Nationalsozialismus

Käthe 35 - Biografie eines Berliner Hauses

Der in Prenzlauer Berg lebende Architekt Simon Lütgemeyer hat die Geschichte eines Hauses und seiner jüdischen Bewohner erforscht.

Die Käthe-Niederkirchner-Straße 35, früher Lippehner Straße 35.

Die Käthe-Niederkirchner-Straße 35, früher Lippehner Straße 35.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Vor wenigen Wochen, am 12. Mai, wurde an der Käthe-Niederkirchner-Straße 35 in Prenzlauer Berg eine besondere Gedenktafel enthüllt: ein stummes Klingeltableau. Es verzeichnet die Namen von 83 jüdischen Bewohnern und Eigentümern dieses Hauses, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet, die in Tod und Emigration getrieben wurden. Der Architekt Simon Lütgemeyer, 45 Jahre alt und mit seiner Familie selbst Bewohner des Hauses, hat ihre Geschichten in Archiven und Bibliotheken, vor allem aber mit Hilfe ihrer Nachfahren recherchiert.

Zur Enthüllung der Gedenktafel waren unter anderem die Enkel des ehemaligen Hauseigentümers Isidor Lewy, Peter und Werner Gossels, mit ihren Familien eigens aus den USA angereist. Weitere Nachfahren aus Australien waren auch dabei. Eine Traube von vielleicht 80 Menschen hatte sich vor dem Hauseingang gebildet, viele weitere kamen im Lauf des Tages dazu, um sich die Dokumentation der Geschichte des Hauses anzusehen, die immer noch besichtigt werden kann. Nach der Enthüllung betete man gemeinsam das aramäische Kaddisch, um der Toten zu gedenken. Der hebräische Satz, der oben auf dem Klingeltableau steht, lautet übersetzt „Ruhet in Frieden“.

Als das Haus 1903 gebaut wird, heißt die Straße, die zwischen der Greifswalder Straße und Am Friedrichshain verläuft, noch Lippehner Straße, benannt nach einer Kleinstadt in Westpommern – den Namen der kommunistischen Widerstandskämpferin Käthe Niederkirchner (1909-1944) trägt sie seit 1974, die Hausnummern blieben nach der Umbenennung erhalten. Eigentümer des Grundstücks wird am 28. März 1903 der Maurermeister Herrmann Knoll, der am 5. Mai desselben Jahres beim Königlichen Polizeipräsidium den Bauantrag einreicht. Er stellt das Haus zum 20. Oktober 1904 fertig und wohnt offenbar selbst einige Zeit dort. Ab dem Jahr 1908 ist sein Name in den Berliner Adressbüchern nicht mehr zu finden.

Die Eigentümerin wurde zum Verkauf gezwungen

1905 erwirbt Isidor Lewy das Haus von Knoll. Lewy, Jahrgang 1859, verkauft in dieser Zeit sein Unternehmen, eine Firma für Kinderbekleidung mit Produktionsstätten an der Brunnenstraße und Geschäftsräumen in der Burgstraße unweit des Stadtschlosses. Sein Enkel Peter Gossels sagt, Isidor habe das Haus mit seinen 42 Wohneinheiten als eine Art Altersversorgung erworben. Er ist mit der 1875 geborenen Lina Lewy verheiratet. Sie haben zwei Töchter: Die 1901 geborene Hildegard und die 1903 geborene Charlotte. Die Familie wohnt zunächst in der Levetzowstraße in Moabit, bis sie um 1915/16 in eine Wohnung im 2. Obergeschoss der Lippehner Straße 35 zieht.

Als Isidor 1936 stirbt, sind die Nationalsozialisten bereits seit drei Jahren an der Macht, die systematische Entrechtung und Ausgrenzung der in Deutschland lebenden Juden ist im vollen Gange. Zunächst wird Isidors Frau Lina Eigentümerin des Hauses - sie wird von den Behörden aber 1939 gezwungen, es für einen deutlich zu niedrigen Preis von 127.000 Reichsmark zu verkaufen. Das Geld befindet sich auf einem Sperrkonto, auf das die Familie nur begrenzten Zugriff hat. Lina Lewy wohnt mit ihren beiden Töchtern weiterhin im Haus an der Lippehner Straße 35. Die Behörden quartieren zahlreiche weitere jüdische Mitbürger dort ein. Lina Lewy wird am 3. Oktober 1942 zusammen mit 1021 anderen Personen nach Theresienstadt deportiert. Am 23. November 1942 stirbt sie dort im Alter von 67 Jahren, nach ärztlichem Befund an Herzmuskelschwäche.

Am 1. März 1943 wird Hildegard Lewy nach Auschwitz deportiert und ermordet

Ihren beiden Töchtern bleibt ein ähnlich trauriges Schicksal nicht erspart. Die ältere der beiden, Hildegard, muss Zwangsarbeit bei der A.E.G. Fernmeldekabel & Apparate Fabrik Oberspree in Oberschöneweide leisten. Der Wochenlohn ist mit 25 Reichsmark derart niedrig, dass sich damit noch nicht einmal die monatliche Miete in Höhe von 115 Reichsmark finanzieren lässt. Am 1. März 1943 wird Hildegard Lewy nach Auschwitz deportiert und dort umgehend ermordet.

