30 Jahre Mauerfall

Auf diesen Mann feuerte die NVA 46 Schüsse

Vor 30 Jahren hob die DDR den Schießbefehl an der Grenze auf. Ralf Wolfensteller erlebte ihn bei seinem Fluchtversuch am eigenen Leibe.

Einst Gefängnis, heute Gedenkstätte: Ralf Wolfensteller verbrachte nach seinem Fluchtversuch gut drei Jahre im „Lager X“ der Stasi in Hohenschönhausen.

Einst Gefängnis, heute Gedenkstätte: Ralf Wolfensteller verbrachte nach seinem Fluchtversuch gut drei Jahre im „Lager X“ der Stasi in Hohenschönhausen.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Die Kalaschnikow, so haben sie es in der Ausbildung gelernt, sei die „Braut des Soldaten“. Wochenlang, erinnert sich Ralf Wolfensteller, „mussten wir im Kampfanzug schlafen und zwar mit der ,Braut’ im Bett. Wäre es zum Einsatz gekommen, hätte ich damals wohl auch die Knarre genommen und wäre losgerannt. Auch wenn ich das nie wollte.“

Ralf Wolfensteller hat nie geschossen, nicht auf Menschen. Die einzigen Schüsse, die er während seiner Zeit als Grenzsoldat der DDR erlebte, richteten sich gegen ihn selbst. Am 25. September 1967 floh Ralf Wolfensteller, Wehrdienstleistender und 20 Jahre alt, beim Kontrollgang an der deutsch-deutschen Grenze im Harz in den Westen. Er kam 60 Meter weit.

Es war sein Kompaniechef, der auf ihn hielt. Und ihn fast tötete. Der Fall ging in die Geschichte ein, weil die Schüsse der NVA-Soldaten auf westlicher Seite fielen – ein Politikum. Ralf Wolfensteller hat über seinen Fluchtversuch und die viereinhalb Gefängnisjahre danach lange geschwiegen. 1971 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Erst seit einigen Jahren berichtet er als Zeitzeuge davon.

Schwer verletzt schleiften ihn die NVA-Soldaten damals zurück auf DDR-Gebiet. Beamte des Zollgrenzdienstes auf westlicher Seite fanden später im Wald eine NVA-Mütze mit einem Haarbüschel, Uniformknöpfe und Geschosshülsen. Sie zählten 46 Einschüsse in den Fichten. Als die westlichen Medien von dem Schusswechsel berichteten, nahm man zunächst an, das Opfer sei tot.

Doch Wolfensteller hat überlebt. Die vier Schüsse in den Oberkörper – und die viereinhalb Jahre in verschiedenen Stasi-Gefängnissen, die er allein deswegen erleiden musste, weil er in die Freiheit wollte. Acht Monate saß er in Isolationshaft im Folter-Gefängnis Magdalenenstraße, danach folgten gut drei Jahre im „Lager X“ der Stasi in Hohenschönhausen, das es offiziell genauso wenig gab wie den Schießbefehl. Das Stasi-Gefängnis war wie der gesamte Sperrbezirk rund um die Genslerstraße auf keinem Stadtplan verzeichnet. Heute ist das Gefängnis Gedenkstätte.

Hintergrund: Tödliche Schüsse an der deutsch-deutschen Grenze

• Wie viele Menschen an der deutsch-deutschen Grenze getötet wurden, ist bis heute umstritten. Die Zahlen schwanken zwischen 300 und 1000. Soldaten der DDR waren angewiesen, an der Grenze auf Flüchtlinge scharf zu schießen.

• Auch wenn es im offiziellen Sprachgebrauch den Begriff des Schießbefehls nicht gab – die Anweisung ist bis heute in unterschiedlicher Form belegt und wurde 1982 auch im Grenzgesetz der DDR festgeschrieben. Tödliche Schüsse an der Grenze wurden gegenüber der Öffentlichkeit verheimlicht, intern aber belohnt.

• SED-Politiker und DDR-Militärs bestritten vor Gericht die Existenz des Schießbefehls. Politiker der Linken haben nach dem Mauerfall seine Existenz immer wieder geleugnet. Intern, gegenüber den Grenztruppen, wurde der Befehl am 3. April 1989 im Auftrag Honeckers ausgesetzt. Offiziell aufgehoben hat den Befehl jedoch erst die Modrow-Regierung – am 21. Dezember 1989.

