30 Jahre Mauerfall

Als in Ungarn die Berliner Mauer fiel

Beim Paneuropäischen Picknick kam es zur Massenflucht aus der DDR. Zwei Männer sorgten dafür, dass es keine Toten gab.

Die Grenzer Árpád Bella (links) und Johann Göltl vor einem Stück Berliner Mauer an der Gedenkstätte für das Paneuropäische Picknick. Jetzt stehen sie dort Hand in Hand.

Die Grenzer Árpád Bella (links) und Johann Göltl vor einem Stück Berliner Mauer an der Gedenkstätte für das Paneuropäische Picknick. Jetzt stehen sie dort Hand in Hand.

Sopron. Am Tag, an dem Oberstleutnant Árpád Bella und Chefinspektor Johann Göltl Geschichte schrieben, ging so ziemlich alles schief. Es war der 19. August 1989, ein schwüler Sonnabend. Göltl hatte frei. Bella Hochzeitstag. Trotzdem wurden sie an den Grenzübergang an der alten Pressburger Landstraße abkommandiert. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist hier keiner mehr durchgekommen. Für genau drei Stunden sollten sie den Eisernen Vorhang öffnen.

Die Anweisungen waren klar: „Die Benützung des Grenzübergangs ist ausschließlich für die vom Ungarischen Demokratischen Forum, Sopron veranstalte Sonderfahrt gestattet.“ So hieß es in der Verordnung der Sicherheitsdirektion Burgenland. Nur Ungarn und Österreicher. Keine DDR-Bürger. Und für Bella galt wie immer: „Flüchtlinge müssen aufgehalten werden, mit allen Mitteln.“

Göltl und Bella kennen sich schon damals gut vom Grenzdienst, nennen sich gegenseitig Hansi und Arpi. Sie verteilen Aufgaben, stimmen sich ab. Göltl hat keinen Schlüssel für das Schloss am Schlagbaum, lässt es von einem Kollegen mit dem Hammer aufschlagen. Bella lässt einen Flügel des Holzgatters auf seiner Seite öffnen. Sie rechnen mit maximal 100 Delegierten.

Und dann das: Bella erinnert sich an eine Gruppe von Hunderten, die langsam hinter dem Hügel auftaucht, erst sah er die Kinder auf den Schultern, beim nächsten Blick schon die Oberkörper, dann die Kinderwagen. Göltl spricht in breitem Österreichisch von einem Riesendurcheinander: „Des war der Wahnsinn.“ In seiner Erinnerung tauchen da Trabanten „und des ganze Klump“ auf, springen Menschen aus dem Maisfeld. DDR-Flüchtlinge.

Göltl rennt zu Bella. Bist du narrisch? Wieso sagst du mir nix?“. „Ich hab’ nichts gewusst“, sagt der. „Du lügst!“, sagt Göltl und eilt zu seinem Grenzstein zurück. Bella weiß: Ein paar Meter vor der Grenze kann er die Flüchtlinge nicht aufhalten. Nicht ohne Gewalt.

Im Rückblick wird aus dem Chaos Geschichte

Aus heutiger Sicht wird aus dem Chaos, das Göltl und Bella damals überrannte, ein Meilenstein der deutschen Wiedervereinigung. Auf das Paneuropäische Picknick, das ungarische Oppositionelle unter der Schirmherrschaft des damaligen CSU-Abgeordneten im Europaparlament, Otto von Habsburg, organisiert hatten, folgte die schrittweise Öffnung des Eisernen Vorhangs, der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung.

„Wir werden Ungarn immer dankbar sein für diesen Beitrag zur deutschen Einheit“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonnabend. Am Montag reist sie zum 30. Jubiläum des Picknicks nach Sopron. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat sie eingeladen. Beide werden einem ökumenischen Gottesdienst beiwohnen, Reden halten – und danach, so heißt es aus dem Bundeskanzleramt, beim Mittagessen über aktuelle europäische Themen sprechen.

