn Richtung Grenze. Draußen fliegt eine sommerliche Ferienlandschaft vorbei, doch Schubert hat keinen Blick dafür.

Acht Jahre zuvor hat er in einem Ostseeurlaub in einem Restaurant zufällig drei lebenslustige West-Berliner kennengelernt. Sie haben für ihn nun die Flucht organisiert. Als sie sich damals trafen, sagt er, war er zunächst misstrauisch. „Als Mitarbeiter des Außenhandels durfte ich keine West-Kontakte haben.“ Schubert handelt für den staatlichen Außenhandel der DDR international mit Schwermaschinen. Ins nicht-sozialistische Ausland darf er dennoch nicht. Selbst zur Hochzeit einer west-deutschen Cousine darf er nicht fahren. Grund, so vermutet er, könnte sein, dass seine Eltern als Selbstständige eine Drogerie in Finsterwalde betreiben und mithin als „Kapitalisten“ gelten.

Doch die Freundschaft zu den West-Berliner ist gewachsen. Schubert hat sich schon immer für Menschen interessiert, die in anderen Ländern leben. Auch wenn sie in derselben Stadt wohnen, ist es ja ein bisschen so. Die Besuche sind gezwungenermaßen einseitig geblieben, doch das Vertrauen ist gegenseitig. 1988 erfährt Schubert, dass seine Karriere beim staatlichen Betrieb nicht weiterführen wird und macht sich mit einer Drogerie in Köpenick selbstständig. „Doch nicht erst seit da wusste ich, ich muss raus.“ Einen Ausreiseantrag stellt er nicht. „Die Repressalien hätten auch meine Familie getroffen.“

„Er befürchtete, dass sein Geschäft abgehört wird“

Die Gelegenheit bietet sich, als einer der West-Berliner Freunde im Frühjahr 1989 auf einer Party von einer Frau hört, die ihren Bruder über die ungarische Grenze gebracht hat. Der Freund bittet sie, für Schubert das Gleiche zu wagen. Als schließlich in Schuberts Drogerie zwei Frauen an Tresen stehen, die offensichtlich aus dem Westen sind und die historische Einrichtung aus den 20er-Jahren bewundern, weiß er: Es geht los.

„,Ach, lasst uns einen Kaffee trinken gehen‘, so hat er uns damals aus dem Geschäft gelotst“, erinnert sich Gabi Lahl, eine der beiden Besucherinnen von damals. „Er befürchtete, dass sein Geschäft abgehört wird“, erklärt Annette Dietrich. Auf einem Spaziergang zum Müggelturm stellen sie sich als Freundinnen der West-Berliner Bekanntschaft vor. Und besprechen die riskante Flucht.

Wer die Geschichte heute hört, fühlt sich an Kalte-Kriegs-Filme erinnert. Es folgten mehrere Treffen, bei denen die beiden Frauen aus Grunewald mal Bargeld in den Westen mitnehmen, mal Bilder, „damit Stefan nach der Flucht was hatte im Westen“. Sie lachen. „Wir haben die einfach hinter den Sitz im Auto gestellt und bei der Kontrolle gesagt, wir wollen sie einem Freund schenken. Angst hatten wir nie“, sagt Gabi Lahl Und Annette Dietrich ergänzt: „Wir waren ja keine Fluchthelfer, wir wollten nur Stefan helfen.“

Auf allen vieren kriechen sie in die Freiheit

Die Flucht selbst verläuft jedoch für Schubert traumatisch. Kurz vor der Grenze erfährt er, dass er im Kofferraum über die Grenze gebracht werden soll. Er hat Angst. Sie machen eine Testfahrt, um zu sehen, ob er genug Luft bekommt. Dann fahren die Helfer probehalber einmal ohne ihn über die Grenze. Zwei Stunden wartet Schubert in einem Restaurant mit jener Frau, die schon ihren Bruder geholfen hatte, die er aber nicht kennt. Er fühlt sich unbehaglich, beobachtet. In Berlin hat er lange gezögert, den Flug zweimal verschoben, war unsicher, ob die Flucht gelingt. Als die Helfer von der Testfahrt zurückkommen, berichten sie: Autos werden kontrolliert. Die Kofferraumflucht ist unmöglich.

„Also beschlossen wir, zu Fuß über die grüne Grenze zu laufen.“ Schubert lässt nun das Letzte zurück, was er hat. „Wir hatten nichts dabei, keine Papiere, nicht mal Wasser, nur unser blankes Leben.“ Die Hose und den Pullover, die er während diese dramatischen Stunden trug, hat er bis heute aufgehoben. Vielleicht als Beweis, dass die Flucht kein Alptraum war, sondern Realität.

Nur einen Kompass haben sie dabei, als sie abends an einem Waldrand aus dem Auto steigen und in Richtung Grenze kriechen. Doch schon bald hören sie Stimmen – eine Grenzpatrouille. Sie liegen stundenlang voller Angst still auf dem Waldboden. Als es hell wird, robben sie weiter, entdecken eine Grenzkaserne, verstecken sich in einem Maisfeld – nicht ahnend, das reifer Mais Lärm macht, wenn man hindurchläuft. Sie hören, wie eine Hundestaffel auf sie gehetzt wird, hocken wiederum stundenlang durstig im Feld. Als sie sich schließlich weiter wagen, sehen sie, dass die Grenztürme nicht mehr bewacht sind. Nach Stunden erreichen sie den Grenzzaun und jenseits davon einen Traktor. Der Fahrer fährt die Flüchtlinge in einen nahe gelegenen Gasthof. Am 24. August um 18 Uhr sind sie in Österreich.

Der geheime Code: „Die roten Rosen sind angekommen“

Schubert erinnert sich, wie er als erstes seine Familie anrief. Sie hatten einen „Codesatz“ vereinbart wie im Film: „Die roten Rosen sind angekommen.“ Am nächsten Tag flog er von Wien zurück nach Berlin – und dennoch in eine andere Welt. In Berlin-Tegel warteten schon seine Freunde. Bereut er aus heutiger Sicht das Wagnis, das er damals einging? Er schüttelt den Kopf. Mit seiner Ankunft im Westen begann für ihn ein neues Leben. Über ein Traineeprogramm des Berliner Senats konnte er seine Karriere im Marketing und Vertrieb großer Konzerne fortsetzen. Schubert lebt mittlerweile in Bonn. Mit seinen Fluchthelfern ist er bis heute befreundet.