Mehr Artikel zum Thema 30 Jahre Mauerfall:
Václav Havel war das Symbol des Aufbegehrens
Gedenken an Chris Gueffroy - 22 Schüsse, einer ins Herz
Erich Honecker: „Die Mauer steht noch in 100 Jahren“
Das „weiße Haus“ war ein Fluchtpunkt in Ost-Berlin

„Ich war einer der letzten, die noch zu Zuchthaus verurteilt wurden“

Ralf Wolfensteller, heute 73, wirkt mit seinen Jeans, der Steppjacke und den kurzen schlohweißen Haaren auf dem Hof des einstigen Gefängnisses zunächst wie ein interessierter Tourist unter vielen. Von 1951 bis 1989 ließ man hier vor allem politische Gefangene inhaftieren und physisch und psychisch foltern. Schulklassen, Reisegruppen und auch ein Kamerateam blicken sich suchend um: Was geschah wo? Wo war das Haftkrankenhaus? Wo die Zellen?

Auch Wolfensteller stellt diese Fragen. Denn auch, wenn er sich hier als ehemaliger Insasse vorgestellt hat – „ich war einer der letzten, die noch zu Zuchthaus verurteilt wurden“ – das Gefängnis kennt er nur von innen, hat die Gebäude damals nie von außen gesehen. „Wir Häftlinge sollten nie erfahren, wie es aussah, wo wir uns überhaupt befanden.“ So ist jeder Besuch an diesem Ort auch eine Rekonstruktion seiner Erinnerung.

Aufs Gelände transportiert wurden sie in fensterlosen Lieferwagen, die von außen als Gemüse- oder Fischtransporte getarnt waren. Innerhalb der Gebäude ging es durch vermauerte Gänge, vergitterte Türen, die wenigen Fenster waren blind. Kam jemand entgegen, hatten Häftlinge sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, Wolfensteller macht es vor, als er den Zellentrakt gefunden hat. „Irgendwann tat man das automatisch.“

Die schlimmste Zeit, sagt er, war die Isolationshaft. Er schiebt den Deckel des Gucklochs einer Zellentür beiseite, sagt: „unsere Zellen war noch spartanischer, als diese, bei uns gab es nur einen Eimer statt einer Toilette“. Er beschreibt, wie sie rund um die Uhr bewacht wurden, selbst bei intimsten Verrichtungen. Nachts wurden die Häftlinge alle paar Minuten geweckt, tagsüber mussten sie stundenlang stehen, wurden wieder und wieder verhört. „Wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellend war, wurde der Eimer als Strafe teils tagelang nicht geleert.“ Irgendwann, sagt er, „habe ich beschlossen, ich lasse mich von denen nicht kaputt machen. Sonst hätte ich das nicht überlebt.“

Wolfensteller will, dass man versteht, was die DDR mit den Menschen machten

Dass Ralf Wolfensteller an diesen Ort zurückkehrt und seine Geschichte erzählt, hat mehrere Gründe. Er will, dass man versteht, was die DDR mit den Menschen machte. Wie Diktatur und Ideologie funktionieren. Welche Folgen der unbedingte Gehorsam haben kann. Und es ist, vielleicht, auch eine Art Therapie. Denn im Grunde kehrt er sowieso jede Nacht wieder hierher zurück. In seinen Alpträumen. Auch in der Nacht vor diesem Besuch hat er nicht geschlafen.

Nachdem er angeschossen worden war, kam Wolfensteller 1967 nach einer Notversorgung in einem zivilen Krankenhaus zunächst für zwei Monate ins Haftkrankenhaus Hohenschönhausen, das heute ebenfalls zur Gedenkstätte gehört. Innen hängt derselbe penetrante Geruch wie damals, er läuft durch die Gänge, schaut durch Gefängnistüren in Krankenzellen, berührt die Alarm-Kabel an den Wänden. Alles wie früher. „Während der gesamten zwei Monate musste ich liegen, hatte keinen Kontakt nach außen, wusste ich nicht, wo ich war, welches Datum, hatte keinen Kontakt nach außen.” Immerhin wurden seine Schusswunden gut versorgt, sagt er. „Man war ja wertvoll.“