30 Jahre nach dem Paneuropäischen Picknick könnte die Stimmung dafür kaum schlechter sein. Die EU und Deutschland kritisieren Demokratieabbau und mangelnde Solidarität seitens Ungarns. Orbán zählt zu den schärfsten Kritikern Merkels, nicht nur in Sachen Flüchtlingspolitik. Längst hat Ungarn im Süden wieder einen Grenzzaun aufgebaut, wird an verschiedenen Stellen in der EU wieder an den Binnengrenzen kontrolliert. Die Errungenschaften von damals, die europäische Einigung, heute stehen sie nicht nur in Ungarn wieder auf dem Spiel.

„Ich wollte immer rüber“, sagt Walter Sobel, heute 56, damals 26. Er stammt aus Blankenburg im Harz. Die innerdeutsche Grenze hatte er jeden Tag vor Augen, gleich hinter dem Brocken, keine 25 Kilometer entfernt. Im Sommer 1989 spürte er die Chance zur Flucht in die Bundesrepublik. Ungarn, die „lustigste Baracke des Sozialismus’“, wie man selbst im Ostblock witzelte, hatte längst auf Reformkurs umgeschwenkt und seinen Bürgern das Reisen erlaubt. Aus dem West-Fernsehen wusste man in der DDR, dass Ungarn im Mai 1989 mit dem Rückbau des Eisernen Vorhangs begonnen hatte. Ungarn hatte mehrfach signalisiert, nicht die Bürger anderer Staaten einsperren zu wollen.

Walter Sobel erzählt, wie er Zeugnisse und Dokumente nach Westdeutschland schmuggeln ließ, ein Zelt und für 40.000 Ostmark einen neuen Wartburg kaufte – für Reisekomfort seiner zwei- und vierjährigen Töchter bei der Flucht.

Familie Sobel machte Urlaub am Plattensee. Danach sollte es über die Weinberge im Süden nach Jugoslawien und dann in den Westen gehen. 24 Stunden lang spähte Sobel die Grenze aus. Er fand keinen sicheren Weg für seine Familie.

Sie fuhren auf einen Campingplatz in der Nähe von Sopron. Abends sahen sie die Lichter von Mörbisch am Neusiedler See, schmiedeten ihren Fluchtplan – im Geheimen. „Da war überall Stasi, das wussten wir.“ Eine Bäckerin vermittelte Sobel einen Schleuser für 1000 D-Mark.

Zehntausende Menschen wie Walter Sobel waren damals in Ungarn. Offiziell DDR-Bürger auf Urlaub. Die meisten wollten vor dem Honecker-Regime fliehen, das sich trotz wirtschaftlichen Niedergangs und Gorbatschows Perestroika im Arbeiter- uns Spitzelstaat einmauerte und nicht zu Reformen fähig war.

Allein im August 1989 flohen 25.000 Menschen aus der DDR – ein Großteil über Ungarn. Die Urlauber belagerten die bundesdeutsche Botschaft in Budapest, schliefen in Parks und Autos, überfüllten die Campingplätze.

Der reformistische Staatsminister Imre Pozsgay hatte das Picknick gemeinsam mit Otto von Habsburg und seiner europäischen Einigungsbewegung sowie mit oppositionellen Gruppen in Ungarn eingefädelt. Österreicher und Ungarn sollten Speck braten und sich am Abriss des Eisernen Vorhangs beteiligen. Motto: „Baue ab und nimm mit!“ Tausende Flugblätter mit dieser Botschaft wurden verteilt, auch auf Deutsch, auch auf den ungarischen Campingplätzen.

Wie eine Bauernsohn in die Weltgeschichte trat

Chef-Zollinspektor Johann Göltl ist heute ein 78-jähriger Rentner, dem das Alter nicht das Spitzbübische aus dem Gesicht vertrieben hat. Er würde gerne reisen, kümmert sich aber gemeinsam mit einer ungarischen Pflegerin zuhause um seine todkranke Frau.