Ihre jüngere Schwester Charlotte ist im Gegensatz zu ihr nicht ledig geblieben. Sie heiratet 1929 den Magistratsrat Max Gossels. 1930 kommt ihr gemeinsamer Sohn Peter zur Welt, Werner folgt 1933. Es ist das Jahr, das mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler begonnen hat und in dem im April mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ die Grundlage geschaffen wird, jüdische und andere missliebige Beamte aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen. Max Gossels verliert seine Anstellung an der Humboldt-Universität, und aufgrund seiner nunmehr unsicheren Einkommenssituation gerät seine Ehe ins Straucheln. 1936 wird sie geschieden, Charlotte kehrt mit ihren beiden Söhnen in die elterliche Wohnung zurück. Vater Max bleibt der Familie zunächst freundschaftlich verbunden, flieht im März 1939 nach Antwerpen, wird von dort aus nach Frankreich deportiert, bevor er im Februar 1942 nach Venezuela flieht. Er stirbt 1978 eines natürlichen Todes.

Charlotte, ins Haus an der Lippehner Straße 35 zurückgekehrt, kann dort zunächst ein Leben führen, das ihr Sohn Peter rückblickend als „recht komfortabel“ beschreibt: „Hilde arbeitete, Lotte kümmerte sich um ihre Kinder und Lina empfing viele Gäste, darunter ihr Neffe, Benno Lewy, und ihre Nichte, Lucy Lewy, die später in die USA emigrierte.“ Aber mit dem wachsenden Druck auf die Juden in Deutschland ändert sich die Lage. Charlotte muss zum Lebensunterhalt der Gemeinschaft beitragen. Sie eröffnet in einem Raum im 2. Obergeschoss einen Salon für Massage und Schönheitspflege, für den sie mit Annoncen im Jüdischen Nachrichtenblatt in den Jahren 1938-1940 wirbt. Sie wird, wie auch ihre Schwester, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Für einen Wochenlohn von 20 Reichsmark muss sie bei den Deutschen Tachometer-Werken schuften.

Bedroht von Mitgliedern der Hitler-Jugend

Einmal muss sie ihre Söhne vor einer Horde von Mitgliedern der Hitler-Jugend in Sicherheit bringen, die Peter und Werner auf ihrem Heimweg vom Park Friedrichshain bedroht haben. Am 9. November 1938 brennen während der Reichspogromnacht jüdische Einrichtungen und Geschäfte. Charlotte ist klar, dass sie ihre Kinder außer Landes bringen muss, für sie gibt es in diesem Deutschland keine Zukunft. Sie überträgt das Sorgerecht an das „Comité Israelite“, das Peter und Werner Unterkunft im Schloss Quincy-sous-Sénart organisiert, 20 Kilometer südöstlich von Paris gelegen. Sie bringt die beiden, begleitet von ihrem Großvater väterlicherseits, am 3. Juli 1939 zum Bahnhof, wo sie mit 37 weiteren jüdischen Kindern den Zug besteigen. Sie wird Peter und Werner niemals wiedersehen. Einen Tag nach ihrer Schwester wird sie am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Wohnung im 2. Obergeschoss an der Lippehner Straße wird ausgeräumt, das Inventar von Möbelhändler Kaltschmidt aufgekauft und übrig gebliebene Bücher und Fotoalben der Familie im Hof verbrannt.

Peter und Werner Gossels, heute 88 und 85 Jahre alt, hätten ohne die Tat ihrer Mutter nicht überlebt. Von Frankreich aus reisten sie im September 1941 in die USA und gingen vom Segelschiff Serpa Pinto in New York an Land, die Freiheitsstatue in Sichtweite. Heute leben die Brüder in Wayland, Massachusetts. Peter arbeitet immer noch als Anwalt in Boston und hat drei Kinder, die alle bei der Enthüllung des Klingeltableaus dabei waren. Werner wurde Ingenieur und brachte am 12. Mai vier seiner fünf Kinder mit. In einem rückblickenden Artikel für den „Wayland Town Crier“ schrieb Peter Gossels elf Tage später folgendes darüber: „Die Gossels-Familie, die so schrecklich unter den Deutschen leiden musste, kehrte mit der Überzeugung nach Amerika zurück, dass die Kräfte des Bösen, die die Deutschen vor 80 Jahren beherrscht haben, durch eine anständige, mitfühlende Generation ersetzt worden sind, die sich dafür einsetzt, die Welt und besonders Deutschland zu einem besseren, friedlicheren, großzügigeren Ort zu machen.“

Ausstellung: Im Haus Käthe-Niederkirchner-Straße 35 in Prenzlauer Berg kann man nicht nur das Klingeltableau besichtigen, sondern sich auch über die Lebenswege der ehemaligen Hausbewohner informieren. Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. Oktober. Die von Simon Lütgemeyer zusammengetragenen Fakten lassen sich auch im Netz unter der www.kaethe35.de studieren.

Live: Die professionelle Erzählerin Britta Wilmsmeier wird am Sonntag, 29. September, um 20 Uhr das Stück „Käthe 35 - Biografie eines Berliner Hauses“ präsentieren: Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Reservierung unter Tel.: 902 95 38 17.