Der Zynismus, mit dem der ehemalige Häftling erzählt, ist so fein, dass man ihn schnell überhört. Denn die scheinbar fürsorgliche Behandlung hatte nichts Menschliches. „Häftlinge wurden für viel Geld den Westen verkauft.“ Er erinnert sich, wie man ihm einen Hofgang in Aussicht stellte. Wochenlang hielt er sich an der Hoffnung fest auf etwas Grün, frische Luft, einen Hauch Freiheit. Stattdessen wurde er in einen winzigen Käfig aus meterhohen Betonwänden gebracht, der noch existiert. Oben ist er abgesperrt durch Maschendrahtzaun. Wolfensteller schaut in den winzigen Fleck Himmel, „Von da oben richtete einer sein Maschinengewehr auf mich.“ Er sucht einen Moment nach dem richtigen Wort für das, was ihn damals im Wortsinn in die Knie zwang. „Es war tiefste Enttäuschung.“ In dem Käfig sah er seinen jahrelangen Traum endgültig zerstört, je in in die Freiheit zu gelangen.

Schon als Schüler, sagt Wolfensteller, war ihm die DDR nicht als lebenswertes Land erschienen. Aufgewachsen ist er in Leipzig, seine Mutter starb, als er fünf war. Der Vater hielt nichts vom Sozialismus. Er hatte ein Fuhrunternehmen, ein Ein-Mann-Betrieb, „aber selbst damit galt er als Kapitalist und wurde entsprechend behandelt“. Früh führte die Stasi eine Kaderakte auch über den Sohn. Er ließ sich konfirmieren, statt zur Jugendweihe zu gehen, sprach aus, was er dachte. „Irgendwann sagte mir ein Lehrer offen, ich würde aus politischen Gründen nie zum Abitur zugelassen. Da wusste ich, ich will weg. Rüber.”

Vater wollte die Heimatstadt trotz Massenflucht nicht verlassen

Mit 14 Jahren plante er die Flucht konkret. Allein, denn der Vater wollte trotz der Massenflucht aus der DDR die Heimatstadt nicht verlassen. Der Sohn aber meldete sich für den 18. August 1961 in einer Jugendherberge in West-Berlin an, die er von früheren Besuchen kannte. „Bis zum Mauerbau konnte man ja über Potsdam mit der S-Bahn nach West-Berlin fahren.“ Über das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde wollte er nach Wolfsburg. „Dort wollte ich meinen Schulabschluss machen und mich im VW-Werk bewerben.“ Doch fünf Tage vor der geplanten Flucht wurde die Mauer gebaut.

Wolfensteller schildert sich selbst als ebenso dickköpfigen wie zielstrebigen Teenager. Er erzählt von seiner Elektrikerlehre, die er danach absolvierte – und weiteren fantasievollen Ideen, irgendwie in den Westen zu kommen. „Ich überlegte, eine Anstellung in einem Interhotel zu bekommen, wo West-Touristen wohnten. Oder ob ich als Elektriker bei der Reichsbahn auf einem Interzonenzug in den Westen fliehen könnte.“ Er schüttelt den Kopf. „Mit meiner Akte hätte ich solche Jobs nie bekommen.“

Dann kam die Gelegenheit doch. Wolfensteller zog nach der Lehre nach Spremberg an die polnische Grenze, im Tagebau wurden Fachkräfte gesucht. Von dort wurde er zum Wehrdienst eingezogen. Zur Grenztruppe. Ausgerechnet. Es war eine Panne, wie sie im Überwachungsstaat DDR eigentlich unvorstellbar erschien: „Meine Kaderakte war auf dem Weg von Leipzig irgendwo liegen geblieben. So galt ich in Spremberg plötzlich als politisch unbeschriebenes Blatt.“ Erst später tauchte die Akte wieder auf, bei den Verhören in Hohenschönhausen. „Ich hab’ denen damals gesagt: Was wollt ihr von mir? Ihr habt doch alles über mich gewusst!“

Den Wehrdienst sah Wolfensteller als letzte Chance. Grenzsoldaten galten als Elite, sechs Monate wurde er auf Rügen gedrillt. „Wir lernten, mit zwei Fingern zu töten, übten an Strohpuppen, wie man mit einem Bajonett in einen menschlichen Körper sticht. Es war eine klare Ausbildung im Mann-zu-Mann-Kampf.“ Dazu kam die Ideologie. „Uns wurde ständig gesagt, wir seien die Besten, nur wir könnten unser Land und den Sozialismus verteidigen.“ Gegen die „Faschisten“ im Westen – und gegen Feinde in den eigenen Reihen. Menschen wie Wolfensteller, der zuhörte, schwieg und auf seine Gelegenheit wartete.