Wenn man ihn nach seiner Zeit beim Zoll fragt, dann erzählt er von einem Mädchen, das sich die Beine verbrannte, als es im Motorraum geschmuggelt wurde, von Schnippchen, die er den ungarischen Kollegen geschlagen hat, von den Zetteln, die ihm Bella über den Schlagbaum reichte, wenn er etwas brauchte. Oder davon, wie ein Lkw durch die Grenze brach, wie die Maschinenpistolen der Ungarn ratterten. Das brachte ihn damals auf die ersten Seiten der österreichischen Presse.

Aber das Ereignis, das Göltls Leben veränderte, war das Paneuropäische Picknick. Es katapultierte ihn, den Bauernsohn aus Apetlon im Burgenland, mitten in die Weltgeschichte. Bis heute wird Göltl auf Symposien in Wien und Berlin eingeladen. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er traf Angela Merkel, Lothar de Maizière, Helmut Kohl. Das Foto vom Händedruck mit Gorbatschow im Hotel Adlon hat der Burgenländer zigfach vervielfältigen lassen. Wenn Göltl vom 19. August 1989 erzählt, dann wird er laut, er schreit Árpád Bella zu, als stürmten die DDR-Flüchtlinge noch heute auf ihn zu.

Fragt man den Ungarn, fünf Jahre jünger als Göltl und ein stolzer Grenzschützer a.D., danach, wo er da damals bloß hineingeraten war, dann referiert er zunächst die Kommandoketten und Verwaltungsvorschriften, spricht von „DDR-Grenzverletzern“, „differenzierter Grenzkontrolle“, „qualifiziertem Schießbefehl“.

Der habe noch an jenem 19. August 1989 für ihn und seine Männer gegolten. Das heißt, seit der Schießbefehl aufgehoben war, wurde zwar nicht mehr auf alles geschossen, was unkontrolliert über die Grenze lief. Aber: Kam es zu einem Angriff gegenüber Grenzbeamten oder ging es um eine Gruppe von drei oder mehr Flüchtlingen, dann war folgendermaßen vorzugehen: Ansprache, Festhalten, Warnschuss, Schuss.

Noch zwei Tage nach dem Paneuropäischen Picknick starb ein Flüchtling durch die Kugel eines ungarischen Grenzsoldaten. Das Schicksal der DDR-Bürger hing auch von den Nerven der Grenzschützer ab. Es galt nach wie vor die Anweisung, keine illegalen Grenzübertritte zuzulassen.

Geheimdienstinformationen und ein Telegramm

Als Walter Sobel das Flugblatt mit dem durch eine Rose durchbrochenen Stacheldraht in die Hände bekommt, weiß er, was zu tun ist. Den Wartburg lässt er auf dem Campingplatz stehen, läuft vor, die Familie kommt nach. Er beobachtet, wie der erste Schwung, 100 bis 150 DDR-Bürger, einfach rüberläuft.

Bella hatte schon früh Geheimdienstinformationen über das Picknick, auch ein unverständliches Telegramm des Grenzkommandos habe ihn erreicht. Das erinnerte daran, dass die Grenzbeamten nur zu den Waffen greifen dürfen, wenn sie angegriffen werden. Bella sagt, er habe nicht zwischen Zeilen gelesen. „Ich war ein Mann eindeutiger Befehle.“

Und dann stürmen sie auf ihn zu. „Grenzverletzer“. Menschen. Solche, die ein paar Meter vor ihrem Tor zur Freiheit waren, nicht daran dachten, stehen zu bleiben. „Ich stand vor der Wahl: Bin ich der brave Soldat oder der Verräter?“

Bella wusste, wenn er einschreitet, entsteht Panik, Gewalt, es könnte Tote geben. Er ließ die Menschen ziehen, später, als der zweite und dann ein dritter Schub kamen, wies er seine Männer an, sich mit dem Rücken zu den Flüchtlingen zu stellen.

Göltl erzählt von Alten, die zu Boden sanken, weinten. Von den Jungen, die jubelten und schrien. Mehr als 600 DDR-Bürger gelangten so nach Österreich. Die erste Massenflucht.

Walter Sobel passiert im zweiten Schub. Er trägt eine ausgebleichte Jeansjacke und seine Zweijährige auf dem Arm. Vorbei am Gatter, durch ein Spalier von Gratulanten und Feiernden. Dann gräbt er seine Nase in das Gesicht seiner Tochter, drückt sie fest an sich, murmelt, weint.

30 Jahre später blickt Walter Sobel auf die Videoaufnahme. Der Unternehmer von heute sieht den Flüchtling von damals. Beide haben feuchte Augen. An der Erinnerungsstätte am Ort des Grenzdurchbruchs läuft das Video auf einem Plasmabildschirm in Dauerschleife. Sobel kommt immer wieder hierher zurück. Jetzt ist er für Jubiläumsfeierlichkeiten da.

Auch Bella und Göltl sind heute da, erzählen vor Ort, was sie schon so vielen Journalisten erzählt haben. Erst später erfuhren sie, dass die ungarische Regierung das Picknick absichtlich in eine Massenflucht münden ließ – um zu testen, ob die Sowjetunion eingreift.

Bella wurde erst als Verräter abgestempelt, musste mit Gefängnis rechnen. Dann geriet er in Ungarn in Vergessenheit. In diesen Tagen wird er in Sopron auf dem Podium einer Gedenkveranstaltung auftreten. Als „Zeitzeuge“ sei er geladen. Unerhört. Nein, er sehe sich nicht als Held. Aber er sei stolz, dass er seinen Teil zur Wiedervereinigung beitragen konnte. Ihn ärgere außerdem, wenn andere sich seine Verdienste aneignen wollen.

Jeder versucht, dem Picknick seinen Stempel aufzudrücken

Das sattgrüne Wiese am Grenzübergang ist heute ein Erinnerungsplatz. Überall Monumente und Steintafeln. Ein Marmortor symbolisiert den Beitritt Ungarns zur Europäischen Union. Organisationen haben Gedenkglocken gespendet, Gedenktafeln, eine Statue mit dem Titel „Umbruch“, die darstellt, wie irgendetwas zwischen einer Mauer und einem antiken Tempel auseinanderfällt. An diesem Sonntag wurde ein Stück Berliner Mauer an der Gedenkstätte eingeweiht. Viele, so scheint es, wollen dem schwülen Sonnabend im Sommer 1989 ihren Stempel aufdrücken.

Die Flüchtlinge von damals, auch Walter Sobel, sind vor allem den Organisatoren des Picknicks dankbar. Sobel sagt: „Gott sei Dank gab es Árpád Bella. Er war der wahre Held.“

Als dieser gemeinsam mit Göltl die frisch geteerte Landstraße quert, nickt der einstige Chefinspektor auf die österreichische Seite. Ein Container steht dort. Ein Soldat in orangefarbener Warnweste ist davor postiert. Er späht durch ein Fernglas jene Straße herunter, auf der einst die DDR-Flüchtlinge hochliefen. „So ein Schmarrn“, sagt Göltl. „Das ist notwendig“, sagt Bella, „wegen der Migranten.“

Im Sommer 2015 hat Österreich die Grenzkontrollen vorübergehend wieder eingeführt. Sie sind immer noch da. Göltl und Bella stimmt das traurig. Auch die Spannungen zwischen Brüssel und Budapest, die neuen Grenzzäune. Aber jeder sieht die Schuldigen woanders.

Am heutigen Montag wird Angela Merkel nach dem Mittagessen mit Viktor Orbán nach Island weiterfliegen. Sie wird nicht, wie vor zehn Jahren, an der Feier am Grenzübergang teilnehmen. Es scheint nicht die Zeit zu sein für gemeinsame Bilder an alten Stacheldrahtzäunen.