Für ein Jahr wurde er an der Grenze im Harz stationiert. Auch hier folgten Drill und Ideologie. „Dort lautete die Devise: ,Jeder Grenzsoldat ist ein kleiner Außenminister’“ Das Grundgefühl war Misstrauen. Erst vor Schichtbeginn erfuhren die Soldaten, wer mit wem lief, der Hintermann hatte die Waffe auf den Vordermann zu richten. Jeden Morgen, erinnert sich Wolfensteller, „gab es eine sogenannte Vergatterung. Dabei wurde der Schießbefehl jedes Mal wiederholt.“ Zwar sei das Wort nie ausgesprochen worden. „Aber der Befehl lautete, unter allen Umständen und mit allen Mitteln Grenzverletzungen zu verhindern. Das hieß nichts anderes, als zu schießen.“

Mit dem Maschinengewehr auf den Untergebenen geschossen

Am 25. September 1967 gingen sie zu dritt auf Kontrolle. Der Kompaniechef lief hinter Wolfensteller, als dieser losrannte in einen Wald, hinter dem schon die ersten Häuser des Weilers Hohegeiß auf niedersächsischer Seite zu sehen waren. „Ich habe gehofft, vielleicht sehen mich Touristen oder Beamte des westlichen Zolls.“ Doch es ist niemand da. Der Kompaniechef folgte dem Flüchtenden auf das Gebiet der Bundesrepublik – und leerte eineinhalb Maschinengewehrmagazine auf den Mann, der bis eben sein Untergebener gewesen war.

Wenn Wolfensteller aus seinem Leben erzählt, wählt er oft die guten Momente aus. Vielleicht als Kontrast zum Unfassbaren. Als er, schwer verletzt, zunächst in ein ziviles Krankenhaus eingeliefert wurde, schickte das Personal damals mutig den Militärposten aus seinem Zimmer und reichte ihm ein kleines Radio. Darin berichtete der Deutschlandfunk von seinem Fluchtversuch: Ob es dabei um ihn ginge? „Dann ließen sie mich eine Nachricht an meinen Vater schreiben, dass ich noch lebte. Sie gingen ein großes Risiko ein.“

Letzte Station von Wolfenstellers Besuch in Hohenschönhausen sind die Gebäude des berüchtigten „Lager X“, heute Gewerbegebiet. Wo heute an Autos geschraubt wird, arbeitete er als Elektriker, andere Häftlinge gossen Betonteile oder schreinerten Kontrollhäuschen. Wieder andere mussten Sonderfahrzeuge für die Stasi bauen, erinnert sich Wolfensteller und erzählt von einem Lieferwagen, in dessen Laderaum ein Motorrad mit laufendem Motor transportiert werden konnte. Es klingt wie ein bisschen James Bond in der DDR. Wären da nicht die Gitter und Mauern gewesen. Und „Erzieher“, wie die Stasi zynisch ihre Wärter nannte. Wolfensteller erzählt, wie sie als Häftlinge heimlich im Radio von der Mondlandung der Amerikaner gehört und die US-Nationalhymne gesungen hatten. „Die Erzieher haben uns dafür einen kompletten Tag an den Stahlzaun gekettet.“

1968 wurde er vom Militärgericht Leipzig letztlich zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, 1971 kaufte ihn die Bundesrepublik frei, seitdem lebt er in Hannover. Bei VW hat er nie gearbeitet, er wurde Augenoptiker, gründete eine Familie. Das Trauma der Haft verfolgt ihn bis heute. Ohne Psychologen und Medikamente, sagt er, fiele es ihm noch schwerer, damit umzugehen.

Den Offizier, der auf ihn schoss, hat er zweimal wiedergesehen. Im Prozess 1968, in dem die Richter Wolfensteller ins Urteil schrieben, er sei es gewesen, der wegen der Schüsse auf Bundesgebiet die beiden deutschen Staaten an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht habe, Wolfensteller hat diese Verdrehung wörtlich im Kopf. 1994 bekam der Schütze doch noch ein halbes Jahr auf Bewährung. Wolfensteller versuchte als Nebenkläger beim Prozess, ihm in die Augen zu schauen. „Aber es kam nicht ein Blick, nichts. Er fand richtig, was er getan hat.“ Heute, sagt er, sei der Mann für ihn nicht mehr wichtig. „Er war einfach ein typischer deutscher Soldat, der jeden Scheiß-Befehl ohne nachzudenken ausgeführt hat.“